29.01.2013

«Kultur soll nicht nur etwas für Reiche sein»

Ursula Haller (BDP), Vorsteherin der Direktion Bildung, Sport, Kultur der Stadt Thun: «Wir können nur durch ein qualitativ gutes Kulturangebot Akzeptanz schaffen.» zvg

Ursula Haller (BDP), Vorsteherin der Direktion Bildung, Sport, Kultur der Stadt Thun: «Wir können nur durch ein qualitativ gutes Kulturangebot Akzeptanz schaffen.» zvg

INTERVIEW • Gemeinderätin Ursula Haller (BDP) verteidigt die Haltung der Stadt Thun innerhalb der Regionalen Kulturkonferenz (RKK) und äussert sich zum geplanten neuen Kulturlokal für Jugendliche in Bahnhofsnähe.

Michael Feller, Kulturagenda

Regierungspräsident Andreas Rickenbacher (SP) hat den Stadt-Land-Graben als ein wichtiges Thema bezeichnet. Frau Haller, nehmen Sie das Problem in der Kleinstadt Thun auch wahr? 

Ursula Haller (BDP), Thuner Gemeinderätin und  Vorsteherin der Direktion Bildung, Sport, Kultur: Wenn ich eine feine Korrektur machen darf: Thun mit 43 500 Einwohnerinnen und Einwohnern ist immerhin die elftgrösste Schweizer Stadt. Ich würde jetzt einmal selbstbewusst von einer mittelgrossen Stadt sprechen.

Einverstanden.

Haller: Die Angst in den Landregionen vor der Zentralisierung ist tatsächlich gross. Man befürchtet, dass das Land ausgeblutet wird. Das Ergebnis einer Konsultation in den Gemeinden der Regionalen Kulturkonferenz Thun (RKK) über eine Erhöhung der Ausgaben für die regional wichtigen und grossen Thuner Kulturinstitutionen ist negativ ausgefallen. Es ging auch um den Teuerungsausgleich. 

Was ist schief gelaufen?

Haller: Nicht nur eine Mehrheit der Gemeinden, auch nach der Bevölkerung gewichtete Mehrheit muss einen Entscheid tragen. Nicht die ländlichsten Gemeinden gaben den Ausschlag, sondern bevölkerungsstarke wie Spiez und Steffisburg. Ich möchte diese nicht verurteilen. Aber sie haben Nein gesagt zu einer für sie marginalen Erhöhung. Die Auswirkung ist aber riesig, weil nun auch die Stadt Thun nicht mehr bezahlen kann – und sie hätte als Standortgemeinde den Löwenanteil bezahlt. Der Anteil des Kantons fliesst nun nicht.

Verstehen Sie die Gemeinden?

Haller: Viele Leute sagen sich: Wir haben schliesslich auch einen Jodlerchor und ein Dorforchester, und die bekommen nichts aus dem RKK-Topf. Warum sollen wir jetzt auch mehr für die Thuner Kulturinstitutionen bezahlen? Diese Optik ist auch verständlich, das will ich gar nicht erst wegdiskutieren. Aber: Viele Spiezer besuchen in Thun das Schlossmuseum oder das Kunstmuseum. Alle profitieren vom vielfältigen  und breitgefächerten Kulturangebot in der Stadt Thun und sollten dieses darum auch mittragen. Zudem unterstützen wir Projekte von Kulturschaffenden aus den RKK-Gemeinden und vergeben Preise und Atelierstipendien auch an sie. 

Der Graben tut sich letztlich zwischen der subventionierten städtischen Kultur und der selbsttragenden ländlichen Volkskultur auf.

Haller: Ja. Wir wissen, es gibt Leute, die sagen, dass sich die Kultur privat finanzieren soll. Kultur sei ein Selbstzweck, und die öffentliche Hand soll sich keineswegs engagieren. Aber wenn Bund, Kanton und Gemeinden nicht bezahlen, investieren auch die Privaten nicht. Diesen fatalen Zusammenhang muss man immer wieder betonen. Kultur ist nicht selbsttragend. Würde man eine Vollkostenrechnung machen, könnte sich nur noch eine ?reiche Oberschicht Kultur leisten. Dass eine ganz kleine Gemeinde, die «nur» einen Jodlerchor hat, die Beiträge nicht mittragen will, ist irgendwie verständlich. Aber Hand aufs Herz: Auch dort greift die Gemeinde dem Jodlerchor doch unter die Arme, wenn er finanziell darbt.

Was muss Thun unternehmen, damit sie als Zentrumsgemeinde in Zukunft nicht mehr symbolisch abgestraft wird?

Haller: Letztlich ist halt doch die Politik, die bestimmt. Wir können nur durch ein qualitativ gutes Kulturangebot Akzeptanz schaffen. Wir müssen die ländlichen Gemeinden dafür sensibilisieren, dass die Institutionen in den Zentren nur überleben, wenn alle solidarisch sind.

Gerade die BDP müsste doch die Vermittlerrolle ausspielen können auf dem Land.

Haller: Ich war 1996 OK-Präsidentin des Jodlerfests, als erste Frau, ich habe überhaupt keine Berührungsängste zur sogenannt traditionellen Kultur. Ich sage nicht entweder oder, sondern ich sage, sowohl als auch. Zu beiden muss man Sorge tragen. Die Gespräche mit den Gemeindevertretern haben stattgefunden. Aber dort, wo nur das Credo «runter mit den Steuern» gilt, sind Ausgaben für die Kultur ein schwieriges Unterfangen. Die BDP hat eine grosse Affinität zur Kultur.

