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05.09.2017

Strasse reisst in Münsingen tiefe Gräben auf

Die künftige Entlastungsstrasse müsste über den Rossboden geführt werden. Doch Gegner wollen dieses Kulturland nicht opfern.Seit über zehn Jahren wartet Münsingen auf die Sanierung der Ortsdurchfahrt durch den Kanton. Nun steht das Projekt auf dem Bauprogramm.ollen mit Transparenten und Traktoren durchs Dorf.Allein aus der Tiefgarage der neuen Siedlung Lorymatte werden künftig gegen 200 Autos direkt auf die stark befahrene Thunstrasse ein- und ausfahren.Peter Haldimann bezieht mit seiner Partnerin eine neue Attikawohnung in der Lorymatte.

Die künftige Entlastungsstrasse müsste über den Rossboden geführt werden. Doch Gegner wollen dieses Kulturland nicht opfern.

Seit über zehn Jahren wartet Münsingen auf die Sanierung der Ortsdurchfahrt durch den Kanton. Nun steht das Projekt auf dem Bauprogramm.

ollen mit Transparenten und Traktoren durchs Dorf.

Allein aus der Tiefgarage der neuen Siedlung Lorymatte werden künftig gegen 200 Autos direkt auf die stark befahrene Thunstrasse ein- und ausfahren.

Peter Haldimann bezieht mit seiner Partnerin eine neue Attikawohnung in der Lorymatte.

Abstimmung • In Münsingen spitzt sich das Verkehrsproblem zu: Im boomenden Regio-Zentrum im Aaretal entstehen Hunderte neue Wohnungen und damit auch Parkplätze. Jetzt will die Gemeinde die Staus im Dorf über eine neue Entlastungsstrasse reduzieren. Die Emotionen vor der Abstimmung gehen hoch.

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Die Entlastungsstrasse werde zur Belastung, sagen die Gegner. Man habe lange genug diskutiert und nichts unternommen, meinen die Befürworter: «Es ist jetzt Zeit zum Handeln.» Am 24. September 2017 entscheiden die Stimmenden der Gemeinde über den Investitionskredit von 6,5 Mio. Franken zum Bau der Entlastungsstrasse Nord. Diese ist Teil einer Verkehrslösung, in welche die Gemeinde grosse Erwartungen steckt. Der Ortsteil West wird so direkt an die Bernstrasse angebunden; dadurch reduziert sich der Verkehr im Ortskern und im Bahnhofquartier um rund einen Drittel. Durchs Dorf würden aber trotzdem immer noch täglich 12?000 Fahrzeuge rollen. Die Gemeinde will durch die Entlastung weiter die Verlässlichkeit der Orts- und Regionalbuslinien herstellen und Anschlussbrüche am Bahnhof vermeiden, die Verkehrssicherheit erhöhen und den Ort als Wohngebiet und Einkaufszentrum weiter attraktivieren. Damit würden der Wirtschaftsstandort Münsingen und das Gewerbe gestärkt, so die Gemeinde.

Die Abstimmung fällt gerade in die Zeit, da der Grosse Rat über die Ortsdurchfahrtssanierung entscheidet. Das Umgestaltungs- und Sanierungsprojekt der Kantonsstrasse mit Kosten von über 10 Mio. Franken bringt eine Verstetigung des Hauptverkehrsstroms im Zentrum, Tempo 30 und bessere Durchlässigkeit zwischen Ober- und Unterdorf. Gegner der Entlastungsstrasse sind der Ansicht, mit der Ortsdurchfahrtssanierung könne ein erheblicher Teil des Münsinger Verkehrsproblems bereits gelöst werden. Die neue Entlastungsstrasse braucht allerdings Anschlusslösungen auf beiden Seiten: einen neuen Kreisel am Ausgang des Dorfs auf der Seite Rubigen auf der Kantonsstrasse – hier vereinigen sich die Verkehrsströme – sowie eine Begradigung und Verbreiterung der Industriestrasse im Entwicklungsgebiet Bahnhof West. Die durchgehende Befahrbarkeit der Industriestrasse ist Teil der Münsinger Verkehrslösung. Hier bleibt das Projekt noch sehr vage: Die Gemeinde will mehrere bestehende Liegenschaften abbrechen, um den Zugang zum Bahnhof zu verbessern, den öffentlichen Raum aufzuwerten und eine Effizienzsteigerung der Industriestrasse zu ermöglichen. Allein in diesem Gebiet rechnet die Gemeinde auch mit 400 neuen Wohnungen; und private Investoren wollen hier ein neues Alters- und Pflegezentrum bauen.

