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10.11.2015

Taler fallen nicht vom Himmel

Das neue Observatorium von Stararchitekt Mario Botta, nur ein Steinwurf von der alten Sternwarte entfernt, soll auf der Uecht mit der Sonne künftig um die Wette strahlen.Die Skizze von Mario Botta zeigt: Einzig der Turm mit seiner Kuppel soll als kleines Bijou in der Landschaft stehen.Mario Botta: «Ich musste mich nicht nur mit einem Neubau beschäftigen, ich durfte mich mit dem Universum befassen.»Die Stiftung Sternwarte Uecht will ein neues Observatorium nach Plänen von Architekt Mario Botta bauen. Die alte Sternwarte (vorne) wird als Museum bestehen bleiben.

Das neue Observatorium von Stararchitekt Mario Botta, nur ein Steinwurf von der alten Sternwarte entfernt, soll auf der Uecht mit der Sonne künftig um die Wette strahlen.

Die Skizze von Mario Botta zeigt: Einzig der Turm mit seiner Kuppel soll als kleines Bijou in der Landschaft stehen.

Mario Botta: «Ich musste mich nicht nur mit einem Neubau beschäftigen, ich durfte mich mit dem Universum befassen.»

Die Stiftung Sternwarte Uecht will ein neues Observatorium nach Plänen von Architekt Mario Botta bauen. Die alte Sternwarte (vorne) wird als Museum bestehen bleiben.

Stiftung Sternwarte Uecht • Das Vorprojekt und die Detailkonzeption für ein neues Observatorium nach der Idee von Mario Botta liegen vor. Noch ungewiss ist, ob der Bau realisiert werden kann – respektive wie dieser finanziert wird.

sl/pd

Eine wichtige Hürde hat das Projekt für den Neubau eines Observatoriums auf der Uecht in der Gemeinde Niedermuhlern genommen. «Ich kenne die Uecht. Sie liegt mitten in der Landwirtschaftszone», sagt  Regierungsrat Christoph Neuhaus (SVP). Als Gemeindedirektor ist er zuständig für die Raumplanung im Kanton Bern. «Als ich erstmals von diesem Projekt hörte, haben sich bei mir schon etwas die Nackenhaare gesträubt. Denn ich sah etliche Probleme auf mich zukommen.» Jetzt sehe er dem Bauvorhaben jedoch viel beruhigter entgegen. Die raumplanerische Vorprüfung habe ergeben, «dass es sich um ein standortgebundenes Projekt handelt. Es darf also in der Landwirtschaftszone gebaut werden.» Damit seien die notwendigen Voraussetzungen für eine Ausnahmebewilligung erfüllt.

Region macht mit

«Die Vorarbeiten für das neue Observatorium sind weit fortgeschritten. Doch was nützen uns all die Zusicherungen und Ideen, wenn diese nicht realisiert werden können, weil sie sich nicht finanzieren lassen.» Andreas M. Blaser, Präsident der Stiftung Sternwarte Uecht, bleibt auf dem Boden. Er weiss, dass die Sterne nur im Märchen als Taler vom Himmel fallen. «770 000 Franken sind für das Vorprojekt und die Detailkonzeption durch die Stiftung sowie durch Beiträge der Standortförderung von Bund und Kanton bereits finanziert worden», so Blaser. Auch hätten bisherige und neue Partner der Sternwarte Uecht ihre Unterstützung zugesichert. Zu ihnen gehörten zum Beispiel die Standortgemeinde und weitere Gemeinden aus dem Gebiet des Naturparks Gantrisch. «Die regionale Abstützung ist für uns ganz wichtig», sagt der Stiftungsratspräsident. In Aussicht gestellt seien bisher 2,5 Millionen Franken. 

Erst die Finanzierung sicherstellen

«Jetzt stehen das Fundraising für das Bauprojekt sowie die Vorbereitungsarbeiten für die Einreichung des Baugesuches an», sagt Blaser. Für die Restfinanzierung der Kosten für Projektierung und Realisierung brauche es zusätzliche 4,5 Millionen Franken. Um dieses Ziel zu erreichen, erweitere die Stiftung die Trägerschaft. So erhalten Firmen die Möglichkeit, Star-, Platinum-, Gold- oder Silver-Partner der Stiftung zu werden und von verschiedenen Vorteilen zu profitieren. «Zudem besteht für Privatpersonen die Möglichkeit, auf der Homepage als Widmung einen Namen auf einen Stern oder auf ein Sternbild eintragen zu lassen», sagt Andreas M. Blaser und versichert, dass mit dem Bau erst begonnen werde, wenn die ganze Finanzierung sichergestellt sei.

