03.10.2017

«Stadien sind oft der grösste Jugendraum einer Stadt»

Von rechts nach links: Fanarbeiter Christian Wandeler, FC Basel-Fan Roland, Stadträtin Alice Kropf und ein anonymer FC Thun-Fan im Mokka. sem

Von rechts nach links: Fanarbeiter Christian Wandeler, FC Basel-Fan Roland, Stadträtin Alice Kropf und ein anonymer FC Thun-Fan im Mokka. sem

Thun • Trotz Hooligan-Konkordat und massivem Polizeiaufgebot bleibt die Gewalt rund um die Stadien ein fester Bestandteil der Fussballsaison. Warum ist eine Fankultur ohne Gewalt nicht möglich? Zwei Ultras stellten sich in Thun der Diskussion.

Sebastian Meier

So viel gleich vorweg: Das Podium zum Thema Fussball, Fankultur und Gewalt, das letzte Woche in Thun stattfand, hatte keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Zwei Fussballfans, die sich selbst als «Ultras» bezeichnen, diskutierten mit dem obersten Schweizer Fanarbeiter, Christian Wandeler. Weder der Klub noch die Liga, weder die Behörden noch die Polizei waren auf der Bühne der Café Bar Mokka vertreten. Gemäss Gastgeberin Alice Kropf ging es bei der Diskussion eher um einen Perpektivenwechsel – das mediale Bild des Phänomens Fangewalt sei zu einseitig, findet die SP-Stadträtin. 

Tatsächlich scheint die öffentliche Meinung längst gemacht zu sein: Die Gewalt der Ultras und Hooligans habe nichts mit Fussball zu tun, sondern sei Ausdruck einer sinnentleerten Unkultur und müsse deshalb mit harter Hand bekämpft werden. 78 Prozent der bernischen Stimmberechtigten sprachen sich 2014 für eine massive Verschärfung des sogenannten Hooligan-Konkordats aus. Verschwunden ist die Gewalt deswegen nicht. In Thun knallte es zuletzt beim Heimspiel gegen den FC Basel im August. Die Bilanz des Tages: Ein Spielunterbruch, ein verletzter Polizist, ein weiterer teurer Grosseinsatz der Polizei. 

Fahnenverbot als Kampfansage

Doch wo endet die Fankultur und wo beginnt der Hooliganismus? Eine Annäherung an diese Frage lieferte der Anhänger des FC Thun, der nicht mit Namen genannt werden möchte. Er zählt sich zum harten Kern der Thuner Südkurve, darf das Stadion aber wegen eines Rayonverbots seit Monaten nicht mehr betreten. Trotzdem sagt er: «Mein ganzes Leben dreht sich um den FC Thun.» Seine Termine plane er um den Spielplan herum. Im Gegensatz zu den Hooligans, welche den Sport als blosser Vorwand für die gewalttätige «dritte Halbzeit» missbrauchen, stehe bei den Ultras der Fussball klar im Vordergrund. Zwischen den Spieltagen werden Fahnen genäht, Transparente gemalt, Choreographien eingeübt und Gesänge getextet. Man nervt sich über Entscheidungen der Klubleitung, ereifert sich über Fehlentscheide, kritisiert die Kommerzialisierung des Sports und versteht sich als «zwölfter Mann auf dem Platz». In der Gruppe markiere man das Territorium und reibe dem Gegner die eigene Stärke unter die Nase, sagt der junge Mann. So entstehe der Hexenkessel, der die Spieler nach vorne peitscht, die trägen Massen auf den Sitzplätzen mitreisst und die spektakulären Bilder fürs Fernsehen liefert. So entstehe aber auch die Aggression, welche sich nach dem Spiel gewaltsam entladen kann. 

Die Provokation, der martialische Macho-Auftritt und der überhöhte «Stolz auf die eigenen Farben» gehörten durchaus zum Kern der Fankultur, findet auch Roland, ein ehemaliger Ultra aus der berüchtigten Basler Muttenzer-Kurve. Wer versuche, die Fankultur auf Bratwurst und La-Ola-Welle zu reduzieren, verkenne die Bedeutung der Szene als Subkultur, Jugendkultur, soziales Gefüge und Spiegel der Gesellschaft. 

Das sieht auch Fanarbeiter Wandeler so, der sich in vielen Fankurven der Schweiz auskennt. «Stadien sind oft die grössten Jugendräume einer Stadt», sagt er. Entsprechend heikel sei es, einzelne Personen mit Rayonverboten und langwierigen Gerichtsverfahren abrupt aus diesem Gefüge zu reissen. Auch Fahnen-, Alkohol- oder Fanmarschverbote, wie sie zuletzt in Thun verhängt wurden, hält er für kontraproduktiv. Sie zielten eben nicht auf den einzelnen Hitzkopf, sondern auf den Kern der Fankultur. Dies werde «in der Kurve» nicht als gerechte Strafe, sondern als Kampfansage verstanden. Die Folge sei eher ein Zusammenrücken der Fangruppierungen als ein konstruktiver Lernprozess. 

Fangewalt – wie weiter?

Auch wenn die Replik der Behörden auf manch einen Vorwurf durchaus interessant gewesen wäre: Der einseitige Blick in die Tiefen der Fanszene fiel an diesem Abend äusserst differenziert aus. Tatsächlich scheint die trennscharfe Unterscheidung zwischen «echten» Fussballfans und Chaoten wenig mit der Realität zu tun zu haben: Die Fans im Raum gehörten eindeutig zu beiden Gruppen. Somit rückt die Frage ins Zentrum, wie viel Gewalt eine Gesellschaft grundsätzlich akzeptieren kann und will – und ob es sinnvoll ist, auf die Fangewalt ausschliesslich mit immer mehr Staatsgewalt zu reagieren. 

Und auch das wurde klar: Gewalt ist ein Begriff mit vielen Schattierungen. Einigkeit herrschte auf dem Podium, dass das Anzünden einer Fackel kein krimineller Akt sein sollte – das Werfen der Fackel hingegen schon. Gewalt gegenüber Sicherheitskräften und Unbeteiligten sei tabu – nicht aber gegenüber fremden Hooligans, welche die Auseinandersetzung mit Gleichgesinnten gezielt suchen. Klar wurde aber vor allem: Die Gewalt verschwindet nicht, die Bandagen werden aber immer härter. Höchste Zeit also für eine Debatte mit allen Beteiligten.

Braucht Thun eine professionelle Fanarbeit oder mehr Polizeipräsenz? Trifft ein Fahnenverbot die Falschen oder ist es die gerechte Strafe für alle Hitzköpfe? Diskutieren Sie mit: redaktion@bernerlandbote.ch