Wohnungsbau verursacht Mehrverkehr

Unabhängig davon boomt der Wohnungsbau: Auf der Liste der aktuellen Wohnbauprojekte gibt es 575 neue Wohnungen an sieben Standorten. Das grösste ist die Lorymatte. So entstehen insgesamt weit über 800 neue Parkplätze; der Mehrverkehr ist damit programmiert. Es sei die grosse Nachfrage von privater Seite, welche diese Bautätigkeit auslöse, sagt die Gemeinde. Sie könne nur dafür sorgen, «dass die Entwicklung geordnet stattfindet». Andernorts gibt es jedoch Beispiele, die beweisen, dass Bauen ohne viele neue Parkplätze möglich ist, so etwa in der neuen Siedlung Stöckacker Süd, welche die Stadt Bern selber baut.

Kanton saniert die Ortsdurchfahrt

Münsingen • 586 Mio. Franken kostet der Strassenbau den Kanton in den nächsten vier Jahren. Die Sanierung der Ortsdurchfahrt Münsingen ist im Rahmenkredit nur ein Klacks.

Der Grosse Rat entscheidet in der Septembersession über den aktualisierten Strassennetzplan 2014–2029 und den Investitionsrahmenkredit Strasse 2018–2021. Brutto geht es zunächst um 187,5 Mio. Franken für Dutzende kleinere und grössere Vorhaben zugunsten des motorisierten Verkehrs, der Velofahrenden und Fussgängerinnen und Fussgänger. Netto werden die Kosten sogar tiefer ausfallen, weil der Kanton Bundes-, Gemeinde- und Drittbeiträge einrechnet.

Der Strassennetzplan legt das Netz der Kantonsstrassen fest, weist auf die geplanten Veränderungen von strategischer Bedeutung hin und zeigt den Finanzbedarf für den Ausbau und den baulichen Unterhalt auf. Das Instrument selber ähnelt einer Dauerbaustelle: Immer wieder braucht es Anpassungen. Aufbauend auf der Gesamtmobilitätsstrategie, der Wirtschaftsstrategie, dem kantonalen Richtplan und den regionalen Gesamtverkehrs- und Siedlungskonzepten setzt das Instrument den Rahmen für die langfristigen Investitionen in den Strassenbau. Diese unterliegen einer strengen Priorisierung nach Dringlichkeit, die sich wiederum an der Betriebssicherheit, den gesetzlichen Vorgaben und der Wirtschaftlichkeit misst. Baulicher Unterhalt beziehungsweise Substanzerhaltung verschlingt am meisten Mittel. Der Kredit umfasst weiter Vorhaben, die beschlossen, aber noch nicht ausgeführt sind sowie Lärmschutzmassnahmen. Strassenbauvorhaben, die zu einer Kapazitätserweiterung führen, muss die Regierung dem Grossen Rat gesondert als Objektkredite vorlegen. Aufgrund der Abstufungskriterien hat die Regierung ein Schichtmodell entwickelt. Daraus ergibt sich eine Gesamtsumme von 586 Mio. Franken, die der Kanton in den Jahren 2018 bis 2021 für Strassenbauvorhaben bereitstellt. Sparen ist im Bereich der gebundenen Ausgaben kaum möglich; und die Gesamtübersicht bleibt schwierig.