Der Stiftungsrat ist zuversichtlich. «Mit Mario Botta haben wir einen Architekten mit einer enormen Ausstrahlungskraft für unser Projekt gewinnen können. Er wird nicht nur architektonisch für eine Attraktivität im Naturpark Gantrisch sorgen. Sein Name wird uns bei der angesprochenen Suche nach potenziellen Geldgebern bestimmt von Nutzen sein.» Blaser zeigt sich überzeugt, dass das neue Observatorium frühestens 2017 eröffnet und die alte Sternwarte dann in ein Museum umgestaltet werden kann.

Ähnlich einer abstrakten Skulptur 

Mario Botta • Der Tessiner Stararchitekt nennt Gründe, wieso er sich mit dem neuen Observatorium auf der Uecht befasst und wie er den Neubau umsetzen will.

«Als ich die Anfrage der Stiftung Sternwarte Uecht erhalten habe, bin ich neugierig geworden und gleichzeitig sehr interessiert. Mir wurde bewusst: Ich muss mich nicht nur mit dem Bau eines Observatoriums  befassen, was an und für sich schon etwas sehr Spezielles ist. Ich musste mich mit dem Universum auseinandersetzen, was eine faszinierende Aufgabe ist, von der ich seit meiner Kindheit geträumt habe», nennt Mario Botta seine Beweggründe, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und ein Projekt auszuarbeiten. Bezug nehmend auf das Gelände auf der Uecht sei für ihn bald einmal klar geworden, dass ein Bau entstehen müsse, der sich wie ein kleines Bijou in die ländliche Umgebung einfüge, der Landschaft dennoch einen neuen Ausdruck verleihe. Er habe Rücksicht genommen auf die vorhandene Bauernhofsituation und die bestehende kleine Sternwarte. «Zusammen mit der Bauherrschaft haben wir uns darauf geeinigt, dass sich der Neubau auf dem relativ langgestreckten Gelände deutlich vom 50-jährigen Gebäude absetzen muss. So kann dieses seine Autonomie bewahren. Mir ist es darum gegangen, das bestehende Terrain möglichst zu belassen und mit einem Objekt zu intervenieren, das klein und abstrakt ist», sagt Botta.

Vor allem zwei Elemente würden den Neubau bestimmen, so der Stararchitekt weiter. Zum einen sei es die Kuppel des Observatoriums, die als eigenständiges Element von einer Stütze, einem stabilen Sockel, getragen wird. Andererseits brauche es Räumlichkeiten für die nötige Infrastruktur, damit das neue Mussezentrum überhaupt funktionieren könne. «Diesen Gebäudeteil habe ich bewusst im Boden versenkt. Somit steht einzig der gut zehn Meter hohe Turm mit seiner Kuppel als unübersehbares Merkmal in der Landschaft.» Die Fassade des Turms habe er so gestaltet, dass durch die abgewinkelten Flächen je nach Tageszeit und Sonneneinstrahlung ein Licht- und Schattenspiel entstehe. Die eher abstrakte Skulptur werde so nicht als massiges Volumen wahrgenommen, sagt Mario Botta zu seinem Entwurf.

Eine einzigartige Chance für die Wissenschaft und die breite Öffentlichkeit

Forschung • Thomas Schildknecht, Vizedirektor des Astronomischen Institutes der Universität Bern, über den Nutzen des neuen Observatoriums.

Wie entstehen Sterne? Wie entstehen Planeten? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Das seien Fragen, die nicht nur die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Astronomischen Institut der Universität Bern beschäftigen würden, sagt dessen Vizedirektor, Thomas Schildknecht. «Das Neubauprojekt bietet uns die einzigartige Chance, die Forschung im Bereich Astronomie und Weltraumforschung einer breiten Öffentlichkeit auf ganz besondere Art zugänglich zu machen», so Schildknecht, Vizepräsident der Stiftung Sternwarte Uecht, und präzisiert: «Etwa durch Wissensvermittlung ‹am Objekt› mit der Kombination von ‹eigener Beobachtung› und Referaten von Forschenden sowie durch didaktisch aufbereitete Informationen und Forschungsergebnisse für Tagesbesucher.» 

