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02.05.2012

Bierkönig oder Café Mokka gefällig?

Clubbetreiber sind zehn Berufe in einem. Hier kocht Bädu Anliker für die Musiker, die am Abend das «Mokka» rocken werden.

Clubbetreiber sind zehn Berufe in einem. Hier kocht Bädu Anliker für die Musiker, die am Abend das «Mokka» rocken werden.

Thun • 73 Prozent der Jugendlichen sind mit dem Kulturangebot unzufrieden. Das Thuner Nachtleben hat aber durchaus etwas zu bieten. Das zeigt ein Rundgang durch die wichtigsten Lokalitäten. Die Betreiber zeigten sich dabei mehrheitlich von ihrer gesprächigen Seite.

Fabian Christl

16 Uhr, Café Mokka

Wen immer man fragt, wenn es darum geht, die wichtigsten Lokalitäten des Thuner Nachtlebens aufzuzählen, der nennt als Erstes das «Café Mokka». Bereits seit 26 Jahren existiert der alternative Kulturschuppen. Viele weltbekannte Bands haben sich im «Mokka» schon die Ehre gegeben. Viele Beziehungen nahmen dort ihren Anfang, so manche wohl auch ihr Ende. 26 Jahre «Mokka», das sind 26 Jahre Livemusik, 26 Jahre Herzblut und auch 26 Jahre «Werbung ohne Titten», wie Bädu Anliker, der Betreiber des «Mokka», nicht ohne Stolz erzählt.

Das Thuner Nachtleben ist also zuallererst das Café Mokka. Und das Café Mokka ist zuallererst Bädu Anliker. Er schmeisst den Laden und schmiss ihn schon immer. MC Anliker, wie er sich selbst nennt, stellt das Programm zusammen, macht die Buchhaltung, kümmert sich um die Künstler, mischt die Musik und wirft auch mal kurzerhand eine Band wieder raus, etwa wenn sie das Hotel nicht akzeptieren will. Oder wenn er einfach grad schlecht gelaunt ist. Auch mich, den gemäss Anliker «ganz schön naiven» Journalisten, hätte er bereits nach den ersten paar Fragen am liebsten wieder aus dem Haus gejagt. Doch Anliker hat sich schon über so viele Menschen aufgeregt, dass die Halbwertszeit seiner Wutausbrüche relativ überschaubar geworden ist.

So widerborstig sich Anliker auch geben mag, eigentlich ist er ein Idealist. Als Chef ist er beliebt und im «Mokka» verzichtet er auf einen professionellen Sicherheitsdienst – er will seinen Gästen so viele Freiheiten wie möglich bieten. Erst letztlich hat er einer Gruppe junger Menschen unentgeltlich das «Mokka» für einzelne Sitzungen überlassen. So handelt einer, der die Menschen mehr mag, als ihm lieb ist.

Bei der Gruppe, die sich im «Mokka» getroffen hat, handelt es sich übrigens um «A-Perron». Die kollektiv organisierten Aktivistinnen und Aktivisten kämpfen für ein selbstverwaltetes Kultur- und Begegnungszentrum in Thun. Ich treffe mich mit vier Mitgliedern des Kollektivs, nachdem ich mich vom Gespräch mit Anliker erholt habe. 

20 Uhr, A-Perron

Anja, Michael, Andreas und Simon sind mit dem kulturellen Angebot in Thun unzufrieden. Das Nachtleben sei zu alkohollastig und zu kommerzialisiert. Das «Mokka» schätzen sie zwar sehr, es stelle aber nicht den Freiraum dar, den sie sich wünschen. «Man kann nicht einfach ins ‹Mokka› gehen und ein Konzert mit einer Band seiner Wahl veranstalten», versucht Michael zu veranschaulichen. Und Anja ergänzt, dass für eine Stadt in der Grösse Thuns die Existenz von nur einem vernünftigen Lokal einfach zu wenig sei. 

