09.08.2016

Zum Lernen wechseln sie nur das Zimmer

Vater Hans-Jörg Strahm möchte seine Töchter Sara (14) und Hannah (11) in eine «selbstbewusste Eigenständigkeit» führen.

Vater Hans-Jörg Strahm möchte seine Töchter Sara (14) und Hannah (11) in eine «selbstbewusste Eigenständigkeit» führen.

Seftigen • Sara und Hannah Strahm besuchen die Schule zuhause. Nach einer mehrjährigen Weltreise entschloss sich Familie Strahm für das Home- schooling. Eltern und Kinder sind zufrieden damit. Die enge Eltern-Kind-Bindung ermöglicht laut Entwicklungspsychologie die selbstbewusste Eigenständigkeit.

Salome Guida

Bald ist Mitte August. Der Gotthard-Stau verlagert sich vom Nord- zum Südportal, die Badis in der Umgebung werden wieder mehr bevölkert, zurückgekehrte Nachbarn putzen ihre Wohnmobile – die Sommerferien neigen sich langsam dem Ende zu. Heuer dauern sie zwar länger als üblich, aber auch diese zusätzliche Woche ist angebrochen, und nächsten Montag steht allen Kindern wieder der Schulanfang bevor. Doch nicht alle werden auch wirklich ihren Rucksack schultern und zur Schule laufen. Manche müssen nach dem Frühstück nur das Zimmer wechseln und können direkt dort mit dem Lernen beginnen.

Auch in Seftigen werden sich am Montag die 14-jährige Sara und die 11-jährige Hannah Strahm dem neuen Schulstoff widmen. Seit drei Jahren gehen sie dafür nicht mehr in die nahe Schule, sondern lernen zuhause. Sie gehören zu einer der wenigen Familien in der Umgebung, die den Weg des Privatunterrichts – Homeschooling – gewählt haben.

Dem Zeitgeist entsprechend

Verena Hostettler, seit 15 Jahren Schulinspektorin, die letzten sechs davon im Kreis 3 im Berner Oberland, kann klar einen Trend ausmachen: «In meinem Kreis nimmt der Anteil der Familien, die ihre Kinder privat unterrichten, sehr stark zu, besonders in den letzten zwei Jahren.» Im Vergleich zur Gesamtzahl der Vorschulkinder würden aber immer noch sehr wenige Kinder zu Hause unterrichtet, meint sie. Nur selten hat sie den Eindruck, dass eine Familie wegen der schlechten Schulqualität ihre Kinder privat unterrichtet. Vielmehr führten der Zeitgeist und der Wunsch nach individueller Lebensgestaltung zum Gesuch für Privatunterricht.

Eine Auszeit als Familie

Dies ist auch bei der fünfköpfigen Familie Strahm der Fall. Ihre Töchter gingen vor ein paar Jahren grundsätzlich gern zur Schule, das Verhältnis der Eltern zu den Lehrpersonen war ungetrübt. Vater Hans-Jörg war ausgelastet mit zwei 50-Prozent-Stellen in Uetendorf und Burgdorf. Warum etwas ändern? Seine Frau Alexandra und er merkten damals immer stärker, dass sie sich eine Auszeit als Familie wünschten. Sie vermissten die Zeiten, als sie mit ihren kleinen Kindern nach Lust und Laune spontan wandern gehen konnten, als Alexan­dra ihren Töchtern jeden Tag etwas Neues in der Natur zeigen und ihnen so die Welt erschliessen konnte. 

Nach kurzer Planung, im Sommer 2012, vermieteten sie also ihr Haus, kündeten die Jobs, meldeten die Kinder in der Schule ab und flogen in den neuseeländischen Winter, wo sie die ersten drei Monate zu fünft in einem ungeheizten 35 Quadratmeter kleinen Zimmer wohnten. Danach reisten sie während sechs Wochen in einem auf zwei bis drei Personen ausgelegten Wohnwagen umher, bevor sie auch noch Fidschi, die USA und England besuchten.

Hans-Jörg erzählt gerne von der Zeit im Ausland. Keine Verpflichtungen hätten sie gehabt, alle Zeit für sich als Familie: «Es war absolut das Beste, das wir gemacht haben in unserem Leben.» Sara und Hannah bestätigen diesen Eindruck und bereuen diese Zeit nicht. So lange auf engem Raum und nur unter sich zu sein habe das Familiengefühl gestärkt.

Zufälliges Homeschooling

Erst nach ein paar Monaten unterwegs interessierten sich die Schwestern Lisa, Sara und Hannah für das mitgebrachte Schulmaterial. Familie Strahm plante nie, während ihrer Auszeit Homeschooling zu betreiben, hatte aber Schulmaterial dabei, «um ein bisschen à jour zu bleiben».

Doch die mittlere Tochter Sara war mit solchem Enthusiasmus bei der Sache, dass sie in nur einem halben Jahr den Stoff des ganzen vierten Schuljahres absolvierte. Nach einem Jahr Reisen konnte sie also mit ihrer früheren Klasse ins fünfte Schuljahr wechseln, als ob sie nie weggewesen wäre. Hannah, die vor der Reise im Kindergarten gewesen war, lernte Schule ebenfalls in den Monaten mit der Familie kennen. Sie wurde anschliessend direkt in die 2. Klasse eingeschult.

Als Strahms wieder zu Hause angekommen waren, wollten sie nicht einfach zurück zu ihrem vorherigen Lebensstil. Die Freude, die ihre Töchter beim selbständigen Lernen entwickelt hatten, brachte Hans-Jörg und Alexan­dra zum Nachdenken. Das Wertvoll­ste jedoch war für die Eltern, eine solch starke Beziehung zu ihren Töchtern zu haben. Sie merkten, dass sie mehr Zeit mit ihnen verbringen wollten, denn was dieses Jahr mit ihnen als Familie gemacht hatte, das wollten sie nicht mehr her­geben. Deshalb reifte ein Entschluss heran: Wenn dieses Schuljahr vorbei ist, machen wir die Schule so, wie sie uns am besten gefällt – als Familie.

