12.06.2018

Nicht das Gewinnen steht im Vordergrund

Joel de Jesus und Denise Campos mit ihren Kindern Leno und Yoan. Die beiden Buben sind mit der Musik und der Akrobatik bereits vertraut.

Joel de Jesus und Denise Campos mit ihren Kindern Leno und Yoan. Die beiden Buben sind mit der Musik und der Akrobatik bereits vertraut.

Steffisburg • Mitte Mai holte der schweizerisch-brasilianische Doppelbürger Joel de Jesus Campos den Weltmeistertitel im Capoeira in die Schweiz. Zusammen mit seiner Frau Denise will er das brasilianische Kulturgut auch in der Region zwischen Bern und Thun bekannt machen.

Salome Guida

Knapp 30 Jahre ist es her, als zwei Schulkinder die Freude an Bewegung und Kampfsport entdecken. Ein Schweizer Mädchen in Uetendorf beginnt zuerst mit Wettkampfschwimmen, später wendet sie sich dem Kung Fu zu. Auf der anderen Seite des Globus, in einer brasilianischen Kleinstadt in der geografischen Mitte Südamerikas – am Tor zum Amazonas-Regenwald – lernt ein brasilianischer Junge Capoeira kennen. Seine Familie hat kein Geld, um ihm das Training zu bezahlen. Doch ein erfahrener Lehrer erkennt Potenzial im Siebenjährigen. Der Junge kann die Räume putzen und andere Arbeiten erledigen und darf dafür gratis trainieren. Bald darauf weiss dieser Junge: Das mache ich mein Leben lang – und zwar professionell. Heute lebt Joel de Jesus Campos in Ostermundigen. Als Capoeiralehrer hat er das halbe Aare- und Gürbetal unterrichtet. Und soeben ist er von der Capoeira-Weltmeisterschaft mit der Goldmedaille um den Hals zurückgekehrt.


Treffen sich zwei Ausgewanderte in Spanien im Training?…


«Capoeira kann man nicht verstehen», sagt Joel Campos im Interview, «man muss es erleben». Es ist weder Kampfsport noch Tanz noch Akrobatik – Capoeira ist das alles zusammen und noch mehr. Ursprünglich von nach Brasilien verschleppten Sklaven ausgeübt und entwickelt, ist Capoeira zum nationalen Kulturerbe Brasiliens geworden. Es geht um höchste Aufmerksamkeit, während der Körper ständig in Bewegung ist, dem Rhythmus der live gespielten Musik entsprechend. Kampfsport-Elemente wie Kicks werden angedeutet, Täuschungsmanöver und ständiges einander Ausweichen lassen selbst anspruchsvolle Akrobatik spielerisch aussehen. So heisst ein «Kampf» denn auch «Spiel». Um die beiden Spieler herum steht der Rest ihrer Capoeiragruppe und spielt traditionelle Saiteninstrumente, trommelt, klatscht und singt.


Fast jeder hat wohl schon einmal auf der Strasse oder an Stadtfesten Capoeiristas zuschauen können. Diese sind immer der Schule eines «Mestre» angeschlossen – das sind Capoeiralehrer mit Erfahrung von mindestens 30 Jahren. Mestre Matias ist einer derjenigen, die Capoeira nach Bern und Umgebung gebracht haben. Auch Denise de Jesus Campos erlebt ihn und seine Schützlinge auf der Strasse, was einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Als sie ihre KV-Lehre abschliesst und 2005 mit einer Freundin nach Spanien auswandert, findet sie dort keine Kung-Fu-Schule, aber dafür einen Capoeiralehrer. Joel Campos war mit 18 von einem Freund eingeladen worden, in Valencia beim Aufbau einer Capoeiraschule mitzuhelfen. Trotz Sprachschwierigkeiten verstehen sich Lehrer und Schülerin bestens, und treffen sich immer öfter auch aus­serhalb des Trainings. Ein Jahr später sind sie verheiratet, und drei Jahre darauf wird der erste Sohn geboren. Als die Wirtschaftskrise Spanien erreicht, beschliesst die junge Familie, in Denises Heimat zurückzukehren. In Uetendorf wird ihre erste Capoeiraschule eröffnet, später trainieren sie Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Ostermundigen, Bolligen, Münsingen und Steffisburg.


