19.04.2017

Umbruch in der alternativen Kulturszene

Seit über 30 Jahren bietet die Café Bar Mokka sowohl der Popkultur als auch dem alternativen Kulturschaffen eine Bühne.Mokka-Geschäftsführer Marc Schär kann im Hintergrund auf ein eingespieltes Team zählen.Der unverwüstliche Kulturtempel an der Allmendstrasse 14 in Thun.Von links nach rechts: Mischa, Nicola und Eric vor den verschlossenen Türen des Alternativen Kultur- und Politzentrums an der Seestrasse 20 in Thun.

Seit über 30 Jahren bietet die Café Bar Mokka sowohl der Popkultur als auch dem alternativen Kulturschaffen eine Bühne.

Mokka-Geschäftsführer Marc Schär kann im Hintergrund auf ein eingespieltes Team zählen.

Der unverwüstliche Kulturtempel an der Allmendstrasse 14 in Thun.

Von links nach rechts: Mischa, Nicola und Eric vor den verschlossenen Türen des Alternativen Kultur- und Politzentrums an der Seestrasse 20 in Thun.

Thun • Seit dem Ende der Partymeile auf dem Selve-Areal fristet die Alternativkultur in Thun ein Nischendasein. Im Kult-Lokal Mokka hat der Tod von Pädu Anliker eine Phase des Umbruchs ausgelöst. Und auch im Alternativen Kulturzentrum AKuT stehen die Zeichen auf Veränderung.

Salome Guida/Sebastian Meier

Die Meldung vom plötzlichen Ableben des Mokka-Gründers Beat «Pädu» Anliker erschütterte im vergangenen Herbst die Kulturszene weit über die Thuner Stadtgrenzen hinaus. Über drei Jahrzehnte hinweg hatte das selbsternannte «Monster of Ceremonies» den Club an der Allmendstrasse mit endloser Liebe und eisernem Willen zu einem detailtriefenden Gesamtkunstwerk von nationaler Ausstrahlung hochgepäppelt. 

Anliker selbst sah sich gerne als urbane Variante eines Bauern. Doch wie geht es mit dem Hof weiter, wenn der Bauer plötzlich fehlt? Diese Frage versucht die Belegschaft des Clubs dieser Tage zu klären. Inzwischen hat der Berner Marc Schär die Geschäftsleitung übernommen. Der erfahrene Veranstalter hatte nach der Hiobsbotschaft im Herbst dem Betreiberverein seine Dienste angeboten. Dies freilich nicht mit dem Ziel, den unersetzlichen Anliker zu ersetzen. «Ich kann und will nicht in seine Fussstapfen treten», sagt Schär und betont die wichtige Rolle des Teams, welches das Mokka seit Jahren durch teils raue Gewässer gesteuert hat. Der radikale Kurswechsel steht denn auch unter der neuen Leitung nicht an – und doch kann sich die Mokka-Crew dem Seiltanz zwischen dem Konservieren und Weiterentwickeln von Anlikers Vermächtnis nicht entziehen. 

Während das Mokka an seiner Zukunft arbeitet, wurde kürzlich in direkter Nachbarschaft ein Schlusspunkt unter ein bewegtes Stück Stadtgeschichte gesetzt. Die Metamorphose des Selve-Areals vom Industriegebiet zur Partymeile, über eine aufwendige Altlastensanierung bis hin zum verdichteten Wohnquartier wird von manchen als Erfolgsgeschichte gefeiert, von anderen als Anfang einer tiefgreifenden Transformation der ganzen Stadt beklagt. Das Ende der Partymeile auf der Selve war denn auch der Startschuss für ein neues Kapitel der anhaltenden Nachtleben-Debatte. Vor allem junge Menschen fühlten sich zunehmend unerwünscht und zogen scharenweise nach Bern ab. Thun handelte sich zunehmend den Ruf einer Stadt für alte Leute ein.

Im Jahr 2011 kam es in Thun sogar zu einer kleinen Rebellion – mitsamt illegalen Hausbesetzungen, welche aber allesamt friedlich verliefen. Die Forderung der jungen Leute – ein selbstverwaltetes Haus – fand schliesslich auch in der Politik Gehör. Mit dem Alternativen Kultur- und Politzentrum AKuT konnte die Stadt die Wogen vorerst etwas glätten. Seither wird die Nachtleben-Debatte wieder in den geordneten Bahnen der politischen Institutionen geführt, welche zuletzt etwa einen Pilotversuch mit längeren Öffnungszeiten für Gartenrestaurants bewilligt haben. 

