05.12.2017

Kerzen sollen nicht mehr als sanft flackern

Die erste Kerze auf dem Adventskranz brennt. Doch aufgepasst: Die vorweihnachtliche Stimmung könnte rasch umschlagen. Jürg AmslerTheo Schulthess: «Mit unseren Duftkerzen haben wir eine Marktnische besetzt.» slWillemijntje Postma zeigt eine Kerze mit Serviettentechnik. Eine solche hat sie um einen Grossteil ihres Hab und Guts gebracht. Das Fotoalbum und die Statue mit den «singenden Schwestern» erinnern an die Zeit vor der Brandnacht. ybAus der völlig zerstörten Küche gab es kaum etwas zu retten……aus dem Wohnzimmer ebenfalls nur wenig. Bilder: zvg

Die erste Kerze auf dem Adventskranz brennt. Doch aufgepasst: Die vorweihnachtliche Stimmung könnte rasch umschlagen. Jürg Amsler

Theo Schulthess: «Mit unseren Duftkerzen haben wir eine Marktnische besetzt.» sl

Willemijntje Postma zeigt eine Kerze mit Serviettentechnik. Eine solche hat sie um einen Grossteil ihres Hab und Guts gebracht. Das Fotoalbum und die Statue mit den «singenden Schwestern» erinnern an die Zeit vor der Brandnacht. yb

Aus der völlig zerstörten Küche gab es kaum etwas zu retten…

…aus dem Wohnzimmer ebenfalls nur wenig. Bilder: zvg

Adventszeit • Festliche Gestecke mit brennenden Kerzen stimmen in vielen Stuben auf Weihnachten ein. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass sie wegen Unachtsamkeit nicht für Vorfreude sorgen, sondern die Ursache von Haus- und Wohnungsbränden sind. Grösste Vorsicht ist darum geboten.

Jürg Amsler/Yvonne Baldinini

«Eine Kerze ist ein lebendiges, brennendes Licht und muss wie ein offenes Feuer regelmässig beobachtet werden.» Theo Schulthess weiss nicht, wieso dieses oberste Gebot immer wieder missachtet wird. Er giesst seit 40 Jahren Kerzen. Die Schulthess Kerzen GmbH in Utzens­torf ist die einzige Fabrik im Kanton Bern, die Kerzen im grossen Stil produziert: jährlich bis zu 100 Tonnen – in den verschiedensten Grössen, Farben und Duftnoten, alle handgefertigt. «Werden mehrere Kerzen zusammen angezündet, müssen diese mit genügendem Abstand aufgestellt werden», so Schulthess weiter. Seine Ratschläge können Rolf Meier, Leiter Public Relations bei der Beratungsstelle für Brandverhütung (BfB) und Peter Frick, Leiter Feuerwehren und Kantonaler Feuerwehrinspektor der Gebäudeversicherung Bern (GVB), nur bestätigen. Damit brennende Kerzen in der Advents- und Weihnachtszeit nur für eine wohlige Atmosphäre sorgen, empfehlen BfB und GVB zudem, folgende Sicherheitstipps zu beachten: Kinder und Haustiere sollten nicht in einem Raum mit brennenden Kerzen allein gelassen werden. Kerzen müssen standsicher, auf einer nicht brennbaren Unterlage mit ausreichendem Abstand zu Textilien, Dekorationen und anderen brennbaren Materialien aufgestellt werden. Es ist für einen festen, aufrechten Halt der Kerzen auf dem Adventskranz und dem Christbaum zu sorgen. Kerzen auswechseln, bevor sie niedergebrannt sind. Das dürre Reisig des Adventskranzes und Christbaums fängt rasch Feuer. Auf einem dürren Adventsgesteck oder Christbaum sollten darum keine Kerzen mehr angezündet werden.

Willemijntje Postma aus Thun liebt Kerzen, war vor vier Jahren für einen Augenblick unachtsam. Sie legte sich ins Bett, ohne die brennende Kerze in der Küche zu löschen. Noch heute ist die gebürtige Niederländerin daran, die Erlebnisse zu verarbeiten, die sie in jener Nacht praktisch um ihr ganzes Hab und Gut gebracht haben. Sie mahnt zu allergrösster Vorsicht, vorallem beim Abbrennen von Kerzen, die mit der Serviettentechnik verziert worden sind. «Solche Kerzen sollten nur zu Dekorationszwecken aufgestellt werden», sagt Rolf Meier.

