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06.02.2018

«Das Vertrauen kam mir abhanden»

Den Stuhl des Gemeindepräsidiums wird Sonja Reichen-Geiger Ende April verlassen. Sie freut sich auf mehr Zeit für sich und ihre Hobbies.

Den Stuhl des Gemeindepräsidiums wird Sonja Reichen-Geiger Ende April verlassen. Sie freut sich auf mehr Zeit für sich und ihre Hobbies.

Oberhofen • Zu persönlichen Angriffen von «Wutbürgern» kam mangelnde Loyalität im Gemeinderat – Gemeindepräsidentin Sonja Reichen-Geiger hat davon genug und tritt zurück. Eine mögliche Nachfolgerin steht schon bereit.

Christof Ramser

Am Ende wurde ihr alles zu viel. Sonja Reichen-Geiger fehlte die Energie, um den Angriffen gegen ihre Person standzuhalten. Seit einigen Jahren schon sieht sich die Gemeindepräsidentin von Oberhofen harter Kritik ausgesetzt. Zu Recht, findet sie. Es sei wichtig, dass den Volksvertretern auf die Finger geschaut werde. Doch in letzter Zeit habe sich im Dorf eine kleine Gruppe von Leuten mobilisiert, denen es an Respekt mangle. «Geltungssüchtige und verstockte Menschen, die das Haar in der Suppe suchen», nennt sie Reichen. «Darauf habe ich keine Lust mehr.» Weil sie sich als Zivilperson nicht mehr von den negativen Anwürfen abgrenzen könne, zieht die FDP-Frau die Konsequenzen und tritt von ihrem Amt zurück. Am 30. April endet ihre 14-jährige Mitgliedschaft im Oberhofner Gemeinderat, 7 Jahre davon stand sie dem Gremium vor.


Nach den Vorkommnissen in den vergangenen Monaten sei der Rücktritt ein konsequenter Schritt, kommentiert Edgar Spinnler vom lokalen FDP-Vorstand. Man danke für das geleistete Engagement zugunsten der Gemeinde und der Bevölkerung.


Steuererhöhung hinterliess Spuren


Doch was hat das Fass zum Überlaufen gebracht? Wie so oft liegt die Ursache des Konflikts in der Finanzsituation der Gemeinde. Lange Zeit als Steueroase im Berner Oberland gepriesen, erhöhte Oberhofen ab 2010 ihren Steuerfuss innerhalb kurzer Zeit von 1,45 auf 1,64. Jahrelang waren wichtige Investitionen aufgeschoben worden, nun musste die angespannte Finanzlage ins Lot gebracht werden. Das habe man geschafft, sagt Reichen; inzwischen könne die Gemeinde ihre Aufgaben wieder erfüllen. Doch die Steuererhöhung hinterliess bei zahlreichen gut betuchten Bewohnern tiefe Spuren.


Und: Weitere grosse Investitionen stehen an. Gemeindeliegenschaften, die Wasserversorgung und Strassen müssen saniert werden, im Schulhaus Friedbühl braucht es mehr Platz. Eine Gemeinde müsse innovativ sein und sich weiterentwickeln, findet Reichen. «Der Service public darf nicht vernachlässigt werden.»


Mit diesem für eine Freisinnige bemerkenswerten Votum schaffte sie sich nicht nur Freunde. Vor allem nicht unter jenen Oberhofnern, die dem tiefen Steuerfuss nachtrauern. Weil die Gemeindeversammlung am 20. November 2017 abgebrochen worden war, verfügte Oberhofen über kein genehmigtes Budget.


Der Gemeinderat ging über die Bücher und legte der Gemeindeversammlung am 22. Januar einen neuen Voranschlag vor. Doch das reichte den bürgerlichen Parteien nicht. Sie stellten einen modifizierten Antrag, der grössere Kürzungen und Einsparungen vorsah und nach heftigen Diskussionen schliesslich genehmigt wurde.