Während die Nachtleben-Debatte immer mal wieder aufflammt, hat sich das AKuT in seiner Nische eingenistet. Doch auch hier kündigt sich ein Umbruch an. Seit vergangenem Herbst hat das Lokal den Betrieb eingestellt. Grund dafür ist auch hier eine Restrukturierung, welche dieser Tage den Betreiberverein beschäftigt. Ende 2016 sei sogar die definitive Schliessung des Lokals zur Diskussion gestanden, sagen Mitglieder der Kollektives. 

Wie weiter in der Café Bar Mokka?

Thun • Unter neuer Führung startet das legendäre Kulturlokal in seinen 31. Frühling. Der Spagat zwischen Bewahren und Erneuern ist eine Herausforderung.

Fünfeinhalb Monate ist es her, seit Pädu Anliker, Mitbegründer und prägendste Figur des Café Mokka in Thun, unerwartet gestorben ist. Sowohl für auftretende Bands als auch für Konzert- und Barbesucherinnen und -besucher war das legendäre Kulturlokal über Jahre untrennbar mit «MC Anliker» verbunden. Manchmal ging fast vergessen, dass mit ihm ein buntes Team mit grossem Einsatz für den reibungslosen Ablauf des Clubs verantwortlich zeichnete. Dieser Truppe ist es auch zu verdanken, dass das Programm nach Anlikers Tod beinahe nahtlos weitergeführt werden konnte. 

Altes Team mit neuer Führung

Anliker war weit mehr anwesend als sein offizielles 100-Prozent-Pensum je hätte abdecken können. So war bald klar, dass der Verein, der das Mokka führt, andere Strukturen schaffen muss. Der Vereinsvorstand führte Gespräche mit potenziellen Geschäftsführern und holte per 1. Januar Marc Schär ins Boot, der seine Hilfe angeboten hatte. Schär, seit über 20 Jahren mit «musicline» selbständig als Kultur- und Veranstaltungsmanager und seit seiner Jugend mit dem Mokka verbunden, verfügt sowohl über betriebswirtschaftliches Fachwissen als auch einen riesigen Erfahrungsschatz im Kulturbereich. 

Der ideale Mann also, um Pädu Anlikers Arbeit weiterzuführen? «Ich kann und will nicht in seine Fussstapfen treten», sagt Schär. Seine Stärken und seine Führungskraft werden vom Bestehenden ergänzt: «Wir haben ein breites Team aufgestellt; ausser mir sind dies alles Leute aus dem bisherigen Betrieb», erklärt er. Liefen die Fäden vorher alle bei Pädu Anliker zusammen, sind heute Arbeitsgruppen verantwortlich für ihre Ressorts. Ein gutes halbes Dutzend Personen arbeitet regelmässig mehr als acht Stunden pro Woche für das Mokka. Dazu kommen zahlreiche Aushilfen, auch ganz junge: Sie stellen sicher, dass das Mokka seinem Zielpublikum – Teenagern und jungen Erwachsenen Anfang Zwanzig – eng verbunden bleibt. 

«Pädu hätte das anders gemacht»

Seit seinem Antritt führte Marc Schär unzählige Gespräche – das Vakuum, das Anliker hinterlassen hatte, war nicht einfach zu füllen. «Pädu hätte das anders gemacht», bekommt er immer mal wieder zu hören – trotz dem Willen aller, nun in die Zukunft zu schauen. «Wie viel Gewicht geben wir der Geschichte, und wie viel Mut haben wir, um neue Pfade zu betreten?», fragt sich Schär immer wieder. Klar sei, dass ein Umdenken nötig ist. Das Ausgangs-Verhalten befinde sich im Umbruch. «Heute treffen sich Jugendliche eher an Privatpartys als im Club.» Das beobachtet der neue Geschäftsführer auch bei seinen zwei Söhnen. 

Das Mokka sei zudem nicht mehr eine Insel in der «Stadt der Falten». In Thun habe sich in den letzten Jahren einiges getan; diverse Kulturlokale bieten Ausgehwilligen immer mehr Optionen. Auch das ÖV-Angebot lässt heute dank dem Moonliner-Nachtbus Städte wie Bern, Basel und Zürich näher an Thun rücken, als dies noch vor zehn Jahren der Fall war. Umso wichtiger sei es, dass sowohl bekannte Künstlerinnen und Künstler als auch neue Namen ein abwechslungsreiches Line-Up ausmachen. Zudem setzt das Mokka-Team auf die Pflege der einzigartigen Atmosphäre, die der Club mit seiner Dekoration und seinen Slogans weitherum bekannt gemacht hat.

