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12.06.2018

Der Alpenmythos ist ungebrochen

Das MS Berner Oberland vor Spiez und dem Niesen. Es ist ein Panorama, das seit 150 Jahren Gäste aus nah und fern fasziniert.Die «Char a banc» war sicher nicht das bequemste Reisemittel, brachte jedoch Reisende ins Berner Oberland.Sie debattierten an der Spiezer Tagung über die Zukunft des Tourismus: Mila Trombitas, Kurt Baumgartner, Sandro Borrelli, Patrick Feuz, Stefan Linder, Beat Hächler und Daniel Sulzer (v.?l.).Schlossbesitzer Ferdinand Rudolf von Albrecht investierte in den Tourismus: Er liess den See aufschütten und durch Horace Edouard Davinet den «Spiezerhof» bauen (1873).

Das MS Berner Oberland vor Spiez und dem Niesen. Es ist ein Panorama, das seit 150 Jahren Gäste aus nah und fern fasziniert.

Die «Char a banc» war sicher nicht das bequemste Reisemittel, brachte jedoch Reisende ins Berner Oberland.

Sie debattierten an der Spiezer Tagung über die Zukunft des Tourismus: Mila Trombitas, Kurt Baumgartner, Sandro Borrelli, Patrick Feuz, Stefan Linder, Beat Hächler und Daniel Sulzer (v.?l.).

Schlossbesitzer Ferdinand Rudolf von Albrecht investierte in den Tourismus: Er liess den See aufschütten und durch Horace Edouard Davinet den «Spiezerhof» bauen (1873).

Tourismus • Seit über 150 Jahren kommt die grosse Welt in die Berge. Gerade für das Berner Oberland ist der Tourismus von grosser Bedeutung. Die Spiezer Tagung ging der Frage nach, wie dieser Wirtschaftszweig entstand und wohin die Reise geht.

Christof Ramser

Es ist ein gewisser Widerspruch: Viele Orte im Berggebiet darben, sie leiden unter Abwanderung, Übernachtungszahlen gehen längerfristig zurück. Doch die Faszinationskraft der Alpen ist unverändert riesig. «Die grosse Welt kommt in die Berge» – das gilt seit mehr als hundert Jahren. Unter diesem Motto ging die Spiezer Tagung den Fragen nach, wie der Tourismus im Berner Oberland entstand und welche Herausforderungen sich heute stellen. «Die Strahlkraft der Berge ist ungebrochen», konstatierten Tourismusexperten. Für die Volkswirtschaft im Berner Oberland ist der Tourismus zentral.


Damit dies so bleibt, müsse man auf die neuen Wünsche der Kundschaft eingehen, sagte Stefan Linder, Co-Gründer des Swiss Economic Forum (SEF) und Vorsitzender der Blausee AG. So seien für Gäste aus Fernost weniger die Anzahl Sterne eines Hotels wichtig als vielmehr die digitalen Kapazitäten in Form einer hohen Uploadrate. «Die Gäste sollen merklich feststellen, dass ihre Bedürfnisse befriedigt werden», bestätigte Daniel Sulzer, Direktor von Interlaken Tourismus.
Grosse Herausforderungen seien die hohen Kosten auf der «Hochpreisinsel Schweiz» sowie die Tatsache, dass ein Teil der Gaststätten in ausländischer Hand ist. Ziel müsse es sein, dass die Fremdinvestoren nicht nur an der Rendite interessiert sind, sondern am wirtschaftlichen und politischen Geschehen vor Ort teilhaben.

Kürzere Reisezeiten


Die Erschliessung durch neue Verkehrswege und -techniken (Dampfschiff und Eisenbahn) haben erst ermöglicht, dass der Tourismus sich im Berner Oberland überhaupt zu einem Wirtschaftsfaktor entwickeln konnte. Grund dafür war der Bau von befestigten Strassen, der Chausseen, und der damit verbundenen Anbindung an das europäische Strassennetz Ende des 18. Jahrhunderts. Die Reisezeiten verkürzten sich wesentlich, weil Reisende ihre Ziele mit Kutschen statt zu Fuss oder zu Pferd erreichen konnten. Erst als die ersten Dampfschiffe auf den Berner Oberländerseen verkehrten, setzte der Massentourismus ein.

 

Schneller, aber nicht unbedingt bequem

 

Verkehr und Tourismus • Erst mit dem Ausbau der Verkehrswege erreichte die Mobilität neue Dimensionen und der Tourismus wurde zu einem Wirtschaftsfaktor.


