15.05.2018

Tiere und Elektrosmog sind ihre Fachgebiete

Veterinärin und Hobbyfotografin Ursula Ohnewein behält Menschen, Tiere, Landschaften und Natur im Fokus. Der Längenberg ist durch ihre Eltern zur Heimat geworden.

Veterinärin und Hobbyfotografin Ursula Ohnewein behält Menschen, Tiere, Landschaften und Natur im Fokus. Der Längenberg ist durch ihre Eltern zur Heimat geworden.

Rüeggisberg • Auf dem Längenberg lebt und arbeitet Veterinärin Ursula Ohnewein; ihr Einsatzgebiet ist der ganze Längenberg. Das Herz der gebürtigen und vielseitigen Dänin schlägt für Mensch, Tier und Natur – und für die Fotografie. Als Aktivistin kämpft sie gegen die Hochspannungsleitung vor ihrem Haus.

Salome Guida

Ein altes Bauernhaus in skandinavischem Stil, bunt bemalte Möbel, Pferde unter Obstbäumen und eine Aussicht vom Jura bis zu den Alpen – das ist das Daheim von Ursula Ohnewein. Landwirten und anderen Tierhaltern vom Längenberg dürfte das Bijou unterhalb der Bütschelegg bekannt sein – führen doch Fritz und Ursula Ohnewein seit 25 Jahren eine Tierarztpraxis im früheren Bauernhof. Wo regelmässig Kühe operiert wurden, ist es heute ruhiger geworden; geschäftig geht es hingegen in der Praxis in Riggisberg zu, wo Ohneweins ihre zweite Niederlassung betreiben. Veterinärin Ohnewein schätzt die Ruhe und Abgeschiedenheit des ausgebauten Hofs.


Sezierstunde mit Folgen


Vor über 40 Jahren kaufen Ursula Ohneweins Eltern den Hof hoch über dem Gürbetal; die Mutter ist Kopenhagenerin und träumt schon lange vom Leben auf dem Land. Ursula, die jüngste Tochter, ist 14 Jahre alt. Die Abgeschiedenheit und der lange Weg ins Gymnasium – «Ich verbrachte viele, viele Stunden in Postautos» – machen dem Teenager nichts aus. Nach Schulabschluss nimmt sich die Maturandin ein Jahr Zeit und arbeitet je einige Monate bei einem Tierarzt in Dänemark, im Altersheim Kühlewil und auf einem norwegischen Bauernhof. Am Schluss ist es ein Kopfentscheid: «Ich dachte, ein Tierarztstudium verbindet die Welten der Naturwissenschaft, der Medizin und der Tiere», schaut Ohnewein zurück.


Am ersten Studientag in Bern werden bereits Knochen untersucht. Mit ihr am Tisch sitzt ein junger Student, der sich sofort in die junge Frau vom Längenberg verguckt – Fritz Ohnewein. Viele sezierte Tiere, gewälzte Bücher und absolvierte Prüfungen später treten die beiden ihre ersten Stellen an und sammeln Praxiserfahrung mit Gross- und Kleintieren. Nur Monate nach der Geburt des ersten Sohnes verbringt die junge Familie einige Zeit an der Fakultät für Veterinärmedizin der Uni Kopenhagen. Abwechslungsweise­ ist jemand beim Sohn oder in der Uniklinik am Arbeiten. Als sich die Möglichkeit auftut, auf dem elterlichen Hof eine eigene Praxis einzurichten, zögert das Ärztepaar nicht lange: «Es war ein Traum», erzählt Ursula Ohnewein heute. Familie und Beruf – oder Berufung – lassen sich so gut verbinden; das friedliche Wohnidyll, ein wahrer Kraftort, bleibt Dreh- und Angelpunkt im privaten wie im beruflichen Alltag. Dass immer auch Assistenztierärztinnen oder Praktikanten mit am Mittagstisch sitzen, gehört dazu.


Der Streit um die Hochspannungsleitung


Die Hochspannungsleitung Wattenwil-Mühleberg führt schon seit vielen Jahrzehnten enorme Ladungen Elektrizität am Haus vorbei. Die Familie hatte sich nie gross daran gestört, aber nun, mit einem Kleinkind, befasst man sich etwas näher mit Elektrosmog. Schon in den 90er-Jahren legen Studien den Schluss nahe, dass Kinderleukämie in der Nähe von Stromleitungen vermehrt auftritt. Die Grenzwerte in der Schweiz sind zwar um ein Vielfaches tiefer als in den meisten europäischen Ländern: Ein Mikrotesla ist hier oberstes Limit für die Stärke von magnetischen Feldern an sogenannten Orten mit empfindlicher Nutzung (OMEN) – darunter fallen Wohnungen und Arbeitsplätze. In Deutschland sind im Vergleich dazu 100 Mikrotesla erlaubt. Fritz und Ursula Ohnewein sind vorerst beruhigt und bauen den früheren Ökonomieteil zu einer Praxis um und die vormalige Heubühne zu ihrer neuen Wohnung. Zwei weitere Söhne kommen zur Welt, die Praxis läuft gut. Vom Strom nebenan merken Ohneweins kaum etwas.