Als ungefährliche Alternative haben sich vermehrt LED-Lichterketten und -Kerzen etabliert. Doch aufgepasst. «Elektrizität als Brandursache ist weit häufiger als brennende Kerzen», sagt Peter Frick.

Von Düften und Farben inspiriert

Kerzenhandwerk • Vor 40 Jahren hat Theo Schulthess begonnen, Kerzen zu giessen. 100-prozentige Handarbeit und Topqualität gelten für ihn heute noch als oberste Maxime.

In einem ehemaligen Kuhstall hat begonnen, was heute als «Schulthess swiss candle design» vielen Kerzenliebhaberinnen und -liebhabern ein Begriff ist. Theo Schulthess erinnert sich noch ganz gut an die Anfänge als selbstständiger Kerzenhandwerker. «Ich wollte etwas herstellen, das sich ohne grosse Investitionen realisieren lässt», sagt der Inhaber der Schulthess Kerzen GmbH in Utzenstorf. Auf einem ausgedienten, aber noch funktionstüchtigen Kochherd mit vier Kochplatten habe er in alten Pfannen Kerzenwachs erwärmt, farbiges Kreidepulver beigemischt und die heisse Flüssigkeit in alle möglichen Gefässe gefüllt: Weinflaschen, Konservendosen, Holzkistchen – alles was gerade so griffbereit stand. Bald einmal hat der gelernte kaufmännische Angestellte gemerkt, dass mit solch rudimentären Methoden kaum ein Blumentopf zu gewinnen ist. Während zehn Jahren habe er in seiner einfachen «Kerzenküche» Kerzen gegossen – und als Erstes bei seinen Produkten die Farbqualität verbessert: «Dass ich für meine Kerzen qualitativ hochwertiges Paraffin und nur Dochte von bester Qualität verwende, war für mich Selbstverständlichkeit.»

Etwas, das heute noch für alle «Schulthess-Kerzen» gilt. In der Produktionshalle in Utzenstorf stehen heute Schmelzkessel mit einer Tageskapazität von 900 Litern flüssigem Wachs. Die Jahresproduktion ist auf 80 bis 100 Tonnen angestiegen. An die zehn Mitarbeitende sind ganzjährig beschäftigt – in der Produktion, im Lager und der Spedition, im Verkauf und der Administration. 

Das spezielle Design

«Duftkerzen – alle zu 100 Prozent in Handarbeit gegossen und bearbeitet – sind unsere Verkaufsschlager. Wir haben damit eine Marktlücke besetzt», sagt Theo Schulthess. Aloe Vera Agaven­nektar ist eine der Neuheiten der Winterkollektion 2017/2018. Ein weiteres Markenzeichen sind die vielen Farben, die auf die einzelnen Duftnoten abgestimmt sind. Das Sortiment umfasst heute zirka 250 verschiedene Duftnoten, jeder Duft in einer anderen Farbe. Kerzen ohne Duft werden noch zirka in 30 Farben und 10 Grössen produziert.

«Wir giessen heute Kerzen ausschliesslich in Kartonrohre und sind mit dieser Produktionsart einzigartig in der Schweiz», sagt Schulthess. Die Kerzen würden so eine natürliche raue Oberfläche und ein besonders Flockendesign erhalten. Dass Kerzenwachs in Gläser abgefüllt wird, soll nicht unerwähnt bleiben.

So brennen Kerzen richtig

Wenn wir schon an der Quelle sind, wollen wir wissen: Was gilt es beim Abbrennen von Kerzen zu beachten, damit sie gleichmässig brennen? «Vor dem Anzünden muss der Docht auf fünf bis maximal zehn Millimeter gekürzt werden. Zirka eine Viertelstunde nach dem Anzünden sollte der Docht wieder leicht zurückgeschnitten werden. Die brennende Flamme wirkt zuerst in die Tiefe und erst nachher in die Breite», gibt der Fachmann einige Tipps weiter.

