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15.05.2018

Verkehrsfrage erhitzt die Gemüter

Derzeit wird das betonierte Portal des Schlossberg-Parkings fertiggestellt. Die Eröffnung ist auf den 12. November angesetzt.Projektleiter Jürg Pfluger freut sich über die zügig voranschreitenden Bauarbeiten im Schlossberg. Hinter ihm ist die Ausfahrt zur Burgstrasse zu sehen.Andrea de Meuron und Philipp Deriaz bemängeln unisono die Planung der Parkplatzmassnahmen im Vorfeld. Uneinig sind sie sich bezüglich der Förderung der verschiedenen Verkehrsträger.

Derzeit wird das betonierte Portal des Schlossberg-Parkings fertiggestellt. Die Eröffnung ist auf den 12. November angesetzt.

Projektleiter Jürg Pfluger freut sich über die zügig voranschreitenden Bauarbeiten im Schlossberg. Hinter ihm ist die Ausfahrt zur Burgstrasse zu sehen.

Andrea de Meuron und Philipp Deriaz bemängeln unisono die Planung der Parkplatzmassnahmen im Vorfeld. Uneinig sind sie sich bezüglich der Förderung der verschiedenen Verkehrsträger.

Thun • Die Arbeiten im Schlossberg-Parking sind auf der Zielgeraden. Doch rund um den pittoresken Hügel sorgt die Verkehrspolitik für heftige Debatten. Dabei geht es auch um die künftige Ausrichtung der bürgerlich regierten Stadt.

Christof Ramser

Auf den Strassen, in den Beizen am Mühleplatz, in den Stuben des Rathauses: Die Thuner Öffentlichkeit wird seit Wochen vom Thema Verkehr dominiert. Seit April funktioniert die Verkehrsführung in der Innenstadt wie ein grosser Kreisverkehr. Die aarequerenden Achsen und die Burgstrasse können nur in einer Richtung befahren werden. Der Berntorplatz und der Lauitorstutz sind über den Sommer hindurch Grossbaustellen. Und mit dem Bypass Thun-Nord und dem Parkleitsystem soll die Infrastruktur für künftige Herausforderungen fit gemacht werden. Dies alles wird unter dem Begriff Verkehrszukunft zusammengefasst.


Doch bevor diese in vier Jahren umgesetzt sein wird, beschäftigen sich die Einwohner der Region mit gegenwärtigen Problemen. Die Baustellen sorgen teilweise für lange Staus und entnervte Autofahrer. Entleerte Strassen und Gassen in der Innenstadt drücken auf den Umsatz von Gewerbetreibenden.


Parkplätze aufheben – oder doch nicht?


Ein zentrales Element der Verkehrszukunft ist das Schlossbergparking, das am 12. November mit einem grossen Fest eröffnet wird. Ein Augenschein auf der Baustelle offenbart imposante Eindrücke. Monatelang frästen Spezialmaschinen zwei 18 Meter hohe Kavernen in das Gestein. Rund 50 Handwerker arbeiten derzeit im Berg am Innenausbau. Schon bald  wird das Portal an der Burgstrasse fertiggestellt – inklusive Kamin, der die Abluft aus dem Parkhaus ableitet. Besonders beeindruckend sind der 35 Meter hohe Treppen- und Liftschacht, der auf die Kuppe führt sowie ein Durchstich in die Obere Hauptgasse.


