26.08.2014

Sie hilft die schweren Rucksäcke tragen

Eine, die Leichtigkeit ausstrahlt und diese für Frauen und Kinder in Notlagen einsetzt: Nicole Rubli.

Eine, die Leichtigkeit ausstrahlt und diese für Frauen und Kinder in Notlagen einsetzt: Nicole Rubli.

Thun • Wo Frauen und Kinder nach psychischer, physischer und sexuell erlebter Gewalt Schutz suchen, da arbeitet Nicole Rubli: Die studierte Psychologin ist im Frauenhaus Thun-Berner Oberland als Fachberaterin Opferhilfe tätig und sagt über sich: «Ich habe einen Traumjob».

Debora Rother

Nicole Rubli ist weder Pfarrerin noch Päpstin. Dennoch scheint die dynamische Psychologin eine zu sein, deren Beruf Berufung ist. Wie sie zur Stelle als Beraterin im Frauenhaus Thun-Berner Oberland kam, ist rasch erzählt: Nach Abschluss des Psychologiestudiums bot sie Erziehungskurse für Eltern an und wurde selbst im Laufe der Jahre Mutter dreier Kinder. 2008 setzte sie in der Position der Stellvertreterin erstmals einen Fuss ins Frauenhaus. Die Beziehungs-Arbeit mit den Frauen und Kindern gefiel Nicole Rubli von Beginn an und nicht nur das: «Ich wollte unbedingt im Frauenhaus arbeiten. Die Thematik interessierte mich sehr.» Doch die Stellen waren begehrt. Wie es der Zufall wollte, wurde eine der Beraterinnen schwanger und Rubli war sofort zur Stelle. Dieses Mal, um zu bleiben. Heute ist sie im Frauenhaus Thun-Berner Oberland die Dienstälteste und schwärmt: «Es ist mein Traumjob».

Arbeit ist mit Sinn erfüllt 

Dies kann erstaunen. Immerhin ist Rubli täglich mit erschütternden Geschichten und Schicksalen konfrontiert. Gemäss Bundesamt für Statistik BFS (Publikation 2012) ereignen sich ungefähr 40 Prozent aller Straftaten im häuslichen Bereich. Wobei weibliche Personen dreimal häufiger betroffen sind als männliche. Besonders betroffen sind Frauen bei den vollendeten Tötungsdelikten und bei Straftaten gegen die sexuelle Integrität. «Ob die Arbeit im Frauenhaus sinnvoll ist, diese Frage stellt sich für mich nicht, und das ist das schöne. Die Frauen äussern viel Dankbarkeit», sagt Rubli. Sie arbeitet an drei Tagen pro Woche im Frauenhaus. Ihre Aufgaben belaufen sich irgendwo zwischen Schlichten von «Wöschgstürm», Tele-

fondienst – den hilfesuchende Frauen oder deren Bezugspersonen in Anspruch nehmen – und den Beratungsgesprächen mit Klientinnen und Kindern. 

Das Schreckliche lässt sie nicht kalt 

Das Frauenhaus Thun-Berner Oberland bietet Platz für sechs Frauen und acht Kinder. Einige bleiben nur wenige Nächte. Der grösste prozentuale Anteil aber verweilt länger als 45 Nächte. Die Auslastung der drei Dreizimmerwohnungen belief sich 2013 auf 95 Prozent. «Der Schritt ins Frauenhaus ist für diese Frauen der erste Schritt in ein neues Leben», erklärt Nicole Rubli. Als Fachberaterin begleitet sie ihre Klientinnen auf einem steinigen Weg. 

«Wir arbeiten immer im Tandem. Für eine Frau trage ich die Hauptverantwortung und für eine andere bin ich die Zweitansprechperson. Drei der Fachberaterinnen sind von Montag bis Mittwoch im Frauenhaus und drei von Mittwoch bis Freitag», erklärt Rubli die Organisation vor Ort. Ihre Arbeit sei in erster Linie Beziehungsarbeit. Aus nächster Nähe erfährt sie, was in den Familien und Partnerschaften der geschädigten Frauen vorgefallen ist. Welche Schmerzen und Qualen diese erlitten haben. «Ich nehme ab und an auch Dinge nach Hause.» Das sei aber nicht primär negativ, sagt die Frau mit dem Traumberuf. «Sich eine normale Reaktion gegenüber grausamen Geschehnissen bewahren, ist gut. Für mich ist es nur wichtig, dass ich bei mir selbst bleibe.» Für die betroffenen Frauen indes sei wichtig, dass jemand die Ekelhaftigkeit und Brutalität, die ihnen widerfahren ist, benenne. «Wenn ich das, was mir erzählt wird, abstossend finde, dann sage ich das auch. Für die Frauen ist ein normaler Blick auf ihr Erlebtes wichtig.»

