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09.01.2018

Er hat das geübte Auge für kreative Details

Thomas Chevalier suchte bewusst hin und wieder die Einsamkeit im Lager der Emmentaler Liebhaberbühne in Biglen. Hier setzte er seine Visionen für die insgesamt 13 Bühnenbilder um.Die Dorngrüt-Bäuerin (Franziska Oppliger, links) hätte im Streit um Annemareilis (Sandra Rentsch) Hand gerne vermittelt. Schliesslich zieht es ihre Tochter doch zu Resli (Bendicht Eggimann) auf den Liebiwilhof.

Thomas Chevalier suchte bewusst hin und wieder die Einsamkeit im Lager der Emmentaler Liebhaberbühne in Biglen. Hier setzte er seine Visionen für die insgesamt 13 Bühnenbilder um.

Die Dorngrüt-Bäuerin (Franziska Oppliger, links) hätte im Streit um Annemareilis (Sandra Rentsch) Hand gerne vermittelt. Schliesslich zieht es ihre Tochter doch zu Resli (Bendicht Eggimann) auf den Liebiwilhof.

Anspruchsvolles Hobby • Seit 2005 hat Thomas Chevalier das Bühnenbild für die Produktionen der Emmentaler Liebhaberbühne gestaltet. Für den passionierten Zeichner und Lehrer war es eine arbeitsintensive Zeit, die er jedoch nicht missen möchte.

Jürg Amsler

Thomas Chevalier wohnt in Münsingen und unterrichtet seit 27 Jahren am Oberstufenzentrum Belp Sekundarschulklassen. Heute in den Fächern Mathematik, Naturwissenschaften und bildnerisches Gestalten, früher noch im technischen Gestalten. Neben seiner anspruchsvollen Lehrtätigkeit ist der Zahlenmensch mit künstlerischer Ader seit 2005 als Bühnenbildner für die Emmentaler Liebhaberbühne (ELB) tätig. «Ueli Eggimann und ich haben das Lehrerseminar in Bern besucht. Wir waren in der gleichen Klasse und sind heute noch miteinander befreundet», sagt Chevalier und schiebt nach: «Eggimann hat gewusst, dass ich ein leidenschaftlicher Gestalter bin.»


Der künstlerische Leiter der ELB musste jedoch warten, bis er von seinem Seminarfreund eine Zusage erhielt. «Nebst meinem Beruf und meiner Familie blieb zu wenig Zeit für die zeitintensive Ganzjahresbeschäftigung», sagt der Vater dreier Kinder. Denn wenn er etwas anpackt, dann richtig. Insgesamt 13 Mal hat er bewiesen was er kann und seinen eigenen Beitrag zu den erfolgreichen Aufführungen der ELB geleistet. «Ich bereue es nicht, die Chance damals gepackt zu haben, mich als Bühnenbildner zu verpflichten. Ebenso wenig traure ich der Tatsache nach, dass ‹Geld und Geist›, die aktuelle Produktion der ELB, für mich die letzte ist, bei der ich mitarbeitete.» Rückblickend dürfe er für sich beanspruchen, dass er mit seinen vielseitigen Bühnenbildern zum Erfolg der Produktionen beitragen konnte.


Das liegt wohl an seinem Naturell und seiner Einstellung, wie eine Aufgabe zu bewältigen ist. Es sei die Ganzheitlichkeit, die hinter jedem einzelnen Bühnenprojekt stecke. Das habe ihn jeweils fasziniert und motiviert, das Beste zu geben. «Meine Arbeit hat stets mit dem Lesen des Textes begonnen. Dann habe ich Ideen entwickelt, was ich zum Spiel auf der Bühne beitragen kann.» Thomas Chevalier erwähnt, dass er dabei verschiedene Rahmenbedingungen zu berücksichtigen hatte. Die «Emmentaler» haben bis vor zwei Jahren in verschiedenen Theaterhäusern gespielt. Die Bühne im Casino Burgdorf und jene im Rüttihubelbad sind zwei Paar Schuhe. «Die unterschiedlichen Dimensionen stellten nur eine von vielen Herausforderungen dar», sagt Chevalier. Eine grosse Rolle hätten die finanziellen Mittel gespielt, die ihm jeweils zur Umsetzung seiner Vision zur Verfügung gestanden seien.

Anspruchsvoll und dennoch kurzlebig

«Ich wusste, dass ich bei jeder Produktion auf einen gewissen Zeitpunkt hin mit meiner Arbeit fertig sein musste. Bis 250 Stunden habe ich jeweils investieren müssen, um letztlich allen Ansprüchen gerecht zu werden. Und ich wusste, dass das Bühnenbild nach den Aufführungen ausgedient hatte und in den meisten Fällen entsorgt werden musste.» Thomas Chevalier sagt, dass beides für ihn nie ein Problem gewesen sei; denn wenn die Spielerinnen und Spieler sich an der Dernière über ihren letzten Applaus freuten, war er in Gedanken längst bei der kommenden Produktion.

Als besonders aufwendig bezeichnet er die Bühnenbilder für den «Schwarzen Hecht» in der Spielsaison 2009/2010 und für den «Besuch der alten Dame» in der letztjährigen Spielzeit. Entstanden seien zwei gigantische Werke, die vom Publikum mit vielen positiven Reaktionen entsprechend honoriert worden seien. Trotz des enormen Aufwandes will er seiner Arbeit nicht zu grosses Gewicht beimessen. Er ist überzeugt: «Die Mehrheit des Publikums schenkt den Darstellenden mehr Beachtung und gewichtet in den meisten Fällen die Details, mit denen das Bühnenbild ausgestaltet ist, weniger.»