A wie Aki Kaurismäki, Z wie Züri West

Das Café Mokka präsentiert Monat für Monat ein vielseitiges Programm. Von nachmittäglichen Familienkonzerten oder Jazz-Abenden über Mundart-Rap und World Music bis hin zu Punk-Rock oder «Oriental World Psychedelic Gipsy Turkish Greek Sounds» gibt es fast alles zu hören. Drei bis vier Konzerte finden pro Woche statt, dazu kommen jeweils Donnerstag bis Sonntag noch die Disco-Abende.

Bis zum Abschluss der aktuellen Konzertsaison – Ende Mai – spielen teilweise noch Bands, deren Auftritte Pädu Anliker aufgegleist hatte. Ihm war es immer wichtig gewesen, dass sein Club nicht zu einem langweiligen Anbieter von Massenware wird. Auch Schär will mit Inhalten punkten, während er gleichzeitig sicherstellen muss, dass der Club gut besucht wird. Um all den Angeboten eine einladende Plattform zu bieten, ist ab Herbst die Einführung von «Labels» geplant. So wird für Interessierte schneller ersichtlich, in welche Richtung die Konzerte gehen. 

Marc Schär und dem Mokka-Team ist ein reichhaltiges Programm gelungen. Der Weltklasse-Jazzpianist Colin Vallon ist in der Reihe «Cocoon» ein hochkarätiger und regelmässiger Gast. Die jungen Berner Rapper (und die Rapperin) des Kollektivs «Chaostruppe» bringen revolutionäre Energie nach Thun, während die Finnen von Marko Haavisto & Poutahaukat das Mokka-Publikum so verzaubern werden wie sie auch regelmässig Aki Kaurismäkis Filme vertonen. 

Auf etwas freut sich der 44-jährige Musikliebhaber Marc Schär besonders: Am Erscheinungstag dieser Ausgabe wird Züri West «zum Aufwärmen für ihre Tour» im ausverkauften Mokka auftreten. Schär hatte Züri West schon im Mokka spielen gehört, als sie noch ein Geheimtipp waren. Umso schöner, dass der damalige «Mokka-Teenager» jetzt die berühmt gewordene Band in «seinem» Mokka willkommen heissen darf. Wie heisst es doch in einem ihrer bekanntesten Liedern? «Irgendeinisch fingt z Glück eim?…»

Alternativszene in der Kreativpause

Thun • Ohne viel Aufsehen zu erregen hat das Alternative Kulturzentrum AKuT im vergangenen November sein Kulturprogramm eingestellt und die Tore geschlossen. Drei Mitglieder des Betreiberkollektives erzählen, was im einst umstrittenen Lokal derzeit vor sich geht. 

Die Wogen gingen hoch, als sich der Stadtrat im Sommer 2013 mit dem neuen Alternativen Kulturlokal in Thun (AKuT) beschäftigte. Mitte-Rechts war wenig begeistert von der Idee, das baufällige alte Feldschlösschen-Depot im Gewerbegebiet südlich des Hauptbahnhofes für eine linksalternativ angehauchte Gruppe von jungen Leuten fit zu machen. Wenig begeistert war der SVP-Referent auch vom «Businessplan» der weitgehend anonymen Gruppe, von denen einige Mitglieder zuvor auch mit illegalen Hausbesetzungen aufgefallen waren. Mit einem zweiköpfigen Miniverein, symbolischen Mitgliederbeiträgen von je einem Franken und einem Getränkeverkauf, bei dem die Kundschaft den Preis des Getränkes selbst bestimmen darf, lasse sich kein Kulturbetrieb finanzieren, hiess es. Das Schreckgespenst einer Art staatlich geförderten, kleinen Berner Reitschule mitten in Thun machte die Runde. 

Fast vier Jahre sind seit der Eröffnung vergangen – und es ist seltsam ruhig geworden um das einst so umstrittene Kleinstlokal. In den Archiven finden sich keine Schlagzeilen, keine Polizeimeldung, kein einziger politischer Vorstoss. Zuletzt erfuhr man nicht einmal mehr über die Webseite des AKuT was sich derzeit im alten Bierdepot abspielt. Das einzige was man erfährt: Die Tür zum AKuT bleibe geschlossen. Das Kollektiv ziehe sich bis auf Weiteres für Diskussionen zurück. Seit November gibt es keine Veranstaltungen mehr. Was ist passiert?