Damit dies gelinge, brauche es nicht nur die äussere Infrastruktur. «Wir brauchen die nötige Technik. Wir wollen ein Observatorium, das mit der neusten Beobachtungstechnologie ausgestattet ist. Das vernetzt ist, zum Beispiel mit dem Forschungsobservatorium der Uni Bern in Zimmerwald und uns erlaubt, von überall auf der Welt Beobachtungen zu machen.» Für Schildknecht sind die unterirdischen Infrastrukturanlagen des neuen Observatoriums auf der Uecht deshalb von zentraler Bedeutung. Diese würden die Forschungsinfrastruktur der universitären Sternwarte in Zimmerwald erweitern und – wenn keine öffentlichen Führungen stattfänden – den Forschenden vollumfänglich zur Verfügung stehen. «Uns werden sich für die Erforschung des Sonnensystems wie für die Suche und Charakterisierung von Weltraumschrott, dem Spezialgebiet des Astronomischen Institutes, neue Anwendungsmöglichkeiten eröffnen», sagt Thomas Schildknecht. 

Die Uecht wird ein Zentrum der Musse bleiben

Neubauprojekt • Die Stiftung Sternwarte Uecht will in Zusammenarbeit mit Mario Botta in der Gemeinde Niedermuhlern eine Anlage für Himmelsbeobachtung und Weltraumforschung schaffen, die schweizweit ihresgleichen sucht.

«Die Sternwarte Uecht genügt in baulicher und technischer Hinsicht den heutigen Anforderungen für universitäre Forschung und Ausbildung nicht mehr. Selbst für die hier betriebene Amateurastronomie sowie für die beliebten Führungen mit Schüler- und anderen Besuchergruppen genügen die in die Jahre gekommenen Einrichtungen in der alten Sternwarte kaum mehr», sagt Andreas M. Blaser, Präsident der Stiftung Sternwarte Uecht. Der Ausbaubedarf habe sich seit Jahren manifestiert. Weil das denkmalgeschützte Gebäude eine Erweiterung nicht ohne Weiteres zulasse, sei der Stiftungsrat bald einmal zum Entschluss gekommen, ein Neubauprojekt zu realisieren. «Wir waren selber überrascht, dass Architekt Mario Botta unserer Anfrage nicht abweisend gegenüber stand und wir mit ihm ein Projekt entwickeln konnten, das sowohl den universitären Bedürfnissen wie auch den Stiftungszwecken und dem Observatoriums genügt», so Blaser. 

Beim Erweiterungsprojekt geht es darum, mehr Kapazitäten zu schaffen. Der Neubau soll mit der heute verfügbaren modernsten Technik ausgerüstet und künftig den explizit in den Grundsätzen der Stiftung festgelegten Nutzern zur Verfügung gestellt werden. 

Kein Rummelplatz auf der Uecht

«Die Sternwarte Uecht gehört zum Naturpark Gantrisch. Deshalb arbeiten wir sehr eng mit dem Förderverein und den Parkgemeinden zusammen», sagt der Stiftungsratspräsident. Das Zentrum

der Musse werde durch den Neubau eine Aufwertung erfahren. «Es soll auf der Uecht jedoch kein Rummelpark mit Tourismus und Lärm- und Lichtimmissionen entstehen. Der Ort der Ruhe soll durch das Projekt nichts von seiner Bedeutung verlieren. Alle, die hier in aller Musse verweilen und den Sternenhimmel beobachten wollen, sollen hier Gelegenheit finden, über Ewigkeit und Vergänglichkeit nachdenken zu können.» Andreas M. Blaser widerlegt damit Befürchtungen, das neue Observatorium könnte wegen Mario Botta zur grossen Attraktion für Ausflugstouristen werden, die nichts oder nur wenig mit Astronomie am Hut haben: «Wir haben ins Investitionsvolumen ebenfalls einen Elektro-Shuttlebus aufgenommen. Mit ihm soll sichergestellt werden, dass 20 bis 25 Personen von Niedermuhlern auf die Uecht transportiert werden können.» Mit der Standortgemeinde Niedermuhlern sei bereits abgesprochen worden, in der Nähe der Gemeindeverwaltung gut 30 Parkplätze zur Verfügung stellen zu können. Gespräche seien ebenfalls mit der Gemeinde Rüeggisberg geführt worden, um Besuchergruppen mit dem Bus beim Taveldenkmal abzuholen.

Eine Attraktivität für den Naturpark

«Die Sternwarte Uecht ist eines von fünf Zentren im Naturpark Gantrisch und ist als Zentrum der Musse-Welt definiert worden. Mit dem im letzten Jahr eröffneten Musse-Weg im Nahbereich der Uecht wurde auch ein entsprechendes Angebot umgesetzt», sagt Hans-Ulrich Mani, Präsident des Fördervereins Naturpark Gantrisch. 