Der Mensch sucht seit jeher, um von A nach B zu gelangen, möglichst ökonomische Verkehrswege. Weil diese in frühen Zeiten eher schlecht als recht ausgebaut waren, mussten sich Reisende zu Fuss oder allenfalls zu Pferd fortbewegen. Sie waren dabei mehrere Tage unterwegs. Das änderte sich, als die Wegnetze im damaligen Europa ausgebaut wurden. Durch den Bau einer sogenannten Chaussee bis in die Region Thun wurde das Berner Oberland besser erschlossen. Als Chausseen wurden ausgebaute Strassen mit einer festen Fahrbahndecke bezeichnet. Sie verliefen, weil von Ingenieuren geplant, deutlich gradliniger als die üblichen Landstrassen.


Verkürzte Reisezeit


«Gerade das alte Bern hat Ende des 18. Jahrhunderts den Bau von raschen Verbindungswegen in die Untertanengebiete, vorab aus wirtschaftlichen Gründen, vorangetrieben», sagte Hans-Ulrich Schiedt, promovierter Historiker an der Universität Bern, in seinem Referat an der Spiezer Tagung. Weil jetzt ans
europäische Strassennetz angeschlossen, sei das Berner Oberland zu einem wichtigen Etappenziel auf der «Grand Tour» geworden. «Die Anreise bis nach Thun oder Interlaken war jetzt per Postkutsche möglich», so Schiedt weiter. Auf den beiden Oberländer Seen seien Lastschiffe schon immer wichtige Transportmittel für Waren und Güter gewesen. «Mit der Dampfschifffahrt begann dann der eigentliche Massentourismus einzusetzen», so der Referent weiter. Es konnten mehrere Passagiere aufs Mal befördert werden. Bauern hätten bald einmal entdeckt, dass mit ihnen Geld zu verdienen ist. Sie begannen, einfache Wagen mit Bänken zu bestücken («Char a banc»). Mit diesen wurden Reisende in die Täler des Oberlandes geführt. «Das Reisen wurde dadurch nicht unbedingt bequemer, aber kürzer.» Nicht nur die «Transporteure» hätten von der Reiselust der Ausländerinnen und Ausländer profitieren können. Verschiedene Handwerker wie Hufschmiede oder Schuster seien zu einem zusätzlichen Verdienst gekommen.


Reiseführer als Informationsquelle


Der Hoteltourismus hätte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr lange auf sich warten lassen. HansUlrich Schiedt belegte seine Aussage mit Zahlen, Fakten und Beschreibungen, die er historischen Reiseführern entnommen hatte. Diese hätten nicht nur über Reiserouten informiert, sondern auch spezielle Informationen zu Kleidung und die Reisesaison gegeben.


1859 habe die Eisenbahn das Berner Oberland erreicht . Dies sei schliesslich das Ende jenes Zeitraums gewesen, der als Frühzeit des Tourismus bezeichnet wird.

 

Ort der Gesundheit und der Politik

 


Bädertourismus • Seit Jahrhunderten waren Heilquellen beliebte Reiseziele.
Badefahrten waren in der Schweiz schon im 13. Jahrhundert sehr verbreitet. Nicht von ungefähr trafen sich die Abgeordneten der Orte der Eidgenossenschaft zur Tagsatzung in Baden (AG). Ebenso waren die vielen Heilquellen in den wasserreichen Bergtälern weitherum bekannt. Die dortigen Kurorte wurden von allen Bevölkerungsschichten, Adel, Bürger und Bauern besucht. Es waren wichtige Reiseziele, um sich körperlich und geistig zu erholen – und zu stärken. Die Kurorte und Bäder waren nicht nur Orte der Gesundheit, sondern des Austauschs von Neuigkeiten und Zentren der Politik. Die Badeherbergen waren eine der wesentlichen Grundlagen für das seit dem 19. Jahrhundert bekannte Hotelgewerbe. «Das Gurnigelbad im Naturpark Gantrisch galt einst als grösstes Hotel der Schweiz», sagte Fred Kaspar (Denkmalpflege für Westfalen, Münster, D). Von diesen früheren Unterkünften seien heute nicht mehr viele erhalten. Sie zeugten aber von der grossen Bedeutung, die eine Kurreise in die Schweizer Berge ehemals hatte.

«Wir?müssen?auf?die?neuen?Wünsche?eingehen»

 

Berner Oberland • Eher trübe Aussichten und keine klaren Lösungen: Zwar nahmen die Logiernächte in der Region vergangenes Jahr zu. Doch viele
Ferienparadiese im Berggebiet darben. Dennoch ist der Tourismus im Alpenbogen laut Fachleuten nicht in der Krise. Er wird gerade neu erfunden.