Eng mit dem Parkhausbau verbunden ist die Aufhebung von 240 oberirdischen Parkplätzen in der Innenstadt. Diese war Teil einer Vereinbarung zwischen der Stadt, der Innenstadtgenossenschaft und dem VCS, damit das Parking gebaut werden kann. Doch dagegen wehren sich diverse Geschäftsleute mit einer Beschwerde. Für Philipp Deriaz, Stadtrat und Präsident der städtischen SVP, ein legitimer Kurswechsel. Es sei richtig, dass Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP) auf die Bedürfnisse des Gewerbes eingeht, die sich seit der Parkhaus-Abstimmung verändert hätten. Im Streitgespräch verteidigt die grüne Stadträtin und Präsidentin des VCS Thun-Oberland, Andrea de Meuron, den Kompromiss von 2012: «Gewisse Kreise wollen nun einfach den Fünfer und das Weggli: Das Parkhaus bauen und die Parkplätze nicht aufheben.» Sie plädiert für eine Innenstadt ohne Suchverkehr und Flanierzonen, in denen die Menschen nicht ständig einem Auto ausweichen müssten. Deriaz dagegen möchte Kurzzeitparkplätze behalten. Man müsse vom «Schwarz-Weiss-Denken» wegkommen und Mischlösungen suchen. Um verstärkt auf die städtische Verkehrspolitik Einfluss zu nehmen, greifen die Grünen nach einem Sitz in der Exekutive. Die Bürgerlichen dagegen wollen ihre Mehrheit im Gemeinderat unbedingt verteidigen.


Einig sind sich die politischen Kontrahenten in ihrer Kritik des Stadtmarketings. Es fehle an kreativen Ideen, um die Menschen in die Stadt zu bringen, so Deriaz. De Meuron vermisst eine kohärente Kommunikationskampagne und moniert ein «Flickwerk».


Auch das Postulat für einen Zweischichtbetrieb auf den Baustellen sowie eine Verlängerung der Bauphase über den 21. September hinaus beurteilen die linke Stadträtin und der rechte Stadtrat einheitlich. Dies sei keine Frage der Parteizugehörigkeit, sondern es dem Gewerbe wie Anwohnenden ein Anliegen, dass die Baustellenzeit so kurz wie möglich ausfällt. Das Postulat wird morgen Donnerstag im Stadtrat behandelt.

Erfolgreiche Petition


Bereits erfolgreich abgeschlossen wurde die Sammelphase für ein Anliegen mit gleicher Stossrichtung. Innerhalb von wenigen Wochen wurden über 5000 Unterschriften für die breit abgestützte Petition «Verkehrszukunft Thun» gesammelt. Vergangenen Samstag wurden die Bögen Stadtschreiber Bruno Huwyler überreicht.


Die Unterzeichnenden fordern den Kanton Bern und die Stadtregierung dazu auf, die Bauarbeiten in der Innenstadt möglichst rasch auf einen Zweischicht-Baubetrieb umzustellen und die Bauphase zu verlängern. In dieser schwierigen Phase herrsche dringender Handlungsbedarf. Gefragt seien nicht Begleitgruppen, sondern rasches Eingreifen.

Der Berg meinte es gut mit den Arbeitern

 

Thun • Derzeit wird das Innere des Schlossbergs für die bevorstehende Parkhauseröffnung ausgebaut – ein vertikaler Baustellenbesuch vom untersten Parkdeck bis hinauf zur Kuppe.


Die Rettung ist mattgrau und knapp zwei Meter breit. Flankiert von einem Pflanzentrog und einem Treppenabsatz steht eine unscheinbare Tür, die ab Ende 2018 eine ganze Gasse aus der Lethargie holen soll. Nichts deutet da­rauf hin, dass hinter dieser verriegelten Pforte an der Oberen Hauptgasse ein Berg ausgehöhlt wurde. Oder zumindest ein hoch aufragender Hügel. Spezialmaschinen frästen in den vergangenen Monaten Tonnen von Nagelfluh, Sandstein und Mergel aus dem Thuner Schlossberg, damit am 12. November das neue Parkhaus in Betrieb gehen kann. Die Erwartungen an das 45-Mio.-Projekt sind gross: Dank einer unterirdischen Passage sowie Treppen und Liften sollen ganze Quartiere nachhaltig aufgewertet werden. Und die damit verbundene Aufhebung von oberirdischen Parkplätzen soll Teile der Innenstadt in Flanierzonen verwandeln.
Bevor die Bevölkerung die Einweihung feiern kann, wird das Parkhaus ausgekleidet. Nach dem planmässig vorangetriebenen Ausbruch findet derzeit der Innenausbau statt. Rund 50 Handwerker, darunter Elektriker, Sanitärinstallateure und Maler, sind im Berg beschäftigt. Geleitet werden die Arbeiten von Jürg Pfluger, Projektleiter der ARGE Marti Schlossberg. Wir treffen den Bauingenieur vor der künftigen Einfahrt zum Parking an der Burgstrasse. Hinter ihm kraxeln Bauarbeiter in oranger Büezermontur auf das betonierte Portal. Bis in einem Monat wird hier der Kamin aufragen, der die Abluft aus dem Parkhaus ableitet. Mit Frischluft versorgt wird der Untertagebau mittels Ventilatoren von der Oberen Hauptgasse her.