Der von der Stiftung geplante Neubau von Mario Botta werde seitens des Naturparks sehr begrüsst. «Mit der Modernisierung der Anlage samt der Schaffung eines Museums im bisherigen Gebäude wird die Attraktivität dieses Erlebnisweltzentrums umfassend gesteigert. Das Projekt entspricht den drei Nachhaltigkeitsgrundsätzen des Parks im Rahmen der Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft/Kultur», so Mani. Im Bereich Ökologie unterstütze der Neubau die Ziele des Naturparkprojekts Sternenlicht. Im Bereich Ökonomie erwarte der Park durch den Zulauf der Interessierten eine noch weiter erhöhte Frequentierung der in dieser Region vorhanden Naturpark-, Gastronomie- und Produktangebote. «Kulturell wird ein Bauwerk von Mario Botta die neuzeitliche Architekturentwicklung im Gebiet des Naturparks weiter sichtbar machen.» Der Naturpark Gantrisch werde das Projekt der Stiftung Sternwarte Uecht nach seinen Möglichkeiten unterstützen, sagt Mani. «Dies geschieht primär mit Support bei den Planungs- und Erschliessungsabklärungen und der gesteigerten Einbindung in kombinierte Parkangebote.»

Ein Ort, wo die Lichtverschmutzung gering ist und sich der Nachthimmel klar zeigt

Ideale  Lage • Die im Jahre 1951 durch Willy Schaerer erbaute Sternwarte Uecht wird seit rund 30 Jahren durch die vom Stifter Willy Schaerer errichtete Stiftung Sternwarte Uecht betrieben. Die Stiftung verfolgt gemäss der Gründungsurkunde und den Statuten die folgenden gemeinnützigen Zwecke: 

Sie bezweckt die Weiterführung der bisherigen vom Astronomischen Institut der Universität Bern betriebenen Beobachtungen und Forschungen. 

Sie soll ausser Professoren und Studierenden des Astronomischen Instituts der Universität auch Amateurastronomen, die sich über die nötigen Qualifikationen ausweisen können, zur Verfügung stehen. 

Sie hat gemeinnützigen Charakter und verfolgt keinen Erwerbszweck. Durch öffentliche Führungen soll die Sternwarte Schulklassen und einem weiteren interessierten Publikum dienen. 

Nahe der Sternwarte liegt der Beo­bachtungsturm für Sonnenforschung, der Ende der 1960er-Jahre durch das Institut für angewandte Physik der Universität Bern errichtet wurde und mehrere hochspezialisierte Instrumente für die langfristige fotografische Überwachung der Aktivität der Sonne sowie einiger benachbarter sonnenähnlicher Sterne enthält.

Die Sternwarte und der Sonnenturm sind im Bauinventar als erhaltenswerte Bauten eingetragen und liegen auf der Uecht, einem Geländekamm oberhalb von Niedermuhlern, auf zirka 950 m.?ü.?M. Die Uecht ist dünn besiedelt. Es ist in naher und mittlerer Zukunft mit keinen bedeutenden baulichen Tätigkeiten zu rechnen.

Dies ist nicht der einzige Standortvorteil für ein Observatorium auf der Uecht. Schon beim Bau der Willy-Schaerer-Sternwarte ist erkannt worden, dass sich dieser Standort sehr gut eignet, weil hier ideale Verhältnisse für Himmelsbeobachtungen herrschen. Der Nachthimmel zeigt sich offen und klar, die Lichtverschmutzung ist gering. Der Begriff Lichtverschmutzung ist eine direkte Übersetzung aus dem Englischen (Light Pollution). Es handelt sich um eine Form von Umweltverschmutzung wie etwa Luft- oder Gewässerverschmutzung. Lichtverschmutzung ist die künstliche Aufhellung des Nachthimmels und die störende Auswirkung von Licht auf Mensch und Natur. Auch die Schweiz leidet an Lichtverschmutzung. Mehr, als man glauben möchte. In den Bergen ist der Sternenhimmel zwar wesentlich besser zu sehen als im Mittelland und der Agglomeration der Städte. Allerdings gibt es in der ganzen Schweiz keinen Ort mehr, wo in der Nacht natürliche Dunkelheit erreicht wird.

Im Herbst/Winter liegt die Uecht oft über der Nebelgrenze. Trotz der Abgeschiedenheit ist sie gut erschlossen und ist rund 15 km vom Zentrum der Stadt Bern entfernt. Für Forscher und Studenten des Astronomischen Instituts der Universität Bern wie auch für Amateurastronomen und Besucher ist die Sternwarte Uecht gut und rasch erreichbar.