Jetzt kommt Tempo 30 im Dorf

Nun steht endlich auch die Sanierung der Ortsdurchfahrt Münsingen mit Kosten von mindestens zehn Millionen Franken auf der Liste der Massnahmen. Weitere, weniger kostspielige Ortsdurchfahrtssanierungen sind in Mühlethurnen, Oberdiessbach, Seftigen, Toffen, Walkringen und Wichtrach vorgesehen.

Mit über 18?000 Fahrzeugen pro Tag weist die Ortsdurchfahrt Münsingen eine sehr hohe Verkehrsbelastung auf. Die Achse gilt seit Jahren als Schwachstelle im kantonalen Strassennetz. Am Morgen und am Abend gibt es lange Staus und Verkehrsbehinderungen, die sich bis in die Ortsteile auswirken. Infolge des Baubooms rechnen die Planer bis 2030 mit über 20?000 Fahrzeugen täglich. Im Ortszentrum Köniz mit ähnlicher Belastung funktioniert das Prinzip der Koexistenz seit 2005.

Die Ortsdurchfahrtssanierung Münsingen mit Tempo 30 war bereits 2005 aufgelegt und 2007 genehmigt worden. Doch der TCS führte dagegen Beschwerde bis vor Bundesgericht. Obwohl das Tempo-30-Regime eigentlich bereits 2010 hätte umgesetzt werden können, blieb es stecken.

Gegner und Befürworter im emotional geführten Abstimmungskampf

Komitees • Zwei überparteiliche Komitees stehen sich im emotional geführten Abstimmungskampf um die Entlastungsstrasse Nord gegenüber: Das Pro-Komitee mit allen bürgerlichen Parteien und Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik – auf der Gegenseite das Komitee IG autofreier Rossboden mit SP und Grünen. Beide Parteien haben Flugblätter an alle Haushalte verteilt. Am Samstag organisierten sie einen Traktorenumzug durchs Dorf.

Die Befürworter haben allerdings die Nase vorn: Auf der Website www.verkehrmuensingen.ch bringen sie einleuchtende Argumente ein. So schreibt etwa der ehemalige Kreisoberingenieur Fritz Kobi: «Stau nützt niemandem, am wenigsten den Fahrgästen im Bus. Mit der Entlastungsstrasse können der Ortsbus, der Tangento und die Postautos wieder nach Fahrplan verkehren und Anschlüsse am Bahnhof gewährleisten. Damit Münsingen in 20 Jahren nicht über die zweite Entlastungsstrasse diskutieren muss, sind jedoch parallel zwingend auf Münsingen zugeschnittene zukunftsorientierte Mobilitätskonzepte zu entwickeln.» Auch der Direktor von Bernmobil, René Schmied, gehört zu den Befürwortern: Die Entlastungsstrasse ermögliche es, «den Tangento auch in der Abendspitze wieder durchgehend zwischen Belp-Flughafen, Münsingen und Konolfingen zu betreiben.»

Durch die neue Strasse werde sich der Stau nur verschieben, argumentieren die Gegner. «Der Effekt der neuen Strasse wird schnell verpuffen, damit auch der vermeintliche Zeitgewinn während der Stosszeiten.» Das Kosten-Nutzen-Verhältnis sei schlecht.

Mit dem Wohnungsbau entstehen Hunderte neue Parkplätze

Verkehr • Münsingen baut Hunderte neue Wohnungen; für jede gibt es mindestens einen Parkplatz. Unschwer vorauszusagen, dass der motorisierte Verkehr im boomenden Regionalzentrum stark zunehmen wird. Obwohl die Fahrzeugdichte vergleichsweise tiefer liegt als in Nachbargemeinden.