Die Jugendlichen von «A-Perron» machen aber nicht nur die Faust im Sack, sie kämpfen aktiv für ihren Traum. Manchmal untermauern sie ihre Forderung nach einem Haus symbolisch mit farbigen Vogelhäuschen, die sie in der Stadt verteilen. Manchmal wählen sie aber auch konkretere Vorgehensweisen: Über Ostern besetzten sie das dem Abbruch geweihte Gebäude des Kino Rex. «Um zu zeigen, dass wir es mit unserer Forderung ernst meinen», erläutert Andreas die Besetzung. Während eines Wochenendes führten sie diverse Veranstaltungen durch und feierten eine Party. «Die Resonanz war grossartig, mehrere Hundert Leute haben uns besucht. Das zeigt, dass wir mit unserer Forderung nicht alleine sind», ist Anja überzeugt. Sie hätten sich jedoch keine Chancen ausgemalt, das Haus behalten zu können. Daher verliessen sie dieses am Ostermontag freiwillig. 

Mit dieser illegalen Aktion hat sich «A-Perron» nicht nur Freunde gemacht. Der städtische Sicherheitsdirektor Peter Siegenthaler liess gegenüber den Medien verlauten, dass sich die Stadt mit «A-Perron» in fortgeschrittenen Verhandlungen befand und ernsthaft auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude war. Nach diesen Ereignissen wisse er jedoch nicht, wie es weitergehe. 

Die Aktivistinnen und Aktivisten von «A-Perron» winken aber ab. Es habe zwar durchaus ein Treffen mit der Stadt gegeben, dabei von Verhandlungen zu sprechen, sei jedoch massiv übertrieben. «A-Perron» sei zu Gesprächen bereit, werde aber weiterhin auch von anderen Mitteln Gebrauch machen. Andreas begründet das mit Blick auf ehemals aktive Gruppen mit ähnlichem Anliegen: «Die ‹Raumfänger› zum Beispiel hatten sich ausgiebig auf Verhandlungen mit der Stadt eingelassen und waren sehr zurückhaltend, was andere Aktionen anbelangt. Schlussendlich brachte diese Strategie aber keinen Erfolg.»

21 Uhr, Mühleplatz

Genug geredet. Jetzt will ich mich ins Nachtleben stürzen. Wenn es das Wetter zulässt, beginnen die Thuner den Ausgang auf dem Mühleplatz. Lange war der Mühleplatz praktisch unbenutzt. In den letzten Jahren haben sich dort aber zahlreiche Cafés und Bars niedergelassen. Mittlerweile stehen mehrere hundert Aussensitzplätze zur Verfügung, die auch rege benutzt werden. Nicht nur von Ausgehfreudigen: Auf dem Mühleplatz trifft man auch viele Familien an.

Ich setze mich kurz an die Aare, die am Mühleplatz vorbeifliesst, und trinke ein Bier. Viel Zeit will ich aber nicht verlieren. Schliesslich habe ich noch ein grosses Programm vor mir.

22 Uhr, Mundwerk Bar

Nicht weit vom Mühleplatz, an der Oberen Hauptgasse, befindet sich das «Mundwerk». Die Bar öffnete vor etwas mehr als zwei Jahren und ist bereits zu einer festen Grösse des Thuner Nachtlebens geworden. Neuerdings stehen dem Publikum zwei verschiedene Räume zur Verfügung. Im Hauptraum ist heute Karaoke angesagt und im neu eröffneten Kellergeschoss kämpfen zwei Singer/Songwriter gegen das Geplauder des Publikums an.

In der Altstadt, wo sich das «Mundwerk» befindet, kämpfen aber nicht nur die Musiker mit dem Lärm, in erster Linie leiden die Anwohnerinnen und Anwohner darunter. Es ist ein Dauerbrenner in Thun. An einem Podium zu diesem Thema gingen kürzlich die Wogen so hoch, dass sich die organisierenden Sozialdemokraten an den «Wilhelm Tell» von Mani Matter erinnert fühlten. 

Reto Kupferschmied, der Betreiber des «Mundwerk», setzt bewusst auf ruhigere Anlässe. «In den zweieinhalb Jahren gab es noch keine Lärmbeschwerde von Anwohnern», so Kupferschmied. Die geltende Obergrenze von 93 Dezibel findet er trotzdem ein wenig kleinlich. 