Wenn erst einmal die Jungen abgewandert sind, der Schnee ausbleibt und dann die Touristen nicht mehr kommen – was bleibt den Dörfern im Alpenbogen? Die Frage von Mila Trombitas, Professorin für Wirtschaft und Tourismus an der Fachhochschule Wallis, klingt alarmistisch. Doch sie regt die Gedanken an. Und sie basiert auf Fakten. «Die Übernachtungszahlen gehen zurück, viele können sich den Urlaub in der Schweiz nicht mehr leisten», sagt Trombitas. Die Logiernächte in Schweizer Hotels liegen auf dem Niveau der 1970er-Jahre. Zwei Drittel der Bergbahnen rentieren nicht und müssten ohne den Zuschuss öffentlicher Gelder schliessen.


Man malt sich Bilder des zivilisatorischen Untergangs aus. Zuerst stehen die Sessellifte still, dann machen die Hotels dicht, schliesslich zeugen nur noch verfallene Chaletfassaden von einst blühenden Bergdörfern. Für den Schweizer Alpenraum, seit mehr als 150 Jahren Sehnsuchts- und Ferienort, bedeutete solch ein Szenario den wirtschaftlichen Tod.


Die Realität sieht freilich anders aus. Wir sind unterwegs zur Spiezer Tagung. Die renommierte Konferenz befasst sich dieses Jahr mit der Entstehung des Tourismus im Berner Oberland. Im Zug aus Zürich Richtung Interlaken sitzen mehrere Gruppen chinesischer Touristen. Extragrosse Koffer ergiessen sich aus der Gepäckablage in den Korridor. In Bern steigen indische Grossfamilien zu. Eine Frau mit violettem Kopftuch dirigiert Mireisende zu freien Plätzen, setzt sich und filmt bald mit ihrem Handy die vorbeiziehende Bergwelt am Thunersee. In Spiez fragen Reisende aus Fernost nach dem Zug nach Interlaken. Von einer Krise ist an diesem Samstag nichts zu sehen. Die Alpenwelt fasziniert ungebrochen und bestätigt das Motto der Spiezer Tagung: «Die grosse Welt kommt in die Berge». Im Oberland, so scheints, ist immer Ferienzeit.


Andere Gäste, andere Sitten


Einer, der den Wandel im Tourismus hautnah miterlebt, ist Stefan Linder, Mitgründer des Swiss Economic Forum (SEF) in Interlaken und Vorsitzender der Blausee AG. Derzeit ist er mit der Lancierung einer digitalen Gästekarte in Zermatt beschäftigt. Dank einer umfassenden Digitalisierungsstrategie sollen Gäste ihre Buchungen künftig «transparent, einfach und schnell» vornehmen können. Insbesondere die Kundschaft habe sich stark verändert, weiss Linder. Statt Engländer, Deutsche oder Franzosen besuchten heute vielmehr Gäste aus dem arabischen und asiatischen Raum die Alpen. «Auf ihre Wünsche und Gewohnheiten müssen wir eingehen.» So wollen diese auch bei Regenwetter über den Blausee gondeln, was für die Bootsführer eine Umstellung bedeutet. Weiter erzählte er von schwarzverschleierten arabischen Speisegästen, die Fischgräten auf die Restaurant-Terrasse warfen. Hier half der Aushang von Merkblättern in Arabisch. Die Sitten hätten sich rasch geändert, so dass niemand mehr die Nase zu rümpfen brauchte.


«Der Gast soll merklich feststellen, dass seine Bedürfnisse befriedigt werden», hängte Daniel Sulzer ein. Auch der Direktor von Interlaken Tourismus arbeitet an einer digitalen Gästekarte, die auf dem Handy diverse Synergien bringen soll. «Wir wollen keine gläsernen Kunden, aber wir müssen verstehen, was nachgefragt wird.» So würde sich ein koreanischer Touroperator heute weniger für die Anzahl Sterne eines Hauses als vielmehr dessen Uploadrate interessieren. Eine Herausforderung sei die Tatsache, dass ein guter Teil der Gaststätten in Interlaken in ausländischer Hand ist. Solange sich Fremdinvestoren aber nicht bloss für die Rendite interessierten, sondern am politischen und wirtschaftlichen Geschehen vor Ort teilhaben würden, sei dies nicht zwingend ein Problem. «Hier ist die Politik gefordert.»


Geschäften auf der Hochpreisinsel


«Es tut weh, wenn ausländischen Finanzjongleuren die lokale Verankerung fehlt», bekräftigte Kurt Baumgartner, Besitzer der Belvédère Hotels in Scuol und «Hotelkönig» aus dem Unterengadin. Aber immerhin würden sie in der Schweiz investieren. «Wie lange noch, wissen wir allerdings nicht.» Denn der Schweizer Tourismus hat ein massives Kostenproblem.» Die hohen Personalkosten könne man entweder über die Grösse oder aber neue Produkte wettmachen. Laut Mila Tromitas sind die Vorleistungs- und Arbeitskosten in der Schweiz um 25 Prozent höher als etwa in Österreich. Auch sie plädiert für Kostensenkungen ohne Einbussen bei der Qualität in Form von mehr Zusammenarbeit.