Schulthess Kerzen GmbH, Fabrikstrasse 20, 3427 Utzenstorf. «Schulthess swiss candle design» gibts direkt im Fabrikladen, am Weihnachtsmarkt auf dem Münsterplatz in Bern oder in verschiedenen Warenhäusern.

www.schulthesskerzen.ch 

So wird es in der Adventszeit nicht brandgefährlich

Nachgefragt • Peter Frick ist «Oberster Feuerwehrmann» im Kanton Bern. Er weiss, worauf es ankommt, damit brennende Kerzen ungetrübte Freude bereiten.

Stimmt es, dass es in der Adventszeit häufiger brennt als sonst in einem Monat im Jahr?

Peter Frick, Leiter Feuerwehren und Kantonaler Feuerwehrinspektor, Gebäudeversicherung Bern: Nein, die Anzahl Brände verteilt sich bezüglich Anzahl der Fälle relativ gleichmässig über alle Monate des Kalenderjahres. Eine Ausnahme davon bilden Brände durch Blitzeinschläge, die naturgemäss in den Sommermonaten häufiger vorkommen.

 

Gibt es Zahlen über Brandursachen?

Frick: Brände, die durch brennende Kerzen verursacht worden sind, umfassen im langjährigen Mittel zirka 5 Prozent aller Schadensmeldungen. Zum Vergleich: Als häufigste Brandursache wird mit zirka 30 Prozent «Elektrizität» ermittelt.

Wie gefährlich sind Kerzen, die mit der sogenannten Serviettentechnik verziert worden sind, wenn sie angezündet werden?

Frick: Dazu können wir leider keine Auskunft geben, da unsere Brandstatistik diese Details nicht beinhaltet. Von der Gefährlichkeit her unterscheiden sich die verschiedenen Kerzenarten nicht – und damit gelten bei allen dieselben Vorsichtsmassnahmen.

 

Was gibt es also beim Abbrennen von Kerzen zu beachten?

Frick: Für alle Kerzen gilt: Kerzen auf feste, nicht brennbare Unterlagen stellen. Sicherstellen, dass Kerzen ausreichenden Abstand zu brennbaren Gegenständen haben. Kerzen nie unbeaufsichtigt brennen lassen und auslöschen, bevor ein Raum verlassen wird. Ausgebrannte Kerzen nicht direkt in Papierkörben, Kehrrichtsäcken oder Kartonbechern entsorgen, sondern erst gründlich auskühlen lassen. Dienlich ist natürlich ein feuersicherer Aschekübel. Zündhölzer und Feuerzeuge nicht in Reichweite von Kindern aufbewahren. Zusätzliche Sicherheit bieten eine Löschdecke oder ein (Mini-)Feuerlöscher im Haus.

Und für Kerzen auf einem Adventskranz oder am Weihnachtsbaum?

Frick: Da ist besondere Vorsicht geboten. Es gilt zu beachten, dass der Abstand zwischen Kerzen und Ästen 20 bis 25 cm beträgt, das Tannengrün regelmässig mit Wasser besprüht wird, überprüft wird, ob das Grün austrocknet respektive die Nadeln verliert, Kerzen im Tannengrün nicht mehr angezündet werden, wenn dieses spröde ist. 

Ein Löschtipp für die Weihnachtszeit: Vorsorglich einen Eimer mit Wasser und Bürste (zum Beispiel Spülbürste, Mehlbürste, Handwischer) bereitstellen. Mit der Bürste kann im Brandfall Wasser an den Baum gespritzt werden. Mit dem entstehenden Wasserdampf kann ein Brand eingedämmt oder gelöscht und Folgeschäden durch Löschwasser können minimiert werden.

www.gvb.ch

«Du wirst nie mehr werden, wie du warst»

Thun • Willemijntje Postma hat vor vier Jahren praktisch alles verloren. Eine Kerze hat ihr Leben verändert.

Willemijntje Postma liebte Kerzen. Jetzt brennen in ihrer Wohnung nur noch elektrische. «Ich stehe nach wie vor unter Schock. Ich funktioniere, ich lebe, ich kann aber weder weinen noch innere Berührung verspüren», sagt sie. Es sei eine innere Beklemmung, die sie erst verarbeiten müsse. Sie könne nichts mehr herbeischaffen von dem, was geräumt wurde. «Doch es gibt nur einen Weg, er geht vorwärts.» 