Knifflige Baulogistik


Durch die rechteckige Öffnung geht es hinein in den Berg. Rechts des Portals befindet sich ein Fluchtstollen. Dahinter sind Werkstätten und Technikräume eingerichtet. Von hier aus werden die Anlagen zum Brandschutz und für die Lüftung gesteuert. Auf dieser Seite begannen vor zweieinhalb Jahren die Arbeiten, und schon bald stand Pfluger vor kniffligen Aufgaben. «Die engen Platzverhältnisse stellten uns betreffend der Baulogistik vor grosse Herausforderungen.» Während innen gebaut wurde, transportierten die Camions teilweise im Minutentakt Material in den Berg hinein und wieder hinaus. 8000 Fahrten waren alleine für den Abtransport der Gesteinsmasse nötig. Umschlag- und Lagerflächen gab es kaum. Um mehr Platz zu gewinnen, wurde die Burgstras­se vom Portal wegversetzt. Im Sommer wird hier ein Kreisel gebaut.


Wir beginnen unsere Tour unter Tage. Insgesamt acht Halbgeschosse mit einer Fläche von 10?000 Quadratmetern weist das Parking auf. Von Parkdeck Nummer 7 dröhnt Maschinenlärm herauf. Hier unten riecht es wie in einem feuchten Keller. Ein Arbeiter knattert mit einer kleinen Maschine über den frischen Hartbeton quer durch den Hohlraum und trägt den glatten Belag für die künftigen Fahrbahnen auf. Schon bald können die Parkierfelder markiert werden. Damit die stützenfreien, 50 Zentimeter starken Decken nicht einstürzen, wurden Füllkörper einbetoniert.


35 Meter hoher Treppenschacht


Kern des Parkhauses zwischen den beiden 80 Meter langen, 15 Meter breiten und 18 Meter hohen Kavernen bildet ein Schacht mit drei Liften und einem Treppenhaus. Der runde Treppenschacht zum Ausgang Schlossberg stellt einen Kontrast zu den ansonsten eckigen Grundflächen dar. Wir steigen hoch und gelangen auf Parkdeck Nummer 1. Anders als auf den anderen Etagen spannt sich hier die Decke in einer grosszügigen Wölbung über die Fahrbahn. Um an die Wasserleitung mit den Sprinkleranlagen zu gelangen, fährt ein Installateur mit einer Hebebühne zur Decke hoch. Im Raum verteilt stapelt sich Baumaterial auf Paletten. Die Installationen sind in vollem Gang.


Wir betreten einen dunklen Stollen und sind jetzt unterhalb der Liegenschaften an der Oberen Hauptgasse. Früher befanden sich hier die Kellerräume von Altstadthäusern. Auf dem Weg Richtung Südwesten weichen wir gros­sen Vertiefungen im Boden aus. Darin werden später Ventilatoren zum Ansaugen der Frischluft eingebaut. Schon stehen wir vor der eingangs erwähnten grauen Tür. Schatten von Fussgängern und Velofahrern huschen durch die Ritzen. Schon bald schlüpfen die Fussgänger durch diesen Zugang. Via die 150 Meter lange Passage gelangen sie ohne Umwege vom Stadtzentrum zum Spital.


