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22.03.2016

Generation 50plus gerät in Bedrängnis

Ausgesteuerte machen sich in den Werkstätten des Arbeitseinsatzes Thun bereit für den Arbeitsmarkt, unter ihnen viele über 50-Jährige.Bruno Kurth (63) will nicht nur feststellen, sondern auch Lösungen anbieten.Peter Siegentahler (SP), seit 2007 Gemeinderat der Stadt Thun, Direktor Sicherheit und Soziales.Brot und Arbeit: Das waren die einstigen sozialistischen Reizbegriffe in der Plakatwerbung, als es noch keine Sozialversicherungen gab.

Ausgesteuerte machen sich in den Werkstätten des Arbeitseinsatzes Thun bereit für den Arbeitsmarkt, unter ihnen viele über 50-Jährige.

Bruno Kurth (63) will nicht nur feststellen, sondern auch Lösungen anbieten.

Peter Siegentahler (SP), seit 2007 Gemeinderat der Stadt Thun, Direktor Sicherheit und Soziales.

Brot und Arbeit: Das waren die einstigen sozialistischen Reizbegriffe in der Plakatwerbung, als es noch keine Sozialversicherungen gab.

Arbeitsmarkt • Zuwanderung, Digitalisierung, Spardruck und Leistungsabbau bei den Sozialversicherungen verschärfen die Probleme der älteren Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Ein neues Kompetenzzentrum in Münsingen hilft Betroffenen mit Beratung, Coaching und Weiterbildung.

Daniel Vonlanthen

Der Verein 50plus Schweiz und die IdeeTransfer GmbH eröffnen in Kooperation ein neues Kompetenzzentrum für Unternehmens- und Personalentwicklung in Münsingen. Angesprochen sind in erster Linie ältere Arbeitnehmende. Gestern, 22. März, fand die Eröffnungsveranstaltung mit einer Podiumsdiskussion statt. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund und der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse entsandten ihre Spitzenleute. Auf schweizerischer Ebene findet am 21. April in Bern die zweite nationale Konferenz zum Thema ältere Arbeitnehmende statt. Gastgeber ist Bundespräsident Schneider-Ammann; zu den Teilnehmenden gehört nebst den Sozialpartnern auch der Präsident der Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz, Andreas Rickenbacher. Dabei geht es um Massnahmen gegen den Fachkräftemangel ebenso wie um die Benachteiligung von Arbeitnehmenden 50plus. 

Gewerkschaften fordern mehr Schutz

Das Thema brennt offensichtlich unter den Nägeln. Die Gewerkschaften fordern seit einiger Zeit mehr Schutz für ältere Arbeitnehmende, so zum Beispiel einen verbesserten Kündigungsschutz, einen besseren Sozialschutz in der beruflichen Vorsorge und bei Erwerbslosigkeit Modelle für soziale Frühpensionierungen und ein Recht auf Standortbestimmung und Weiterbildung. Die Abbaumassnahmen bei den Sozialversicherungen der letzten Jahre verschärften die Situation: Der Gewerkschaftsbund hat errechnet, dass dadurch rund 100?000 Menschen, deren Existenz vorher durch Versicherungsleistungen finanziert war, zusätzlich auf Erwerb angewiesen sind. Dies verschärfe das Gerangel um freie Stellen auf dem Arbeitsmarkt. Zuwanderung, Digitalisierung und der starke Franken machen die Situation nicht einfacher. Save 50plus Schweiz, nicht identisch mit 50plus Schweiz, versteht sich als Dachverband und spricht gar von einem «altersfeindlichen Arbeitsmarkt». Der Verband ortet dringenden Kooperationsbedarf zwischen staatlichen Arbeitsvermittlungsstellen und den Selbsthilfegruppen.

