17.04.2018

«Wir gehören in die oberste Liga. Punkt.»

Heute Abend spielt der FC Thun wohl vor vollem Haus. Für den alles andere als wohlhabenden Verein ist dies eine wertvolle Finanzspritze. zvgEngagierte Diskussion zwischen Verantwortlichen von Klub und Stadt sowie Fans: Peter Siegenthaler, Luki Frieden, Alice Kropf und Markus Lüthi (von links oben im Uhrzeigersinn). Jürg AmslerDie Stadt will sich nicht an der Stadioninfrastruktur beteiligen – dafür daneben Kunstrasen bauen. zvg

Heute Abend spielt der FC Thun wohl vor vollem Haus. Für den alles andere als wohlhabenden Verein ist dies eine wertvolle Finanzspritze. zvg

Engagierte Diskussion zwischen Verantwortlichen von Klub und Stadt sowie Fans: Peter Siegenthaler, Luki Frieden, Alice Kropf und Markus Lüthi (von links oben im Uhrzeigersinn). Jürg Amsler

Die Stadt will sich nicht an der Stadioninfrastruktur beteiligen – dafür daneben Kunstrasen bauen. zvg

FC Thun • Soll ein privater Sportklub, der auf Steuergelder angewiesen ist, in der höchsten Fussballliga spielen? Für Behörden und Fans ist die Antwort klar: Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des FC Thun ist für das Berner Oberland gross. Ein Abstieg würde die Stadt vor grosse Probleme stellen.

Christof Ramser

Gerade einmal 30 Kilometer liegen zwischen zwei Fussballwelten. Heute Abend treffen sie in der wohl ausverkauften Stockhorn Arena aufeinander. Während YB mit gefüllter Kasse und dank sportlicher Dominanz den Titelgewinn anvisiert, geht es für den finanziell angeschlagenen FC Thun um den Ligaerhalt. Als eine von nur zwei Mannschaften konnten die Oberländer die Stadtberner in dieser Saison besiegen – und dies gleich zweimal. Dennoch gehört der FC Thun zu den Abstiegskandidaten. Allen Unkenrufen zum Trotz behauptet sich der Kleinklub aber seit 2010 wacker in der Spitzenklasse. «Dazu gehört Glück», sagt Markus Lüthi. «Aber letztlich steht hinter dem Erfolg beinharte Arbeit.» Und es braucht echte Leidenschaft. So musste sich der Präsident von Fans anspucken lassen, als er nach einer krachenden Niederlage in Sion die aufgebrachten Fans beruhigen wollte. 

«Kein Verein würde sich hier ansiedeln»

Im Interview mit dem «Berner Landboten» spricht Lüthi über die Gründe, warum sich kein Fussballklub aus strategischen Gründen in Thun niederlassen würde. Die Wege im Oberland sind lang, der Fussball kennt keine grosse Tradition. Dennoch sind die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des Vereins für Stadt und Region Thun gross. Gemäss einer Studie liegt die Wertschöpfung zwischen 18 Mio. Franken direkt und 32 Mio. Franken indirekt. Mit Lüthi am Gesprächstisch in der Lounge der Stockhorn Arena sassen der Thuner Polizeidirektor und Vizestadtpräsident Peter Siegenthaler sowie die Fans Alice Kropf und Luki Frieden. Kropf macht sich im Thuner Stadtrat für Fananliegen stark. Sie steht den eingefleischten Anhängern, den Ultras, nahe und weiss, dass die Interessen der verschiedenen Gruppierungen schwierig zu vereinen sind. Filmemacher Frieden sammelt als Präsident des Vereins «Härzbluet» Hunderttausende Franken – und hilft mit, das wirtschaftliche Überleben zu sichern. Viel Diskussionszeit beansprucht das Thema Fangewalt. Er sei froh um jede Polizeistunde, die er nicht für das Fussballgeschäft aufwenden müsse, sagt Siegenthaler. Lüthi relativiert die Gewalt. In der Summe habe man auf dem Platz Thun gute Zustände.

Kontrovers diskutiert wurde die finanzielle Unterstützung durch die Stadt. Es sei durchaus eine Aufgabe der öffentlichen Hand, einen privaten Verein zu unterstützen, finden die Gesprächsteilnehmer. Im Falle eines Abstiegs hätte er als Sicherheitsverantwortlicher einige Probleme weniger, sagt Siegenthaler. «Doch die Stadt und die Region hätten viele Probleme mehr.»