«Schweizweit einmaliges Projekt»


Auf dem Weg zurück zum Treppenschacht schwärmt Jürg Pfluger von der speziellen Mischung aus Hochbau und Tunnelbau im Schlossberg. «Es ist ein einmaliges Projekt in der Schweiz. Und auch für mich als Projektleiter ein spezieller Bau», sagt der 44-Jährige. Die Parkhaus Thun AG als Bauherrin habe einzig die Eingänge und die Flächen vorgegeben. «Bei der Planung und Ausführung hatten wir freie Hand.» Dass die Vortriebsarbeiten zügig vorankamen, sei nicht zu erwarten gewesen. «Trotz geologischer Untersuchungen war der Untertagebau teilweise ein Blindflug.» Man habe den Berg zuerst kennenlernen müssen. «Doch er war gutmütig mit uns.» Sowohl der Zeitplan als auch das Budget können Stand heute eingehalten werden.


Wir sind zurück im 35 Meter hohen Schacht und steigen Deck für Deck Richtung Bergkuppe empor. Noch einige Stufen, dann hören wir von oben Stimmen, und schliesslich sehen wir über dem kreisrunden Ausgang den blauen Himmel. Von hier ist man im Nu in der Stadtkirche oder im Schloss. Der Aufstieg zu Fuss auf den Berg, der schon so vielen die Puste geraubt hat, gehört ab November der Vergangenheit an.

Parkhaus-Ring umschliesst Innenstadt

 


Mit der Eröffnung des Parking City Ost Schlossberg findet eine jahrzehntelange Geschichte ihren Abschluss. Bereits 1975 wurde die Idee entworfen, ein Parkhaus in den Berg unterhalb des Schlosses zu bauen, inklusive direktem Ausgang in die Obere Hauptgasse. Später wurde sogar über ein Parkhaus im Aarebecken diskutiert. Die Pläne wurden jedoch 2007 von der Stimmbevölkerung verworfen. Am 25. November 2012 sprach die Stadt einen Beitrag von 6 Mio. Franken an das Parkhaus im Schlossberg. Hauptargument für das Projekt war die damit verbundene Aufhebung von oberirdischen Parkplätzen in der Innenstadt. Die City soll als leicht und bequem zugänglicher Besuchs-, Aufenthalts-, Wohn- und Einkaufsort erlebt werden – ohne störenden Suchverkehr. Dies schreibt Raphael Lanz, Stadtpräsident und Verwaltungsratspräsident der Parkhaus Thun AG, im Vorwort des aktuellen Geschäftsberichts. 2015 war Baustart für das 45-Mio.-Projekt mit 300 Parkplätzen.


Die Parkhaus Thun AG hat 2017 zugelegt. Der Ertrag stieg gegenüber dem Vorjahr um 250?000 Franken (plus 5,3 Prozent) auf 4,9 Mio. Franken. Dies sei auf die anhaltende Nachfrage nach Dauerparkplätzen sowie auf die bessere Auslastung des Parking City Süd Bahnhof zurückzuführen. Dieses war Ende August 2016 mit 91 Plätzen in Betrieb genommen worden. Vervollständigt wird der Ring mit den Parkhäusern City Nord Grabengut (635 Plätze) und Parkhaus City West Aarestrasse (645 Plätzen) sowie ab Ende Jahr mit dem Schlossbergparking. Dann wird von jedem Punkt der Innenstadt in wenigen Gehminuten ein Parkhaus erreichbar sein.