Die Daten sind allerdings nicht eindeutig: Die Arbeitslosenrate bei den über 50-Jährigen liegt sogar leicht unter dem landesweiten Wert von 3,3 Prozent; die Altersarbeitslosigkeit nimmt nicht gerenell zu. Die Lebensumstände jedoch werden immer schwieriger; viele klagen über gesundheitliche Probleme. Bei den ausgesteuerten Arbeitslosen liegt der Anteil der über 50-Jährigen bei rund einem Drittel, Tendenz steigend. Der Schweizerische Arbeitgeberverband hingegen erachtet die Situation der älteren Erwerbstätigen als gut: Neue Regulierungen und staatlichen Aktivismus brauche es nicht. Wichtig sei ein «flexibler Arbeitsmarkt». 

Ob das neue Weiterbildungsgesetz, das Anfang nächsten Jahres in Kraft tritt, die Arbeitsmarktfähigkeit der Generation 50plus verbessern wird, darf bezweifelt werden: Es überträgt die Hauptverantwortung dem einzelnen Menschen. Unternehmen müssen für ein günstiges Bildungsumfeld sorgen.

 

«Wenn einer draussen ist, kommt er fast nicht mehr rein»

50-plus • Der Präsident des Vereins 50plus Schweiz, Bruno Kurth, hilft älteren Arbeit-

nehmenden auf die Sprünge. In Münsingen entsteht ein neues Kompetenzzentrum.

Zuletzt betreute er bei Swisslife Firmenkunden und verkaufte Kollektivversicherungen. Mit 56 Jahren absolvierte er für die Versicherungsgesellschaft eine Weiterbildung als Kunden- und Marktbetreuer im Bereich berufliche Vorsorge BVG. Das erworbene Fachwissen machte er sich selbst zunutze beim Entscheid, ob er sich mit 60 Jahren die frühzeitige Pensionierung leisten könnte. Auf den 30. Juni 2013 – genau 21 Tage nach seinem 60. Geburtstag – hatte er seinen letzten Arbeitstag. Er konnte sich den Ruhestand zwar finanziell leisten, aber untätig wollte er nicht bleiben. Er engagierte sich für den Verein 50plus Schweiz, der Personen ab 50 Jahren auf dem Arbeitsmarkt unterstützt. Er wurde Präsident des Vereins. Mitgründer, die selbst von Stellenverlust betroffen waren, hatten aus der Not eine Tugend gemacht und gründeten 2012 den Verein.

«Wir wollen Lösungen anbieten und auch präventiv wirken», sagt Kurth, der die Situation der älteren Arbeitnehmenden auf dem Arbeitsmarkt aus eigener Erfahrung kennt und den rasanten technischen Fortschritt und Wandel der Arbeitswelt miterlebte. Mit kaufmännischer Ausbildung und höherem Wirtschaftsdiplom trat er bei der Generaldirektion der damaligen Schweizerischen Volksbank ein, die später von der Credit Suisse übernommen wurde. Damals herrschte bei den meisten Angestellten noch die Meinung vor, bis zur eigenen Pensionierung könne man seinem Arbeitgeber treu bleiben. Kurth, inzwischen Eigentümer eines Eigenheims in Allmendingen bei Bern und Abteilungsleiter, bildete sich auf dem Gebiet der Unternehmensorganisation weiter.

New Public Management

Ende der 90er-Jahre wagte er den Schritt in die Selbständigkeit und gründete in Partnerschaft eine Organisationsberatungsfirma für Gemeinden. Das Geschäft lief gut an: Bei den öffentlichen Verwaltungen herrschte eine allgemeine Reformfreudigkeit, ausgelöst vom Streben nach New Public Management. Die Beratungsfirma half vielen Gemeinden bei der Einführung des Geschäftsleitungsmodells, so zum Beispiel Konolfingen. Mit der Zeit spezialisierte sich das Beratungsbüro zunehmend auf die Übernahme von Verwaltungsaufgaben und Stellvertretungen in Gemeindeverwaltungen. Da Kurth nicht über die dafür notwendige Praxis und Ausbildung verfügte, orientierte er sich neu und trat mit 52 Jahren bei Swisslife die letzte Anstellung seines Berufslebens an.