Weitere Steuergelder dürfte es für den FC Thun indes nicht geben, wie eine Umfrage zeigt. Unterstützung sichern die Parteien aber dem Breitensport zu. So sprechen sich SP, FDP, BDP und die Mitte-Fraktion für zusätzliche Kunstrasenplätze aus. Noch vor den Sommerferien stimmt der Stadtrat über einen Millionenkredit ab. Bereits im August 2019 könnten die Felder bereitstehen. Ob in der Stockhorn Arena nebenan dann noch immer oberklassig gekickt wird, bleibt abzuwarten.

«Eine Imageförderung, wie sie die Stadt Thun niemals bezahlen könnte»

FC Thun • «Berner Oberland» prangt auf dem Logo des FC Thun. Doch welche Bedeutung hat der Verein für die Stadt und die Region? Wie schafft es der Klub, trotz bescheidenen Mitteln Saison für Saison mit sportlichem Erfolg zu verblüffen? Und wie halten es Behörden und Fans mit der Gewalt im Fussball? Ein Gespräch in der Lounge der Stockhorn Arena mit vier zentralen Akteuren über Fortuna, verbotene Fackeln und voralpine Fussballeuphorie.

Die welsche Zeitung Le Temps schrieb kürzlich vom FC Thun als «Wunder neben Bern». Können Sie diese Einschätzung nachvollziehen?

Markus Lüthi: Wunder ist so ein grosses Wort. Natürlich braucht es Glück. Aber letztlich steht hinter dem Erfolg steinharte Arbeit, die wir mit grosser Leidenschaft ausführen. 

Hintergrund der Aussage ist die Tatsache, dass sich der Klub seit 2010 trotz Abstiegsprognosen in der Super League hält. Und nicht nur dies: Nie schloss Thun schlechter als auf dem sechsten Rang ab.

Lüthi: Wir haben uns schon fast an den sechsten Rang gewöhnt. Aber das steht uns vom Potenzial her gar nicht unbedingt zu. Wir gehören eher auf Rang sieben, acht oder neun. Nun werden wir geprüft, ob wir das aushalten.

Peter Siegenthaler: Mit einem Wunder hat dieser Erfolg nichts zu tun, denn Wunder kann man nicht beeinflussen. Aber ich weiss, dass sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet wird in einer Region, die nicht sonderlich fussballbegeistert ist. Das zeigt sich nicht zuletzt an den eher zurückhaltenden Beiträgen aus der Wirtschaft. Der Klub lebt von vielen kleinen und Kleinstbeiträgen.

Fans spendeten in den letzten Jahren Hunderttausende von Franken. Wie beurteilen Sie diese Solidaritätswelle?

Luki Frieden: Dieser Zusammenhalt ist sehr erstaunlich. Wobei hier nicht der Fussball im Zentrum steht, sondern die Identifikation mit der Region. Es hätte ja auch eine andere Institution sein können, die in einer finanziellen Notlage unterstützt wird. Das Schloss Thun oder Wacker Thun zum Beispiel.

Aber der FC Thun hat eine viel grössere Ausstrahlung als Wacker.

Frieden: Das stimmt, wir haben für die «Härzbluet»-Aktion Beiträge aus der ganzen Schweiz erhalten. Sogar im Ausland identifizieren sich Fans über den Fussball mit dem FC Thun als kleinem und sympathischem Klub. Doch der sportliche Erfolg kann auch gefährlich sein, weil sich die Fans daran gewöhnen und schnell unzufrieden werden, wenn es einmal nicht so gut läuft. Was in den sozialen Medien an Kommentaren geschrieben wird, kann ich nicht mehr begreifen. In einer Krise muss man zusammenhalten und darf nicht auf den Klub einprügeln.

Alice Kropf: Das fällt mir auch auf: Wenn es kriselt, melden sich sofort die Skeptiker und fordern, dass Köpfe rollen. Bei den eingefleischten Fans in der Kurve ist das nicht der Fall. Sie würden dem Verein auch bei einem Abstieg die Stange halten.

Setzt sich die Geschäftsleitung mit dem Abstieg auseinander?

Lüthi: Wir haben keinen Plan B. Das heisst aber nicht, dass wir bei einem Abstieg alles fallen lassen. Die Willenskraft, in der Super League zu bleiben, beinhaltet in Konsequenz eben auch, sich ausschliesslich damit zu beschäftigen. Sollte es anders kommen als wir überzeugt sind, haben wir die personelle Kompetenz sowie genügend Zeit, eine Antwort zu liefern.

