«Ängste überwinden und die Komfortzone verlassen»
Wie kam das Youngpreneurs-Programm zustande?
Emanuel Roth: Am Anfang stand die Frage: Gibt es Jugendliche, die neben ihrer Ausbildung im Gymnasium oder ihrer Lehre und Arbeit ihr eigenes Start-up gründen wollen? Wir wollten Innovation und Unternehmertum bei der nächsten Generation fördern. Mit dieser Frage fanden wir heraus, dass es diese gibt. Die häufigsten Herausforderungen, die den Jugendlichen begegnen und weshalb sie noch nicht angefangen haben, sind: Ich habe einfach keine gute Idee. Und wenn sie eine Idee haben, wissen sie nicht genau, wo sie beginnen sollen. So wurde das Youngpreneurs-Programm vor neun Jahren in Bern gestartet und ist neben dem Standort Thun auf verschiedene Standorte in der ganzen Schweiz gewachsen. Unser Leitsatz ist immer noch: «Machen ist wie wollen. Nur krasser.»
Welches ist die Grundidee des Programms?
Unsere Vision ist: Wir sind ein Greenhouse für Unternehmerinnen und Unternehmer der nächsten Generation. Wir bilden den Nährboden für die nächste Generation, die Innovationen und unternehmerische Lösungsansätze vorantreiben. Dafür schaffen wir einen Raum, der bildet, befähigt, motiviert, inspiriert, vernetzt und unternehmerisches Denken und Handeln umsetzt.
Welche Inhalte vermitteln Sie den Jugendlichen in Ihrem Programm?
Das Programm startet mit der Ideenfindungsphase. Oder eigentlich gehen wir noch einen Schritt weiter zurück auf die Suche nach dem zugrunde liegenden Problem. Wir versuchen, diese Probleme zu verstehen, bilden interdisziplinäre Teams, bauen Prototypen, testen mithilfe von Interviews, Landingpages und schalten erste Ads, um die Nachfrage zu testen. Das Ziel ist, dass jedes Team nach acht Monaten einen validierten Prototyp seines Produkts oder seiner Dienstleistung hat und wann immer möglich schon erste Kunden.
Wie ist das Programm organisiert?
Wir treffen uns am Youngpreneurs-Standort in Thun jeweils mittwochabends für drei Stunden. Von Sommer bis Herbstferien vier Wochen hintereinander. Das ist intensiv. Das Ziel ist, dass wir bis zur Herbstpause die Teams um spannende Probleme gebildet haben. Nun gilt es, diese besser zu verstehen und erste Tests zu fahren. Deshalb treffen wir uns dann maximal noch jede zweite Woche zu Workshops zu verschiedenen Themen. Die 16 Module sind so aufgebaut, dass wir von lokalen Experten sowie Unternehmerinnen und Unternehmern anhand von Inputs und Keynotes lernen und diese im Anschluss mithilfe eines Coaches, der die Teams über die gesamte Youngpreneurs-Programmzeit begleitet, vertiefen und das neue Wissen in die Praxis umsetzen.
Wie meistern die Jugendlichen die hohe zeitliche Belastung mit Weiterbildung bei Ihnen am Mittwochabend, Berufsschule und Lehre oder Gymnasium plus den eigenen Projekten?
Das ist tatsächlich eine Herausforderung. Deshalb gilt es auch zu lernen, Prioritäten zu setzen und zu erkennen, was wirklich wichtig und dringend ist. Die Teams müssen Aufgaben sinnvoll verteilen und als Team zusammenarbeiten. Das sind neben dem eigentlichen Aufbau ihres Start-ups superwichtige Skills. Die Lebensphase, in der sich die Teilnehmenden befinden, ist eine der spannendsten, in der die Weichen für die nächsten Jahre gestellt werden. Deshalb sind wir überzeugt, dass die intrinsisch motivierten Lernenden die Möglichkeit bekommen sollen, diese Skills zu erlernen und mit Unternehmertum praktisch in Berührung zu kommen. Am Ende bekommen wir Rückmeldungen wie: «Zu Beginn hätte ich nie gedacht, dass sich ein Schulprojekt so real, intensiv und auch so persönlich anfühlen würde»; «Man darf nie aufhören, zu entdecken»; «Dank Youngpreneurs sind wir bereit für unser eigenes Unternehmen!»
Wo brauchen die Jugendlichen am meisten Unterstützung?
