11.07.2017

Wie viele Zivis verträgt die Schweiz?

Ein Zivi begleitet während eines Einsatzes in der ambulanten Pflege und Betreuung (Spitex) eine Klientin beim Einkauf.Jannik Richener leistet seinen letzten Zivildiensteinsatz auf der Aeschiallmend oberhalb von Aeschiried auf 1150 M.?ü.?M.Bis der Ständerat entschieden hat, bleibt es den Zivildienstleistenden überlassen, ob sie bei der Arbeit eine Uniform tragen.zvg/Olivier RüegseggerSeit 2009 können sich Diensttaugliche für den Zivildienst melden, ohne einen Gewissenskonflikt nachweisen zu müssen. Im Jahr 2011 wurde die Gesuchstellung leicht erschwert.Daten: WBF/Grafik: BLB

Ein Zivi begleitet während eines Einsatzes in der ambulanten Pflege und Betreuung (Spitex) eine Klientin beim Einkauf.

Jannik Richener leistet seinen letzten Zivildiensteinsatz auf der Aeschiallmend oberhalb von Aeschiried auf 1150 M.?ü.?M.

Bis der Ständerat entschieden hat, bleibt es den Zivildienstleistenden überlassen, ob sie bei der Arbeit eine Uniform tragen.zvg/Olivier Rüegsegger

Seit 2009 können sich Diensttaugliche für den Zivildienst melden, ohne einen Gewissenskonflikt nachweisen zu müssen. Im Jahr 2011 wurde die Gesuchstellung leicht erschwert.Daten: WBF/Grafik: BLB

Politik • Einst wurde der Zivildienst als Ersatzpflicht für Dienstverweigerer eingeführt. Inzwischen entscheiden sich aber immer mehr junge Männer aus ideellen, familiären oder beruflichen Gründen gegen den Dienst an der Waffe – und für soziale Einsätze am Puls der Gesellschaft. Der Bundesrat ist besorgt.

Sebastian Meier

Anfang Juli begann für rund 7800 junge Männer und immerhin 145 junge Frauen ein neuer Lebensabschnitt. In den kommenden Wochen und Monaten werden sie in militärischer Disziplin für den Ernstfall ausgebildet. Auf dem Weg dorthin lauern viele Beschwerlichkeiten – darunter lange Märsche, kurze Nächte, aber auch Absenzen am Arbeitsplatz und die Eingliederung in eine strenge Befehlskette. Zum Abschluss der Rek-rutenschule (RS) winkt die Aussicht, im Ernstfall mit Leib und Leben für die Sicherheit des Heimatlandes eintreten zu müssen. 

Wenn sich die Zahlen – trotz laufender Armeereform – heuer ähnlich entwickeln wie in den vergangenen Jahren, werden bis zum Jahresende rund 18?000 Rekrutinnen und Rekruten ihren Militärdienst angetreten haben. Gleichzeitig dürfte sich die Anzahl der bewilligten Gesuche für den Zivildienst in diesem Jahr weiter der Marke von 7000 nähern – vielen Politikern und einigen Politikerinnen ist diese Zahl zu hoch. 

Der zivile Ersatzdienst wurde Mitte der 1990er-Jahre mit dem Ziel eingeführt, den Dienstverweigerern eine zivile Alternative zu bieten, sich auf nützliche Weise in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Die Hürden wurden damals hoch gelegt. Namentlich mussten die Interessierten ausführlich begründen, weshalb ein Dienst an der Waffe für sie nicht in Frage komme. Inzwischen hat sich der Zivildienst zu einer frei wählbaren Alternative gewandelt. Entsprechend leisten nicht mehr nur Personen Zivildienst, die den Dienst an der Waffe aus ethischen Gründen ablehnen. Im Falle von Jannik Richener aus Uetendorf war es beispielsweise die Geburt der ersten Tochter, die den Ausschlag für den Entscheid gab, sich aus dem Militär abzumelden. Inzwischen ist er dreifacher Vater und steht kurz vor dem Abschluss seines letzten Einsatzes auf einer Alp hoch über dem Thunersee.