Immer wieder ziehen sich Mannschaften in der Schweiz vom Profigeschäft zurück und steigen freiwillig ab. Gehört der FC Thun in die Super League?

Lüthi: Unser wichtigstes strategisches Ziel lautet: Wir gehören in die oberste Schweizer Liga. Punkt.

Kropf: Ein Abstieg wäre schlimm. Nicht zuletzt für die vielen jungen Fans. Die oberste Liga ist nun einmal attraktiver.

Frieden: Die Klubs, die sich freiwillig für eine Relegation entscheiden, weisen oft eine wesentlich schlechtere Infrastruktur als der FC Thun auf, haben defekte Flutlichter oder nicht konforme Schalensitze im Stadion. Die SFL macht Vorgaben, an denen ein kleiner Klub fast nur zerbrechen kann. Vereine wie Thun, Aarau oder Neuenburg müssen teure Stadien bauen, ohne Gewissheit, über längere Zeit erstklassig zu sein.

Herr Lüthi, Sie wurden mit dem Satz zitiert, dass der FC Thun gegen die natürliche Konkurrenz nicht überlebensfähig sei. Sollte ein Sportklub auf dem freien Markt nicht bestehen können?

Lüthi: Kein Fussballklub würde sich aus strategischen Gründen in Thun niederlassen. Wir haben ein topografisch schwieriges Einzugsgebiet mit 252 000 Einwohnern und liegen an dessen westlichem Rand. Die Wege sind lang, die Infrastrukturkosten für das Stadion hoch.

Kommt hinzu, dass die Zuschauerzahlen zurückgehen.

Frieden: Das ist aber auch bei vielen anderen Vereinen der Fall. Viele junge Menschen verlieren sich zunehmend in der digitalen Welt. Sie sitzen auf dem Sofa, schauen im TV den Match und checken gleichzeitig auf dem iPad Face­book. Dennoch kommen in Thun im Verhältnis zum Einzugsgebiet noch immer am viert- oder fünftmeisten Zuschauer ins Stadion.

Kropf: In der Schweiz gibt es nun mal nicht die gleiche Fussballeuphorie wie in Italien oder Deutschland. Ich kann mir aber auch nicht erklären, warum der Unterschied so gross ist.

Frieden: Thun hat keine Fussballtradition. Man kann das nicht mit italienischen Vereinen vergleichen, wo die Emotionen hochgehen. Wenn ich auf der Gegentribüne sitze und einer «Hopp Thun» ruft, wird er von den Nachbarn schon fast komisch angeschaut. Erst wenn sie in der Kurve klatschen, klatscht man hier auch mit. Und wenn wir in der 90. Minute 3:1 führen, steht man auf. Aber selbst dann nicht alle.

Kropf: In der Kurve, wo ich stehe, ist das anders. Da singt man 90 Minuten lang. Aber im Vergleich zu Basel oder YB ist es natürlich bescheiden.

Diese Klubs bringen nicht nur laute Fans, sondern auch Probleme mit sich. Das hat kürzlich eine Statistik zu gewalttätigen Ereignissen ausgewiesen. Thun wird darin 26 Mal erwähnt, wobei die Aktivitäten meist von den Gästefans ausgehen.

Lüthi: Wenn sich von den mitgereisten Fans nur zehn danebenbenehmen, wird es schwierig für alle.

Siegenthaler: Die Auslöser der Vorfälle liegen in der Regel bei den Gastmannschaften. Aber auch in der Thuner Kurve gibt es nicht nur friedliebende Menschen, einige machen auch ausserhalb des Stadions Probleme. Dafür ist die Stadt zuständig und nicht mehr der Verein. In letzter Zeit machen wir die aus polizeilicher Sicht unerfreuliche Erfahrung, dass die Fans schon lange vor dem Spiel in der Stadt unterwegs sind. Nicht alle mit lauteren Absichten.

Sie sprechen Sprayereien oder Schlägereien an. Was tut die Stadt dagegen?

Siegenthaler: Darüber tauschen wir uns mit dem Klub regelmässig aus. Ein Patentrezept gibt es nicht. Zusammen mit der Polizei und dem FC Thun hat die Stadt einen Aktionsplan zur Sicherheit bei Fussballspielen erarbeitet. Wir wollen eine friedliche Fussballkultur fördern und Gäste freundlich willkommen heissen. Aber wir erwarten, dass sie Regeln einhalten.