Auch an der Verselbständigung seiner Wohngemeinde war Kurth massgeblich beteiligt: Bis Ende 1992 bildete Allmendingen zusammen mit Rubigen und Trimstein eine Viertelsgemeinde. 1993 wurde Allmendingen selbständig; von 1994 bis 2000 amtete Bruno Kurth als Gemeindepräsident.

«Erfolgsverwöhnte Generation»

Kurth ist gewiss keiner, der sich im fortgeschrittenen Alter seines Berufslebens nicht bewegte. Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich auf ihrem Posten bequem eingerichtet haben. «Der konjunkturelle Aufschwung der letzten Jahrzehnte hat viele bequem werden lassen», sagt Kurth über die «erfolgsverwöhnte Generation» 50plus. Aus eigener Erfahrung und von seinen vielen Kontakten mit Führungsleuten glaubt Kurth zu wissen, welche Schlüsselqualitäten heute gefragt sind auf dem Arbeitsmarkt: Kommunikations- und Teamfähigkeit, ganzheitliches Wissen – kurz: «Polyvalenz». Eine exakte Wissenschaft sei die Frage nach den Schlüsselqualitäten allerdings nicht. Das Wichtigste eines Arbeitnehmenden auf Stellensuche sei, dass er mit seinem Auftritt positive Wahrnehmungen auslöse. «Wenn einer positiv denkt und seine Chancen erkennt, dann hat er eine positive Aura.»

«Marktfähigkeit» als Lehrgang

Arbeitsmarktfähigkeit heisst das Programm, das der Verein 50plus Schweiz älteren Arbeitnehmenden ans Herz legt. Zusammen mit dem strategischen Partner IdeeTransfer GmbH, einem Netzwerk von Zentren zur Unternehmens- und Personalentwicklung in der Deutschschweiz, bietet der Verein einen neuen Lehrgang zur Verbesserung der Marktfähigkeit an. Offiziell startet das modular aufgebaute Dienstleistungsangebot mit der Gründung des regionalen Kompetenzzentrums des Netzwerks IdeeTransfer in Münsingen. Der Lehrgang «Marktfähigkeit» richtet sich sowohl an Arbeitnehmende als auch Firmen. Der Zertifikatslehrgang ist allerdings mit 8400 Franken nicht ganz billig. Zielpublikum auf Seite Arbeitnehmende sind Personen ab 40 Jahren. Abklärungen hätten nämlich ergeben, so schreiben die beiden Partner 50plus Schweiz und IdeeTransfer, «dass für die Arbeitsmarkterhaltung zwingend vor dem 50. Lebensjahr gezielte Massnahmen gestartet werden müssen».

Persönliche Prozessbegleiter bieten individuelle Betreuung während des Studiums der Ausbildungsmodule, die nach individuellen Bedürfnissen zusammengestellt werden. Der Lehrgang zielt darauf ab, «die unternehmerische und persönliche Arbeitsmarktfähigkeit» zu verbessern.

Unterstützung bei Entlassungen

Geschäftsleiter und Inhaber des Regionalzentrums IdeeTransfer in Münsingen ist Jürg Lohri, der vielseitige Erfahrungen im Projekt-, Prozess- und Qualitätsmanagement sowie beim Aufbau von Qualitätsmanagementsystemen mitbringt. Unternehmen erhalten Unterstützung bei der Entwicklung des Potenzials ihrer Mitarbeitenden, der Führungskompetenzen und Vorsorgepläne, des Lohnsystems oder bei der sozialverträglichen Organisation von Entlassungen. Ziel ist laut Website, bei einem «Personalabgang» eine für beide Seiten möglichst optimale Lösung zu finden. «Dabei soll einerseits der austretende Arbeitnehmer neue berufliche Perspektiven erhalten und andererseits sollen für das Unternehmen nicht nur Image-Verluste verhindert, sondern gar eine Steigerung des Ansehens als attraktiver Arbeitgeber und Sozialpartner erreicht werden.»

