06.02.2018

Absenkung bewegt Fischer und Naturschützer

Die gefährdete Gelbbauchunke ist darauf angewiesen, dass ihre Laichbiotope zwischendurch trockenfallen.

Die gefährdete Gelbbauchunke ist darauf angewiesen, dass ihre Laichbiotope zwischendurch trockenfallen.

Thunersee • Die Forderungen der BLS, auf die Pegelabsenkungen im Winter zu verzichten, geben rund um den See zu reden. Im Zentrum stehen Interessen der Wirtschaft, des Naturschutzes und von Seeanstössern.

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20 Zentimeter. Das entspricht einem Kinderschuh mit Grösse 32. Auf den ersten Blick ist das nicht viel. Doch rund um den Thunersee sorgt diese Zahl derzeit für eifrige Debatten. Angestossen wurden sie von der BLS, die auf dem See die Schifffahrt betreibt. Sie ersucht den Kanton, den Wasserstand zu stabilisieren und fordert den Verzicht auf die Absenkung des Seepegels. Die BLS will das Tourismusangebot ausbauen und verstärkt auf die Winterschifffahrt setzen. Dies erfordere einen konstant hohen Seepegel. Aufgrund des Tiefgangs der Schiffe kann im Winter nur das MS Schilthorn bis zum Bahnhof Thun fahren. Doch an schönen Tagen im Februar und März sei die Nachfrage deutlich grösser, argumentiert die BLS.


Das Unternehmen hat dazu einen Umweltverträglichkeitsbericht ausarbeiten lassen und will beim Kanton zwei Gesuche einreichen. Eines betrifft die generelle Erhöhung des Seepegels, das andere fordert den Verzicht auf die aus­serordentliche Absenkung im Winter alle vier Jahre. In diesen Perioden können die Schiffe weder die Kanäle in Thun und Interlaken noch die neue Werft am Lachenkanal anlaufen, weil der Seepegel auf 557 Meter abgesenkt wird. Das sind 20 Zentimeter weniger als in normalen Wintern.

Zahlreiche Stellungnahmen


Nach Ende des öffentlichen Mitwirkungsverfahrens sind 41 Stellungnahmen eingegangen, wie BLS-Sprecherin Helene Soltermann mitteilt. 15 Gesuche stammten von Privatpersonen, 26 von Organisationen inklusive öffentlichen Ämtern. Zu beiden Vorhaben der BLS gebe es Befürworter und Gegner. Eine qualitative Aussage sei aber erst ab Mitte Februar möglich, nachdem sich die BLS mit dem Amt für Wasser und Abfall sowie der Firma Sigmaplan (Erstellerin des Umweltverträglichkeitsberichts) getroffen und sämtliche Stellungnahmen analysiert habe, so Soltermann. Fakt sei, dass das Gesuch um die Haltung des Seepegels auf 557.45 Meter zwischen Anfang Januar und Anfang April weniger kritisch beurteilt werde. Dieser liegt 20 Zentimeter höher als im Durchschnitt.


 Nachdem das Vorverfahren abgeschlossen ist, fasst die BLS nun die Reaktionen in einem Bericht zusammen und finalisiert die beiden Gesuche. Das offizielle Verfahren für die Reglementsänderung werde im März/April durch das Amt für Wasser und Abfall eingeleitet, das Tiefbauamt übernimmt in diesem Verfahren die Leitung.


Absenkung nur noch alle acht Jahre?


Man könne die Interessen der BLS nachvollziehen, heisst es beim Uferschutzverband Thuner- und Brienzersee. Insbesondere gegen die generelle Erhöhung des Seepegels hat der Verband nichts einzuwenden, sagt Geschäftsstellenleiterin Monika Schaffner.


Unerlässlich sei dagegen die periodische, grosse Absenkung. «Sie ist weiterhin nötig, um die diversen Bau- und Unterhaltsarbeiten rund um den See koordiniert umsetzen zu können», sagt Schaffner. Während dieser Phasen können Anstösser der Uferlinie jeweils ihre Uferanlagen und -bauten instandsetzen oder andere Arbeiten ausführen. Es sei sinnvoll, dass dies konzentriert geschehe. Allerdings könnte die Frequenz der ausserordentlichen ­Absenkungen verringert werden, damit der Pegel nur noch alle sechs oder acht Jahre auf den Tiefststand sinkt, schlägt der Uferschutzverband einen Kompromiss vor.


Kritisch äussert sich in der Mitwirkung die SP Thun, insbesondere aus Naturschutzgründen. Zwar seien die Bestrebungen der BLS zur Optimierung der Winterschifffahrt zu begrüs­sen. Auch sei die Thunersee-Schifffahrt als Teil des öffentlichen Verkehrs zu fördern. Dem vorgesehenen minimalen Wasserstand könne die Partei aber nur zustimmen, wenn die BLS mit Naturschutzorganisationen und kantonalen Fachstellen eine Vereinbarung abschliesse über Ersatzmassnahmen für den Umweltschutz. Die Forderung nach dem Verzicht auf die ausserordentlichen Absenkungen lehnt die SP hingegen ab, weil die zu erwartenden Nachteile für das Ökosystem zu gravierend seien. Zudem seien die Gemeinden auf die periodischen Absenkungen angewiesen.


Ins gleiche Horn stösst der WWF, weil die Schwankungen des Seepegels zur natürlichen Dynamik eines voralpinen Sees gehörten. Verwiesen wird auf die Gelbbauchunke, die auf zwischendurch trockenfallende Laichbiotope angewiesen sei. Gemäss der Koordinationsstelle für Amphibien- und Reptilienschutz in der Schweiz (Karch) ist die Gelbbauchunke in der Schweiz regional stark gefährdet. Die grossen Flusskorrektionen im 19. Jahrhundert hätten zu einem Verlust von Lebensräumen geführt, dramatisch sei der Rückgang seit den 1980er-Jahren aufgrund von trockengelegten Feuchtgebieten, verbauten Flüssen, der technisierten Landwirtschaft und Bauindustrie sowie der Ausräumung von Randstrukturen und Brachland.


Fischer sind gegen grosse Absenkung


Kritisch äussert sich Pro Natura Bern. Neben der Unke seien auch die Schilfgürtel an den Seeufern bedroht, insbesondere die wenigen flachen Partien zwischen Thun und Spiez und am oberen Seeende, sagt Geschäftsführer Jan Ryser. Je konstanter der Wasserspiegel, desto steiler würden die Ufer, was negative Auswirkungen hätte auf die Weis­senau und das Gwattlischenmoos, das letzte grosse Schilfgebiet am Thunersee.


Rückhalt erhält die BLS von der Fischerei-Pachtvereinigung Thun – zumindest was die ausserordentliche Absenkung betrifft. Der Verzicht darauf werde begrüsst, so Präsident Renato Frauchiger, weil bei derart tiefem Pegelstand die Laichplätze der Uferlaicher trockengelegt werden. Fatal seien die raschen Pegelveränderungen für die Jungfische. Weil ihre Habitate in Flüssen und Seen abgetrennt würden, führe dies zu grossen Verlusten. «Bei einer generellen Pegelerhöhung müssten genauere Daten vorliegen», sagt Frauchiger. Dabei müssten mögliche Auswirkungen auf das Schilf und die Fundamente der Häuser am Seeufer untersucht werden.