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05.12.2017

Auch daheim ist Gewalt keine Privatsache

Häusliche Gewalt richtet sich meist gegen Frauen – betroffen sind aber in vielen Fällen auch Kinder. (Symbolbild) cc/Pixabay

Häusliche Gewalt richtet sich meist gegen Frauen – betroffen sind aber in vielen Fällen auch Kinder. (Symbolbild) cc/Pixabay

Kanton bern • Die Berner Interventionsstelle für häusliche Gewalt blickt auf zehn bewegte Jahre zurück. Die neu erschienene Festschrift zeichnet nach, wie das Thema über zwei Generationen vom Kavaliersdelikt zum Offizialdelikt wurde.

Sebastian Meier

Rund 1000 Mal pro Jahr rückt die Kantonspolizei Bern wegen häuslicher Gewalt aus – im Schnitt fast drei mal pro Tag, an Feiertagen noch häufiger. Das Phänomen, das weitgehend im Schatten der Gesellschaft stattfindet, ist somit weiter verbreitet als viele denken. Soweit die schlechte Nachricht. Je nach Blickwinkel sind die 1000 Polizeieinsätze aber auch eine gute Nachricht: Der Straftatbestand häusliche Gewalt wird nämlich verfolgt, ernst genommen und auch immer häufiger bestraft. 

Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt eine frisch erschienene Broschüre zum zehnjährigen Jubiläum der Berner Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt. Darin wird nachgezeichnet, wie sich die tägliche Gewalt in den eigenen vier Wänden im öffentlichen Bewusstsein schrittweise vom verschwiegenen Kavaliers­delikt zum schwerwiegenden Offizialdelikt gewan­delt hat – und wo heute noch Handlungs­bedarf besteht. 

Frauen machen sich stark

So richtig angelaufen ist die Diskussion erst im Nachgang der Abstimmung zum Frauenstimmrecht im Jahr 1971. Noch dauerte es aber fast ein Jahrzehnt, bis 1980 auch in Bern ein Frauenhaus nach Zürcher und Genfer Vorbild eröffnet wurde. Die 90er-Jahre brachten aufsehenerregende Forschungsprojekte (gemäss einer Studie litt jede fünfte Frau unter Gewalt in der Partnerschaft) und gross angelegte Präventionskampagnen.

Mit der Zeit wuchs auch das Bewusstsein, dass es dabei nicht «nur» um die «ausgerutschte Hand» in der Hitze eines Wortgefechts geht – noch heute werden beispielsweise über 40 Prozent der Vergewaltigungen und Tötungsdelikte in den eigenen vier Wänden begangen.

Um die Jahrtausendwende fand der Umgang mit dem hochsensiblen Thema dann auch seinen Ausdruck in einer wachsenden Zahl an spezialisierten Fachstellen und Hilfsangeboten für Opfer. So auch im Kanton Bern, wo die Interventionsstelle 2000 als Pilotprojekt gestartet und schliesslich Ende November 2007 als fixes Angebot etabliert wurde. Inzwischen besteht ein komplexes Geflecht an Institutionen – vom Gleichstellungsbüro über die Opferberatung bis zur Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde. Die kantonale Stelle nimmt hier eine zentrale Scharnierfunktion ein.

Statthalter spricht ins Gewissen

Die dargelegte Geschichte der gesellschaftlichen Anerkennung und Ächtung der häuslichen Gewalt wird auch nach der Jahrtausendwende weitergeschrieben. So hat sich etwa der Fokus zunehmend von den (fast ausschliesslich weiblichen) Opfern zu den (fast ausschliesslich männlichen) Tätern verlagert. Seit 2004 gelten verschiedene Formen von häuslicher Gewalt als Offizialdelikt und werden somit auch ohne Anzeige des Opfers verfolgt. Seit 2005 können Täter im Kanton Bern für bis zu einem Monat aus den eigenen vier Wänden weggewiesen werden – somit ist es nicht mehr zwingend das Opfer, das durch die Flucht ins Frauenhaus die unmittelbaren Konsequenzen einer Anzeige trägt. 

Seit 2013 können notorische Hitzköpfe sogar persönlich von den Behörden aufgeboten werden, für ein klärendes Gespräch mit der Regierungsstatthalterin oder dem Regierungsstatthalter. Allein Regierungsstatthalter Christoph Lerch hat 2016 über 100 Gewalttätern ins Gewissen geredet. Im vergangenen September entschied der Grosse Rat, diese sogenannte Täteransprache gesetzlich zu verankern.

Ein nachdenklicher Schlusspunkt

Die Festschrift betont unter anderem die Erfolge von einzelnen Frauen, welche es mit vereinten Kräften schafften, einstige Männerbastionen wie die Politik, die Justiz oder die Polizei für die Thematik zu sensibilisieren. Trotz allem endet die Festschrift zum Jubiläum der Interventionsstelle mit einem nachdenklichen Unterton. Für eine Ausweitung des Schutzes auf besonders verletzliche Gruppen wie Kinder oder Asylsuchende fehle oft das Geld. Auch der Schutz von betroffenen Männern sei mangelhaft. Der Spardruck führe zudem dazu, dass die Sensibilisierung der Öffentlichkeit eher rückläufig sei. 

Dazu ist man auch nach der Wende ins 21. Jahrhundert weit davon entfernt, das Problem häusliche Gewalt endgültig aus der Welt zu schaffen. Bis heute bleiben nämlich die allermeisten Fälle von häuslicher Gewalt für die Täterinnen und Täter ohne Folgen. Gemäss Schätzungen entsprechen die schweizweit jährlich rund 18000 registrierten Fälle nur etwa einem Drittel der ganzen Wahrheit. Kommt dazu, dass die Opfer bis heute das Recht behalten, eine Verurteilung des Täters zu verhindern. Oft führt eine Mischung aus Angst, Scham, Selbstzweifel, Abhängigkeit und Loyalität zum Partner dazu, dass Verfahren vorzeitig eingestellt werden.

www.pom.be.ch -> Häusliche Gewalt