06.03.2018

Kirchenverantwortliche appellieren an die Gläubigen: Initiative gefährde die finanzielle Sicherheit

Der Kirchenrat will Abstand nehmen vom baufälligen Zweckbau Johanneskirche.

Der Kirchenrat will Abstand nehmen vom baufälligen Zweckbau Johanneskirche.

Thun • «In Menschen statt in Beton investieren»: Mit diesem Aufruf wirbt der Kleine Kirchenrat der Gesamtkirchgemeinde für Ablehnung der Initiative «Pro Johanneskiche». Die Investition von 5 Mio. Franken könne sich die Gemeinde nicht leisten.

pd

Das 50-jährige Zentrum Johannes müsste für über 5 Mio. Franken saniert werden. Mitgliederschwund und rückläufige Steuereinnahmen sprechen gegen diese Investition. Der Grosse Kirchenrat beschloss deshalb die Umnutzung des Zentrums. Gegen diesen parlamentarischen Entscheid lancierte ein Komitee die Initiative «Pro Johanneskirche», über die am 29. April 2018 abgestimmt wird. Im Interesse aller fünf Kirchgemeinden Thuns empfiehlt der Kleine Kirchenrat, die Initiative abzulehnen.

Die Urheber der Initiative «Pro Johanneskirche» wollten den «sorgsam gefällten» parlamentarischen Entscheid rückgängig machen, damit werde die finanzielle Sicherheit der Gesamtkirchgemeinde Thun aufs Spiel gesetzt, sagt Willy Bühler, der Präsident des Kleinen Kirchenrats: «Es geht bei dieser Abstimmung nicht allein um die sanierungsbedürftige Johanneskirche, sondern um viel mehr: Es geht um die Bedürfnisse der 25?000 Mitglieder in den Kirchgemeinden Goldiwil-Schwendibach, Lerchenfeld, Thun-Stadt, Thun-Strättligen und Paroisse française de Thoune.» Die Abgeordneten der fünf Thuner Kirch­gemeinden sprachen sich im November 2017 im Grossen Kirchenrat, dem Parlament, mit grossem Mehr gegen die Initiative aus.

Es droht Verschuldung

Laut Prognosen, die auf der Grundlage des Finanzplans 2018–2022 beruhen, wird die Gesamtkirchgemeinde bereits im Jahr 2020 über keine flüssigen Mittel mehr verfügen. Wie unabhängige Studien von Bauexperten ergaben, bräuchte es für grundlegende Sanierungsaufgaben bei der Johanneskirche einen Finanzbedarf von mindestens 5 Mio. Franken. Würde die Sanierung durchgeführt und die Johanneskirche in der jetzigen Form weiterbetrieben, müsste sich die Gesamtkirchgemeinde bis in vier Jahren zusätzlich verschulden. Die finanziellen Mittel würden für die Sanierung weiterer Liegenschaften und für andere Aufgaben in den fünf Kirchgemeinden fehlen. Vor diesem Hintergrund sagt Max Ramseier, der Vizepräsident des Kleinen Kirchenrats: «Angesichts der Steuereinnahmen, die wegen rückgängiger Mitgliederzahlen und anstehender Steuerreformen einbrechen werden, müssen wir eine Verschuldung bereits heute stoppen. Wer im Interesse seiner Kirchgemeinde handelt, sagt darum Nein zur Initiative.»

Bevölkerung soll mitwirken

Bei der kommenden Abstimmung gehe es nicht darum, eine Kirche abzureissen, wie immer wieder behauptet werde, sagt Willy Bühler: «Es geht bei der Urnenabstimmung allein darum, das Kirchenzentrum Johannes vom Verwaltungsvermögen in das Finanzvermögen zu überführen. Damit werden überhaupt erst Abklärungen für konstruktive Ideen und gute Lösungen für das Zentrum Johannes möglich!» Willy Bühler betont weiter: «Uns ist wichtig, dass beim ganzen Umnutzungsprozedere die Bevölkerung stark eingebunden ist. Dabei nehmen wir insbesondere auch auf die Bedürfnisse der Kirchgemeinde Strättligen Rücksicht.» Die Kirche garantiert, dass alle kirchlichen Anlässe des Zentrums Johannes in einem anderen Gebäude durchgeführt werden können. In Strättligen gebe es hierzu genügend Räume in unmittelbarer Nähe. Mit der geplanten Umnutzung der Liegenschaft steht die Kirchgemeinde Thun nicht allein da. Da die Mitgliederzahlen bei der evangelisch-reformierten Landeskirche allgemein abnehmen und sich heute weniger Menschen einen Kirchenraum teilen, werden in der ganzen Schweiz kirchliche Gebäude umgenutzt – vor allem wegen der zukünftig angespannten finanziellen Lage und einem Überangebot an Liegenschaften.

Kirche besinnt sich aufs Wesentliche

Gemäss theologischem Befund sind Kirchenräume in erster Linie Zweckbauten und können daher einer anderen Nutzung zugeführt werden. Wichtig sei die Verkündung des Evangeliums, betonen die Verantwortlichen. «Die reformierte Tradition macht deutlich, dass Unterhaltskosten von kirchlichen Liegenschaften nicht zulasten der diakonischen Aufwendungen der Kirche für die Armen ausfallen sollen.» Vor diesem Hintergrund sagt Margrit Schwander, Pfarrerin und Mitglied des Kleinen Kirchenrats: «Wir wollen lieber und sollten besser in Menschen investieren als in Beton.» Die Kirchgemeinde Strättligen sei gut aufgestellt: Mit der Umnutzung der Johanneskirche sei die Kirchgemeinde gut für die Zukunft gerüstet.

Die Stimmberechtigten festigten mit einem Nein zur Initiative die Sicherheit der Gesamtkirchgemeinde Thun: «Es braucht Klarheit und dann wieder Einheit», so Willy Bühler, Präsident des Kleinen Kirchenrats.