Jobs von A bis Z.

06.03.2018

Digitalisierung erfasst die Welt

Mit Digitalisierung lässt sich auch Wahlkampf machen, zum Beispiel bei den bevorstehenden Kantonswahlen im Wahlkreis Bern.Digitalisierung steigert die Produktivität – doch nützt sie auch den Arbeitnehmenden?Edy Portmann, Professor für Informationswissenschaft und Förderprofessor der Schweizerischen Post, lehrt an den Universitäten Bern und Freiburg.

Mit Digitalisierung lässt sich auch Wahlkampf machen, zum Beispiel bei den bevorstehenden Kantonswahlen im Wahlkreis Bern.

Digitalisierung steigert die Produktivität – doch nützt sie auch den Arbeitnehmenden?

Edy Portmann, Professor für Informationswissenschaft und Förderprofessor der Schweizerischen Post, lehrt an den Universitäten Bern und Freiburg.

Politforum • Es gibt kaum eine Hochschule, Organisation oder Firma, die sich nicht mit Digitalisierung befasst; der Trend hat längst auch die Gemeinden erfasst; in Thun findet dazu das Politforum statt. Der Kanton arbeitet an einer neuen Strategie.

dv

Das Politforum Thun vom 9. und 10. März 2018 ist dem Megatrend Digitalisierung gewidmet: Mit Referaten, Diskussionen und Praxisbeispielen zeigen Fachleute Chancen und Risiken des digitalen Wandels auf. Bundesrat Johann Schneider-Ammann legt die Sicht des Bundes dar; Richtschnur ist die Strategie 2016 zur «Steuerung der Digitalisierung». Behörden, Wirtschaft, Wissenschaft, Forschung und Gesellschaft sind zur Zusammenarbeit angehalten, löst doch die Digitalisierung ungeahnte Transformationsprozesse aus. Der Bundesrat will daraus grösstmöglichen Nutzen für die Schweiz ziehen.

Die Gemeinde Münsingen veranstaltet ihr Wirtschaftsforum vom 28. März zum Thema – und verknüpft daran die Frage, ob Digitalisierung als Mittel gegen Fachkräftemangel taugt. Vier Münsinger Unternehmen zeigen, wie sich Fachkräftemangel auswirkt und was dagegen getan werden kann.
Im Kanton Bern gibt es konkrete Anwendungsbeispiele: Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion hat ihren IT-Bereich zur Abteilung «Digital Management» umgebaut. Abgeltungs- und Bewilligungsverfahren, die Verwaltung und Kontrolle registrierungspflichtiger Rezepte durch das Kantonsapothekeramt erfolgen elektronisch. Das Amt für Informatik und Organisation (KAIO) und die Staatskanzlei unterbreiten dem Regierungsrat demnächst eine neue E-Government-Strategie. Beim Aufbau des elektronischen Patientendossiers arbeiten die Kantone Bern und Zürich zusammen und gründeten die Firma Cantosana AG. Im Gesundheitswesen ist die Digitalisierung voll im Gang.
Die Standortförderung der bernischen Volkswirtschaftsdirektion unterstützt Firmen bei der Erarbeitung und Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle. Die Tourismusdestinationen bauen ihre Infrastrukturen entsprechend aus.
Wie die Zukunft aussehen könnte, daran forscht der Berner Professor für Informationswissenschaft, Edy Portmann. Er gibt sich zuversichtlich: Dank Automation repetitiver Prozesse gewinne der Mensch Zeit für Zwischenmenschliches. Im Moment befänden wir uns in einer Transformationsphase, die Unsicherheiten auslöse.

Digitaler Aktivismus in allen Bereichen

TREND • Das Thema provoziert auf allen Ebenen Aktivismus, in Parlamenten eine Flut von Vorstössen. Startups tüfteln an neuen Anwendungen. Verwaltungen rüsten ihre Informatik auf.

Am 21. November 2017 fand im HB Zürich der Digitaltag statt, an dem nebst Institutionen und Unternehmen auch Spitzenleute des Bundes teilnahmen. Hinter dem Anlass stand die private Vereinigung Digital Switzerland mit Sitz in Zürich, deren erklärtes Ziel die digitale Transformation der Schweiz ist. Die SVP-Fraktion witterte umgehend staatlich bezahltes Lobbying: «Wie wird sichergestellt, dass im Bereich der Digitalisierung keine Industriepolitik betrieben wird?» will die Aargauer SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni wissen. Der Bundesrat erachtete den Anlass als Möglichkeit des Austauschs zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Seine Strategie und den Bericht «Zentrale Rahmenbedingungen der digitalen Wirtschaft» legte er 2016 dar. Entwicklung, Produktion und Vertrieb neuer digitaler Produkte und Dienstleistungen räumt der Bundesrat grösstmögliche Freiräume ein.