Haben Sie Kontakt zu den Fans?

Siegenthaler: Wir möchten gemeinsam auftreten, doch die Zusammenarbeit mit gewissen Fangruppen ist schwierig, weil sie sich dem Dialog verweigern oder Vorbedingungen stellen, bevor sie sich mit uns an den Tisch setzen.

Kropf: Da muss ich widersprechen. Die Fans haben stets ihre Dialogbereitschaft mit dem Klub und den Behörden signalisiert. Aber sie wollen nicht mit der Polizei an den Tisch sitzen, weil zu viel vorgefallen ist und das Vertrauen zerstört ist. Ich kenne die Fälle, in denen sich Fans von der Polizei nicht rechtmässig behandelt fühlten und kann dies nachvollziehen. Genau deshalb fordern wir schon lange eine Fanarbeit, die einen Vermittlungsdienst leisten könnte.

Siegenthaler: Auch ich habe Kenntnis von diesen Fällen und bin sicher, von der Polizei korrekt informiert zu werden. Es gibt nun einmal einige querulatorische Fans innerhalb der Kurve. Und ich bitte zur Kenntnis zu nehmen, dass ein Vorstoss zur Fanarbeit im Stadtrat abgelehnt wurde.

Kropf: Im Bereich der Gewalt sind wir uns einig, aber ich muss die genannte Statistik relativieren, gemäss dieser gilt auch das Zünden von Pyros als Gewalt. Wenn man diese sachgerecht abbrennt und nicht als Wurfgegenstand missbraucht, kommt niemand zu schaden, sondern es ist ein legitimes Stimmungsmittel. Viele in der Kurve sind potenzielle Pyrozünder. Dasselbe gilt in der Stadt. Viele können in eine Schlägerei geraten, sei es etwa, wenn sie einen schlechten Tag erwischen. Aber derzeit trifft es immer die gleichen, weil die Polizei sie kennt. Man kann diesen Problemen nicht allein mit Repression begegnen.

Frieden: Pyros sind verboten, also sollen sie nicht gezündet werden. Die Zünder schädigen damit den Klub, den sie vorgeben zu lieben. Ich habe einen zugegeben etwas drastischen, und nicht ganz ernst gemeinten, Lösungsvorschlag: Wenn eine Fackel gezündet wird, springt ein Wasserstrahl an. Wenn dann nicht nur der Auslöser nass wird sondern auch die Zuschauer rundherum, würde sich das Problem aufgrund der Selbstkontrolle unter den Fans schnell erledigen.

Lüthi: Wir müssen aufpassen, die Gewalt nicht überzubewerten. Die Probleme sind komplex, aber verhältnismässig klein. Wir haben in der Summe gute Zustände auf dem Platz Thun.

Das sieht der Polizeidirektor vielleicht anders.

Siegenthaler: Das stimmt im Vergleich mit anderen Städten. Doch die Stadt Thun wendet jährlich zwischen 600 000 und 750 000 Franken für die Sicherheit im Zusammenhang mit dem Fussball auf. Daran beteiligt sich der FC Thun mit 150 000 Franken, den Rest trägt die Öffentlichkeit.

Lüthi: Diese Zahlen tönen auf Anhieb natürlich gross, aber es ist eine verzerrende Aussage. Man kann die Vollkosten nicht auf Einzelereignisse herunterbrechen. In diesem Fall müsste man auch die Polizeikosten für andere Ereignisse ausweisen, etwa im Bereich Verkehr oder bei verschiedenen Grossanlässen. Es ist die Aufgabe des Staates, die Sicherheit zu gewährleisten, und dazu gehört auch der Fussballanlass ausserhalb des Stadions.

Siegenthaler: Ich will nicht die einzelnen Einsatzgebiete gegeneinander ausspielen. Aber ich bin einfach froh über jede Polizeistunde, die wir nicht für das Fussballgeschäft aufwenden müssen. Denn sie fehlt uns anderswo.

Wie schätzen Sie die Bedeutung des FC Thun für das Berner Oberland ein?

Frieden: Die regionale Wirtschaft profitiert stark. Das geht vom Metzger, der die Wurst bringt, bis zur Firma für die Werbebandentechnik. Gemäss einer Liga-Studie liegt die Wertschöpfung des Klubs bei 18 Millionen Franken direkt und 32 Millionen Franken indirekt.