«Die Demokratie hat ihre Grenzen»


Vorbelastet war die Beziehung einiger Oberhofner zu ihrer Gemeindepräsidentin, seit letztes Jahr deren Gehalt erhöht wurde. Weil der Aufgabenbereich angestiegen war, habe das präsidiale Arbeitspensum bereits seit Jahren 40 Prozent betragen, was sich aber nicht in der Besoldung niederschlug. Im Mai 2017 genehmigte die Stimmbevölkerung eine Aufstockung der Entschädigung von 15 auf 35 Prozent – allerdings fiel der Entscheid sehr knapp aus. «Seitdem stand ich dauernd im Kreuzfeuer der Kritik», so die scheidende Präsidentin.


Die Demokratie habe ihre Grenzen. Bei der Erarbeitung einer Finanzstrategie könne es kein «Jekami» geben. Dies sei Aufgabe des Gemeinderats und der Fachpersonen auf der Verwaltung. Dass ihre Mitarbeitenden in letzter Zeit in unwürdiger und unzumutbarer Art und Weise angegriffen worden seien, sei nicht tolerierbar­.
Die Kritik von Aussen habe auch die Zusammenarbeit innerhalb des Gemeinderats erschwert. Nach den letzten Wahlen traten per 2017 drei neue Mitglieder ein. Es sei ihr in der Zwischenzeit nicht gelungen, ein funktionierendes Team zu bilden, sagt Reichen. Oft seien in jüngster Zeit Partei- und Eigeninteressen im Vordergrund gestanden, das Kollegialitäts- und Loyalitätsprinzip habe gelitten. «Das Vertrauen kam mir abhanden», räumt die Gemeindepräsidentin ein.


Kein Frust oder Zorn


Seit dem Rücktrittsentscheid von vergangener Woche sei eine grosse Bürde von ihr abgefallen, sagt Sonja Reichen. Sie sei weder zornig noch frustriert, sondern erleichtert, bald nicht mehr von morgens bis abends für allerlei Probleme im Dorf verantwortlich zu sein und mehr Zeit für sich und für ihre Hobbies zu haben.
Ihre Demission sieht Sonja Reichen als Chance, dass die «angeblichen Gräben» zwischen einigen Bewohnern und den Behörden zugeschüttet werden können. In Oberhofen will sie bleiben und ihre Arbeit als Consultant in einer Berner Kanzlei will die gelernte Hotelfachfrau und zweifache Mutter weiterführen.


Noch nicht festgelegt ist das Datum der Ersatzwahlen. Derzeit wird auf der Gemeindeverwaltung abgeklärt, wann der Termin festzulegen sei, so Geschäftsleiterin Rahel Friedli. Das Wahl- und Abstimmungsreglement sei diesbezüglich nicht ganz eindeutig. Am 15. Februar wird die Wahl öffentlich ausgeschrieben inklusive Eingabefristen für Wahlvorschläge. Sicher sei, dass die Ersatzwahl bis Ende Juli über die Bühne gehe. Findet sich nur eine Kandidatur, gibt es stille Wahlen.


Beatrice Frey ist «klar interessiert»


Bis eine Nachfolge gewählt ist, übernimmt ab Mai Vizegemeindepräsidentin Beatrice Frey (SVP) das Amt. Die Leiterin des Bauressorts ist seit neun Jahren im Oberhofner Gemeinderat und seit letztem Jahr Vize. Die Zusammenarbeit im Kollegium bezeichnet sie als spannend, weil verschiedene Meinungen zusammenkommen und nach Lösungen gesucht werden müsse. Vom Rücktritt der Gemeindepräsidentin zeigt sie sich überrascht, weil Sonja Reichen diese Möglichkeit nie erwähnt habe.


Es ist durchaus möglich, dass die künftige Gemeindepräsidentin von Oberhofen Beatrice Frey heisst. «Ich bin klar interessiert an diesem Amt», sagt sie. Der Entscheid, ob sie kandidiere, falle nach Rücksprache mit ihrer Partei in den nächsten zwei Wochen.