Entscheidungsfindung ohne Hierarchie

Die linksalternative Szene reisst sich selten um Medientermine – auch nicht in Thun. Nach langem Hin und Her gewährt uns das «Kollektiv» schliesslich doch Einlass durch das bunt versprayte Haupttor. Drei junge Männer haben an einem Tisch Platz genommen und entschuldigen sich zunächst für die Unordnung im Lokal – man baue gerade einige Dinge um – und die harzige Terminfindung. «Wir wollen die Öffentlichkeit keineswegs ausschliessen», sagt Mischa, 25, Hochbauzeichner. Und zu verstecken habe man erst recht nichts. 

Grund für die organisatorischen Umwege seien die Strukturen des Kollektives, das aktuell etwa 50 Menschen zwischen 17 und 33 Jahren vereint. Im Durchschnitt seien aktuell 15 davon im Betrieb aktiv. Das Kollektiv kenne weder Hierarchien noch Mehrheitsbeschlüsse. Wichtige Entscheide fallen deshalb immer einstimmig oder gar nicht. Entsprechend schwierig sei es für einzelne Mitglieder, aus der Gruppe hervorzutreten ohne von Politik und Öffentlichkeit sogleich als «Anführer» oder «Sprecher» des Kollektives wahrgenommen zu werden. Sie seien Gleiche unter Gleichen. Punkt. 

Kein Streit, kein Vorfall

Warum also ist das Tor zu? Und wann geht es wieder auf? «Das wüssten wir selbst gerne», sagt Mischa. Im November habe man im Kollektiv noch darüber debattiert, ob das AKuT überhaupt wieder aufgehen wird. Diese Frage sei inzwischen geklärt – es soll weitergehen. Nach einem wahren Sitzungs-Marathon sei man inzwischen von der «Ob»-Frage zum «Wie» und «Wann» fortgeschritten. 

Tatsächlich sei man mit dem Kulturprogramm, den Besucherzahlen, aber auch mit den Finanzen und dem Nachwuchs an freiwilligen Helferinnen und Helfern stets zufrieden gewesen, sagt Nicola, 22, Detailhandelsfachmann. Es habe auch keinen Streit oder einen bestimmten Vorfall gegeben, der schliesslich zum Marschhalt geführt habe. Dennoch sei es an der Zeit gewesen, gewisse Strukturen, Rollenverteilungen und Erwartungen intern neu auszuhandeln – und zwar so lange bis der Konsens steht. Eine Schwierigkeit liege darin, dass auch ein 155 Quadratmeter Kleinlokal für jeden Anlass eine ganze Reihe von verlässlich arbeitenden Leuten brauche. Die Technik, der Einkauf, die Kasse, die Bar, das Saubermachen – alles braucht Personal, und das manchmal in zwei Schichten pro Abend. Dazu komme die konzeptionelle Arbeit in den einzelnen Projektgruppen, die halbjährlichen Treffen mit der Stadtrats-Delegation, das Marketing, die Webseite. Die investierten Arbeitsstunden des Kollektives seien nicht zu zählen, sagen die drei jungen Männer. Lohn erhält hingegen niemand. Dieser ist im Betriebskonzept nicht vorgesehen – und so soll es auch bleiben. 

Nicola bezeichnet sich inzwischen scherzhaft sogar als «Vollzeitfreiwilligen». Und auch Eric, 24, Schreiner, hat sich unter dem hart erkämpften Freiraum nicht unbedingt Administrativ­aufgaben und Endlossitzungen vorgestellt. «Wir wollten den Freiraum schliesslich auch für uns, nicht nur für unsere Gäste.» Noch immer sei die Mischung aus alternativer Subkultur und kritischer Politdebatte in Thun einzigartig und wertvoll. Noch immer sei er stolz, wenn ein Gast von Bern oder anderswo den Weg an ein Konzert im AKuT finde. Noch immer sei es wichtig, dass junge Menschen am eigenen Leib erfahren, dass man sich auch ohne Lohn engagieren kann, dass nicht alle Betriebe für den Gewinn arbeiten und dass das viel zitierte «Nachtleben» weit mehr sein kann als Saufen und die Sau rauslassen. 