Der Schweizerische Gemeindeverband widmete dem Thema «Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung» kürzlich eine Tagung in Freiburg; am 14. März lädt der Verband zusammen mit Postfinance in Bern zum Innovations-Workshop ein. Der Städteverband lud im November 2017 zur nationalen Tagung nach Solothurn. Das Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern veranstaltet zu «digitale Welt – analoge Erfahrung» eine mehrteilige Veranstaltungsreihe, der letzte Anlass dazu findet am 17. März statt. Die Aufzählung der Aktivitäten könnte noch fast beliebig fortgesetzt werden. Auch bei den Wahlen vom 25. März im Kanton Bern spielt Digitalisierung mit: Der Berner Verein digital-liberal schickt im Wahlkreis Bern eigene Mitglieder ins Rennen. Im Beirat des Vereins sitzen einige freisinnige Exponenten, zum Beispiel der Berner Nationalrat Christian Wasserfallen und der Thuner Grossrat Carlos Reinhard. Informatikprofessor Edy Portmann dient dem Verein als wissenschaftlicher Beirat.

Selbstfahrende Autos, Transportdrohnen, Roboter, neue Web-Applikationen und papierlose kommunale Dienstleistungen machen als digitale Anwendungen Schlagzeilen. Die Wirklichkeit ist oft wenig spektakulär, aber doch ein Fortschritt im Kleinen, wie der Belper Gemeindepräsident Benjamin Marti ausführt – er wird sich am Politforum in Thun dem Realitätscheck unterziehen. Zusammenfassend hält er fest: «Wir versuchen, die Effizienz unserer Dienstleistungen gegenüber unseren Kundinnen und Kunden mit digitalen Elementen und Hilfsmitteln zu steigern. Auch soll der Kontakt durch die Digitalisierung in vielen Bereichen vereinfacht werden.» Doch oft führe die Vereinfachung lediglich zu einer Verlagerung, so Marti. «Will heissen, bei Störungen oder Unsicherheiten telefoniert man immer noch und generiert netto keinen Minderaufwand.» Auch Belp hat die Online-Dienstleistungen ausgebaut; und der Gemeinderat arbeitet mehr und mehr papierlos. Der Lehrplan 21 wird Belp und alle andern Gemeinden herausfordern, weil immer mehr Lehrmittel digital sind und der Umgang mit Computern Pflichtstoff ist.

Die Stadt Bern hat in diesen Tagen ihre neue Digitalstrategie beschlossen. Diese legt fest, in welchen Bereichen die Stadt die Interaktionen zwischen Verwaltung und Bevölkerung und die digitalen Dienstleistungen ausbauen will.

Die Standortförderung des Kantons Bern unterstützt Firmen bei der Aufrüstung ihrer digitalen Fertigung. Die Gesundheits- und Fürsorgedirektion hat kürzlich die neue Abteilung «Digital Management» geschaffen.

Der technische Fortschritt soll Berufstätigen nützen

 

Arbeitnehmende • Gewerkschaften wollen Digitalisierung zum Vorteil der Arbeitnehmenden nutzen. In der gegenwärtigen Debatte gehe der arbeitende Mensch allzu oft vergessen.

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB hat 2017 ein Dossier zur Digitalisierung veröffentlicht und Massnahmen zum Schutz der Berufstätigen gefordert, droht doch dem Arbeitsrecht Aufweichung. Der rasche technische Wandel führt zu Rationalisierung, Auslagerung von Dienstleistungen ins Ausland (Offshoring), neuen Produktionsprozessen, etwa bei den Printmedien oder im Detailhandel, und beschleunigt den Strukturwandel. Es entstehen neue Arbeitsformen wie zum Beispiel beim Taxiunternehmen Uber; die Ortsgebundenheit der Arbeit und direkte zwischenmenschliche Kontakte verlieren an Bedeutung; Arbeit und Freizeit vermischten sich.