Erst zehn Jahre später erfahren sie, dass sich Anwohner aus der Nachbarschaft gegen die geplante Erneuerung und Verstärkung der Leitung wehren wollen. Das Gespräch mit weiteren Betroffenen und das Einlesen in die Materie zeigt der noch losen Gruppe auf, dass Freileitungen auch in den Boden verlegt werden könnten. Am Anfang noch teurer, stört diese Lösung das Landschaftsbild kaum und hat bedeutend kleinere Magnetfelder zur Folge. Zudem ergibt es auf lange Sicht Sinn: Bei unterirdischer Leitungsführung ist weniger Stromverlust zu beklagen.
Eine Interessengemeinschaft wird gegründet, die ersten Einsprachen eingereicht. «Eigentlich rede ich nicht mehr gern darüber», sagt Ursula Ohnewein, «der Einsatz für die Bodenverlegung wurde zu einem unfreiwilligen Hobby.» Bis vor Bundesgericht ging es, und schlussendlich erhielt die Gruppe vor fünf Jahren zu drei Vierteln recht: Die BKW müsse die Verlegung in den Boden prüfen.


Futteroptimierung und Trauerbegleitung


Während die Gedanken noch beim Bundesgericht sind, eröffnen Fritz und Ursula Ohnewein zusammen mit einer Partnerin vor fünf Jahren die Kleintierpraxis Riggisberg. Im letzten Vierteljahrhundert beobachteten die Veterinäre nämlich eine schweizweite Tendenz: Landwirte stehen verstärkt unter wirtschaftlichem Druck; es gibt weniger Kleinbauern, und häufig lohnen sich Eingriffe bei Rindern und Schweinen nicht mehr. Ohnewein fasst zusammen: «Früher gestaltete sich die Arbeit mit Grosstieren idyllischer. Alles war aber nicht besser», relativiert sie sogleich. Im Bereich des Tierschutzes habe sich viel getan, etwa mit den Vorschriften betreffend Stallgrösse und Auslauf. Heute aber sei die Arbeit mit Kleintieren gefragter denn je. Halterinnen und Halter von Katzen und Hunden wollten sich bei der Tierärztin vergewissern, «dass ihre pelzigen Schützlinge nur das beste Futter erhalten».


Ursula Ohnewein sieht sich inzwischen eher als «Hausärztin für Kleintiere». Ihr Mann hat sich in den letzten Jahren auf Pferdezahnmedizin spezialisiert. 24-Stunden-Pikettdienst und regelmässige Wochenendeinsätze sind für das Paar nach über zwei Jahrzehnten nicht einfacher zu bewältigen. Doch an der Arbeit mit den Tieren gefällt Ursula Ohnewein besonders, dass sie dabei immer auch mit Menschen zu tun hat. Gerade dann, wenn ein geliebtes Haustier eingeschläfert werden muss, leistet Ohnewein für die Besitzerin oder den Besitzer auch Trauerbegleitung.


Die Auseinandersetzung mit geistlichen, ethischen und philosophischen Fragen führt dazu, dass sich die «menschenorientierte Tierärztin» an der Universität Basel für ein zweijähriges berufsbegleitendes Nachdiplomstudium einschreibt. Dieses ist interdisziplinär an den drei Fakultäten Humanmedizin, Theologie und Philosophie angesiedelt und wird mit einem Master in «Spiritual Care» abgeschlossen. «Ich bin die erste Tierärztin, die das macht», weiss Ohnewein. «Aber mich interessieren die Themen», führt sie aus. Schon jetzt hat sie Ideen und Visionen für zukünftige Projekte. Einschneidend war ein Erlebnis, als eine Klientin ins Altersheim ziehen musste und ihre Katze nicht mitnehmen durfte. Ohnewein schwebt seit da die Idee von «Therapiekatzen» vor, mit denen sie Menschen in Alters- und Pflegeheimen besuchen könnte. Oder aber die Sensibilisierung von Heimleiterinnen und Heimleitern und dementsprechend das Ermöglichen von Haustierhaltung – wie es schon in vielen Heimen der Fall ist.


Festhalten des Moments


Ursula Ohneweins grösste Leidenschaft war aber schon immer die Fotografie. Ihre Kamera hat sie jeden Tag dabei: «Man weiss ja nie, wann man sie braucht.» Es vergeht fast kein Tag, an dem sie nicht ein Foto schiesst: «Es ist fast wie das Führen eines Tagebuchs», erklärt sie. Lange blieb sie der analogen Fotografie treu, richtete sich eine Dunkelkammer ein, vergrösserte ihre Abzüge selbst. Heute schätzt sie aber die Möglichkeiten der digitalen Fotografie. Eine Auswahl ihrer Fotografien ist zurzeit im Kirchgemeindehaus in Zimmerwald zu sehen – oder auf ihrer Website. Auch ihre Praxis wird zur Galerie: Ohnewein lässt dort Künstlerinnen und Künstler aus der Region ausstellen. «Am liebsten würde ich für einige Zeit einfach reisen und fotografieren», träumt die 57-Jährige. Die drei Söhne sind ausgezogen, das Studium dauert noch anderthalb Jahre. Was danach kommt, wird sich zeigen. Aber langweilig wird es Ursula Ohnewein sicher nicht. Ihre Oase auf dem Längenberg wird sie immer wieder willkommen heis­sen – und neu inspirieren.

www.laengenbergvet.ch
www.uo-foto.ch