Dazu kommen immer mehr junge Männer, welche die Rekrutenschule zwar antreten, aber irgendwann im Verlauf der Dienstpflicht auf den Zivildienst umsatteln. Besonders viele dieser

despektierlich mit «Abschleicher» bezeichneten Dienstpflichtigen legen unmittelbar nach der Rekrutenschule die Waffen nieder. 

Die Abwanderung aus der Armee ist inzwischen so weit verbreitet, dass sich der Armeechef Sorgen um die Einsatzbereitschaft des Heeres macht. Noch vor kurzer Zeit demonstrierte der Bundesrat demgegenüber Gelassenheit. In den vergangenen Monaten hat der Wind gedreht. Auch im Bundeshaus wird die Lage inzwischen als «ernst» bewertet. Ein Reformpaket soll demnächst das Verhältnis zwischen Militär- und Zivildienst wieder ins Lot rücken – und den Zivildienst abwerten. 

Derweil hat der Nationalrat den Umbau des Zivildienstes bereits tatkräftig vorangetrieben. So soll etwa die Dienstzeit für «Abschleicher» massiv erhöht und eine umstrittene Uniformpflicht eingeführt werden. Die Ratsminderheit sieht in diesen Massnahmen eine reine Schikane und spielt den Ball zurück: Die Armee müsse zuerst die eigenen Hausaufgaben machen.

Wenn der Familienvater auf die Alp geht

Oberland • Jannik Richener beendet dieser Tage seinen Zivildienst auf einem Alpbetrieb in Aeschiried. Eigentlich hätte er den Militärdienst gerne absolviert – aber es kam anders.

Von Aeschiried aus wirkt der Thunersee wie eine Pfütze und Thun wie eine Zwergensiedlung. Modelleisenbahnen schlängeln sich durch Spiez. Auf 1150 Meter über Meer steckt Jannik Richener alle paar Meter einen bunten Stab in die feuchte Erde der Aeschiallmend. Dieser Wiesenabschnitt müsse dringend abgegrast werden, sagt der 26-jährige Uetendorfer. Er zeigt auf ein Büschel gelb verfärbter Grashalme und vereinzelte blutrote Blacken. «Die fressen die Kühe nicht», sagt Richener. Was nicht gefressen wird, wuchert weiter und wertet das Kulturland ab. Und wenn die Kühe nicht mehr genug zu Beissen haben, gibt es weniger Milch – und weniger Käse aus der «Aeschi-Aumi», dem Alpbetrieb, auf dem Richener seinen Zivildienst leistet. Nach knapp 100 Tagen bei der Bauernfamilie von Känel sitzen die Handgriffe. In Gummistiefeln und Landi-Hosen wirkt Richener schon fast selber wie ein Älpler. In Tat und Wahrheit ist er aber gelernter Kleinkindererzieher und fährt jeden Abend zurück ins Gürbetal, heim zu Frau und Kindern. 

«Dem Militär war ich nicht abgeneigt»

Bis zu einem gewissen Grad sei es Zufall gewesen, dass er nicht im Militär gelandet sei, sagt Richener. Eigentlich hätte er die Erfahrungen gerne gesammelt, selbst erlebt, worüber alle sprechen, und sich ein eigenes Bild davon gemacht. Dass es das Militär braucht, steht für ihn ausser Frage. Doch vor der RS stand Richener bereits an einem anderen Punkt als mancher seiner gleichaltrigen Kollegen. Die Lehre hatte er bereits abgeschlossen, als seine Partnerin schwanger wurde. Der Geburtstermin lag im Dezember – der Dienstantritt im November. 

Richener wollte die Geburt keinesfalls verpassen und seine Frau im Wochenbett nicht allein lassen. Der Entscheid war für ihn deshalb klar: Er meldete sich sofort beim Zivildienst an und begann wenige Wochen später als Zivi in einer Pflegeinstitution für Betagte. Der Plan ging auf – im Dezember nahm er seine zwei Wochen Ferien und war an der Seite seiner Frau, als die erste Tochter das Licht der Welt erblickte. 

Seine erste Aufgabe als Zivi war allerdings alles andere als einfach, sagt

Richener. Während zuhause ein neues Leben im Entstehen war, brachte ihn seine Arbeit in hautnahen Kontakt mit dem Tod. In einem halben Jahr sah er mehrere betagte Patientinnen und Patienten sterben. «Das war schon happig», sagt er. Trotzdem habe er sich als Aussenstehender im eingespielten Profiteam eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit dem schweren Thema aneignen können. 