In der Lorymatte baut die Anlagestiftung J. Safra Sarasin eine Überbauung mit zehn Wohnhäusern für 183 Miet- und 15 Eigentumswohnungen sowie Dienstleistungsflächen. Die ersten Wohnungen im Längsbau, der direkt an der Thunstrasse liegt, sind ab September bezugsbereit. Bis Oktober 2018 sollen die übrigen Flächen bereit sein. Auf dem Areal stehen im Moment noch die Baukräne; auch die Umgebungsarbeiten sind noch unvollendet. Im Endausbau werden hier, zwischen den südwärts ausgerichteten Baukörpern, der Grünraum und die verkehrsfreien Aufenthaltsräume eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Die Lorymatte wird denn auch als «gelebte Lebensqualität im Aaretal» vermarktet. Die gesamte Überbauung beruht auf dem Energiesparkonzept Minergie-P-Eco.

Das neue Wohnungsangebot erfreut sich grosser Nachfrage. Dani­ela Schmid, Immobilienbewirtschafterin bei Dr. Meyer AG, kennt den Stand der Belegung: 50 von 63 Mietwohnungen der ersten Liegenschaft waren sofort vergeben; für Wohnungen im Bau gibt es schon viele Vertragsabschlüsse. Eine besonders grosse Nachfrage hat Schmid bei den Attikawohnungen festgestellt. «Unser Angebot spricht vor allem Pendler an», berichtet Schmid, die selber in Münsingen lebt und die Verhältnisse hier kennt. Schon heute weiss sie, dass der Platz in der Einstellhalle eng wird: Für die ganze Siedlung stehen 191 Stellplätze zur Verfügung. Deshalb heisst es jetzt: Zurückhaltung bei der Vergabe. «Auch künftige Mieter haben Anrecht auf einen Platz», sagt Schmid. Denn eine Wohnung ohne Abstellplatz sei kaum zu vermieten.

Nachgefragte Autoabstellplätze

Die ersten Wohnungen in der Häuserreihe an der Thunstrasse sind bezugsbereit. Aus parkierten Lieferwagen vor dem Hauseingang entladen kräftige junge Männer riesige Kartons und tragen sie durchs Treppenhaus nach oben. Der Aufzug ist ununterbrochen besetzt. Einer von ihnen ist Peter Haldimann. Er freut sich auf das Zusammenleben mit seiner Partnerin. Das Paar zieht in die Dreieinhalbzimmer-Attikawohnung im dritten Stock des Eckhauses. «Wir hatten uns hier schon vor einem Jahr angemeldet», sagt der neue Mieter. So blieb genügend Zeit zur Auflösung der bisherigen Mietverhältnisse und zur Vorbereitung aufs neue gemeinsame Domizil. Vorher hatten die beiden getrennte Wohnsitze.

Da beide berufstätig sind, hat das Paar zwei Autos; in der neuen Einstellhalle hat es daher zwei Abstellplätze bekommen. Als Schwimmbadbauer ist Peter Haldimann oft mit dem Auto auf Baustellen unterwegs. Die Verkehrssituation bereitet ihm aber heute schon Sorgen, denn die Ausfahrt der Einstellhalle mündet direkt in die Thunstrasse ein, wo zu Hauptverkehrszeiten Stau herrscht. «Da werden wir wohl oft stecken bleiben», befürchtet Haldimann. Von der besonnten Terrasse aus fällt sein Blick direkt auf die Hauptstrasse nach unten; am Horizont leuchten die nahen Berge des Berner Oberlands.