Ein enger Mikrokosmos

Wer aber glaubt, die Arbeit im Frauenhaus sei primär eine ernsthafte, traurige, der täuscht sich. Nicole Rubli strahlt und bringt viel Energie in ihren Arbeitsalltag ein. «Wir lachen oft. Ich versuche überhaupt, immer eine gewisse Leichtigkeit für die schwersten Situationen aufzubringen.» Das Frauenhaus ist nebst Zufluchtsort auch ein quirliger Mikrokosmos, in dem Kinder spielen, Menschen ihren Alltag organisieren und ganz normale Themen wie Ungereimtheiten im Bezug auf die gemeinsamen Wohnräume diskutiert werden. Ein Mikrokosmos, indem alle auf engstem Raum zusammen leben. Selbst die Fachberaterinnen teilen sich die Büros. «Bei uns ist alles eng», lacht Rubli. 

Tanzen, tanzen, tanzen 

«Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren.» Das Zitat, das mit der 2009 verstorbenen Choreographin Pina Bausch in Verbindung gebracht wird, passt auch zu Rubli. Ihr grosser Zukunftstraum ist es, mit den Frauen und Kindern im Frauenhaus gegen die schweren Rucksäcke anzutanzen. «Einmal den Problemen nicht mit dem Kopf begegnen, das wäre schön.» Für sich selbst hat sie die heilende Wirkung des Tanzes längst entdeckt. In Bern organisiert sie Kurse in Afrotanz zu senegalesischer Livepercussion und schöpft tanzend neue Kraft. 

Raus aus dem Haus 

Für «ihre» Frauen und gegen Gewalt an Frauen und Kindern setzt sich die Psychologin gerne auch im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit ein. «Es tut gut, zuweilen aus dem Frauenhaus raus zu kommen.» So stand Rubli kürzlich auf dem Waisenhausplatz in Bern am Mikrofon und wanderte zusammen mit ihrem Team von Münsingen bis Steffisburg, um für die Anliegen der Opferhilfe zu werben. 

«Das Thema häusliche Gewalt geht uns alle an. Jede und jeder von uns kennt jemanden, der zumindest indirekt betroffen ist. Oft wollen wir es aber nicht wahrhaben», ist Rubli überzeugt. In der polizeilichen Kriminalstatistik tauchen jedoch nur jene Fälle auf, bei denen eine Anzeige erstattet wurde. Dadurch lässt sich die Dunkelziffer der von häuslicher Gewalt Betroffenen nicht abschätzen. 

Begleiterin auf neuen Lebenswegen 

Die Frauen, die im Frauenhaus ankommen, brauchen vorerst vor allem Schutz und müssen psychisch stabilisiert werden. Rubli und die anderen Mitarbeiterinnen des Frauenhauses arbeiten eng mit Polizei, Lehrpersonen, Schulleitungen und den betroffenen Frauen zusammen. Rubli erzählt von einem Fall, bei dem für den Vater zweier Kinder ein Annäherungsverbot verhängt wurde. «Dann müssen auch die Lehrpersonen des Kindes wissen, wie dieser Vater aussieht, damit der Schutz der Kinder und der Mutter gewährt bleibt», führt sie aus. 

Im direkten Kontakt mit ihren Klientinnen handelt sie nach dem Schema: «So wenig wie möglich, so viel wie nötig helfen». Es gelte, die Ressourcen der Frauen zu erfassen und zu nutzen.  Aber den weiten Weg, der mit dem Eintritt ins Frauenhaus beginnt, den könne sie am Ende nur begleiten. 

Im Frauenhaus verweilen

Und klar, zuweilen sei sie auch deprimiert. Dann beispielsweise, wenn Frauen ihre Anzeige zurückziehen oder zum Täter zurückkehren würden. Von den 43 Frauen, die letztes Jahr mindestens eine Nacht im Frauenhaus Thun-Berner Oberland verbracht haben, entschlossen sich 16 Prozent zu einer solchen Rückkehr. Doch Rubli ist eben mit Leib und Seele Begleiterin in schweren Lebenslagen. «Die Welt ist nicht schwarz-weiss, das Böse ist nie nur Böse. Gerade für die Kinder sind ihre Väter immer noch die besten Väter, auch wenn sie gewalttätig sind», erklärt sie. «Die Entscheide, die die Frauen fällen, sind im Kontext ihres ganzen Lebens zu betrachten.» Im Frauenhaus, da will sie noch lange verweilen. «Ich bin ein Beziehungsmensch. Von den Ressourcen der Frauen, die zu uns kommen, bin ich überzeugt» – sagts und strahlt.