«Thun ist klar auf den motorisierten Verkehr ausgerichtet» –

«Weil das Bedürfnis vorhanden ist! Bern ist für Autofahrer der Horror»

 


Verkehrszukunft • Staus, Ärger wegen Baustellen und ein Parkplatzstreit beherrschen diesen Frühling die Debatten in der Region Thun. Wir trafen VCS-Regionalpräsidentin Andrea de Meuron und SVP-Präsident Philipp Deriaz zum Streitgespräch. Dabei zeigen die beiden nicht selten überraschende Einigkeit.

Mit welchem Verkehrsmittel sind Sie in Thun unterwegs?
Andrea de Meuron: Zu Fuss oder mit dem Velo. Wenn es stark regnet, mit dem öffentlichen Verkehr.
Philipp Deriaz: Zur Arbeit fahre ich fast ausschliesslich mit dem Auto. Am Abend nehme ich auch einmal den öV.


Mit dem Auto kommen Sie derzeit ja kaum vorwärts. Wie nehmen Sie die Verkehrssituation in Thun wahr?
Deriaz: Im Moment probiere ich es zu vermeiden, mit dem Auto durch die Stadt zu fahren. Die Situation ist unberechenbar.
De Meuron: In meinem Aktionsradius hat sich die Lage nicht gross verändert. Auf dem Bahnhofplatz ist die Situation auch unabhängig von den Baustellen katastrophal. Sehr stark betroffen sind wir als Anwohnende dagegen im Quartier hinter dem Bahnhof. Die Verlegung des Busbahnhofes in ein Wohnquartier ist nicht zielführend. Die Nachtruhe beträgt im Moment rund viereinhalb Stunden. Das ist für viele unhaltbar.
Deriaz: Du sagst es: Im Moment muss jeder Verkehrsteilnehmer Unannehmlichkeiten auf sich nehmen. Andererseits wissen wir, dass diese Baustellen nun einmal sein müssen. Die Frage ist, wie wir die Situation optimieren.

Die Baustellen waren lange angekündigt. Ist das aktuelle Wehklagen aus dem Gewerbe nicht etwas verwunderlich?
Deriaz: Diese Aussage ärgert mich. Natürlich haben die Ladenbetreiber gewusst, dass es Einbussen geben kann. Deshalb können sie ihr Geschäft ja nicht einfach auf den Bahnhofplatz zügeln.

Ein bürgerliches Postulat fordert morgen Donnerstag im Stadtrat den Zweischichtbetrieb und die Verlängerung der Bauphase über den 21. September hinaus. Wie stellen Sie sich dazu?
De Meuron: Das ist keine Frage der Parteizugehörigkeit. Es ist Anwohnenden wie Gewerbetreibenden ein Anliegen, dass die Baustellenzeit so kurz wie möglich ausfällt. Ich bin gespannt, ob wir morgen erfahren, ob ein Zweischichtbetrieb ernsthaft geprüft wurde und dieser möglich ist. Die Situation hätte mit flankierenden Massnahmen entschärft werden können. Hat man sich genügend früh überlegt, was die Baustellen für die unterschiedlichen Unternehmenden bedeutet? Ich setze ein grosses Fragezeichen.
Deriaz: Ich bin im Petitionskomitee und natürlich für den Zweischichtbetrieb. Es ist ein Dilemma: Einerseits will man den Verkehr vom Zentrum fernhalten, andererseits Leute in die Stadt bringen. Derzeit werden sie eher aus der Stadt gescheucht. Man könnte vorübergehend kostenlose oder vergünstigte öV-Angebote einführen. Das Parkieren wurde ja bereits verbilligt.

Wird es besser sein, wenn die Verkehrszukunft Realität ist und das System Bypass funktioniert?
Deriaz: Das sehe ich positiv. Aber zuerst müssen wir zwei Jahre untendurch. Was fehlt, sind proaktive Vorschläge aus dem Stadtmarketing. Diese Abteilung müsste in dieser Situation zwingend kreative Ideen liefern. Eine ihrer Kernaufgaben ist es, Leute in die Stadt zu bringen.
De Meuron: Da stimme ich zu. Ich hätte eine Kommunikationskampagne gewünscht, damit die wichtigsten flankierenden Massnahmen besser bekannt gemacht werden. So erweckt es den Eindruck eines Flickwerks. Mit Gratis-Parkieren würde das Ziel wohl verfehlt.