Lisa, die gerade den Übertritt in die Spez.-Sek. geschafft hatte, wollte in der Schule bleiben. Sara und Hannah jedoch wurden von nun an daheim unterrichtet.

Der Vater als Lehrer und Coach

Am Montag, Dienstag, Donnerstag und Freitag beginnt um halb 9 Uhr morgens die Zeit zum Lernen. Hans-Jörg hat entsprechend dem offiziellen Lehrplan notiert, welcher Stoff in welchen Fächern erarbeitet werden muss. Wie lange sie an welchem Thema bleiben, entscheiden die Töchter weitgehend selber. Er ist da, um zu erklären, zu unterstützen und wenn nötig anzuleiten.

Hannah hat sich besonders fürs Englisch begeistert. Letztes Jahr schloss sie den Unterrichtsstoff in diesem Fach mehrere Monate vor Ende des Schuljahres ab. Auch die anderen Fächer geniesst sie – ausser vielleicht Französisch. Als Familie diskutieren sie schon ausgiebig darüber, dass es wohl am besten wäre, Frankreich oder die Westschweiz zu besuchen, falls die Sprache für die berufliche Zukunft der Kinder wichtig wäre. Sara war früher in der Schule nicht so begeistert von Mathematik. Seit sie es zuhause lernen kann, ist es aber eines ihrer Lieblingsfächer. Ihren Schwerpunkt sieht sie beim Fach Geschichte. Auch sie erreichte die Lernziele in diesem Fach einige Monate früher als verlangt. Auf dem Weg ins Leichtathletiktraining, das sie fünfmal pro Woche besucht, liest sie im Zug immer die Zeitung – Schule findet also auch ausserhalb des Hauses statt.

Auch Hannah treibt leidenschaftlich gerne Sport. Sie fährt regelmässig nach Steffisburg zur Boulderhalle. «Ich bin schon immer gern herumgekraxelt.» Nun hat sie einen festen Platz im Nachwuchskader der Klettergruppe Bergaffen. Kein Wunder – die Stockhornkette liegt direkt vor Strahms Wohnzimmer!

Hans-Jörg erzählt von den Anfängen der Homeschool-Zeit: «Am Anfang hatten wir die Idee des Privatunterrichts ganz frei auf dem Herzen. Wir und die Welt, die unsere Kinder entdecken sollten.» Aber ganz so einfach war es dann nicht: «Manchmal fanden sie Themen zum Arbeiten, aber manchmal auch nicht. Wir vertrauten zwar darauf, dass sich unsere Töchter den Schulstoff bis ins 9. Schuljahr erarbeiten würden. Trotzdem fanden wir es entspannter, uns an einem Plan zu orientieren.» Zu mehr Struktur kam es auch, als sich nach zwei Jahren ein psychisch kranker Jugendlicher ihrem Heimunterricht anschloss. In Zusammenarbeit mit dem Sozialamt konnte er in einem geschützten Rahmen die Schule abschlies-

sen und wird nun eine Lehre antreten können.

Thema Eltern-Kind-Bindung

Damit der Heimunterricht möglich werden konnte, lebt die Familie vom 80-Prozent-Pensum von Alexandra. Sie ist hauswirtschaftliche Betriebsleiterin eines Altersheims. Hans-Jörg ist Hausmann und für den Unterricht verantwortlich. In den letzten vier Jahren machte er zudem die Ausbildung zum zertifizierten Neufeld-Kursleiter: Im Auslandjahr sowie durch seine Erfahrungen mit Homeschooling beschäftigte sich Hans-Jörg immer stärker mit dem Thema Eltern-Kind-Bindung.

Dabei stiess er auf Gordon Neufeld, einen kanadischen Entwicklungspsychologen. Dieser entwickelte die Theorie, dass eine enge Bindung der Kinder zu ihren Eltern die beste Grundlage für selbstbewusste Eigenständigkeit ist. Die Auseinandersetzung damit war mit ein Grund, warum Hans-Jörg und Ale­xandra sich für den Privatunterricht ihrer zwei jüngeren Töchter entschieden: «Man muss nicht zwingend die Kinder daheim haben, damit sie sich gut entwickeln. Aber wir wollten das noch mehr verfolgen, und beobachten, ob das mit der guten Beziehung zu den Eltern und der Bindung wirklich so ist», erklärt Hans-Jörg. «Wir möchten, dass unsere Kinder eine stabile Säule in der Gesellschaft werden.» Heute bietet er Erziehungsberatung nach Gordon Neufeld an und gibt Kurse: Grundkurs Erziehung oder solche zu Themen wie Aggression, Vorschulkinder, Adoleszenz oder Aufmerksamkeitsprobleme. Der nächste Kurs findet im November statt.

Bis dahin wird noch einiges passieren im Hause Strahm: Die älteste Tochter Lisa wechselt nach Thun ins Gymnasium, und Sara wird bald erfahren, ob sie die Lehrstelle als Detailhandelsfachfrau in einem Outdoor-Geschäft erhalten hat. Langweilig wird es Strahms sicher nicht. 

Wenn der Verkehr wieder normal durch den Gotthard rollt, sich die Freibäder leeren und Kinder sich auf den Pausenhöfen von den Ferien erzählen, dann kann es an einem schönen Spätsommertag gut passieren, dass Strahms ihren Unterricht spontan auf morgen verschieben und in die Berge fahren. Auch dort gibt es viel zu lernen.