28.04.2015

Am Puls von neuem Leben

Für Myrim Rösch ist Schwangerschaft und Geburt nicht nur himmelblau, sondern etwas für Körper und Seele. Denise Gaudy

Für Myrim Rösch ist Schwangerschaft und Geburt nicht nur himmelblau, sondern etwas für Körper und Seele. Denise Gaudy

Häutligen • Myrim Rösch steht Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett zur Seite; je nach Wunsch in ihrer Hebammenpraxis, bei den Klientinnen zu Hause oder im Spital. Die Hebamme über Geborenwerden und Sterben, Muttersein und -nichtsein.

Denise Gaudy

Obstbaumzweige sind mit prallen Knospen bestückt. Zartes Blattwerk lässt den Wald in zartem Lichtgrün erscheinen. Am Waldrand blüht der Weissdorn – zaghaft nur. Hier und da verleiht der Löwenzahn den Wiesen gelbe Farbtupfer. Und in den Gärten recken Tulpen ihre noch fest verschlossenen Köpfchen Richtung Frühlingssonne, die sich noch nicht richtig durchzusetzen vermag. Oberhalb von Münsingen führt die Strasse sachte hangaufwärts ins Bauerndorf Häutligen, behaglich eingebettet zwischen sanften Hügeln und doch mit wunderbarem Ausblick auf Aaretal und Berge. Hier oben befällt einen das Gefühl, man könnte die ganze Welt umarmen. «Hier ist ein guter Ort zum Gebären und Geborenwerden. Jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, empfinde ich gleichsam Geborgenheit und Öffnung», sagt Myrim Rösch, freipraktizierende Hebamme mit eigener Praxis im 250-Seelendorf. 

Jede Geburt ist ein Wunder

Seit 13 Jahren wohnt die gebürtige Frutigerin in Häutligen. Auf den Hebammenberuf ist die gelernte Pharma-Assistentin mehr durch Zufall gekommen: Als junge Frau liebäugelte sie schon lange mit einer medizinischen Weiterbildung. Als der Hebammenverband in der Apotheke, wo sie arbeitete, einen Flyer mit einem Berufsporträt aufgelegt hatte, meldete sie sich bei der Hebammenschule in Bern. Während der langen Wartezeit bis zum Ausbildungsbeginn konnte die Pharma-Assistentin erste Erfahrungen bezüglich ihres neuen Berufsfeldes sammeln: «Ich beriet werdende Mütter und stellte Rezepturen für entsprechende Naturheilmittel her.» Im Jahr 2000 wurde Myrim Rösch als Hebamme diplomiert und arbeitete dann vier Jahre als angestellte Spitalhebamme, bis sie sich selbständig machte: «Im Salemspital in Bern konnte ich mich als erste Beleghebamme durchsetzen. Das gab es dort damals noch nicht. Heute begleite ich die Frauen als Beleghebamme im Spital Münsingen», erzählt sie.

Die wasserblauen Augen der zierlichen Frau mit den dunkelblonden Haaren leuchten, wenn sie von ihrem Beruf, ihrer Berufung erzählt: «Jede Geburt ist einzigartig, verläuft anders, und jede Frau erlebt sie auch anders. Aber jeder Geburt wohnt der Zauber des Wunders inne – das Wunder der Kräfte der Natur, die ihren eigenen Gesetzmässigkeiten folgt. Es gibt immer einen Grund – einen guten Grund – für neues Leben. Ich meine das in jedem Fall positiv. Oft bedeutet die Geburt eines Kindes neues Lebensglück. Aber nicht immer. Fällt eine Geburt in schwierige Lebensumstände, stimmt auch das. Eine Geburt bedeutet für alle Beteiligten eine Neuorientierung, also immer auch eine Chance. Und das ist gut so.»

Geburt und Tod gehören zusammen

Vor 13 Jahren zog Myrim Rösch mit ihrem Ehemann in die Idylle der Natur nach Häutligen, träumte von eigenen Kindern und davon, neben ihrer Aufgabe als Familienfrau auch als selbständig erwerbende Hebamme Teilzeit zu arbeiten. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit dem Paar. Der Mann der damals knapp 30-Jährigen verunfallte tödlich: «Meine Berufserfahrung war mir Hilfe bei der Sterbebegleitung des geliebten Menschen und Trost bei dessen Tod. Sterben und Geborenwerden – beides bedeutet einen Übergang. Dieses Wissen habe ich als Hebamme erst recht verinnerlicht, denn auch als Hebamme wird man mit dem Tod konfrontiert. 

Nach dem ganz bewusst gestalteten Abschied von meinem Mann bin ich in einem neuen Leben erwacht», erzählt sie. «Jetzt mache ich mich selber glücklich, übe meinen Beruf genau so aus, wie ich es mir vorstelle und gründe meine eigene Hebammenpraxis in Häutligen», erinnert sich Myrim Rösch zurück. 

Vor vier Jahren haben sie und ihr jetziger Lebenspartner in Häutligen ein Haus mit zwei Wohnungen und Garten gebaut. In der einen Wohnung lebt das Paar mit seinem Hund. In der anderen Wohnung hat die Hebamme ein Sprech-, ein Gebär- und ein Wochenbettzimmer eingerichtet; alle sind gemütlich, behaglich, warm, lichtdurchflutet und mit direktem Zugang in die freie Natur. Hier können Frauen vertrauensvoll, behütet und mit fachkundiger Unterstützung von Myrim Rösch Mutter werden.