2012 wurde zwischen IGT, VCS und der Stadt ein Kompromiss geschlossen: Das Parkhaus im Schlossberg kann gebaut werden, dafür werden 240 oberirdische Parkplätze aufgehoben. Nun sollen dennoch einige Parkplätze erhalten bleiben. Ist es nicht unredlich, im Nachhinein die Spielregeln zu ändern?
Deriaz: Die Grundidee dieser Vereinbarung war, günstige Voraussetzungen für die Gewerbetreibenden und das Wohlergehen der Stadt zu schaffen. Nun aber werden Parkplätze aufgehoben, noch bevor das Schlossbergparking offen ist.
De Meuron: Wo denn konkret?
Deriaz: In der Marktgasse. Wobei dies natürlich auch mit den Bauarbeiten und dem Einbahnregime zusammenhängt.
De Meuron: Eben. Dann könnte man auch vorbringen, dass die Parkplätze an der Aarefeldstrasse fast ein Jahr zu spät aufgehoben wurden. Gesamthaft ist die Stadt damit eher im Verzug. Die Aufhebung war Bestandteil der Abstimmungsbotschaft zum Parking. Wenn man Politikern nicht mehr trauen kann, brauchen wir nicht erstaunt zu sein, dass die Wahlbeteiligung sinkt.
Deriaz: Wir können nicht einfach Schwarzweiss denken. Man könnte zum Beispiel Kurzzeitparkplätze belassen, die jedoch nur dann zugänglich sind, wenn es in der Stadt ohnehin kaum Verkehr gibt.

Ziel war doch eigentlich das Parkieren in den Parkhäusern?
Deriaz: Natürlich, aber Fakt ist: Die Gewerbetreibenden sind unter Druck, auch aufgrund des Onlinehandels. Wir brauchen Mischlösungen und müssen auf die jetzigen Bedürfnisse eingehen.

Also einen Kompromiss vom Kompromiss?
Deriaz: Ja, denn die Situation hat sich seit 2012 verändert. Und jetzt kommt alles miteinander. Nicht zu reden brauchen wir über das Bälliz. Dort sind wir uns völlig im Klaren, dass die Parkplätze aufgehoben werden. Aber wer nur kurz etwas einkaufen will, muss einen oberirdischen Parkplatz finden. Auf dem Stadthofplatz wäre dies überhaupt kein Problem.
De Meuron: Da bin ich nicht einverstanden. Natürlich hat sich die Situation verändert. Aber ganz sicher nicht, was die Probleme des Detailhandels betrifft. Gewisse Kreise wollen nun einfach den Fünfer und das Weggli: Das Parkhaus bauen und die Parkplätze nicht aufheben. Genau deshalb suchten wir zusammen in harten Diskussionen eine tragbare Lösung. Der Mensch will sich dort aufhalten, wo er nicht ständig einem Auto ausweichen muss. Flanierzonen beleben die Innenstadt und bewegen die Leute zum Konsumieren. Deshalb müssen wir den Suchverkehr aus dem Zentrum entfernen. Solange auf dem Stadthofplatz auch nur ein Parkplatz besteht, werden die Autofahrer diesen aufsuchen.

