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05.09.2017

Klärschlamm als Spiegel der Gesellschaft

Der Grossteil des Reinigungsvorgangs überlässt die ARA Münsingen der Natur: Die Schwerkraft lässt schweren Schmutz absinken und Bakterien bauen die organischen Abfälle ab.

Der Grossteil des Reinigungsvorgangs überlässt die ARA Münsingen der Natur: Die Schwerkraft lässt schweren Schmutz absinken und Bakterien bauen die organischen Abfälle ab.

Münsingen • Ein halbes Jahrhundert nach der Eröffnung öffnet die ARA Münsingen am Wochenende ihre Türen für die Öffentlichkeit. Seit 17 Jahren ist Roland Sterchi für die Anlage zuständig – und ärgert sich am meisten über heruntergespülten Salat.

Sebastian Meier

Man könnte meinen, dass der langjährige Chef einer Abwasserreinigungsanlage (ARA) sich diplomatisch-diskret hinter Fachbegriffen versteckt, wenn er über seine tägliche Arbeit mit den gesammelten Fäkalien der Region spricht. Im Gespräch mit Roland Sterchi, ARA-Chef in Münsingen, wird man aber schnell eines Besseren belehrt: Sterchi spricht unverhohlen von «Schissdräck» und «Bisu», von angeschwemmten Parisern und vom längst veralteten Berufsbild des «Gaguflössers». Man brauche in seinem Beruf ein gesundes Mass an Galgenhumor, sagt Sterchi. Mit Fachjargon und technischen Seminaren schaffe man in der Bevölkerung kein Verständnis für die Herausforderungen, mit denen er sich tagtäglich herumschlage. 

Socken in der Kanalisation

Dabei spiegle sich der Zustand der Gesellschaft sehr deutlich im Klärschlamm, der von ihr übrigbleibt. «Alles, was durch das Loch passt», werde von den Leuten die Toilette heruntergespült: Unterhosen und Socken, Eheringe und Goldfische, Handys und sogar einmal eine Computermaus haben die vier Angestellten der ARA Münsingen bereits aus dem Rechen gefischt.

Immer mal wieder klingle im Büro das Telefon und eine hoffnungsfrohe betagte Bürgerin erkundige sich, ob nicht zufällig ihr Gebiss in der ARA angekommen sei. In der Belegschaft kursiert sogar die Legende, dass einmal ein älterer Herr über Stunden hinweg vor dem Rechen verharrte, in der Hoffnung, sein Gebiss wiederzufinden. «Ich will gar nicht wissen, was er getan hätte, wenn das Gebiss tatsächlich im Rechen aufgetaucht wäre», lacht Sterchi.

Abwasser in der Aare

Die Wahrscheinlichkeit für eine Wiedervereinigung mit einem versehentlich heruntergespülten Gegenstand sei klein, sagt Sterchi – zu verwinkelt sei das Kanalisationssystem, welches die Abwässer von rund 22?000 Personen aus Münsingen, Wichtrach, Häutligen, Kirchdorf, Gerzensee, Noflen und Rubigen in die ARA leitet.

Mehr als über die heruntergespülten Gegenstände ärgert sich Sterchi aber ohnehin über Esswaren, welche auf dem unverdauten Weg in die Toilette gelangen. Ein Salatblatt etwa, das ohne Weiteres kompostiert oder zu Biogas verarbeitet werden könnte, werde mit literweise Trinkwasser heruntergespült, mit viel elektrischem Strom in die ARA gepumpt, dort aufwändig vom sauberen Wasser und vom Öl der Salatsauce getrennt – und was übrigbleibt, sei Wasser, das weniger sauber sei als das Wasser in der WC-Spülung. 

«Was wir in die Aare leiten, ist kein Trinkwasser», sagt Sterchi. Tatsächlich sieht man dem Wasser am Ende des Reinigungsprozesses an, dass es nicht gerade aus einer Bergquelle stammt. In vielen Ländern werde dieses Wasser aber nur noch mit etwas Chlor versetzt, fil­triert und dann wieder ins Trinkwassernetz eingespeist. 

In Münsingen fliesst das gereinigte Abwasser in die Aare, wo es sich mit dem Flusswasser vermischt und stark verdünnt wird. Die noch enthaltenen Verunreinigungen werden im Fluss auf natürliche Weise weiter abgebaut.

Aufrüsten gegen Mikropartikel

Die Kläranlage offenbart aber auch andere Entwicklungen der Gesellschaft. Der Großteil des Schmutzes im Wasser lässt sich mit physikalischen Vorgängen (schwere Stoffe sinken, leichte schwimmen obenauf) und biologischen Prozessen (Bakterien bauen organische Stoffe ab) eliminieren. Grösser sind die Schwierigkeiten hingegen beim Umgang mit Mikropartikeln aus Spülmitteln, industriellen Chemikalien, Kosmetika, Pflegeprodukten, Medikamenten oder Pestiziden. Diese überstehen den Reinigungsprozess oft ungefiltert und gelangen so in unsere Fliessgewässer. Voraussichtlich wird auch die Anlage in Münsingen bis etwa Mitte der 2020er-Jahre technologisch aufrüsten müssen, um die Schattenseiten des gesellschaftlichen Fortschrittes aus dem Trinkwasser zu fischen. 

Auch den Klimawandel glaubt Sterchi zu spüren: Die Gewitter seien heftiger geworden. Die Anlage ist für Abwasser-Zufuhr von 360 Litern pro Sekunde ausgebaut. Bei einem starken Gewitter werden aber innert kürzester Zeit bis zu 4000 Liter pro Sekunde angeschwemmt. Ein Teil des (allerdings ex­trem stark verdünnten) Abwassers lande somit nur minimal gereinigt oder sogar ganz ungeklärt in den Fliessgewässern. 

Weniger Wasser vom Hausdach

Und dann ist da noch das Bevölkerungswachstum. Zwar fällt ein neu gebautes Mehrfamilienhaus heute nicht mehr so stark ins Gewicht wie früher. Bis vor einigen Jahren wurde auch das Regenwasser vom Dach, dem Vorplatz und der Zufahrtsstrasse direkt in die ARA geleitet. Heute muss bei Neubauprojekten und Umbauten veranlasst werden, dass dieses saubere Regenwasser vor Ort versickert und somit nicht unnötig die Kapazitäten der ARA strapaziert. 

Und doch verursacht jeder Zuzüger, jede Zupendlerin, jedes neugeborene Kind und jede angesiedelte Firma zusätzliches Abwasser, das irgendwo gereinigt werden will. Zwischen 2002 und 2007 musste die 1967 eröffnete ARA Münsingen deshalb erstmals massiv ausgebaut werden und ist nun gerüstet für den Dreck zukünftiger Generationen. Und doch bleibt abzuwarten, welche gesellschaftlichen Entwicklungen sich als nächstes aus dem Klärschlamm herauslesen lassen. Für die meisten Menschen stehe das Rauschen der WC-Spülung für das Ende eines Geschäfts, sagt Sterchi. Für ihn beginnt erst dort die Arbeit.