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06.04.2018

Wo der Biber lebt, gedeiht die Biodiversität

Der Biber nagt auch dicke Stämme durch, um an Knospen zu gelangen und seinen Bau zu schützen.

Der Biber nagt auch dicke Stämme durch, um an Knospen zu gelangen und seinen Bau zu schützen.

Belpau • In der Belpau wachsen die Biberpopulationen, denn hier finden sie ideale Lebensräume. Die Dichte der Biberbauten ist hoch. Pro Natura erklärt auf einer Exkursion das Leben der Nagetiere und Vegetarier. Die Population reguliert sich durch das Reviersystem selbst, sagt die Expertin von Pro Natura.

Salome Guida

Beim Anschluss Rubigen staut sich zu Stosszeiten der Verkehr bis nach Belp. Oft reiht sich auf dem Parkplatz bei der Hunzikenbrücke Auto an Auto, und im Sommer treiben Massen von Gummibooten die Aare hinunter. Was vielen nicht bewusst ist: Mitten im Trubel, hinter Büschen und Bäumen versteckt, befindet sich das Naturschutzgebiet Belp­au. An Aare, Gürbe und Giesse leben so viele Biber wie kaum anderswo.

Dabei hatte es vor Jahrzehnten ganz anders ausgesehen. Ende der 1960er- Jahre wurden norwegische, französische und russische Biber aus europäischen Restvorkommen in der Schweiz ausgesetzt. Ursprünglich einheimisch, war der Biber weltweit fast ausgerottet. Nicht nur sein Pelz war begehrt, sondern auch sein Markierungssekret, das sogenannte «Bibergeil», welches Linderung für alle möglichen Gebrechen versprach. Es enthält Salicylsäure – wichtiger Bestandteil von Medikamenten wie Aspirin. Hinzu kam, dass das Nagetier von der Kirche als «fischähnlich» zum Verzehr während der Fastenzeit zugelassen war. So kam es, dass Anfang des 19. Jahrhunderts nur noch rund 1300 Exemplare des eurasischen Bibers lebten.

Die Natur selbst begünstigte die Verbreitung: 1999 kam es vielerorts zu Hochwasser. Im Tierpark Dählhölzli stieg der Pegel der Aare so an, dass die dortigen bayrischen Biber entkamen. Sie suchten sich aaraufwärts geeignete Lebensräume, so auch in der Belpau.

Biber markieren ihr Revier

Bei der Hunzikenbrücke versammelt Pro-Natura-Exkursionsleiterin Beatrice­ Baeriswyl eine Gruppe von Leuten, um den Spuren der Biber zu folgen. Bereits nach wenigen Metern führt die ausgebildete «Beaverwatcherin» zur Aare hinunter. Der Biber hält sich zwar bevorzugt an stehenden oder langsam fliessenden Gewässern auf, doch auch in der reissenden Aare bewegt er sich mühelos. Am sandigen Ufer liegen abgenagte Äste. Beatrice Baeriswyl macht auf kleine Sandhaufen aufmerksam – Markierungshaufen. Sie reicht einen Becher voll herum: Das Material riecht streng. «Dieses Castoreum, das Bibergeil, markiert das Revier der Tiere», erklärt sie. «Die Biber sehen keine Farben, aber sie verfügen über einen stark ausgeprägten Geruchs- und Gehörsinn», so die Biberexpertin. Mit bis zu einem Meter Körperlänge und bis zu 35 Kilogramm Gewicht ist der Biber das weltweit zweitgrösste Nagetier, europaweit sogar das grösste und verwandt mit dem Murmeltier. Doch ist er auf Wasser angewiesen und diesem Element angepasst. Seine Anatomie macht ihn zum schnellen Schwimmer und Taucher, während er festen Boden meidet. Genau das wird dem Biber zum Verhängnis: Auf der Suche nach neuen Lebensräumen oder Nahrung wird ihm der Wasserweg oft abgeschnitten. Stauwehre mit Mauern oder Schwellen zwingen ihn, über Land weiterzukommen. Dabei werden Biber häufig von Autos oder Zügen überfahren. Wasserkraftwerke verfügen über keine oder ungenügende Fischtreppen. Schon seit Jahren setzen sich Umweltorganisationen wie Pro Natura deshalb für ein lückenloses «Wassernetzwerk» ein.

Nagetier und Vegetarier

In der Belpau haben die Biber das Potenzial an Revieren gut ausgeschöpft. Überall sind umgestürzte Bäume zu sehen. Ja, Burglind hat auch hier gewirkt, doch mit den beeindruckend gleichmässig abgenagten Baumstrünken hat der Sturm nichts zu tun. «Bäume muss der Biber eigentlich nur im Winter fällen», erklärt Beatrice Baeriswyl. Die Tiere ernähren sich ausschliesslich von Pflanzen. Während der Vegetationszeit tun sie sich an fast allem gütlich, was spriesst: Kräuter, Blüten und Knospen, Blätter, Klee, und Wurzeln. Oder eben kleine Äste und Rinde. Wächst unten nicht mehr viel, muss der Biber an die Knospen in Baumkronen und die feine Rinde kommen. Besonders Weichhölzer wie Weiden und Pappeln stehen dann auf seinem Speiseplan. Da er nicht klettern kann, fällt er die Bäume. Grössere Äste benutzt er nach dem Abnagen zum Bauen von Dämmen oder zum Befestigen seiner Bauten, die er ins Ufer hinein gräbt. «Lässt man den Biber frei wirken, entstehen urtümliche und vielfältige Lebensräume», so Baeriswyl. Gefällte Weiden schlagen vielfach wieder aus – und werden von den Bibern eine Zeit lang geschont. Die Biberbauten bieten Schlupfwinkel für Fische und Amphibien. Molche siedeln sich wieder an, Wasserinsekten besiedeln die Weiher und ziehen wiederum Libellen und Vögel an. Unter Wasser wachsen Algen auf den Ästen – Nahrung für Wasserlebewesen aller Art. Wo Biber sind, nimmt die Artenvielfalt von Flora und Fauna zu. Das Tier kann jedoch dort zum Problem werden, wo der Landanspruch von Mensch und Biber sich überschneidet.

Der Biber steht unter Schutz. Dennoch vermehrt er sich nicht unendlich weiter. Baeriswyl erklärt: «Die Biberpopulation reguliert sich durch das Reviersystem selbst». Hat sie seit den 1960er-Jahren konstant zugenommen, scheint sie nun ihren Zenit erreicht zu haben. Ein Biberpaar bekommt in der Regel eines bis drei Jungtiere pro Jahr. Zwei Jahre bleiben die Kleinen im Bau, dann werden sie ausgestossen und müssen ihr eigenes Revier suchen.