An jenem Novemberabend vor vier Jahren sitzt die Holländerin, die seit über 40 Jahren in der Schweiz lebt, in ihrer Wohnung im alten Zweifamilienhaus an der Eisenbahnstrasse in Thun. Eine grosse Kerze brennt auf einer Glasplatte auf dem Holztisch. Darüber hängt eine Holzlampe mit Stoffschirm. Um 22 Uhr geht die gelernte Krankenpflegerin ins Bett. 50 Minuten später entdeckt der Nachbar von seinem Dachfenster aus lodernde Flammen in der Essecke von Willemijntje Postmas Wohnung. Er alarmiert die Feuerwehr.

Willemijntje Postma wacht nach drei Stunden Schlaf auf. «Vermutlich behüteten mich mehrere Engel.» Sie stürmt Richtung Küche und erblickt die brennende Essecke. Ihr dämmert es: Sie hatte vergessen, die Kerze auszublasen. Sofort weckt sie den betagten Hausmeister im Untergeschoss, eilt im Pyjama und den Bettsocken nach draussen. Der erste Gedanke: Die Feuerwehr kommt und löscht alles. Die Polizei steht bereits da, kurz darauf treffen die Feuerwehrleute ein. Doch sie finden kaum Zugang zum Gebäude, der Durchlass ist eng, überall stehen Autos. Willemijntje Postmas Gesicht ist vom Rauch geschwärzt, er ist ebenso in ihre Lunge gedrungen. Nachbarn gewähren ihr Unterschlupf. Wie sie entsetzt feststellt, brennt es nun auch im Schlafzimmer. Das Feuer hat sich wegen des starken Windes über das Schindelunterdach verbreitet. 

Der Morgen danach

Nach dem Frühstück geht sie im ausgeliehenen Jogginganzug des Nachbarn und der Unterwäsche seiner Frau zum Haus. Die Brandwache ist da. Willemijntje Postma entdeckt das noch weis­se Badezimmerfenster. «Dort hat es also nicht so stark gebrannt», denkt sie. Aus dem Schrank im Treppenhaus möchte sie ein Paar Schuhe holen. «Die stinken», äussert der Brandwächter. «Lieber ein paar stinkende Schuhe als keine. Man steht nackt da», drückt sie ihren Zustand aus.

Vorübergehend darf die alleinstehende Frau zu einer Freundin ziehen. Im vom Brand verschonten Keller schnappt sie ihr Velo und radelt mit einer ausgeliehenen Winterjacke los. Ihre Freundin kleidet sie erst einmal ein. «Wir hatten nun beide eine Schulter, an der wir uns gegenseitig ausweinen konnten. Sie, weil sie eben den Ehemann verloren hatte, ich wegen meines Hab und Guts.» Acht Wochen bleibt die damals 63-Jährige dort. Sie muss ihre neue Adresse melden, den Telefonanschluss kündigen, die Versicherung kontaktieren. Die Schadensliste zu erstellen ist für sie eine gewaltige Aufgabe. «Vom Schnitzer bis zum Küchentisch: Ich sollte von jedem Gegenstand Kaufdatum und Preis notieren.»

Rettung der Gegenstände im Haus

Willemijntje Postma geht jeden Tag zum Haus. Die Fahnder haben ihre Arbeit abgeschlossen. Sie weiss nicht, dass sie sich jetzt um ihre Habseligkeiten kümmern dürfte. Die Information dringt nicht zu ihr durch, weil der mit dem Fall betraute Polizist frei hat. Nach zwei Tagen beschreitet sie dennoch mit dem Versicherer die Wohnung. Die Angestellten einer Spezialfirma sind am Räumen. «Alles ist offen. Da besteht die Gefahr, dass Menschen hineingehen, die dort nichts verloren haben», gibt sie zu bedenken. In der Küche findet die Niederländerin ihre Ledertasche mit dem Portemonnaie, dem Etui samt Pass, dem Ausweis, der Aufenthaltsbewilligung: «ein Wunder». Sie rettet einen kleinen, silbernen Geldbeutel mit einem Zehner-Gulden, eine Statue, die sie und ihre vier Schwestern verkörpert, einen Lavastein aus Marokko. «Du warst schon einmal im Feuer, du darfst mitkommen», sagt sie zu ihm.