Tief greifende technologische Neuerungen gab es in der Wirtschaftsgeschichte immer wieder, stellt der SGB fest; diese Neuerungen seien von Menschen gemacht und somit beeinflussbar. «Ziel muss sein, dass die technologischen Neuerungen den Berufstätigen und der Bevölkerung nützen.» Tatsache sei, dass die Mechanisierungsschritte bis heute nicht zu einem trendmässigen Anstieg der Arbeitslosigkeit geführt hätten, so der SGB. Fazit des technischen Fortschritts: «Der materielle Wohlstand ist gestiegen und die Arbeitszeiten sind gesunken.»
Der SGB warnt vor Untergangspropheten: «Viele der Zukunftsszenarien, die fundamentale Veränderungen voraussagen, kommen aus der Beratungsbranche, die damit auch Geld verdient.» Die Auswirkungen auf die Arbeitswelt seien schwierig zu quantifizieren. Der flächendeckende Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie setzte in den 1990er-Jahren ein; der Import von Computern und Büromaschinen verdoppelte sich laut SGB zwischen 1990 und 2000. Heute können Produkte in wesentlich kürzerer Zeit bestellt, transportiert, verkauft und abgerechnet werden. Das Internet ermöglicht die Auslagerung von Dienstleistungen in Tieflohnländer. Der SGB fordert, die Früchte allfälliger Produktivitätsfortschritte müssten gleichermassen den Arbeitnehmenden zugute kommen.

Grundsätzlich gelte: «Je besser der Schutz der Arbeitnehmenden, je tiefer die Arbeitslosigkeit, und je besser die beruflichen Möglichkeiten für die Arbeitnehmenden, desto schwieriger wird es für Arbeitgeber, die Digitalisierung zu Ungunsten der Arbeitnehmenden voranzutreiben.» In stark gefährdeten Branchen wie Detailhandel, Banken und Medien müssten wirksame Schutzbestimmungen durchgesetzt werden. Für ältere Arbeitnehmende brauche es einen besseren Kündigungsschutz. Bei Mitwirkung, Gesundheits- und Datenschutz, Arbeitszeiten, Besteuerung, Bildung, Weiterbildung ortet der SGB erhebliche Defizite und Gesetzeslücken.

Die Gewerkschaft Syndicom kritisiert, der Mensch gehe in der Debatte um Digitalisierung allzu oft vergessen. Als Beispiele nennt sie die durch das Bakom organisierte nationale Konferenz «Digitale Schweiz» und den Digitaltag «Digitalswitzerland».

Auf dem Weg zu Smart Citys und Smart Governance

 

Digitalisierung • Dank der Digitalisierung gewinne der Mensch Zeit für Zwischenmenschliches: Dies sagt Universitätsprofessor Edy Portmann, der im Auftrag der Schweizerischen Post im Bereich Digitalisierung forscht. In der Schweiz stehe die Debatte noch am Anfang – ohne Regulierung gehe es nicht.

Digitalisierung kommt als globale Revolution daher und löst flächendeckende Betroffenheit aus – der Begriff ist in aller Munde. Die Gunst der Stunde lockt auch Hochstapler und Scharlatane. Wie nehmen Sie die Debatte wahr?

Edy Portmann: Tatsächlich nehmen diesen Begriff im Moment alle in den Mund, auch jene, die sich Vorteile verschaffen wollen. Als ich in Kalifornien lebte, war dieser Begriff bereits überholt; dort spricht man von künstlicher Intelligenz. Digitalisierung wird enorme Veränderungen auslösen. Bei uns ist der Hype noch im Gang, weil viel Nachholbedarf besteht; vieles ist bei uns noch nicht umgesetzt. Einige Länder in Asien und insbesondere Kalifornien sind weiter. Was die Anwendungen der Digitalisierung bewirken können, diese Debatte steht uns noch bevor. Zunächst müssen wir die Bedeutung erfassen, damit wir die Entwicklung steuern können.

Sie befassen sich beruflich mit dem Thema und haben einiges publiziert. Die Entwicklung schreitet rasant voran. Wo stehen wir heute?

Portmann: Derzeit befasse ich mich intensiv mit Smart Citys. Städte müssen sich vorbereiten. St. Gallen zum Beispiel begann etwa vor zehn Jahren mit Effizienzsteigerungsmassnahmen und intelligenten Anwendungen der Sensortechnik. Bei Bauvorhaben werden Sensoren eingebaut, die nützliche Informationen über das öffentliche Leben in der Stadt liefern. St. Gallen schuf eine Stelle für diese Aufgaben. Eine Stadt muss zunächst bereit sein dafür, dass sie die Digitalisierung zugunsten der Bevölkerung nutzbar machen will. Basel, Genf und Zürich haben ebenfalls Massnahmen eingeleitet. Die künstliche Intelligenz hilft Menschen bei der Verarbeitung der wachsenden Datenströme, daraus Sinn stiftende Informationen zu gewinnen.

Was müssen Gemeinden tun, damit sie die technische Revolution nicht verpassen?