«Arbeitnehmende müssen selber etwas dafür tun, damit sie attraktiv bleiben», sagt Kurth. Er weiss, dass die Stellensuche für ältere Arbeitnehmende besonders schwer ist: «Wenn einer draussen ist, kommt er fast nicht mehr rein.» 

Über ein Drittel der Langzeitarbeitslosen fanden wieder einen Job

THUN • SP-Gemeinderat Peter Siegenthaler ist Vorsteher der Direktion Sicherheit und Soziales und seit 2010 Mitglied des Kantonsparlaments. Er wünscht sich ein besseres Zusammenspiel zwischen den Sozialversicherungen und einen besseren Schutz der älteren Arbeitnehmenden.

In den Ateliers des Arbeitseinsatzes Thun sind Langzeitarbeitslose am Werk. Wie sieht die Auftragslage im Moment aus?

Peter Siegenthaler: In diesen Werkstätten erledigen wir auch viele Aufträge für die Stadtverwaltung selber, zum Beispiel Mobiliar für Schulen oder Einrichtungen für das Tiefbauamt. Über die Hälfte des Arbeitsvolumens sind jedoch Aufträge ausserhalb der Verwaltung. Langzeitarbeitslose, unter ihnen viele 50plus, sind auch extern für die Stadt im Einsatz. Die Auftragslage insgesamt ist gut. Eine gewisse Unwägbarkeit dieser Einsätze liegt bei den Beschäftigten selber, denn ihre Leistungsfähigkeit und ihre Leistungsbereitschaft sind oft eingeschränkt. Es gibt auch viele krankheitsbedingte Ausfälle. Das erschwert das Termingeschäft.

Ziel ist die Integration im Arbeitsmarkt. Wie hoch ist die Erfolgsquote?

Siegenthaler: In allen Programmen waren im letzten Jahr 260 Personen beschäftigt; die Vermittlungsquote lag bei 36 Prozent. Mehr als ein Drittel unserer Klienten fand demnach eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt. Diese hohe Erfolgsquote ist nicht zuletzt das Verdienst unserer Arbeitsvermittlerin Barbara Schneider, die ein sehr gutes Beziehungsnetz zu Unternehmen in der Region hat. Unter den Vermittelten gab es auch einige ältere Erwerbslose, wobei jüngere Personen erheblich einfacher vermittelbar sind. Eine genaue Statistik führen wir nicht. Zum Problem der Arbeitslosigkeit kommen in vielen Fällen auch Sucht- und Gesundheitsprobleme sowie sprachliche Defizite hinzu, was die Vermittelbarkeit erschwert. Gleichzeitig nimmt das Stellenangebot an niederschwelligen Arbeiten laufend ab.

Abbaumassnahmen bei den Sozialversicherungen haben das Problem der Erwerbslosigkeit verschärft. Wie sehen Sie diesen Zusammenhang?

Siegenthaler: Wir stellen fest, dass nicht jeder und jede Ausgesteuerte automatisch beim Sozialdienst anklopft. Einige bringen sich mit kurzfristigen Beschäftigungen über die Runden. Tatsache ist auch, dass die Stellenangebote für Niedrigqualifizerte immer knapper werden. Rund die Hälfte unserer Leute haben keinen Berufsabschluss. Unser Hauptauftrag ist die Vermittlung im ersten Arbeitsmarkt, die Suche nach Lösungen im Sozialversicherungsbereich ist Aufgabe der Sozialdienste. 

Gibt es in den Programmen des Arbeitseinsatzes Thun spezielle Massnahmen für Leute ab 50plus?

Siegenthaler: Unsere Programme sind nicht auf Alterssegmente ausgerichtet, sondern unterscheiden sich für Frauen und Männer. Und sie sind immer auch auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarkts abgestimmt. Nähen zum Beispiel ist zwar eine sinnvolle Beschäftigung. Aber eine Näherin auf dem Arbeitsmarkt zu vermitteln, ist schwierig. Wir führen im Restaurant Alpenrösli eine Aussenstation, wo Leute im Gastronomiebereich Kenntnisse und Erfahrungen erwerben können, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich verbessern.