Das zweite Leben der Dinge

Die nächsten Aufgaben waren dann zumindest psychisch etwas weniger «happig». Einen Monat arbeitete er in einem Brockenhaus in Einigen. Was trivial tönte, habe sich als überraschend vielschichtige Erfahrung entpuppt. «Ich lernte viel über die Wertschätzung gegenüber dem Material», sagt Richener. Allein die Beobachtung, dass scheinbar wertlose Dinge bei anderen Menschen immer noch Freude auslösen, Budgets entlasten und Lebensqualität bedeuten können, habe seinen Umgang mit Gegenständen grundlegend verändert. Bis heute gehe er mit seiner Familie immer zuerst ins Brocki, bevor etwas Neues angeschafft werde.

Es folgten weitere zwei Monate in der Hauswirtschaft eines Altersheimes und schliesslich ein Monat auf dem Hof eines Selbstversorgers in Homberg. Letzteres war eine so beeindruckende Erfahrung, dass der gebürtige Stadtberner für die letzten 102 Tage seiner 390-tägigen Dienstpflicht erneut einen Landwirtschaftsbetrieb suchte – und den Alpbetrieb der von Känels in Aeschiried fand. 

Brücke zwischen Stadt und Land

Ein bis zwei Zivis hole er jede Saison auf die Alp, sagt Hausherr Adrian von Känel. Dies nicht, um Kühe zu melken oder Milch zu verkäsen, sondern für die Kulturlandpflege. Diese gehe im Tagesgeschäft oft unter, sagt der Älpler. Also pflockt der Zivi Zäune, rupft Unkraut aus, fällt Bäume und hält so die Matten saftig und frei von allerlei Gewucher. 

Nicht alle Zivis seien begeistert von der harten, körperlichen Arbeit, sagt von Känel. «Viele kommen aus der Stadt oder aus dem Sozialbereich und sind handwerklich gar nicht begabt.» Das sei bei Jannik Richener nicht anders gewesen. Dafür seien die jungen Männer in der Regel intelligent und lernten schnell. «Schliesslich hat jeder seine Aufgabe erledigt», sagt von Känel. Noch nie habe er einen Zivi vorzeitig zurück ins Tal schicken müssen. Im Gegenteil: Die Aussensicht der Gastarbeiter sorge für Dynamik im Betrieb. Dazu würden sie durch ihre Erfahrungen in Aeschiried nicht nur zu Botschaftern des ländlichen Raums, sondern oft auch zu Stammkunden der Alpkäserei. 

Sowieso habe sich seine Haltung gegenüber dem Zivildienst verändert, sagt von Känel. Er selbst hat die RS absolviert und bis zum Unteroffizier weitergemacht. Unter Kameraden habe man die Zivis stets belächelt. Heute sagt er: «Der Zivildienst ist gegenüber dem Militärdienst ganz klar gleichwertig.»

Auch der Zivildienst fordert Disziplin

Das sieht auch Jannik Richener so. «Gleichwertig» bedeute aber nicht «das Gleiche tun». Selbstverständlich sei es nicht dasselbe, in Kampfmontur durch den Schlamm zu robben oder im Brockenhaus Antiquitäten aufzumöbeln. Und doch habe ihn jede Aufgabe weitergebracht. Die eigenständige Koordination von Zivildiensteinsätzen, Familiengründung und Berufsleben brauche viel Disziplin. Das Einleben in die wechselnden Teams erfordere zudem viel Sozialkompetenz und das Erlernen von neuen Tätigkeiten viel Ausdauer und Frusttoleranz. Nicht zuletzt entwickle man eine neue Sicht auf Bereiche der Gesellschaft, die bis anhin unendlich weit entfernt schienen. 

Die Erfahrung auf den beiden Landwirtschaftsbetrieben könnte für den einstigen Städter gar zum biographischen Schlüsselerlebnis werden. Inzwischen ist die Jungmannschaft der Familie auf drei Kinder angewachsen. Die Ausbildung als Kleinkinder­erzieher hat ihn gewissermassen in den eigenen vier Wänden eingeholt und Richener möchte mit seiner Familie zu neuen Ufern aufbrechen. «Man soll die Gelegenheiten nutzen, wenn sie sich ergeben, sonst endet man im Trott», sagt Jannik Richener. Der aktuelle Plan des jungen Familienvaters: eine weitere Lehre – diesmal als Landwirt. 