Siegenthaler: Die Bedeutung ist unbestritten gross, gerade in der Jugendförderung. Das ist schweizweit einzigartig und wird von der Stadtregierung anerkannt. Ich habe im Bekanntenkreis selber Jugendliche, die davon profitieren. Die Krux des FC Thun ist leider auch: Es wird viel in Talentförderung investiert. Sind die Spieler ausgebildet, müssen sie oft aus wirtschaftlichen Gründen weiterverkauft werden. Es ist wohl das Schicksal eines kleinen Vereins.

Im Gegenzug greift die Stadt dem FC finanziell­ mit einem Darlehen von einer halben Million Franken unter die Arme. Ist es die Aufgabe der öffentlichen Hand, einen Spitzenfussballklub zu unterstützen, der in einer finanziell schwierigen Lage ist?

Frieden: Diese Unterstützung ist weitsichtig. Im Falle eines Niedergangs kämen grosse Kosten auf die Stadt zu. Zudem werden auch andere Bereiche subventioniert, wo man es nicht weiss, Swisstennis zum Beispiel. Auch Roger Federer profitierte also von Steuergeldern.

Siegenthaler: Der Entscheid für das Darlehen war sehr umstritten, weil man damit ein Präjudiz geschaffen hat. Aber in diesem Fall taxierte die Regierung diesen Beitrag ebenfalls als weitsichtig.

Kann der Klub garantieren, dass das Geld zurückbezahlt wird?

Lüthi: Bis heute haben wir unsere vertraglichen Verpflichtungen betreffend Berichtswesen und Rückzahlungen eingehalten und sind entschlossen, dies auch künftig zu tun. Ich möchte festhalten, dass wir im Profifussballbereich 1,5 Mio. Franken generieren, die direkt in den Nachwuchs mit 350 Kindern und Jugendlichen fliessen. Sie werden hier sozial und sportlich ausgebildet. Wer würde diese Aufgabe übernehmen, wenn der FC Thun absteigt?

Frieden: Ich arbeite viel in Zürich und stelle fest, wie sehr der FC Thun diese Stadt definiert. Das Image von Thun ist sehr eng mit den Tugenden des Vereins verbunden. Da hört man dann oft: Ihr seid «coole Sieche», seid bescheiden und leidenschaftliche Kämpfer. Das ist eine Imageförderung, wie sie die Stadt nie bezahlen könnte.

Wagen Sie eine Prognose? Wo wird der FC Thun Ende Saison stehen? 

Kropf: Um auf Ihre Anfangsfrage bezüglich des Wunders zurückzukommen: Wir werden nicht absteigen. Das tönt fast spirituell, aber ich glaube einfach daran.

Lüthi: Wir werden gegen den Abstieg spielen, aber nicht mit Sion als Hauptkonkurrenten. Im Gegensatz zu uns kann Sion aus dem Stand fünf Spiele in Serie gewinnen. Wir werden den Abstiegskampf gegen Lausanne und Lugano bestreiten, allenfalls gegen GC. Aber wir bleiben oben.

Siegenthaler: Auch ich hoffe, dass Thun den Abstiegskampf nicht gegen Sion austrägt. Am 19. Mai findet das letzte Heimspiel gegen Sion statt und als Sicherheitsdirektor wünsche ich, dass dies nicht das entscheidende Spiel ist. Natürlich hätte ich einige Probleme weniger, wenn der FC Thun absteigt. Aber die Stadt und die Region hätten viele Probleme mehr. Ich wünsche es dem FC Thun, dass er in der Super League bleibt.


Zu den Personen

Luki Frieden ist mehrfach ausgezeichneter Filmemacher und präsidiert den Verein «Härzbluet für üse FC Thun».

Alice Kropf sitzt regelmässig im Stadion und für die SP im Stadtrat. Sie setzt sich dort unter anderem für Fananliegen ein.

Markus Lüthi ist seit Oktober 2012 Präsident des FC Thun. Beruflich ist er in der Baunebenbranche tätig.

Peter Siegenthaler (SP) ist Thuner Vizestadtpräsident und Vorsteher der Direktion Sicherheit und Soziales.

