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12.06.2018

«Es sind einfach Menschen, die in Wagen leben»

Die Wagen der Fahrenden in Tägertschi aus der Ferne: Etwa zwanzig der über 30 registrierten Wagen standen am vergangenen Montag auf dem den Fahrenden durch einen Landwirt vermieteten Feld.

Die Wagen der Fahrenden in Tägertschi aus der Ferne: Etwa zwanzig der über 30 registrierten Wagen standen am vergangenen Montag auf dem den Fahrenden durch einen Landwirt vermieteten Feld.

Tägertschi • Zurzeit machen Schweizer- und ausländische Fahrende auf einem Feld eines zu Münsingen gehörenden Ortsteils Halt. Was, nach den Diskussionen zu Wileroltigen, zu grossem Medieninteresse führt.

Sonja L. Bauer

37 Wagen sind es insgesamt, mal auch etwas weniger, die das sommergrüne Feld auf der Höhe des in Richtung Münsingen gelegenen Dorfeingangs mit
weissen Farbtupfern schmücken. Zur Verfügung gestellt hat es ein Bauer des Dorfes. Für die Nutzung des Landes besteht ein Mietvertrag. Auch eine Zusatzvereinbarung mit der Gemeinde wurde, wie Münsingens Vize-Gemeindepräsident Andreas Kägi (FDP) auf dem Internetportal bern-ost.ch erwähnt, unterzeichnet. «Die Fahrenden haben zu Beginn einen Mietvertrag mit dem Landeigentümer unterzeichnet», schrieb Vize-Gemeindepräsident Andreas Kägi am Sonntag vor einer Woche. Ausserdem habe die Gemeinde mit den Jenischen und den mehrheitlich Romas eine Zusatzvereinbarung abgeschlossen. Darin sei geregelt, wie viele Wagen höchstens auf dem zur Verfügung gestellten Land abgestellt werden dürfen. Zudem sei darin festgehalten – schrieb Kägi vor zehn Tagen – dass bis spätestens Dienstagabend ein WC-Wagen sowie eine Abfallmulde aufgestellt werden müsse. Nach den Diskussionen in Bezug auf Wileroltigen – die Fahrenden, welche in vergangener Zeit an der Autobahn Halt machten, riefen bei den Einwohnern der Gemeinde grossen Widerstand hervor – stösst diese Tatsache auf gros­ses Medieninteresse. Was oft vergessen wird: dass der Kanton den Auftrag hat, den Fahrenden Transitplätze zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Kultur leben können. Irgendwo müssen Fahrende Halt machen können. Auch wenn die Plätze privat vermietet werden, profitieren Reisende davon. Unter ihnen sind auch viele Schweizer, die mit ihrem Volk und ihrer eigenen Sprache – die Jenischen – das fünfte Volk der Schweiz darstellen. Inklusive Militär und Steuern.


Der Vizepräsident nimmt Stellung


Heute ist bereits Halbzeit der Land-Mietdauer. Der Mietvertrag für die Landnutzung ist auf drei Wochen befristet. Und wie ein Blick vor Ort zeigt, sind längst auch der WC-Wagen und der Müllcontainer vor Ort, in Betrieb und werden benutzt. «Erst machten wir schon grosse Augen, als wir am betreffenden Sonntag von einem Ausflug nach Hause kamen und die Wohnwagen sahen», sagt Anita Bussmann, Einwohnerin von Tägertschi. «Doch bis jetzt ist alles ruhig und sauber – und das wird sicher so bleiben.» Bussmann ist offen, sich mit den Fahrenden auszutauschen, wenn es sich ergäbe. «Ich denke, dass wir jemanden, den wir kennen, auch nicht fürchten.» Für sie ist es wichtig, gegenüber anderen offen zu sein. Gemeinderat Andreas Kägi selbst bezieht auf bern-ost.ch wie folgt Stellung: «Wenn ein Landwirt und Grundeigentümer ohne Rücksprache mit der Gemeinde gegen Geld mit Fahrenden einen Mietvertrag für die Benutzung seiner eigenen Parzelle abschliesst, ist dies sein gutes Recht.» Als er am Sonntag kurz nach Mittag von der Kantonspolizei Bern informiert worden sei, dass Fahrende – Schweizer und ausländische – in Tägertschi seien, habe er mit den Fahrenden nur noch jene Punkte nachverhandelt, welche der Landwirt nicht geregelt habe. Wie zum Beipsiel die Abfallentsorgung und die Höchstanzahl der Fahrzeuge. «Die Verhandlung war äusserst professionell und erfolgte in einem sehr sachlichen Klima. Ich selbst habe das Gelände besucht und feststellen dürfen, dass dieses aufgeräumt ist.»


Keinerlei Probleme


Beim Interview am Telefon vorgestern äussert sich Kägi klar: «Bis heute haben wir keine Probleme. Wenn es welche geben sollte, suchen wir dann nach Lösungen.» Die Vereinbarungen würden bis heute alle eingehalten. Da in den Gruppen eine ausgeprägte Hierarchie herrsche, habe er nur mit dem Chef verhandelt. «Er hat die Tatsachen akzeptiert und ist auf unsere Bedingungen eingegangen.» Kägi ist überzeugt: «Wenn wir mit Respekt, Klarheit – also klaren Regeln – deutlich und auf Augenhöhe verhandeln, gibt es meist auch keine Probleme.» So verstehe er nicht, dass das Medieninteresse an den Fahrenden in Tägertschi so gross sei. «Es sind doch einfach Menschen, die in Wagen leben, statt in Wohnungen.»