Die Diskussion ruft die Städte-Initiative in Erinnerung, die den Anteil an öV, Velo- und Fussverkehr erhöhen wollte und schliesslich aufgrund eines Kompromisses zurückgezogen wurde.
De Meuron: Die Forderungen wurden durch ein Reglement erfüllt. Zankapfel war damals der Modalsplit, der den Anteil des Fussverkehrs und des öV innerhalb von 10 Jahren um 10 Prozent erhöhen wollte. Die bürgerliche Mehrheit wollte sich nicht messen lassen, den Kompromiss fanden wir im Festhalten von messbaren Zielen im Gesamtverkehrskonzept anstatt im Reglement.
Deriaz: Es stellte sich die Frage, warum wir den öffentlichen Verkehr überhaupt um 10 Prozent erhöhen sollen. Warum brauchen wir diese Zahl?
De Meuron: Weil der Platz beschränkt ist und wir Stau haben. Es gilt, platzsparende Verkehrsmittel zu fördern.
Deriaz: Genau mit dieser Theorie habe ich Mühe. Wir könnten das Problem auch lösen, indem wir den Verkehr flies­sender gestalten. Fakt ist auch, dass der Bus oft nur halbvoll ist und manchmal sogar praktisch leer.
De Meuron: Sicher nicht zu Pendlerzeiten. Zudem nutzt das Auto den Platz permanent ineffizient. Darin sitzen durchschnittlich 1,2 Personen.

Kommen wir zurück zur Aktualität. Die Stadt hat eine Begleitgruppe für die Parkplatzaufhebung eingesetzt. Was ist davon zu erwarten?
De Meuron: Hier übe ich grosse Kritik. Die Begleitgruppe tagt seit über vier Jahren, bis heute fehlt ein umsetzbares Resultat. Die Diskussion dreht sich nur um Parkplätze und es fehlen Lösungsvorschläge für den Warenumschlag. Ziel muss es sein, die dank der Umnutzung der Parkplätze gewonnene Fläche attraktiv zu gestalten, damit ein Mehrwert für das Gewerbe und die Besucher entsteht.
Deriaz: In diesem Punkt bin ich einverstanden. Dies hätte sauberer aufgegleist und von der Politik früher aufgenommen werden müssen.
De Meuron: Es fehlt eine Grundlage, wie die Stadt lebenswerter gestaltet werden soll. Etwa wie die Aussenbestuhlung vor Restaurants oder Sitzgelegenheiten für ältere Menschen eingerichtet wird und dennoch der Güterumschlag möglich bleibt.
Im Herbst sind Wahlen, die Stimmbevölkerung kann neue Voraussetzungen für die Verkehrsfrage schaffen. Derzeit sind sowohl Stadtrat als auch Gemeinderat klar bürgerlich …
Deriaz: … da bin ich nicht ganz einverstanden. SVP, BDP und FDP sind sich zwar weitgehend einig. Zusammen haben wir aber nur 19 von 40 Sitzen. Das reicht nicht.

Zusammen mit CVP, EDU, EVP und GLP haben Sie 26 Sitze. Sind dies keine
Bürgerlichen?

Deriaz: In der Fraktion der Mitte ist das Spektrum sehr breit. Da weiss man als Wähler nicht, was man am Schluss bekommt. Der Gemeinderat dagegen ist klar bürgerlich.