Das Prinzip «Sowohl-als-auch»

Nahe dem Tor zum Berner Oberland und nahe der Bundesstadt, umgeben von intakter Kulturlandschaft und attraktiven Naherholungsgebieten, im Zentrum des Aaretal gelegen: Im eigenen Leitbild definiert Münsingen sich als «grosses Dorf – kleine Stadt». Diese «Sowohl-als-auch-Politik» ist in Münsingen Programm. Sowohl nachhaltige Entwicklung als auch Bauboom, sowohl Energiestadt Gold als auch attraktive Möglichkeiten für Investoren, sowohl gute Anbindung an den öffentlichen Verkehr als auch gut ausgebaute Strassen. Als erste Gemeinde im Kanton Bern erhielt Münsingen 1998 das Label Energiestadt, 2009 und 2014 die Gold-Auszeichnung. Das Leitbild Münsingens orientiere sich an den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung, betont die Gemeinde. Bis 2050 will Münsingen das ehrgeizige Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft erreichen. Ohne Einbezug von Wohnbauträgern und der Mobilität wird dies nicht gelingen. Mit der Anschlusspflicht an die zentrale Wärmeversorgung besteht im Richtplan Energie ein griffiges Steuerungsinstrument. Ein solches fehlt jedoch im Bereich Verkehr: Allein mit Anreizen beim öffentlichen Verkehr und flächendeckenden Tempo-30-Zonen wird die Gemeinde Münsingen ihr Verkehrsproblem nicht lösen können.

Dass Münsingen auch Veloville ist, geht in der Gesamtbetrachtung fast unter: Im Rating der Velostädte 2014 von Pro Velo Schweiz landete Münsingen unter 12 Kleinstädten lediglich auf Rang 8. Beim Verkehr begnügt man sich offensichtlich mit dem Mittelmass als Massstab.

849 Parkplätze auf 575 neue Wohnungen

Beim Bauen hingegen herrscht Aufbruch: Auf der Liste der aktuellen Wohnbauprojekte gibt es, inklusive Lorymatte als grösstes Projekt, 575 neue Wohnungen an sieben Standorten. Netto entstehen 849 Parkplätze, wie der Leiter der Bauabteilung, Martin Niederberger, nachgerechnet hat. Bereits fertigerstellt sind die Überbauung Giessenpark und die Hälfte von Erlenau und Sandacher. Noch nicht auf der Liste stehen die 400 zusätzlichen Wohnungen des Entwicklungsgebiets Bahnhof West, dessen Planung bis Mai 2017 öffentlich auflag. Auch in diesem Gebiet sollen zudem beträchtliche Arbeitsflächen entstehen.

500 Autos auf 1000 Einwohnende

Als Energiestadt sei Münsingen seit langem bestrebt, die nicht motorisierten Mobilitätsformen zu fördern, unterstreicht Martin Niederberger. Was heisst das konkret? In der Tat verfügt Münsingen mit S-Bahn und Ortsbuslinien über ausgezeichnete öffentliche Verkehrsverbindungen in alle Richtungen. Im kompakten Regionalzentrum sind alle Ortsteile ohne grosse Höhendifferenzen zu Fuss oder mit dem Velo gut erreichbar. In der Tat liegt die Fahrzeugdichte in Münsingen mit rund 500 Autos auf 1000 Einwohnende tiefer als in den Nachbargemeinden. Und in der Tat nimmt die Zahl der Fahrgäste des öffentlichen Verkehrs stetig zu. Nur: Der Anteil des motorisierten Verkehrs wächst ebenfalls kontinuierlich an.

Diesbezüglich ist Münsingen keine Ausnahme: Gemäss Mitteilung des Städteverbands und des Bundesamts für Statistik vom April dieses Jahres haben sich die Personenkilometer auf Strase und Schiene in den letzten vierzig Jahren verdoppelt, insbesondere in urbanen Räumen. Während der Motorisierungsgrad in den Grossstädten zwar rückläufig ist, wächst er in kleinen und mittleren Städten. Kurz: Auf dem Land und in der Agglo gewinnt das Auto an Boden. Der Schweizer Durchschnitt liegt bei 0,53 Autos pro Person. Münsingen ist punkto Mobilität Durchschnitt.