Wie dies gehen könnte, zeigte Sandro Borrelli auf, Leiter Marketing bei der BLS AG. «Die Unternehmen müssen neue, digitale Vertriebskanäle aufbauen.» Künftig sei weniger der Auftritt an der BEA oder die gedruckte Broschüre gefragt als vielmehr Kooperationen im digitalen Bereich. In der Schweiz gebe es 561 Verkehrsvereine, viele Akteure aus dem Tourismus würden zu wenig miteinander sprechen. Dabei sei es gerade im Bereich der Produktentwicklung oder bei Buchungen, Personalschulungen sowie dem Einkauf wichtig, die Mittel zu bündeln. «Kosten teilen, Gewinn gemeinsam abschöpfen», so die Devise.


Klimawandel als Chance


«Müsste man nicht viel radikaler denken und sich auf gewisse Gebiete konzentrieren?», wollte Moderator Patrick Feuz, Chefredaktor des «Bund», wissen. Nicht zwingend, meinte Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums der Schweiz. Er warb dafür, die Arbeits- und Freizeitwelt stärker zu vereinen. Weil der Boden im urbanen Raum für Experimente zu teuer geworden sei, könnten Kultur-
und Kreativschaffende auf periphere Regionen ausweichen. «Es gibt auch andere Nutzungsformen für die Berggebiete abseits des Tourismus.»


Kurt Baumgartner glaubt zudem an einen Zukunftsmarkt und einen Gegentrend zu Fernreisen. «Der Klimawandel bietet auch Chancen.» Zurück in die Alpen laute die Lösung für jene, die die Welt gesehen haben. Sandro Borrelli stimmte ein: «Die Schweiz positioniert sich über die Natur und eine nicht zu übertreffende öffentliche Reisequalität. Die Welt ist entdeckt, jetzt entdeckt man sich selber.» Laut Daniel Sulzer werde der Gruppentourismus in Interlaken weiter die Basis bilden. Doch daneben sei der Trend zur Entschleunigung auch bei grossen Reiseveranstaltern klar spürbar. «Wir müssen gezielt Produkte anbieten, damit Touristen die Natur vermehrt erleben, Einheimische treffen oder etwa einen Bauernhof besuchen.»
Auf die Tourismus-Branche kämen grosse Herausforderungen zu, sagte Tourismus-Expertin Mila Tromitas abschliessend. «Doch der Alpenmythos ist ungebrochen. Darauf müssen wir aufbauen.» Für den Tourismus gebe es jedoch keine Patentrezepte. Jede Destination müsse ihre eigenen Wege finden.

Hotellerie im Berner Oberland legt wieder zu

 

Logiernächte • Für die Berner Volkswirtschaft ist der Tourismus zentral. Ob die steigenden Übernachtungszahlen eine Trendwende einläuten, bleibt offen.


38?000 Vollzeitstellen und eine Wertschöpfung von 4,7 Milliarden Franken: Der Tourismus spielt im Kanton Bern eine zentrale Rolle. Im Berner Oberland ist es sogar der wichtigste Wirtschaftszweig. Neben dem Gastgewerbe und der Beherbergungsbranche profitieren der Verkehr, Reisebüros, Kultur- und Sportinstitutionen vom Fremdenverkehr, aber auch der Detailhandel, die Landwirtschaft und das Baugewerbe. Gemäss des Bundesamts für Statistik machen die Gäste aus der Schweiz im Oberland 40 Prozent der Logiernächte aus. Über ein Drittel der Gäste stammen indes von ausserhalb Europa – weit mehr als etwa in den Kantonen Graubünden oder Wallis. Laut der bernischen Volkswirtschaftsdirektion reduziert die breite Diversifizierung die Abhängigkeit von einzelnen Herkunftsländern und mindert die Risiken bei Währungsschwankungen.


Rekord in Spiez


Nachdem die Zahlen 2016 klar rückläufig waren, erlebte der Oberländer Tourismus letztes Jahr einen Aufschwung. Die Zahl der Logiernächte stieg um 9 Prozent. Gar einen Rekord verzeichnete Spiez mit über 100?000 Logiernächten, was auch auf die Investitionsfreudigkeit der Hoteliers zurückzuführen sei. Ob dies nach einem zwischenzeitlichen Hotelsterben eine Trendwende bedeutet, muss sich weisen. Fest steht, dass es vor über 100 Jahren in Spiez über 20 Hotels, Pensionen und Kurbetriebe gab; etwa den Spiezerhof, der 1975 abgebrochen wurde. Eine Herausforderung bleibt die tiefe Aufenthaltsdauer von durchschnittlich 1,9 Nächten.