Die Produkte der Arbeitsintegration dürfen das Gewerbe nicht konkurrenzieren.

Siegenthaler: Das stimmt. Unsere Programme sind immer eine Gratwanderung. Man kann es so sagen: Zwischen dem Gewerbe und der Stadt Thun gibt es so etwas wie ein Stillhalteabkommen. Das Gewerbe hat es akzeptiert, dass Langzeitarbeitslose Mobiliar für Schulen produzieren und in der Velostation Fahrräder reparieren. Reine Beschäftigungstherapie ohne Bezug zu realen wirtschaftlichen Bedürfnissen eignet sich nicht als Fitnessprogramm für Erwerbslose, die auf dem Arbeitsmarkt integriert werden wollen. Das hat auch das Gewerbe eingesehen. Unsere Produkte sind auch nicht günstiger als jene der Privatwirtschaft. Wir wollen bewusst nicht billiger produzieren.

Brauchen ältere Arbeitnehmende einen besseren Schutz?

Siegenthaler: Ich unterstütze die Forderung nach einem besseren Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende. Diesbezüglich muss man nur die Neuanmeldungen bei der Sozialhilfe anschauen: Wenn treue Mitarbeitende nach 30 Jahren kurz vor ihrer Pensionierung ohne Selbstverschulden wegrationalisiert werden, dann werden Familienstrukturen und Menschen zerstört. Jüngere können vielleicht noch besser umgehen mit solchen Schicksalsschlägen. Auch die Sozialhilfe müsste flexibler reagieren können auf altersspezifische Bedürfnisse. Heute ist sie allzu sehr auf Paragrafen und Buchstaben ausgerichtet. Ich hoffe, dass dies bei der nächsten Revision des Sozialhilfe­gesetzes gelingt. Zudem müssten auch die Sozialversicherungen besser aufeinander abgestimmt werden.

Eben hat der Grosse Rat den vierten Sozialbericht des Kantons Bern beraten. Armut und Armutsgefährdung nehmen weiter zu. Entspricht der Bericht Ihrer Wahrnehmung?

Siegenthaler: Viele Teilnehmende in unseren Programmen sind von Armut betroffen. Wir sehen sie auf der Abteilung; und ich kenne einige persönlich. Es ist hart mit anzusehen, mit wie wenig Geld sie über die Runden kommen müssen. Am Schluss bleiben ihnen ein paar Franken übrig, mit denen sie sich hin und wieder ein Bier leisten können, das sie über ihr Schicksal hinwegtröstet. Aber von einer Teilnahme am sozialen und kulturellen Leben kann keine Rede sein. Sie hängen nicht auf der Strasse herum und sind im öffentlichen Raum nicht sichtbar. So lange kein Missbrauch stattfindet, heisst es dann nur: Die Sozialhilfe hat ihren Auftrag erfüllt. 

Zunehmendes Gerangel auf dem Arbeitsmarkt

Sozialversicherungen • Der Leistungsabbau bei den Sozialversicherungen hat die Zahl der Stellensuchenden massiv erhöht. Der Gewerkschaftsbund rechnet in einer Studie mit 100?000 zusätzlichen Personen, die auf Erwerb angewiesen sind.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB hat die Auswirkungen der Sozialversicherungsreformen der letzten 20 Jahre untersucht und dazu kürzlich eine Studie veröffentlicht. Mit «besorgniserregendem» Befund: 90?000 bis 100?000 Personen mehr seien wegen Leistungsverschlechterungen bei den Sozialversicherungen auf einen Erwerb angewiesen und blieben aktiv auf dem Arbeitsmarkt. Das entspricht knapp zwei Prozent der Erwerbspersonen. Bei einem grossen Teil handelt es sich um ältere Arbeitnehmende. Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist laut SGB die Folge.