Keine weitere «Sonderlösung» für den FC Thun

Stockhorn Arena • Die Infrastrukturkosten lasten schwer auf dem FC Thun. Doch eine weitere Beteiligung durch die öffentliche Hand scheint aussichtslos, wie eine Umfrage bei den Parteien zeigt. Dafür dürften in Thun Süd schon in etwas mehr als einem Jahr weitere Kunstrasenplätze zur Verfügung stehen.

«Ein Stadion, das der Stadt gehört.» Der Wunsch des FC-Thun-Präsidenten Markus Lüthi im Jahresbericht 2017 dürfte so bald nicht in Erfüllung gehen. Während neue Fussballtempel in Biel, Neuenburg oder Lausanne der Stadt gehören, pachtet der FC Thun die Stockhorn Arena von einer privaten Trägerschaft. Die finanzielle Decke ist so dünn, dass der Verein vergangenes Jahr ohne Spenden und ein Darlehen der Stadt untergegangen wäre. Doch weitere öffentliche Leistungen, wie sie aus Vereins- und Fankreisen gewünscht werden, finden im Parlament keine Mehrheiten.

So betont die SP zwar die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des FC Thun und insbesondere die Leistungen im Nachwuchs- und Non-Profit-Bereich. Eine weitere finanzielle Unterstützung sei aber aufgrund des engen Spielraums der Stadt keine Option. Das Darlehen über 0,5 Mio. Franken habe 2016 für grosse Diskussionen innerhalb der SP gesorgt. «Dies muss eine einmalige Aktion bleiben», so Co-Präsidentin Katharina Ali-Oesch. Hingegen setze sich die SP für mehr Kunstrasenfelder ein. Davon profitierten auch andere Vereine und die breite Bevölkerung. 

Die BDP verweist auf die Abstimmungen von 2006 und 2007, wo sich die Stimmbevölkerung gegen ein öffentlich finanziertes Stadion entschieden hatte und stattdessen privaten Investoren den Vorzug gab. «Aufgrund dessen ist die Frage nach einer finanziellen Beteiligung der Stadt klar entschieden», so Fraktionspräsident Peter Aegerter. Allerdings­ befürworte die BDP die geplanten Kunstrasenfelder in Thun-Süd. «Die Situation des FC Thun muss unter dem Dach der Sportinfrastrukturbauten betrachtet werden», verweist Aegerter auf die städtische Sportstättenplanung. Eine weitere Sonderlösung für den FC Thun sei nicht anzustreben.

Die Freisinnigen untermauern ebenfalls die Volksentscheide von vor über zehn Jahren. Ein Engagement der öffentlichen Hand würde eine Neubeurteilung durch den Souverän voraussetzen. «Geschenke verteilen: Klar nein», sagt FDP-Vizepräsident Markus van Wijk. Einer politischen Neubeurteilung inklusive Volksabstimmung sei man indes nicht abgeneigt, sofern sich der Stadtrat dafür ausspreche. Im Weiteren unterstütze die FDP den Grundsatz, dass es Aufgabe der Stadt sei, den Breiten- und Nachwuchssport zu unterstützen – nicht aber mit Steuergeldern dem Profi-Fussball unter die Arme zu greifen.

Die Stadt habe den FC Thun auf verschiedene Weise unterstützt, hält Alois Studerus für die Fraktion der Mitte fest. Man sehe aktuell keinen Einsatz öffentlicher Gelder für den Stadionbetrieb, so der CVP-Stadtrat. Er verweist auf die Stadionabstimmung. «Die Mantelnutzung war als Zugeständnis für die Investoren notwendig. Dies zu entflechten, würde grössere Probleme hervorrufen.» Man biete aber Hand für den Bau zusätzlicher, wetterunabhängiger Kunst­rasenplätze in Thun Süd.

Diese könnten auf dem Burgerland westlich der Stockhorn Arena bereits auf die Sportsaison 2019/2020 bereitstehen. Noch vor den kommenden Sommerferien soll der Stadtrat über einen Kredit von gegen 3,5 Mio. Franken abstimmen, so Stadtingenieur Rolf Maurer auf Anfrage. Die beiden ­Kunstrasenfelder im Lachen und im Lerchenfeld hätten sich sehr bewährt, weil sie nicht nur für Fussballer, sondern allen Sportvereinen ganzjährig zur Verfügung stünden. Ende Juli sollen die Bauarbeiten in Thun Süd starten. Wird der Kredit dagegen abgelehnt, könnte die Fläche statt von Schüttelern schon bald von Kühen in Beschlag genommen werden: Das Land würde wieder zur Landwirtschaftszone.