Zivildienst-Boom: Bundesbern zieht die Schrauben an

Schweiz • Immer mehr junge Männer laufen vom Militär in den Zivildienst über. Um der Entwicklung entgegenzuwirken, machen Bundesrat und National­rat den sogenannten «Abschleichern» zunehmend das Leben schwer. Umstritten sind aber auch die Daten, die den Engpass in der Armee belegen sollen.

Sie rackern sich auf der Alp ab, reissen Neophyten aus, helfen in Spitälern oder begleiten Obdachlose. Seit vergangenem Sommer helfen die liebevoll als «Zivis» bezeichneten Zivildienstleistenden sogar an Schulen aus. Und doch haben die sozial engagierten jungen Männer in Bundesbern keinen besonders guten Ruf: Zuletzt beklagte sich die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat wieder über «Abschleicher», die den «blauen Weg» nehmen, um sich vom beschwerlichen Militärdienst zu befreien.

Der aus Sicht der Kritikerinnen und Kritiker zu bequeme Zivildienst mit Ferienregelung und Feierabend zuhause laufe dem beschwerlichen und unangenehmen Miliärdienst zunehmend den Rang ab. Tatsächlich ist die Anzahl Zivis zuletzt stark angestiegen: Seit dem Inte­ressierte keinen moralischen Gewissenskonflikt mehr belegen müssen, haben sich die Gesuche vervierfacht.

Inzwischen sehen nicht mehr nur der Armeechef, sondern auch die zuständigen Bundesräte das Gleichgewicht zwischen Wehrdienst und Zivildienst in Gefahr. Bundesrat Johann Schneider-Ammann hat deshalb für den Herbst neue Gesetzesvorschläge angekündigt, die den Trend brechen sollen. Noch bevor der Bundesrat seine Rezepte aber überhaupt präsentieren konnte, macht der Nationalrat bereits Nägel mit Köpfen und zieht die Schrauben beim Zivildienst an.

Zivildienst soll zügeln

Gleich drei Motionen der Sicherheits-politischen Kommissionen SIK fanden im Nationalrat bereits den Segen der Mehrheit. Im Februar beschloss die Grosse Kammer, die Vollzugsstelle für den Zivildienst mit Geschäftsstelle in Thun vom Volkswirtschaftsdepartement WBF ins Militärdepartement VBS zu verlegen. Der Bundesrat argumentierte damals vergeblich, dass das WBF nicht nur wegen seiner Nähe zu den zivilen Einsatzfeldern und Arbeitgebern der richtige Ort für die Koordinationsstelle sei. Historisch war durch diese Zuteilung der Gewissenskonflikt der Zivildienstleistenden gewürdigt worden. Schliesslich war der Zivildienst 1996 als zivile Alternative zur damals noch verbreiteten Dienstverweigerung eingeführt worden – und nicht als Teil der militärischen Strukturen.

Im Juni wurde auch die SIK-Motion überwiesen, wonach die Zivis auf allen Einsätzen – vom Alpbetrieb bis ins Universitätsspital – künftig eine Uniform oder ein anderes Erkennungszeichen tragen müssen (siehe Kasten). Schliesslich geht eine dritte Motion der SIK mit einer Ja-Empfehlung vom National- in den Ständerat: Militärdienstleistende, die aus dem Dienst in den Zivildienst wechseln, sollen nur noch die Hälfte der geleisteten Diensttage anrechnen können. 

Rechnen für Fortgeschrittene

Diese dritte Motion birgt einigen Zündstoff. Bereits heute müssen Zivildienstleistende nämlich das 1,5-fache der Militärdienstdauer absolvieren. Diese Verlängerung sollte ursprünglich garantieren, dass die Militärbestände weiterhin gesichert sind. Immer mehr junge Männer (und eine Handvoll Frauen) schlucken diese Kröte aber offenbar problemlos. 2016 entschieden sich bereits vor dem Dienstantritt 2872 Personen für den Zivildienst. Nach Beginn der Rekrutenschule (RS) wechselten weitere 926 und nach vollendeter RS nochmal 2371 in den Zivildienst. 

