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15.05.2018

Mit «Gufen» gegen höhere Bauten

Grosse Stecknadeln weisen am Jungfrauweg auf die geplante Aufstockung der Gebäude hin.

Grosse Stecknadeln weisen am Jungfrauweg auf die geplante Aufstockung der Gebäude hin.

Münsingen • Die Gemeinde im Aaretal wächst weiter. Doch über die Art und Weise gehen die Meinungen auseinander. Die geplante Umzonung eines Grundstücks entfacht die Debatte. Anwohner wehren sich gegen höhere Bauten.

Christof Ramser

Immer mehr Menschen wollen im Aaretal wohnen. Besonders beliebt ist Münsingen: Hunderte Wohnungen wurden in den vergangenen Jahren im Dorf gebaut, ein weiteres Bevölkerungswachstum zeichnet sich ab.


Jetzt markiert eine wachstumskritische Gruppierung Präsenz. An verschiedenen Orten in der Gemeinde, etwa an der Belpbergstrasse und am Hohniesenweg, wurden überdimensionierte Stecknadeln mit roten Köpfen aufgestellt. Pfeile mit der Aufschrift  «nicht-hoeher.ch» weisen auf Liegenschaften hin, wo eine Aufstockung verhindert werden soll. Hinter der Aktion stecken Nick Raduner und Fritz Bähler. Sie zeichnen mit ihren Namen die entsprechende Internetseite. Darauf abgebildet ist ein kleines Holzhäuschen im Schatten zweier Wohntürme. Neben einer «Chronologie einer Zwängerei in Münsingen», die Ereignisse aus dem Bau- und Planungsbereich der vergangenen Monate auflistet, ist auch eine Landkarte zu sehen, die mit roten Stecknadeln übersät ist. «W4 im Baureglement ermöglicht gemeindeweit den Bau fünfstöckiger Wohnblöcke. Auch direkt vor Ihnen!», wird gewarnt.


Am 29. Mai im Parlament


«Wir wehren uns gegen die geplante Änderung im Baureglement», sagt Nick Raduner. Er verweist auf die Sitzung des Gemeindeparlaments vom 29. Mai. Traktandiert ist die Umzonung einer Parzelle am Jungfrauweg 1 bis 9. Statt dreistöckig mit Attika soll dort mittels W4-Zone künftig vierstöckig mit Attika, sprich bis zu fünf Geschosse hoch gebaut werden können. «Wenn das Parlament diesem Vorhaben zustimmt, kann bald überall so hoch gebaut werden», sagt Raduner. Er befürchtet, dass am Jungfrauweg ein Präzedenzfall geschaffen wird. Nachbarn in Einfamilienhäusern würden ihrer Aussicht beraubt und seien übermässig von Schatten und Lärm betroffen. Zusammen mit weiteren Personen hat Raduner Einsprache gegen die Umzonung erhoben.


Die Gruppe um Raduner moniert, dass Münsingen «bis auf die letzten möglichen Baulandreserven zubetoniert» werde.


«Das ist Angstmacherei»


Die Aussage, mit der Änderung des Baureglements am Jungfrauweg werde ein Präzedenzfall geschaffen, so dass überall fünfstöckig gebaut werden könne, weist Vize-Gemeindepräsident Andreas Kägi (FDP) entschieden zurück. «Das ist Angstmacherei.» Die Zone W4 sei ausschliesslich auf die am Jungfrauweg vorgesehene Parzelle beschränkt. «Nur dort können die Gebäude aufgestockt werden.» Abgesehen davon gebe es bereits mehrere viergeschossige Bauten und höhere Häuser in Münsingen, stellt der Leiter des Ressorts Planung und Entwicklung klar.


Er sei sich aber bewusst, dass Münsingen in den vergangenen Jahren erheblich gewachsen sei und sich bei vielen Einwohnern eine gewisse Wachstumsmüdigkeit bemerkbar mache, so Kägi. Ob und wie die Gemeinde weiterwachsen solle, sei aber letztlich ein politischer Entscheid. Münsingen sei die Zentrumsgemeinde im Aaretal mit ausgebautem Anschluss an den öffentlichen Verkehr und «hervorragender Infrastruktur». Dem Bevölkerungswachstum und dem Wunsch nach grösseren Wohnungen könne sich die öffentliche Hand nicht verwehren. Aus Sicht der Regionalplanung sei es zudem sinnvoll, wenn Münsingen mithelfe, dieses Wachstum aufzunehmen und mitzutragen. Dies könne statt durch Neueinzonungen durch die Siedlungsentwicklung nach innen geschehen. Kägi betont jedoch, dass diese ein hohes Mass an Qualität aufweisen müsse.


Unzufriedenheit im Dorf


Er sei nicht gegen Verdichtung, sagt Nick Raduner, «im Gegenteil». Er unterstütze das eidgenössische Raumplanungsgesetz von 2014, das genau dies vorsieht. Doch statt in die Höhe zu bauen, sollten die Flächen innerhalb der bestehenden Bauzonen besser ausgenutzt werden. Sprich: Auf den Grundstücken sollen statt Einfamilienhäusern Mehrfamilienhäuser oder Überbauungen für mehrere Generationen stehen.


Ausserdem sei der Bedarf an Wohnraum in Münsingen gedeckt. Raduner stellt eine grosse Unzufriedenheit fest und er werde von verschiedenen Einwohnern in seinem Vorhaben unterstützt. Schon bald wollen Raduner und Bähler noch mehr «Gufen» im Dorf aufstellen.


Andreas Kägi will die Diskussion zum Bevölkerungswachstum in Münsingen im Rahmen der anstehenden Ortsplanungsrevision aufnehmen und begleiten. Im August sollen öffentliche Workshops stattfinden, in denen die Bevölkerung in kleinen Gruppen darüber diskutiert, in welche Richtung sich Münsingen in den nächsten 20 Jahren entwickeln soll.