20.02.2018

Dieses Tram bringt den ganzen Kanton vorwärts

Das neue Tram würde auf der heutigen Buslinie 10 durch die Viktoriastrasse rollen.

Das neue Tram würde auf der heutigen Buslinie 10 durch die Viktoriastrasse rollen.

Abstimmung • Das Tram von Bern nach Ostermundigen ist mehr als eine lokale Angelegenheit: Es dient dem ganzen Kanton und ist Prüfstein für die Solidarität zwischen Regionen, zwischen Stadt und Land. Der Urnenentscheid fällt am 4. März.

Peter Krebs

«Bürger in Sorge um Bern», so nennt sich ein Komitee, das dieser Tage die Kantonsbürger dazu aufruft, sich solidarisch zu zeigen und der Stadt beizustehen. Das klingt dramatisch. Allerdings ist kein neuer Franzoseneinfall zu befürchten, der Untergang Berns steht nicht unmittelbar bevor. Es geht bloss um die Umstellung der Buslinie von Bern nach Ostermundigen auf Trambetrieb, gegen die das Komitee zum solidarischen Kampf aufruft. Es geht um vier Kilometer Gleise und Fahrdrähte sowie ein paar Weichen.


Man darf die Sache also getrost etwas gelassener nehmen, sich zurücklehnen und sie nüchtern betrachten. Besagte Buslinie ist seit Jahren überlastet. In den Stosszeiten ist die Fahrt weder für die Passagiere noch für die Chauffeure ein riesiges Vergnügen. Für ältere Leute und Eltern mit Kinderwagen schon gar nicht. Die Busse verkehren in der Rushhour im Dreiminutentakt, der Fahrplan verkommt jeweils zum blossen Richtwert. Über die Busse, die sich in «Paketen» in kurzem Abstand folgen, ärgern sich die Automobilisten.


Das Tram hat viele Vorteile


Die Linie nach Ostermundigen wird in Zukunft noch mehr Fahrgäste aufnehmen müssen. An der Strecke entstehen neue Arbeitsplätze und Wohnungen. Vorhaben wie das Ostermundiger Hochhaus werden für zusätzlichen Verkehr sorgen. In dieser Situation ist die Umstellung auf Trambetrieb die logisch­ste Sache der Welt. Eine Tramkomposition fasst bis zu 170 Passagiere (mit Luft nach oben), zweieinhalbmal mehr als ein Gelenkbus. Die Strassenbahnen nach Ostermundigen wären pünktlich im Sechs-Minuten-Takt unterwegs. Im Winter reagieren sie weniger anfällig auf Schnee und Eis. Sie fahren mit einheimischem Strom, verursachen keine Luftverschmutzung, sind komfortabler und bei den Passagieren beliebt. Das Tram ist das richtige Verkehrsmittel für Stadt und Vororte, so wie es im Umland die S-Bahn und in ländlichen Gebieten die Überlandbusse braucht.


Aus Tramgegnern werden Freunde


Das Tram entlastet auch die Strassen. Das hat sich bei der Umstellung der Buslinien nach Bümpliz und Bethlehem im Jahr 2010 erwiesen. Dank des Trams und der ausgebauten S-Bahn hat der Individualverkehr zwischen der Innenstadt und dem Westen von Bern um sieben Prozent abgenommen, wie eine Erhebung zeigt. Die Linie nach Brünnen Westside transportierte sehr rasch nach der Eröffnung 23 Prozent mehr Passagiere als der Bus, den sie ersetzte. Das «Tram Bern West» gilt zu Recht als Erfolgsgeschichte. Die meisten Bümplizer möchten es nicht mehr missen. Sie haben sich von Tramgegnern zu Tramfreunden gemausert.
Von der Verlagerung des Verkehrs profitieren insbesondere jene Automobilisten, die auf ihr Fahrzeug angewiesen sind. Die Lieferanten und Handwerker kommen rascher zum Ziel, und auch die Velofahrerinnen finden mehr Platz vor. «Das Tram bremst die Autos eben nicht aus. Im Gegenteil. Es bietet mehr Überholmöglichkeiten und verflüssigt damit insgesamt den Verkehr», sagt der ehemalige Ostermundiger Gemeindepräsident Theo Weber (SVP), ein Trambefürworter. Nur zum Vergleich: Ein volles Tram nimmt in den Stosszeiten etwa die Passagierzahl auf, die in 130 Autos Platz finden. Diese bilden aneinandergereiht eine Kolonne von 800 Metern Länge (Autos sind im Stadtverkehr auch in Stosszeiten mit durchschnittlich 1,3 Personen besetzt). Wenn das Tram den wachsenden Verkehr nicht aufnimmt, werden früher oder später für teures Geld die Strassen ausgebaut, weil sie verstopft sind.