Mit-, aber nicht dreinreden

Mit Ausnahme einer Inszenierung (Rudolf Stalder) wurden alle Produktionen, für die Thomas Chevalier als Bühnenbildner verantwortlich zeichnete, von Ueli Eggimann mit dem Ensemble inszeniert. Liess ihm der Freund und Regisseur bei seiner kreativen Arbeit die nötige Freiheit? «Absolut. Ueli verlangte von mir, ihm eine Gestaltungsidee zu unterbreiten. Er selber hatte ebenfalls seine Vorstellungen. Im gemeinsamen Gespräch suchten wir nach einer realisierbaren Lösung. Unter Berücksichtigung der vorgegebenen Rahmenbedingungen entstand dann in den meisten Fällen erst ein Modell, bevor die von mir gezeichneten Pläne dem Bühnenbauer überreicht wurden. Dieser erstellte den Rohbau, den ich gestalterisch ausarbeitete.» Thomas Chevalier hat seine Visionen nicht immer umsetzen können und wegen der Machbarkeit Kompromisse eingehen müssen. Doch das sei für ihn nie ein Problem gewesen, letztlich hätten ihn alle seine Resultate überzeugt.
Für ihn sei immer klar gewesen, dass er den Ansprüchen des Volkstheaters und dessen Publikum gerecht werden musste. Mit wirklich ausgefallenen Innovationen hat Chevalier darum nur geliebäugelt. «Dass die Digitalisierung bei den Aufführungen der Emmentaler Liebhaberbühne zum unumgänglichen Bestandteil geworden ist, wird heute akzeptiert», sagt er. Vor acht Jahren, bei «Heimisbach», habe er diese Technik – damals eine kleine Revolution – erstmals angewendet: «Ein hervorragendes Hilfsmittel und eine gros­se Erleichterung, um bei Aufführungen mit verschiedenen Stationen das Umstellen des Bühnenbildes auf einfache und rasche Weise zu umgehen.»

Abtauchen in die Stille

Sein Beruf habe es ihm erlaubt, dass er in der schulfreien Zeit – wenn die Schülerinnen und Schüler im Frühjahr, Sommer und Herbst ihre Ferien genossen – intensiv als Bühnenbildner wirken konnte, sagt Thomas Chevalier. «Für mich war es ein zeitintensives, abwechslungsreiches und herausforderndes Hobby und trotz Termindruck nie eine Belastung.» Sehr gerne habe er Stunden, ja sogar Tage im Lager der ELB in Biglen verbracht. Er habe diese Momente genossen. Ganz allein zu sein und mit niemandem reden zu müssen, sei für ihn sehr erholsam gewesen. «Das Abtauchen in die Stille und Einsamkeit war für mich eine ideale Abwechslung zu meinem Beruf. Da stehe ich täglich in Beziehungen zu Jugendlichen oder Arbeitskolleginnen und -kollegen.»

Wenn am 4. Februar der letzte Vorhang für «Geld und Geist» im Rüttihubelbad fällt, ist das Kapitel Bühnenbild für Thomas Chevalier abgeschlossen, und er ist um viele Erfahrungen reicher. Er freue sich schon jetzt auf die nächste Produktion der ELB. «Diese kann ich unbeschwert mitverfolgen und schauen, welche Visionen mein Nachfolger umgesetzt hat.» Was macht Thomas Chevalier nun mit der Zeit, die ihm plötzlich zur Verfügung steht? Unnütz werde er diese bestimmt nicht verstreichen lassen. «Ich hoffe natürlich, dass ich jetzt vermehrt meine eigenen gestalterischen Projekte verwirklichen kann.» Und offen für Neues sei er sowieso, sagt er – ohne sich schon jetzt festlegen zu wollen.

Wiederholung von «Geld und Geist» in einer Neuinszenierung

Vor beinahe 30 Jahren hat die Emmentaler Liebhaberbühne Gotthelfs Erzählung erstmals in einer Mundartfassung aufgeführt. Rudolf Stalder hat den Roman des Dichterpfarrers – «Geld und Geist» gilt in Literaturkreisen als dessen vollkommenstes Werk – in ein spannendes Drama umgearbeitet und mit der Emmentaler Liebhaberbühne (ELB) uraufgeführt. Jetzt kommt das Stück in einer Neuinszenierung zu einer Wiederholung. Regisseur Ulrich Simon Eggimann ist dabei sprachlich und dramaturgisch auf das Theaterverständnis der heutigen Zeit eingegangen. Thomas Chevalier bereichert mit einfachen Mitteln und einem schlichten Bühnenbild die diesjährige Produktion der ELB. Nicht in belehrendem Ton, jedoch unterhaltend und mit dem nötigen Tiefgang rufen einen die Spielerinnen und Spieler auf der Bühne in Erinnerung, was Jeremias Gotthelf schon vor über 175 Jahren aufgezeigt hat: «Wo der Geist eine Heimstatt hat, kann Geld sehr wohl zum Segen werden.» Eine Botschaft, die an Aktualität nichts verloren hat.

Die Emmentaler Liebhaberbühne spielt «Geld und Geist» im «Rüttihubelbad» in Walkringen noch zehn Mal: 12., 13., 14., 20., 21., 26. und 28. Januar sowie 2., 3. und 4. Februar. Beginn: Freitag und Samstag, 20 Uhr; Sonntag, 17 Uhr. www.elb.ch