Sie holt das Portemonnaie mit dem Feriengeld, den Schmuck im Tresor, eine Wanduhr aus dem Jahre 1814, die sie später flicken lässt. Aus der hinteren Stube bringt die ledige Frau die Fotoalben in Sicherheit. Einige kann sie nicht mehr retten, die Bilder kleben aneinander oder sind durchnässt. «Die Vergangenheit, diese schönen Momente, sie sind auch Teil meines Lebens», erwähnt sie. Im Badezimmer ist noch vieles intakt, seien es die Eimer oder die Kosmetikartikel.

«Ich hätte viel mehr mitnehmen können, zum Beispiel die silbernen Teelöffel aus dem Jugendstil-Möbel. Doch man steht unter Schock, ist dermassen überfordert.» Die Kleider gehen an eine Reinigungsfirma, die beurteilt, ob etwas zu retten ist. Nach einer Woche ist die Wohnung leer. «Es zerriss mir das Herz, zuschauen zu müssen, wie alles in einer Mulde landet, was ich mein Leben lang mit Liebe gesammelt habe.»

Einen Teil der Identität verloren

Nach Weihnachten bietet eine weitere Bekannte der Pflegefachfrau einen leerstehenden Teil ihrer Wohnung an. Anfang März zieht Willemijntje Postma in einen Block an der Gwattstrasse, nur ein paar hundert Meter Luftlinie vom ausgebrannten Haus entfernt. Sie richtet ihre neue Bleibe mit viel Geschenktem und Waren aus der Brockenstube ein. «Ich erhielt etwa Stühle von Bekannten und Geschirr von einer fremden Frau. Das stellt auf.» Dennoch: Ihre Sammelstücke fehlen ihr. Manche Leute aus ihrem Umkreis halten den Verlust für einen Vorteil: «Das ist doch schön, du kannst jetzt alles neu kaufen.» Willemijntje Postma sieht es anders: «Ich habe auch einen Teil meiner Identität verloren.» 

Von der Brandversicherung kriegt sie schnell ihren Versicherungsbetrag. Kerzen auszulöschen werde oft vergessen. Entweder habe man Glück oder nicht, so die Erfahrung des Experten. 

Brandgefährliche «Serviettentechnik»

Die Brandfahnder halten fest: Das Feuer ist in der Essecke ausgebrochen. Die Rentnerin ist überzeugt: Die als Dekoration aufgeleimte Serviette hatte sich zum Docht geneigt und Feuer gefangen. Sonst würde eine solch grosse Kerze tagelang brennen, ohne Schaden anzurichten. Willemijntje Postma verschafft sich eine gleiche, um sie dem Versicherer zu zeigen. Dieser bewahrt ein Foto in seiner Dokumentation auf.

Als Test zündet ein Bekannter einen gleichen Typ Kerze draussen an. Der Verdacht erhärtet sich: Sobald die aufgeklebte Serviette in die Nähe des Dochtes rückt, sticht eine meterhohe Flamme empor. An einem Weihnachtsmarkt in Deutschland wird die Wahl-Thunerin durch Zufall Zeugin, wie eine Passantin eine Kerzenausstellerin belehrt: «Diese mit Servietten Bestückten sind gefährlich. Meine Mutter fertigte sie auch an. Als eines ihrer Produkte Feuer fing, hörte sie damit auf.» Willemijntje Postma ist dieses Problem seither öfters zu Ohren gekommen. Sie warnt eindringlich davor, Kerzen mit Dekorationsmustern von Servietten abzubrennen.

Die Holländerin wird vom Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Sie beginnt später eine Hypnosetherapie. Die Worte des Hausarztes bestätigen sich: «Du wirst nie mehr werden, wie du warst. Dieses Geschehen trägst du mit dir.» Aber sie spürt, dass sie noch eine Aufgabe hat. Hätte Willemijntje Postma zwei Minuten länger geschlafen, wäre sie nicht mehr da.