Nachtleben-Debatte in der heissen Phase

Doch Freiraum müsse gepflegt werden, sagt Eric. Dass es zum Schnitt kommen musste, sei vielleicht auch historisch bedingt. Als einziger der drei war Eric bereits bei den Anfängen des AKuT dabei. Mit dem Kollektiv «A-perron», welches Ende 2011 erstmals mit der kurzzeitigen Besetzung der leerstehenden Emmi-Areals in Erscheinung trat, ging die seit längerem schwelende Nachtleben-Debatte damals in eine heisse Phase. Mit der Überbauung des Selve-Areals (siehe Kasten) habe sich in der Stadt eine kulturelle Monokultur breitgemacht, welche die Jugend in Scharen nach Bern abwandern liess, sagt Eric. «A-perron» stellte sich mit medienwirksamen Aktionen und der klaren Forderung nach einem «selbstverwalteten Haus» gegen diesen Trend. Mal wurde am 1. Mai das Thuner Schloss symbolisch besetzt, mal auf dem Waisenhausplatz ein Guerilla-Ping-Pong abgehalten; mal wurde die Innenstadt mit Vogelhäuschen verschönert, mal ein Festival im besetzten Gebäude des ehemaligen Kino Rex organisiert. 

Als im Kontext der Lärmklagen rund um das «Summerdance» im Mokka wieder intensiv über die schleichende Transformation Thuns in eine «Stadt der Alten» diskutiert wurde, fand auch «A-perron» bald Sympathisantinnen und ideelle Mitstreiter in Bevölkerung und Politik – und das nicht nur im linken Spektrum. Namentlich die damalige Gemeinderätin Ursula Haller habe schnell begriffen, dass man den Tatendrang der Jugend nicht mit ein paar Abendanlässen in Turnhallen stillen könne, sagt Eric. Haller liess sich überzeugen und warb bis tief ins rechte Lager für die Kernforderung der Jung­spunde: ein eigenes Haus.

Das zweite Leben der Mokka-Technik

Ein richtiges Haus wurde es schliesslich nicht – aber immerhin ein kleines Gebäude mit abgefucktem Charme und ohne lärmsensible Nachbarschaft, dafür mit Gleisanstoss und einer Laderampe als Terrasse. Die Stadt konnte mit dem AKuT mit knapp 100?000 Franken Sanierungskosten und einem wiederkehrenden kleinen Mietausfall eine über die Stadtgrenzen hinaus schwelende Debatte entschärfen, die möglicherweise auf Dauer deutlich haariger geworden wäre. Beide Seiten waren zufrieden, das Kriegsbeil wurde begraben. 

Die sesshaft gewordenen Hausbesetzerinnen und Rebellen begannen sogleich zu sägen und löten, malen und planen. MC Anliker spendete seine ausgediente Soundanlage aus dem Mokka und bald wurden die ersten Konzerte, Lesungen, Diskussionszirkel, Strick-Workshops und Parties durchgeführt. Jeder konnte mitmachen, und alle hatten Visionen für das leere Tummelfeld. 

Bis heute habe sich daran nichts geändert, sagt Mischa. Das AKuT sei weiterhin ein unbezahlbarer Freiraum für junge Ideen, der bis heute von vielen Thunerinnen und Thunern verkannt oder schlichtweg ignoriert werde. Mit dem Haus kam aber auch die Hausarbeit, mit der Bühne der Koordinationsaufwand, mit dem Kollektiv die Sitzungen, mit dem jungen Zielpublikum die Vorbildfunktion und mit den hehren Idealen auch die Verantwortung diese durchzusetzen. Weil das Kollektiv rasant wuchs, dachte bald jeder, dass dies und jenes dann schon jemand erledigen wird. Bald hatte nur noch eine Handvoll Personen das grössere Bild im Auge. Bald gab es auch im hierarchielosen Kollektiv Schwerstarbeiter und Rosinenpicker. Das war schnell erkannt, sei aber im Enthusiasmus der Gründerphase untergegangen. 

Wiedereröffnung diesen Sommer?

«Über zwei Jahre lang haben wir uns nie die Zeit genommen, die nötigen Grundsatzdiskussionen zu führen», sagt Eric. Für diese Denkpause habe man jetzt gesorgt – auch wenn die geschlossene Türe und die leere Bühne allen Beteiligten das Herz brechen und die endlosen Sitzungen dem eigenen Tatendrang zuwiderlaufen. Doch man sei auf gutem Weg, sagen die drei, der Ton sei konstruktiv und die ersten Pflöcke eingeschlagen. Noch wagt aber niemand eine Prognose, wann das AKuT die Kreativpause beendet. Dieses Jahr? «Wahrscheinlich.» Diesen Sommer? «Vielleicht.» Noch stehe der Konsens nicht.