Die massgeblichen Ursachen dieser Entwicklung ortet der SGB bei der Erhöhung des AHV-Frauenrentenalters von 62 auf 64 Jahre, der verschärften Rentenpraxis der IV und der Erhöhung der reglementarischen Rentenalter in den Pensionskassen. Die Zunahme der Erwerbsbevölkerung sei nicht auf einen gestiegenen Arbeitskräftebedarf der Unternehmen zurückzuführen, sondern auf die geringeren Sozialversicherungsleistungen, so der SGB.

Erhöhung des Frauenrentenalters

Im Rahmen der Altersreform 2020 ist eine weitere Erhöhung des Frauenrentenalters auf 65 Jahre geplant. Gemäss SGB-Berechnungen würden dadurch nochmals 18?000 bis 25?000 Frauen mehr auf einen Erwerb angewiesen sein. Deshalb fordert der SGB dringend den Verzicht auf die Erhöhung der Rentenaltersgrenze.

«Das Problem der älteren Arbeitnehmenden wird dadurch noch vergrös­sert», sagt die Geschäftsleitende SGB-Zentralsekretärin Doris Bianchi. Es brauche, wie die Gewerkschaften denn auch fordern, einen besseren Kündigungsschutz für ältere Arbeitnehmende. Am Podiumsgespräch zur Gründung des neuen Kompetenzzentrums 50plus in Münsingen brachte sie die Studie zur Sprache. Nicht jede dieser zusätzlichen Erwerbspersonen sei eine gesuchte Fachkraft. Bianchi bringt die Folgen des Leistungsabbaus auf den Punkt: «Das Gerangel auf dem Arbeitsmarkt nimmt zu.» Bianchi räumt auch auf mit dem weit verbreiteten Vorurteil, wonach ältere Arbeitnehmende teurer seien als jüngere: «Viele Ältere sind bereit zu Lohnverzicht.» Zudem hätten viele Pensionskassen ihre Reglemente revidiert und rechneten heute mit abgeflachten Beiträgen.

Nicht die Pensionskassenbeiträge seien das grösste Problem, sondern die Krankentaggeldversicherung: «Die Beiträge für Ältere sind höher als für Jüngere, weil Ältere ein höheres Krankheits- und damit Ausfallrisiko haben.»

Diverse IV-Revisionen

Den grössten Anteil der Zunahme Stellensuchender, nämlich 40 Prozent, führt der SGB auf Reformen bei der IV zurück, je 30 Prozent seien die Folge der Erhöhung des Frauenrentenalters und zusätzlichen Hindernissen bei Frühpensionierungen. Die IV-Revisionen der letzten 20 Jahre brachten zahlreiche Verschärfungen bezüglich Leistungsanspruch mit sich. Die 4. IV-Revision, seit 2004 in Kraft, führte durch verschiedene Massnahmen wie etwa die neu eingeführten regionalen ärztlichen Dienste, die verstärkte Arbeitsvermittlung und die generell restriktivere Praxis zu weniger IV-Neurenten.

Die 5. IV-Revision, in Kraft seit 2008, hatte zum Ziel, den Grundsatz «Eingliederung vor Rente» voranzutreiben und sah Massnahmen zur beruflichen Eingliederung vor. Zudem wurden Sparmassnahmen umgesetzt, etwa eine höhere minimale Beitragsdauer. In der Folge sank die Zahl der IV-Neurenten weiter. Die IV-Revision 6a sieht eine verstärkte Wiedereingliederung von Rentenbeziehenden ins Erwerbsleben vor. Da diese Reform erst 2012 wirksam wurde, vernachlässigte der SGB die Auswirkungen für den gewählten Zeitraum. Nebst den Reformen berücksichtigte die Studie auch die strengere Gerichtspraxis in Bezug auf die Rentensprechung, insbesondere bei schwer objektivierbaren Gesundheitsschäden.