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19.12.2017

Zum Tränen lachen und Tränen weinen

Humorvoll und lakonisch erzählt Irene Graf aus einer nicht immer weihnachtlichen Idylle.

Humorvoll und lakonisch erzählt Irene Graf aus einer nicht immer weihnachtlichen Idylle.

Weihnachtsbuch • «Schmucktruckli» heisst das neuste Mundart-Werk aus dem Stift der gebürtigen Steffisburgerin Irene Graf und der Feder von Edith Pieren.

Yvonne Baldinini

«Üh, wesi dryssg Jahr jünger wär! U früecher, da heig si de nüüt la abrönne! Aber sone Pfarrer syg haut schone arme Cheib. Wener ke Frou u ke Sex dörf ha! Dr Pfarrer het du afe entgägegha, är syg reformiert.» Soeben ist in der Geschichte «Dr Truthahn» der Pfarrer als Gast zum Familienweihnachtsmahl erschienen.

Irene Graf schildert zwölf berndeutsche Erzählungen aus einer nicht immer besinnlich-heilen Welt. Sie greift Begebenheiten aus dem Leben auf, in denen sich jeder von uns wiedererkennt. Viele der Geschichten entstanden in den letzten zwanzig Jahren. Warum die in Adelboden wohnhafte Steffisburgerin sie vorerst zuhause im «Schmucktruckli» verbarg, begründet sie so: «Es braucht Mut, sich damit der Öffentlichkeit zu stellen.» Schliesslich schreibe sie aus Leidenschaft, nicht um damit ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Die Adelbodnerin Edith Pieren hat das «Schmucktruckli» mit Bleistiftzeichnungen «geschmückt». «Ich frage Irene immer, welches Bild vor ihrem inneren Auge auftaucht. Oft sind unsere Vorstellungen die gleichen.» Nimmt jedoch das Grosi nicht die gedachten Formen an, zeichnet die Lehrerin aus eigener Erfindungskraft. Irene Graf lässt ihr freie Hand. 

Alles begann mit einer Maus 

Irene Graf und Edith Pieren gründeten 2010 den mundARTverlag. Die im Abstand von rund zwei Jahren erschienenen vier Taschenbuch-Adventskalender «Mäxus Abentür», «Frudis Abentür», «Balthasar» und «Mamma-Mia Doro» wurden zu Publikumshits. Sie bestehen aus 24 Geschichten, verpackt in Couverts und aufbewahrt in einer LKW-Planentasche. Von den Kalendern sind insgesamt über 20?000 Exemplare verkauft. Der erste, «Mäxus Abentür», erklimmt bald die 10?000er-Marke. Dabei hatte Irene Graf die Geschichte über die kleine, freche Rennmaus ursprünglich für ihre Gottenkinder erdichtet. Das «Schmucktruckli» kratzt zwei Monate nach Erscheinen schon an der 3000er-Grenze. «Unsere Auflagen liegen über der Grenze dessen, was sonst in der Mundartliteratur produziert wird. Mehr als 2000 ausgelieferte Exemplare sind in diesem Bereich aussergewöhnlich», freut sich die 49-Jährige. Weil ihre Titel nicht in den Absatzstatistiken der Schweizer Verlage gelistet werden, wisse jedoch kaum jemand, dass es sich um Bestseller handelt. Die beiden Jungunternehmerinnen erhielten bereits ein Angebot eines namhaften Verlags. «Wir wollten aber unsere Eigenständigkeit behalten und haben abgelehnt», so die Autorin.

Schreibfluss im «Tessin»

Nach den vier gefragten Adventskalendern für Kinder wuchs bei Irene Graf die Idee, ein Buch für Erwachsene zu verfassen. Damit betrat sie Neuland. «Ich brauche allerdings Druck. Erst dann fange ich an zu arbeiten.» Freundinnen rieten ihr, ins Tessin zu reisen, um sich voll ihrer Aufgabe zuwenden zu können. Da dies nicht möglich war, fuhr die im eigenen Familienbetrieb tätige Kauffrau kurzerhand in Gedanken in den Süden. «Ich schloss zuhause meine Zimmertür und meldete meinem Mann und meinen zwei Söhnen: Ich esse und schlafe hier, aber sonst bin ich eigentlich im Tessin.» In vier Tagen sprudelten aus ihr zwei Geschichten hervor.

Irene Graf gräbt in ihren Notizen, die Stoff für eine neue Geschichte abgeben könnten. Eine handelt von einer kurzhaarigen, noch nicht 50-jährigen Freundin, die an einer Gondelbahnstation für eine AHV-Rentnerin gehalten wird. Beleidigt und trotzig zugleich bejaht sie und fährt zum Seniorentarif auf den Berg. «Beobachte oder höre ich bestimmte Situationen aus dem Leben anderer Menschen, fängt es in meinem Kopf an zu drehen. Um sie in Worte zu verpacken, muss ich halt zwischendurch ins gedankliche Tessin», scherzt sie.