Das Prinzip der regionalen Kulturkonferenzen ist im Berner Kulturgesetz fest verankert. Auf den ersten Blick überzeugt das Modell: Der Kanton überlässt es den Gemeinden, wie viel sie für die Kulturinstitutionen zu bezahlen bereit sind und steuert eigenes Geld bei. Hat das Modell in Thun nun bereits Schiffbruch erlitten?

Haller: Es ist eine Herausforderung. Wir hatten 2010 eine Abstimmung über die Regionalkonferenz Oberland-West. Man wollte eine Regionalkonferenz schaffen, die über die Kultur hinausgeht und ein regionales Konzept für Wirtschafts-, Planungs- und Kulturanliegen ermöglicht. Diese Regionalkonferenz wurde von einer hauchdünnen Gemeindemehrheit verhindert. Mit der jetzigen Regionalen Kulturkonferenz Thun sind wir nun etwas isoliert. Wir möchten die Gespräche wieder auf eine höhere Ebene bringen – ich denke da an den Entwicklungsraum Region Thun als übergeordnetes Gefäss. Das hätte für die Kultur den Vorteil, dass sie nicht so exponiert wäre.

Kulturell tut sich etwas in Thun. Es soll in Bahnhofsnähe ein neues Kulturlokal für Jugendliche entstehen – und die Stadt hilft mit.

Haller: Voller Stolz und Freude kann ich sagen, dass dieses Projekt super gut kommt. Wir stehen in intensivem Kontakt mit den InitiantInnen.

Warum ergreift die Stadt Thun die Initiative und finanziert das Projekt mit?

Haller: Nachdem das Selve-Areal, das fast zehn Jahre lang viele Nachtschwärmer anzog, einer Überbauung weichen musste, gab es eine Lücke. Am «Jugendzukunftstag», der im Rahmen eines Tages der offenen Verwaltung stattfand, versuchten wir herauszuspüren, was die Jungen wollen. Es wurde klar, dass ein nichtkommerzielles Freizeitangebot in Thun hohe Priorität hat. An der Seestrasse haben wir ein Lokal gefunden. Ich habe von Anfang an gesagt: Wenn die Jungen bereit sind, die notwendigen Unterlagen wie Sicherheits-, Betriebs- und Gastrokonzept vorzulegen, sind wir bereit, das Projekt in einer vorerst einjährigen Versuchsphase zu unterstützen. 

Inwiefern?

Haller: Wir überlassen ihnen ein Gebäude, das zur Hälfte der Stadt gehört. Sie bestimmen, wie es gestaltet werden soll und welche Veranstaltungen über die Bühne gehen sollen. Unterdessen hat sich der Verein Freund*innen des Freiraums konstituiert. 

Was plant die Gruppe?

Haller: Sie wird das Lokal schlicht «Haus» nennen. Die Initianten wollen es mit viel handwerklichen Eigenleistungen gestalten. Darin sollen kulturelle Veranstaltungen von Theater bis Konzerten, aber auch Lesungen stattfinden. Der Stadträtliche Beirat aus vier Parteien hat sich nun erstmals mit dem Verein getroffen. Man hat sich ausgetauscht. Es ist alles auf guten Wegen.

Die Initianten des neuen Projekts kommen aus der Hausbesetzerszene. Mich erstaunt, dass sich das bürgerliche Thun überhaupt mit ihnen an einen Tisch setzt.

Haller: Das darf Sie erstaunen, das wird auch andere erstaunen. Aber das sind keine verkappten Schlägertypen. Diese jungen Erwachsenen haben einen konkreten Plan und wir unterstützen sie darin. Wenn wir einfach nichts machen würden: Wer garantiert uns dann, dass wir nicht weiterhin unliebsame Hausbesetzungen und solche Aktionen hätten? Wir nehmen die Leute ernst und auch in die Pflicht. Sie sollen beweisen, dass ihr Projekt funk-?tioniert. Einige Politiker befürchten, dass ein rechtsfreier Raum entsteht, wo gedealt und Drogen konsumiert würden. Der Gemeinderat hat als Auflage gemacht, dass dort genau kein solcher rechtsfreier Raum entstehen darf. Aber ich habe darum gebeten, die Gruppe mal machen zu lassen. Für mich basiert das Projekt auf gegenseitigem Vertrauen.

Wann wird das «Haus» eröffnet?

Haller: Wenn alles gut geht, denke ich, dass der Verein Freund*innen im  Frühsommer das Zentrum eröffnen kann.

Letztes Jahr gab es auch Lärmprobleme rund um das Café Mokka. Hofft man diese mit dem neuen Angebot zu entschärfen?

Haller: Die Café Bar Mokka war früher umgeben von einem Industrie-Areal, bald sind auf allen Seiten  Wohnhäuser vorhanden. Wer dorthin zieht, muss mit einer gewissen Belastung rechnen, denn auch der Zugsverkehr macht Lärm. Die Café Bar Mokka ist unerlässlich für die Stadt Thun. Pädu Anliker, auch wenn er ein streitbarer Geist ist, hat Thun mit seinem Kulturetablissement schweizweit bekannt gemacht. Bei der Standortsuche für das neue Lokal haben wir natürlich darauf geachtet, dass es nicht in einer lärmempfindlichen Umgebung steht. Beanstandungen wegen Lärmemissionen werden sich bestimmt in Grenzen halten.