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20.02.2018

Café, Schatzkiste und soziales Projekt

Diesem Café kann das Inventar gleich abgekauft werden: «Anna & Bertha»-Brockenstube in Toffen.

Diesem Café kann das Inventar gleich abgekauft werden: «Anna & Bertha»-Brockenstube in Toffen.

Toffen • Das «Anna & Bertha»-Brockenhaus hält für Schnäppchenjäger, Antiquitätensammler und Kunstkenner viele überraschende Entdeckungen bereit und bietet «Ausgesteuerten» eine sinnvolle Beschäftigung.

Salome Guida

Über Jahrzehnte wurden Brockenstuben vor allem als Läden für Menschen mit kleinem Budget gesehen. Heute bilden die «Bröckeler» jedoch eine eigene Szene,
die sich durch alle Schichten zieht. Sie durchstöbern regelmässig Gebrauchtwarenhäuser. Neuerdings können sie dies auch in Toffen tun.
Das «Anna & Bertha»-Brockenhaus liegt ausgangs des Dorfes an der viel befahrenen Thunstrasse. Beim Betreten taucht man sofort in eine andere
Welt ein. «Jeder Gegenstand, der he­reingetragen wird, hat eine Geschichte»,
schwärmt Giovanni Schumacher. Den Mitgründer und Betreiber der Brocki
fasziniert der Kreislauf des Lebens von Bildern und Sesseln, Büchern und Schälchen. «Viele meiner Kundinnen und Kunden wollen sich von einem Gegenstand überraschen lassen», beschreibt er das «Brocki-Fieber».

Stöbern, bieten und Kaffee geniessen

Das «Anna & Bertha» bietet ein breites und ständig wechselndes Sortiment an. Schnäppchenjäger kommen in einer «Stöber-Ecke» genauso auf ihre Kosten wie Jazzliebhaberinnen, Antiquitätenhändler oder Familien auf der Suche nach preiswerten Möbeln. Eine Besonderheit ist das stilvolle Café: Selbstgebackene Kuchen können genossen werden, dazu wird Kaffee aus der Rösterei «Gold-Bach» angeboten, die im anderen Teil des Gebäudes beheimatet ist. Von den Sesseln über die Lampen bis zu den Tischen und Tassen kann die ganze Einrichtung gekauft werden – dementsprechend verändert sich das Erscheinungsbild des Cafés regelmässig. An den Wänden hängen immer wieder eingerahmte Schätze, aktuell etwa ein Tinguely-Druck aus limitierter Auflage. Viele Brockenhäuser versuchen, solch exklusive Gaben zuerst an Kunstauktionen zu verkaufen. Nicht so Schumacher: «Ich will, dass Kunstliebhaber und Kennerinnen hier richtig schöne Entdeckungen machen können.»

Vieles ist mit einem Preis-Etikett versehen – doch manches auch nicht. Wird er nach dem Preis gefragt, fragt er gern zurück: «Was ist es Ihnen wert?». Schumacher greift auf jahrzehntelange Erfahrung in der Branche zurück. Er war Mitgründer der «Rosa Brocki» in Bern-Bethlehem, einer der grössten der Hauptstadt. Ihn interessiert die «Psychologie des Kaufverhaltens»: Gerne beobachtet er seine Gäste, lässt sich davon überraschen, was sie kaufen.

Soziales Engagement

Trotzdem hat Schumacher auch Verkaufsziele. Mit dem Erlös werden, wie in Brockenhäusern üblich, gemeinnützige Projekte finanziert, etwa die Anstellung von alleinerziehenden Müttern. «Anna & Bertha» ist als Verein organisiert. Gut 20 Mitglieder engagieren sich in Freiwilligenarbeit für ihre Brocki. Diese wird zwei Jahre lang in Toffen gastieren – danach ist für das Gebäude etwas anderes vor-
gesehen. Bis dahin haben Schumacher und sein Team noch viel vor.

In Zusammenarbeit mit regionalen Sozialämtern finden «Ausgesteuerte» eine sinnvolle Beschäftigung und können ihre Fähigkeiten einbringen: In der Werkstatt im Erdgeschoss werden Möbel repariert, beim Wareneingang lernen sie den Wert von Büchern schätzen, bedienen Gäste im Café – oder bringen den Garten auf Vordermann. Auf den Sommer hin wird dieser nämlich zum lauschigen Gartencafé mit Musik- und Kunstprojekten. Dort werden «Bröckeler» und andere Gäste eine einmalige Aussicht auf die Alpenkette finden.