Die letztgenannte Gruppe sorgt unter der Bundeshauskuppel für besonders viele rote Köpfe. Mit dem Schritt in den Zivildienst erweist sich die aufwändige militärische Grundausbildung für die Armee als teure Investition ohne Gegenleistung. Die despektierlich als «Abschleicher» bezeichneten Personen sollen denn besonders hart angepackt werden. Für sie soll die Dauer der Dienstpflicht nochmals deutlich angehoben werden. Wer unmittelbar nach der bestandenen RS wechselt, würde die verbleibenden 134 Militärdiensttage neu mit 296 Zivildiensttagen kompensieren müssen. Dies entspricht einem Faktor von 2,2. Je mehr militärische Wiederholungskurse (WK) bereits abolviert wurden, desto höher wird der Faktor. 

Der Bundesrat rechnet in seiner Antwort auf die SIK-Motion den hypothetischen Extremfall durch: Eine Person wechselt einen Tag vor dem Erfüllen der Dienstpflicht in den Zivildienst. Statt einem einzigen, letzten Tag im Militär winken dann noch stolze sechseinhalb Monate im Zivildienst. Dies entspricht dem Faktor 195. 

Geritzte Gerechtigkeit?

Die Rechnung ging für das militärkritische Lager im Nationalrat nicht auf. Mitte-Links argumentierte, dass es an der Armee sei, den Dienst attraktiver sowie fürs berufliche und zivile Leben verwertbar zu machen. Auch der bürgerlich dominierte Bundesrat kritisierte

den Vorstoss scharf. Die Umsetzung der Motion hätte gemäss seiner Antwort den Charakter einer «unverhältnismässigen Sanktion» und wäre «nicht mit dem Rechtsgleichheitsgebot vereinbar». Zudem bestehe die Gefahr, dass die «Wehrgerechtigkeit geschwächt» würde, weil immer weniger Militärdienstpflichtige überhaupt einen persönlichen Dienst leisten. Tatsächlich war es dem Bundesrat eben erst gelungen, die medizinischen Ausmusterungen bei einem immer noch hohen Wert von über 30 Prozent zu stabilisieren – vorerst.

Die Krux mit den Zahlen

Doch trotz aller Kritik am Vorgehen des Nationalrats: Der Bundesrat sieht Handlungsbedarf. Um den Soll-Bestand von 100?000 Mann sicherzustellen braucht die Armee nämlich rund 140?000 einsetzbare Männer und Frauen. Um diese Zahl auf Dauer halten zu können, braucht es wiederum jährlich 18?000 frisch ausgebildete Rekruten. 

Bis Ende 2015 ging die Rechnung für den Bundesrat noch auf – die Bestände der Armee seien durch den Zivi-Boom «nicht gefährdet». Nun hat der Wind gedreht. Sowohl Bundesrat Schneider-Ammann als Kollege Guy Barmerin beurteilen die gegenläufigen Trends bei Zivil- und Militärdienst nämlich inzwischen als «ernst». Langfristig sei die Einsatzfähigkeit des Heeres und damit der Verfassungsauftrag gefährdet. Der Bundesrat will deshalb im Herbst Vorschläge präsentieren, wie der Zugang zum Zivildienst erschwert werden soll. Diskutiert werden unter anderem Einschränkungen bei der Wahlfreiheit der Einsätze oder ein Minimum an Diensttagen.

Wie gravierend die Bedrohung der Armeebestände ist, wurde in den vergangenen Wochen aber zunehmend in Frage gestellt. Der «Bund» rechnete vor, dass die Bestände zuletzt auch wegen einer neuen Zählweise gesunken sind: 15?000 Personen werden nicht mehr mitgezählt, würden im Ernstfall aber zur Verfügung stehen. Darunter unter anderem Durchdiener, die ihre Ausbildungspflicht erfüllt haben und Armeeangehörige im Entlassungsjahr. 

Mit dem Titel «Verwirrspiel um Bestandesgrösse der Armee» wurde vonseiten der SP im Nationalrat bereits ein entsprechender Vorstoss eingereicht. Schon diesen Herbst dürfte die Debatte um den Zivildienst wohl in die nächste Runde gehen.