Effizient und umweltfreundlich


Bei der Umstellung vom Bus aufs Tram geht es um mehr als einen Systemwechsel: Es geht auch um Fragen der Wirtschaft, Lebensqualität und Raumordnung. Auf stark befahrenen Strecken kann auf die Dauer nur das Tram die Verkehrsströme gleichzeitig effizient und umweltfreundlich bewältigen. Die viel gerühmten Doppelgelenkbusse wären bloss eine relativ teure Übergangslösung. Das Tram fördert hingegen auf Dauer eine gesunde Wirtschaftstätigkeit. Durch seine hohe Effizienz und die grosse Kapazität macht es die von allen gewünschte dichtere Entwicklung «nach innen» erst möglich, die ohne Inanspruchnahme von neuem Landwirtschaftsland auskommt. Das dient nicht nur der Stadt Bern und Ostermundigen. Eine starke, lebenswerte, moderne Agglomeration ist am Ende gut für den ganzen Kanton. Dieser profitiert von den zusätzlichen Steuereinnahmen, mit denen er auch Projekte in Randregionen finanziert: Schulen, Strassen und nicht zuletzt den öffentlichen Regionalverkehr.


So funktioniert Solidarität


Es wäre also kurzsichtig, wollte man mit einem Nein zum Tram die Stadt Bern treffen: Man trifft sich selber. So funktioniert Solidarität, sie ist ein Geben und Nehmen zum Wohle aller. Wer hingegen Ressentiments schürt, braucht sich über Retourkutschen nicht zu wundern. Stadt und Region Bern haben sich bei der Umfahrung von Aarwangen an der Urne solidarisch gezeigt mit der Region Oberaargau. Es ist fraglich, ob sie das auch wieder tun würden, falls sie beim Tram überstimmt werden: zum Beispiel im Fall der demnächst anstehenden Umfahrung von Wilderswil.


Kein Luxus – Investition in die Zukunft


Der Gesamtbetrag von 264 Millionen Franken für das Tramprojekt (mit einem Kantonsanteil von 102 Mio.) mag zwar hoch erscheinen, ergibt aber kein Luxusprojekt. Die Verantwortlichen haben das teure letzte Teilstück mit dem Tunnel in die Rüti in Ostermundigen weggelassen. Einen schönen Anteil von zwanzig Prozent finanziert der Bund aus seinem Agglomerationsfonds, der für Verkehrsinfrastrukturen reserviert ist. Bei einem Nein zum Tram wird dieses Geld nicht einfach eingespart. Es fliesst in andere Projekte, in andere Kantone, zu anderen Baufirmen, in andere Verkehrsunternehmen. Arbeitsplätze und Mehrwert würden anderswo geschaffen. Der Berner Bär hätte wieder einmal das Nachsehen und könnte sich die Wunden lecken, die er sich aus eigenem Verschulden zugefügt hätte. So günstig kommen Agglomeration und Kanton Bern kaum je wieder zu einer so guten und ausgereiften Lösung.


Wer sich solidarisch zeigen will mit Bern, Ostermundigen, Aarwangen, Wilderswil, dem Mittelland, dem Emmental und dem ganzen Kanton, stimmt Ja zur Tramlinie. Das Solidaritätsverständnis der Tramgegner scheint hingegen etwas speziell zu sein. Mit wem soll man im vorliegenden Fall denn solidarisch sein, wenn nicht mit der Mehrheit der Stimmbürger von Bern und Ostermundigen, die das Tram und die dazu vorgelegten Gemeindekredite mit 62 Prozent bzw. 54,5 Prozent schon angenommen haben?