Fakt ist doch, dass den Bürgerlichen der motorisierte Individualverkehr näher ist als der Langsamverkehr?
De Meuron: In meinen 12 Jahren Stadtratstätigkeit wurden kaum Kredite für den Langsamverkehr gesprochen, trotz einer sehr langen Liste von dringenden Projekten. Die bürgerliche Regierung hat es bis heute nicht einmal fertiggebracht, zusätzliche Veloabstellplätze einzurichten. Dagegen wurden diverse Kreisel bewilligt, wo Velofahrer zur Fleischbremse werden, es wurde indirekt der Bypass unterstützt, der Parkhausring wird vervollständigt, Strassen verbreitert. Thun ist klar auf den motorisierten Verkehr ausgerichtet.
Deriaz: Weil das Bedürfnis ausgewiesen ist! Aber gerade Kreisel und Stras­senverbreiterungen sind doch nicht nur für den Autoverkehr da. Am Lauitorstutz wird die Strasse für den Veloverkehr verbreitert.
De Meuron: Aber dort liegt die Federführung beim Kanton. Dieser macht seine Aufgaben, im Gegensatz zur Stadt.
Deriaz: Diese Aussage kann ich nicht unterstützen. Ich bin seit acht Jahren Mitglied in der Kommission Bau und Liegenschaften. In jedem Strassenprojekt werden auch Sicherheitsmassnahmen für den Langsamverkehr geprüft. Zudem müssen die Velofahrer ihre Augen halt offenhalten. Deren Verhalten ist teilweise nicht gerade vorbildlich.
De Meuron: Die Stadt Bern zeigt, dass mit linker und grüner Verkehrspolitik der Anteil an Velofahrenden gesteigert werden kann. Das Verkehrsverhalten definiert sich über die Bequemlichkeit des Menschen. Wenn wir die Strassen für den Langsamverkehr sicher und attraktiv gestalten, wird dieser Anteil gesteigert. Davon ist Thun weit entfernt.
Deriaz: Das ist die Sicht Deiner Klientel. Aus SVP-Sicht gehen die Massnahmen in Bern viel zu weit. Für einen Velofahrer mag dies das Paradies sein. Für Auto­fahrer ist es der Horror.

Das erklärte Ziel der Grünen ist ein Sitz in der Thuner Exekutive. Läuft die Kandidatur auf Andrea de Meuron heraus?
De Meuron: Die Zeit ist reif für einen grünen Sitz. Die Kandidatur wird von der Mitgliederversammlung der Partei nominiert und kommuniziert.

Greifen die Grünen nach dem Stadtpräsidium?
De Meuron: So wie es derzeit läuft, ist die Situation jedenfalls nicht zufriedenstellend. Wenn ein Stadtpräsident seine Unterschrift unter eine Vereinbarung setzt und diese nun wieder infrage stellt, muss man dies kritisch hinterfragen.

Da muss Philipp Deriaz seinen Parteikollegen Raphael Lanz verteidigen.
Deriaz: Der Stadtpräsident tut genau das Richtige. Vereinbarungen und Regelungen schliessen nicht aus, bei veränderten Bedingungen die Bedürfnisse anzuhören und zu vermitteln. Das ist seine Aufgabe. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie ein grüner Stadtpräsident einfach die Anliegen des Gewerbes ignoriert.

Thun wird seit 1999 bürgerlich regiert, als eine der wenigen mittelgrossen bis grossen Schweizer Städte. Wie will die SVP dafür sorgen, dass dies in der nächsten Legislatur so bleibt?
Deriaz: Ich führe intensiv Gespräche, das ist derzeit meine Hauptaufgabe als Parteipräsident. Es gibt viele Varianten, aber ein klares Ziel: Die Verteidigung der bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat und die Stärkung der bürgerlichen Seite im Stadtrat. Sie darf nicht auf die linke Seite kippen, denn die Politik der letzten acht Jahre war ein Erfolg, wenn man die Entwicklung und die Finanzen anschaut.
De Meuron: Das Verkehrsproblem ist ungelöst, das Gewerbe ist nicht zufrieden. Was Thun ausmacht, ist die Schönheit der Natur. Viel dazu beigetragen hat die Politik nicht.


Andrea de Meuron (44) sitzt seit 2007 für die Grünen im Thuner Stadtrat und seit 2014 im Grossen Rat des Kantons Bern. Beruflich ist sie Mitglied der Geschäftsleitung von rundum mobil GmbH in Thun. Andrea de Meuron lebt in einer Partnerschaft und ist Mutter von zwei Kindern.
Philipp Deriaz sitzt seit 2012 für die SVP im Thuner Stadtrat und präsidiert seit 2016 die SVP der Stadt Thun. Der 40-Jährige ist Berufsoffizier im eidgenössischen Verteidigungsdepartement. Philipp Deriaz ist verheiratet und Vater zweier Kinder.