Portmann: Jede Gemeinde, jedes Dorf, jede Region und jede Stadt muss sich klar werden darüber, welche Probleme vordringlich sind. Digitalisierung lässt sich nur am konkreten Beispiel erfolgreich anwenden, wenn alle Betroffenen und Fachstellen zusammenarbeiten. Das heisst: Es braucht interdisziplinäre Teams.

Das tönt ziemlich akademisch. Digitalisierung als Allerweltsrezept?

Portmann: Wenn eine Gemeinde am Verkehrsüberfluss leidet, soll sie hier beginnen. Wenn Überalterung das hauptsächliche Problem darstellt, dann da. Aber eine Gemeinde kann nicht alle Probleme aufs Mal anpacken. Und dennoch: Sie muss sämtliche Aspekte im Auge behalten, denn diese stehen in einem inneren Zusammenhang. Digitalisierung heisst auch Vernetzung. Vielleicht gibt es in der Gemeinde leer stehende Liegenschaften, die optimal für neue Bedürfnisse genutzt werden könnten. Oder die Gemeinde kann Dienstleistungen direkt zuhause bei den Bürgerinnen und Bürgern anbieten, um Gehbehinderten oder gebrechlichen Menschen Wege zu ersparen. Allgemeingültige Rezepte gibt es aber nicht.

Bei der Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung denken viele an E-Government und papierlose Büros. Was soll Digitalisierung hier bewirken?

Portmann: Ich bin bei verschiedenen Projekten um E-Governance involviert. Tatsächlich denken viele ans papierlose Büro und elektronische Lösungen. E-Governance mit PDF-Formaten, die identisch sind mit gedruckten Formularen, greift jedoch zu kurz. Ich bevorzuge den Begriff Smart Governance. Die Entwicklung hilft dem Menschen, Werkzeuge zu bauen, die ihm die repetitiven Tätigkeiten abnehmen. So kann er sich den wirklichen Problemen zuwenden: Entscheide treffen und kreativ sein. Smart Governance heisst etwa: Eine Steuererklärung füllt sich selbst aus. Der Mensch muss nur noch kontrollieren, ob die Intelligenz, welche die Steuererklärung ausfüllt, ihre Aufgabe korrekt ausführt. Oder ein Beispiel aus der Medizin: Der Arzt wird mit künstlicher Intelligenz nicht überflüssig, sondern durch eine Maschine unterstützt, die ihm bei der Auswertung der enormen Datenmenge hilft. Die Maschine zeigt auf, welche Behandlung bei bestimmten Symptomen den grössten Erfolg verspricht. Der Arzt kann die vielen Studienergebnisse nämlich gar nicht auswendig kennen.

E-Government ermöglicht elektronisches Abstimmen und Wählen. Ein Gewinn für die Demokratie?

Portmann: Einige Westschweizer Kantone bieten diese Möglichkeit bereits an. Aber es gibt auch kritische Stimmen, die vor Manipulation und Datenverlust warnen. Grundsätzlich ist festzuhalten: Ein System mit 100 Prozent Sicherheit gibt es nicht, auch nicht in Papierform. Selbstverständlich müssen Risiken minimiert werden. Irgendwann wird elek­tronisches Wählen und Abstimmen wohl flächendeckend eingeführt.

Datensicherheit wird immer wieder infrage gestellt. Auch die Archivierung stellt den Staat vor grosse Probleme.

Portmann: Die Archivierung digitaler Information ist in der Tat herausfordernd. Das Thema beschäftigt viele Fachleute und würde den Rahmen dieses Interviews wohl sprengen.

Am meisten interessiert Bürgerinnen und Bürger, ob der Service public besser wird. Die Befürchtung ist gross, dass menschliche Kontakte leiden.

Portmann: Das Gegenteil ist der Fall: Menschliche Kontakte gewinnen an Bedeutung. Dank Automation repetitiver Prozesse gewinnt der Mensch Zeit für Zwischenmenschliches. Im Moment befinden wir uns in einer Transformationsphase, die Unsicherheiten auslöst. Wir müssen vom Ziel der Effizienzsteigerungen Abstand nehmen und den Menschen ins Zentrum stellen. Digitalisierung stellt ihm bessere Werkzeuge zur Verfügung.

Auf dem Spiel steht auch unsere Demokratie: Die Digitalisierung verändert
die Medien und damit den politischen Diskurs.


Portmann: Wir müssen Entwicklungen über längere Zeit verfolgen und sollen uns durch den rasanten technischen Fortschritt nicht beirren lassen. Als der Mensch den aufrechten Gang lernte, hatte er plötzlich die Hände frei zum Arbeiten und um Werkzeuge zu bauen. Der Mensch ist ein experimentierfreudiges Wesen. Ein neues Werkzeug ist auch die Intelligenz ausserhalb des menschlichen Gehirns. Dieses verbessert die Interaktionen zwischen Menschen. Wir wachsen über uns hinaus. Klar müssen wir uns überlegen, welche Auswirkungen diese Möglichkeiten auf die politischen Prozesse hat. Ich bin aber optimistisch, dass wir die Digitalisierung zu unsern Gunsten nutzen können. Aufhalten können wir die Entwicklung ohnehin nicht.