Auch ein Weltmeister muss nebenbei arbeiten und Geld verdienen


Heute betreiben sie nur noch die Schule in Steffisburg. «Man vergisst manchmal, wieviel Zeit das persönliche Training einnimmt», lacht Joel Campos. Denise Campos arbeitet 60 Prozent, Joel nimmt diesen Sommer noch eine Lehre in Angriff: Vom Capoeira allein kann auch ein Weltmeister noch nicht leben. Den Titel hat er sich allerdings hart erarbeitet. Die Goldmedaille holte er sich in der Kategorie 85 kg plus, und in dieser Gewichtsklasse zeigte er eine Schnelligkeit und Mobilität, wie sie sonst eher bei den leichteren Gewichten üblich ist. Die jahrelange tägliche Arbeit hat sich ausgezahlt. In der Capoeirawelt jedoch sind die Weltmeisterschaften nicht unumstritten. Es ist nach 2013 erst der zweite solche Anlass in der Geschichte dieses Kulturgutes – und bis dahin gab es keinen Weltverband, keine einheitlichen Regeln der Klassifizierungen. Dies zeigt sich schon in der Vergabe der Gurte und der Titel: So entscheidet nicht hauptsächlich an objektiven Standards gemessenes Können über das erreichen eines höheren Ranges, sondern zuerst einmal die Jahre der Erfahrung. Über mindestens zehn Jahre Erfahrung muss verfügen, wer die letzten «Schülergurte» hinter sich lassen und als «Graduado» gilt – und so auch Kurse geben darf. Es folgen weitere Stufen: «Instruktor» und «Lehrer», bis man den Titel eines «Contra-Mestre», wie Joel Campos ihn trägt, erlangen kann. Dafür sind mindestens zwanzig Jahre Erfahrung nötig, die man unter einem «Mestre», den erfahrendsten unter den Capoeiristas, gesammelt hat. Immer ist man einer Schule angeschlossen: Jede Schule hat ihren «Mestre», die grössten solchen Verbände zählen bis zu 10?000 Mitglieder und sind international vertreten. Die Capoeiraschule von Denise und Joel Campos ist Teil von «Capoeira Candeias», welche weltweit bekannt ist und rund 2000 Mitglieder zählt.


Der Doppelbürger Joel Campos vertrat an der Weltmeisterschaft also seine Schule und damit auch Brasilien, trat aber offiziell als Schweizer an. Die Verbundenheit zu den beiden Ländern und der Station dazwischen zeigt sich im Familienalltag: Natürlich hören die beiden Söhne hauptsächlich berndeutsch von der Mutter und portugiesisch vom Vater. Aber beide Elternteile bewegen sich unkompliziert in beiden Sprachwelten, immer wieder ergänzt von spanischen Fragmenten. Der anderthalbjährige Leno und der neunjährige Yoan sprechen beide auch die Sprache des Capoeira: Beim Fotoshooting führt der Ältere bereits waghalsige Salti und andere Akrobatikeinlagen vor, während der Jüngere mit dem Kopf am Boden Beine und Arme von sich streckt und sich kurz darauf eine Trommel schnappt.

Fliessender Übergang von anspruchs­vollen Bewegungsabläufen zu Musik
Genau dieser fliessende Übergang von körperlich anspruchsvollen Bewegungsabläufen zu Musik macht den Reiz des Capoeira aus. Es gibt weltbekannte Capoeiristas, die ausschliesslich singen oder eines der capoeiratypischen Instrumente spielen. Andere fokussieren sich lieber auf Akrobatik, wieder andere sind körperlich nicht so stark, dafür aber exzellente Taktiker. Bei einem Spiel bewegen sich die beiden Spieler im Zentrum immer im Takt der Musik, die um sie herum gespielt wird. Grundsätzlich beherrschen alle Capoeiristas alles: Die Instrumente, das Klatschen und Singen, sowie die spektakulären Sprünge, Tritte und Drehungen. Es gibt Schulen, die eine Weltmeisterschaft ablehnen, weil sie Capoeira als Kultur verstanden haben wollen, nicht als Kampfsport oder Kampfkunst wie Jiu Jitsu oder Kick-Boxing.
Auch Denise und Joel Campos reisten in den vergangenen zehn Jahren nicht von Wettkampf zu Wettkampf, sondern von einem Festival zum nächsten. Diese sind integraler Bestandteil der überall auf der Welt verstreuten Meistern und ihren Schützlingen. Erfahrene Lehrer werden von anderen Lehrern eingeladen, wo sie an Spielen mitmachen und Workshops geben. Später revanchieren sie sich und laden ihre Gastgeber zu sich ein, wo sie mit ihrem Ableger der Schule ein lokales Festival organisieren. An solchen Anlässen trifft sich die Szene immer wieder, gerade in Europa ist man sehr gut untereinander vernetzt. Die lokalen Schülerinnen und Schüler dürfen an diesen Wochenenden ihr Können präsentieren und erhalten den nächsten Gurt, erreichen die nächste Erfahrungsstufe. Nicht ein «Gewinnen» steht im Vordergrund, sondern das gemeinsame Zelebrieren einer Leidenschaft, sowie das Lernen voneinander und von den eingeladenen Capoeiristas. «Wir organisierten bis jetzt immer normale Festivals», erklärt Denise Campos, «das war unser Ziel». Das Miterleben einer Weltmeisterschaft hat den beiden 35-jährigen Capoeiristas aber neue Möglichkeiten aufgezeigt: «Wenn wir Capoeira als Sportveranstaltung durchführen, können wir noch mehr Menschen zeigen, was wir tun», so Joel Campos. «Und dann können wir den Interessierten immer noch die Kultur dahinter näher bringen.»