Siedlungsbau ohne Parkplätze

Das wirkungsvollste Mittel zur Eindämmung des motorisierten Verkehrs: Man lässt ihn gar nicht entstehen. Das landesweite Netzwerk der Autofreien zählt Beispiele auf. In Bern-Bümpliz an der Burgunderstrasse ging 2011 die erste solche Siedlung mit 80 Wohnungen und nur 13 Parkplätzen in Betrieb. Die Spar- und Effizienzziele wirken über die Hauswände hinaus; ihren Autoverzicht bezeugen Mieterinnen und Mieter per Unterschrift. Es folgten weitere Siedlungen im Stöckacker Süd mit 146 Wohnungen und 15 Bewohner-, 7 Besucher- und 2 Carsharingparkplätzen sowie im Oberfeld Ostermundigen mit 100 Wohnungen und 10 Stellplätzen. Weitere autoarme Wohnbauprojekte sind geplant.

Abstimmung über neue Strasse

Münsingen könnte die Erfolgsfaktoren des autoarmen Wohnungsbaus nutzen: Es gibt gute Vernetzungsmöglichkeiten und ein gutes Angebot an öffentlichem Verkehr, klare Energie- und Umweltziele. Im Moment jedoch zielt die Entwicklung in Richtung Strassenbau: Am 24. September entscheiden die Stimmenden über den Bau einer neuen Strassenverbindung, die als so genannte Entlastungsstrasse Nord an die Urne kommt und gemäss Prognose der Gemeinde das Dorfzentrum um 6000 Fahrzeuge täglich entlasten soll.

Entlastung des Ortskerns durch neue Strasse

Die Gesamtkosten von über 15 Mio. Franken stehen nicht zur Debatte. Abgestimmt wird lediglich über den Investitionskredit von 6,5 Mio. Franken, den das Münsinger Parlament im Einklang mit dem Gemeinderat deutlich guthiess. Am 24. September liegt der Entscheid nun bei den Stimmenden. Sagen sie Ja, könnte die neue Strasse 2023 in Betrieb gehen.

Die Gemeinde rechnet für das Stras­senbauprojekt, das im Agglomerationsprogramm Bern-Mittelland enthalten ist, mit Beiträgen von Bund und Kanton von 8,7 Mio. Franken. Bis 2019 sollen die offenen Finanzierungsfragen geklärt sein. Diese sind ohnehin zweitrangig, weil die Gemeinde die Hälfte des Kostenanteils über Mehrwertabschöpfung finanzieren will. Von der Strasse erhofft sie sich eine Entlastung der stark frequentierten Ortsdurchfahrt um 6000 Fahrzeuge pro Tag, also um ein Drittel des gesamten Verkehrsvolumens. Der Verkehrsstrom wird von der Westseite des Bahnhofs über die Industriestrasse abgeleitet, an der Schulanlage Schlossmatt vorbei, vor dem Areal des Psychiatriezentrums rechtwinklig abgezweigt durch eine neue Gleisunterführung zum Rossboden und hier dem Gleis entlang zur Bernstrasse geführt. Auf einem neuen Kreisel vereinigt er sich mit dem Hauptstrom der Ortsdurchfahrt. Das Verkehrsproblem bei der Autobahnzufahrt Rubigen wird dadurch nicht kleiner. Zählungen haben ergeben, dass 60 bis 70 Prozent des Verkehrs auf der Hauptachse im Dorf hausgemacht ist.

Gemeindepräsident Beat Moser von den Grünen empfiehlt das Projekt zur Annahme. Im jüngsten Gemeindeorgan begründet er dies folgendermassen: «Das Projekt wurde sorgfältig und gründlich und unter Einbezug der Betroffenen und der Interessengruppen ausgearbeitet. Ich bin von diesem Projekt überzeugt, ich erachte es als notwendig, machbar und finanzierbar. Es ist kein Luxusprojekt, es ist zweckdienlich und vernünftig. Der motorisierte Verkehr in unserem Dorf wird damit verträglicher und sicherer, zudem können der Ortsbus und der Tangento wieder pünktlich und zuverlässig verkehren.»