Umfassendes Angebot

Durchschnittlich unterstützt die freiberufliche Hebamme drei gebärende Frauen pro Monat. Etwa zwei Drittel dieser Geburten finden im Spital statt. Die anderen entweder in der Hebammenpraxis in Häutligen oder daheim bei den Gebärenden. Myrim Rösch betont: «Als Hebamme werte ich nicht die Art und Weise, wie ein Kind zur Welt kommt oder finde nur die natürliche Geburt gut. Mir ist die freie Wahl des Geburtsorts, Aufklärung und Selbstbestimmung der werdenden Mutter wichtig. Ich begleite auch Frauen zu Kaiserschnitten, manchmal zu einem Wunschkaiserschnitt. Eine Kaiserschnittgeburt ist auch eine Geburt. Wenn eine Frau mich aufsucht, die weiss, dass sie einen Kaiserschnitt haben wird, bereite ich sie vor, dass sie das Wunder der Geburt dabei spüren kann. Ich vermittle ihr, dass sie ebenso stolz darauf sein kann, einem Kind das Leben geschenkt zu haben. Viele Frauen haben sich aber bewusst dafür entschieden, natürlich zu gebären. Dies zu schaffen, darin unterstütze ich sie.»

Neben der Begleitung unter der Geburt beinhaltet das Angebot von Myrim Rösch Schwangerschaftskontrollen und spirituelle Schwangerschaftsbegleitung, individuelle Geburtsvorbereitung zum Beispiel mittels Meditation, Wochenbettbetreuung, Stillberatung sowie Einzelbehandlungen mit ganzheitlichen Methoden, zum Beispiel aus der Naturheilpraxis. Bei den Schwangerschaftskontrollen führt sie auch Blut- und Urinuntersuchungen durch, misst den Blutdruck, beurteilt Grösse und Lage des Kindes oder hört zusammen mit den werdenden Eltern die Herztöne des Babys ab. Für die Ultraschalluntersuchung gehen die Frauen jedoch zum Gynäkologen oder zur Gynäkologin.

Urvertrauen stärken

Ihre Kundschaft seien hauptsächlich werdende Eltern, die sich eine natürliche Geburt ihres Kindes wünschen und Schutz suchten vor unnötigen Interventionen. Sie möchten eine einzige Bezugsperson für die Schwangerschaft, die Geburtsvorbereitung, die Geburt und das Wochenbett: «Die meisten Frauen, die bei mir gebären, haben sich schon früh in der Schwangerschaft Gedanken dazu gemacht, dass eine Geburt nicht nur ein körperlich-mechanischer Vorgang ist, sondern auch ein geistiger. Sie wünschen sich eine ganzheitliche Betreuung von Körper und Seele», so die Hebamme weiter. Dass Körper und Seele untrennbar miteinander verbunden sind, daran glaubt Myrim Rösch ganz fest und diesem Umstand gerecht zu werden, ist für sie bei ihrer Arbeit zentral. Während der Schwangerschaft gehe es zum Beispiel darum, die Frau im Wandel von der Geliebten zur Mutter zu unterstützen, um für das Kind optimale Bedingungen zu schaffen, zur Welt zu kommen: «Mein Ziel ist es, der Mutter Vertrauen in den eigenen Körper und in die eigene Kraft zu vermitteln. Geburtsvorbereitend ist es möglich, Ängste und Blockaden aufzulösen, um den Geburtsprozess zu erleichtern.» Im Wochenbett unterstütze sie die Eltern einerseits, ihre persönlichen Ressourcen zu entdecken, um sich in der neuen Situation zurechtzufinden. Andererseits kontrolliere sie aber auch, ob die Geburtswunden gut verheilen, entferne Nahtklammern nach Kaiserschnitten, gebe Tipps zum Stillen und zur Pflege des Neugeborenen und beurteile das Gedeihen des Babys.

Schier über Nacht ist die Kraft der Sonne genügend erstarkt, um die Knospen aufspringen zu lassen. Der Wald erscheint in intensivem Grün. Und die Tulpen tragen jetzt Rot und Orange und Lila. Die Natur ist zu neuem Leben erwacht und… vielleicht… ist in Häutligen in diesen Tagen ein Kind geboren, dessen Mutter die ganze Welt zu umarmen vermag.

www.myrim.ch

Gedanken zum Muttersein

Mutter werden und Mutter sein sind zentral in Myrim Röschs Beruf. Ihr eigener Kinderwunsch ist bislang nicht in Erfüllung gegangen. Diesen Umstand betrachtet die Hebamme als weiteren Auslöser in ihrem Lebenslauf, ihr Dasein selber zu gestalten, sich neu zu orientieren und offen zu sein für anderes Glück: «In unserer Gesellschaft ist es immer noch so, dass Frauen suggeriert wird, Mutterglück sei das einzige Glück, und nur eine Mutter sei eine richtige Frau.» Manchmal melden sich Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch bei Myrim Rösch: «Ihnen stehe ich zur Seite beim Halt in sich selber Finden, Blockaden Lösen, zur Ruhe Kommen und sich selber mit Liebe Erfüllen. So kann es gelingen, sich von diesem gesellschaftlichen, familiären oder persönlichen Druck zu befreien.» Einer ähnlichen Erwartungshaltung sind indes auch Frauen ausgesetzt, die Mütter sind. Jede Frau, die Mutter ist, will, soll, muss eine gute Mutter sein. Was aber heisst es, eine gute Mutter zu sein? «Eine Mutter, die dafür sorgen kann, dass es ihr selber gut geht, ohne sich von irgendwelcher Seite unter Druck setzen zu lassen oder sich aufzuopfern. Die Kinder gehen mit ihren Müttern so selbstverständlich durchs Leben. Man muss ihnen das Leben nur zeigen, den Rest darf man geschehen lassen. Die Frau, die das schafft, ist aus meiner Sicht eine gute Mutter.»