23 Uhr, Bierkönig

Während sich Kupferschmied damit arrangieren kann, sind andere Lokale daran zu Grunde gegangen. Etwa das Kultlokal «The Rock». Dies wird noch immer bedauert. Sowieso sind viele Jugendliche mit dem Thuner Nachtleben unzufrieden. Laut einer nicht repräsentativen Umfrage finden 73 Prozent das Angebot ungenügend. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Schliessung des Selve-Areals vor drei Jahren. Das «Selve» beherbergte diverse Clubs jeglicher Couleur. Übriggeblieben ist nur der «Bierkönig». 

Es ist das wohl unprätentiöseste Lokal des Thuner Nachtlebens. Wer in den «Bierkönig» geht, will saufen und Spass haben und ist nicht auf der Suche nach tiefgründigen und persönlichkeitserweiternden Erfahrungen. Am Tag meines Besuches teilen wenige Leute dieses Bedürfnis. Bloss ein Dutzend Partygänger sitzen etwas lustlos auf den Sofas. Dies, obwohl Platz für mehrere Hundert Menschen vorhanden wäre. Unter der Woche sei es besser, erzählt der freundliche Mann an der Bar: «Dann kommen die Rekruten aus den Kasernen der Umgebung.»

Nach einer Currywurst und dem einzigen Getränk des Abends, das mir nicht offeriert wurde, ziehe ich weiter. Zurück in die Altstadt. Dort ist vor Kurzem ein neuer Club aufgegangen, das «Komplott». Nach den zahlreichen Schlies-sungen der letzten Jahre ein Hoffnungsschimmer für die Tanzwütigen. 

24 Uhr, Komplott

Wobei ich nicht sicher bin, ob der Club überhaupt noch existiert. Auf der Website ist für den April kein Programm aufgeführt, und meine Anfrage wurde nicht beantwortet. Dafür tönt das Konzept sehr ambitiös. So steht auf der Website: «Während viele Kulturlokale neuerdings vermehrt Partys veranstalten, drehen wir den Spiess um und holen ‹Kultur› zurück in den Club!» 

Nun, das «Komplott» existiert noch. Es befindet sich wie die Mundwerk Bar an der Oberen Hauptgasse, gleich neben einem Cabaret.

Ich bitte um freien Eintritt. Die bulligen, aber freundlichen Männer vom Sicherheitsdienst verweisen mich auf eine junggebliebene Frau. Béatrice Bächtold, besser bekannt als «Béba», nimmt sich meiner an. Im Fumoir des «Komplott» klärt sie mich über die aktuelle Situation des Lokals auf: «Das Konzept mit Livemusik im Club hat nicht so recht funktioniert.» Die neuen Betreiber kümmern sich derzeit vor allem um ihre Betriebe in Bern. Sie selber sei Wirtin sowohl des «Komplott» wie auch des Cabarets nebenan. Sowieso habe sie als «Troubleshooterin» schon diversen Lokalen ihr Wirtepatent zur Verfügung gestellt. 

Béba kann auf ein intensives Leben zurückblicken. Sie studierte Biochemie, bereiste die halbe Welt, schloss eine Croupier-Ausbildung ab und ist seit etwa 20 Jahren im Gastgewerbe tätig. 

Heute läuft es aber nicht so gut: «Es ist einfach zu heiss draussen, dann zieht es die Leute nicht in die Clubs.» Neben dem Wetter macht sie die frühen Schliessungszeiten dafür verantwortlich: «Wenn die Leute bis um halb eins in Bars rumhängen, lohnt es sich kaum mehr, für zwei Stunden Eintritt zu bezahlen.» Nach 03.15 Uhr dürfen keine Getränke mehr ausgeschenkt werden. Auf eine Spezialbewilligung bis 05.00 Uhr hofft sie bisher jedoch vergebens. 

Man würde ihr eine solche Spezialbewilligung wünschen. Die Zeiten, in denen ich selber enttäuscht war, wenn bereits um halb vier Uhr morgens der Club schloss, sind jedoch vorbei. Es ist halb zwei, als ich in den Nachtbus steige. Im hinteren Teil des Busses stimmt eine Gruppe Jugendlicher die Schweizer Nationalhymne an. Im Abteil neben mir überlegen andere, ob sie mit der Internationalen dagegenhalten sollen. Ich döse vergnügt vor mich hin.

 

www.mokka.ch

www.aperronthun.wordpress.com

www.mundwerk-thun.ch

www.bierkoenig-thun.ch

www.komplott-thun.ch