Digitalisierung eröffnet auch neue Möglichkeiten der Partizipation. Aber sind die Menschen bereit dazu? Der hohe Anteil an Abstinenz bei politischen Entscheiden spricht eher dagegen.

Portmann: Das Modell einer menschenzentrierten Smart City etwa funktioniert von unten nach oben. Die Betroffenen erhalten neue Werkzeuge der Beteiligung und Interaktion. Diese helfen zum Beispiel bei der Organisation der Nachbarschaft, ausgerichtet auf die konkreten Bedürfnisse. Solche Werkzeuge, die vergleichbar sind mit den heutigen sozialen Medien, haben wir bereits entwickelt. Geschlossene Systeme für eine Gemeinde oder Stadt sind hier möglicherweise besser als offene wie Twitter oder Facebook, die über Riesenkonzerne in Amerika gesteuert und von den Rus­sen angezapft werden können.

Die Arbeitswelt wird anders aussehen: In Zukunft wird es viel mehr Freelancer geben. Der Gewerkschaftsbund warnt vor Missbräuchen und fordert Sicherheitsmassnahmen.Portmann:

Ohne die heutige Technik würde die Gesellschaft stillstehen; ohne Internet könnten wir keine Bananen mehr einkaufen. Das Künstliche und das Biologische wachsen mehr und mehr zusammen. Zum Glück wenden wir Technik mehrheitlich zum Guten an, obwohl wir auch die Möglichkeit hätten, uns selber zu zerstören. Was ich damit sagen will: Wir können nicht voraussagen, was morgen sein wird. Aber wir können sagen, dass wir die Technik bisher mehrheitlich zum Wohl der Menschen anwenden. Das muss uns zuversichtlich stimmen. Über die Spielregeln müssen wir uns einig werden. Ohne Regulierung geht es nicht. Uber zum Beispiel ist ein Experiment und nichts Illegales. Nun sehen wir, dass das System auch Benachteiligte schafft, also braucht es klare Regeln.

Die bisherige Entwicklung zeigt auch, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet. Ein kleiner Teil der Menschheit wird immer reicher und mächtiger.

Portmann: Ja, das macht Angst. Aber solche Szenarien gilt es zu vermeiden. Der Staat muss gleiche Chancen und Zugänge für alle ermöglichen. Die Sicherung des Wohlstands, wie sie der Bundesrat in seiner Strategie anstrebt, ist gewiss ein berechtigtes Anliegen. Aber niemand weiss, ob unser jetziges kapitalistisches System die Entwicklung überleben wird. Digitalisierung stellt alles infrage. Ich bin grundsätzlich ein Optimist und sehe mehr Chancen als Risiken.

Das Politforum in Thun ist dem Thema Digitalisierung gewidmet

Sind die Gemeinden auf diese Entwicklung vorbereitet? Wo liegen die Chancen und Risiken? Was passiert mit den Arbeitsplätzen? Wie erfolgt die politische Beteiligung? Wie sieht die Verwaltung von morgen aus? Um diese und weitere Fragen dreht sich das diesjährige Thuner Politforum vom 9. und 10. März im Kultur- und Kongresszentrum. Laut Geschäftsstelle haben sich bereits 380 Personen angemeldet. Nach dem letztjährigen Rekordjahr rechnet sie mit einem weiteren Erfolg. In Referaten und Diskussionsrunden vertiefen Fachleute aus Politik und Wirtschaft das Thema Digitalisierung. Bundesrat Johann Schneider-Ammann legt die Sicht des Bundes dar; Regierungsrätin Beatrice Simon zeigt auf, wie der Kanton mit dem digitalen Wandel umgeht und welche Projekte er zurzeit umsetzt. David Bosshart, CEO des Gottlieb Duttweiler Instituts, umschreibt Wege zum Erfolg.

Wie immer stehen am Politforum Thun auch Beispiele aus der Praxis zur Debatte. Einen Blick hinter die Kulissen gewähren die Gemeinden Moosseedorf, Lyss, Niederrohrdorf, Stettlen, Sutz-Lattrigen, Wohlen und Belp. Wichtiges Kapitel sind die bernischen Volksschulen: Amtsvorsteher Erwin Sommer erläutert Massnahmen.