Oft sind dies vermeintlich einfache Dinge. Man will nichts falsch machen. Deshalb warten die Teams oft viel zu lange und entwickeln die Produkte viel zu weit, bis diese den potenziellen Kunden gezeigt werden. Es benötigt Mut, etwas Unfertiges zu zeigen. Es geht aber nicht um Perfektion, sondern darum, möglichst schnell zu lernen. Am Ende geht es nicht um «Richtig oder Falsch», wie dies in ihrer schulischen Laufbahn oft der Fall war. Wir wollen schnell lernen. Deshalb begleiten wir die Teams intensiv.
Was können Sie von den Jugendlichen lernen?
In den letzten zwei Jahren hat sich in der digitalen Produktentwicklung mit den verschiedenen AI-Tools unglaublich viel getan. Wenn wir diese Werkzeuge lernen, ohne Angst einzusetzen, entsteht unglaublich schnell Wertvolles. Ich bin begeistert zu sehen, wie sich gerade durch diese Tools die Qualität und die Geschwindigkeit, die Geschäfts-modelle zu testen, rasant an Tempo gewonnen haben.
Was macht ein erfolgreiches Start-up denn aus?
Ich glaube immer noch, dass das Team, die Adaptionsfähigkeit und gutes Projektmanagement entscheidende Kriterien sind. Wenn ein Team diese Elemente meistert, ist es auf einem sehr guten Weg. Dies ist viel wichtiger als eine geniale Idee.
Wie kann man herausfinden, ob eine Idee eine Chance hat oder nicht?
Wenn das so einfach wäre … Es ist ein Prozess. Am Ende sind es aber immer Probleme realer Menschen, die wir lösen. Je grösser diese Probleme sind und je besser das Geschäftsmodell auf das Problem passt und dies löst, desto grös-ser die Chance. Nicht, dass dies einfach wäre.
Was muss man berücksichtigen, wenn man ein Unternehmen gründen will?
Machen, nicht wollen. Natürlich gibt es Ideen, bei denen Regeln, beispielsweise im Medizinalbereich, eingehalten werden müssen. Auch Buchhaltung und die Geschäftsgründung sind wichtig. Doch oft lassen wir uns von der Angst, etwas falsch zu machen, abhalten, überhaupt zu starten oder mit jemandem darüber zu sprechen.
Welche Erfolge konnten Sie bisher verzeichnen?
Das Youngpreneurs-Programm stösst auf grosses Interesse. Wir wachsen diesen Sommer von drei auf sechs Standorte. Aber das ist nicht das Wichtigste. Wenn wir in Gesprächen mit den Teilnehmenden merken, dass sie erkannt haben, dass sie selbst anpacken und etwas bewirken können, und dabei ihre Ängste überwinden und die Komfortzone verlassen, ist dies begeisternd. Unternehmertum ist kein einmaliger Erfolg. Es benötigt oft sehr viel Zeit, um einen «Durchbruch über Nacht» zu erreichen. Man lernt jedes Mal, wenn man durch negative Erlebnisse hinfällt, wieder aufzustehen und es noch einmal zu versuchen.
Welches Mindset muss ich als Firmengründer haben?
Gross denken. Neue Wege gehen. Die Komfortzone verlassen. Den Mut haben, einfach mal zu machen … Den Drang, alles perfekt und richtig zu machen, einfach mal loslassen. Am Anfang benötigt dies viel zu viel Zeit.
Welchen Werdegang haben Sie selbst?
Ich machte eine Berufslehre als Zahntechniker und hatte da schon sehr tiefe Einblicke in die Geschäftsführung. Danach hatte ich die Gelegenheit, meinen Kindheitstraum zu verfolgen und für mehrere Jahre mit dem Snowboard für verschiedene Brands um die Welt zu reisen. Dabei lernte ich, die Komfort-zone zu verlassen, mutig neue Wege zu gehen und dass Fragen nichts kostet. Ich wollte neue Lösungen angehen und nicht nur darüber philosophieren. So habe ich neben dem anschliessenden Betriebswirtschaftsstudium angefangen, verschiedenste Ideen in Unternehmen aufzubauen. Das macht mir auch heute noch richtig Spass.
Welches ist Ihre Motivation, für das Youngpreneurs-Programm zu arbeiten?
Am Anfang wusste ich selbst nicht, was eine gute Idee ist und was nicht. Deshalb habe ich lange nicht angefangen. Ich lernte iteratives Arbeiten kennen und merkte, dass man einfach mal anfangen muss, denn für neue Ideen gibt es halt nun mal keine Schritt-für-Schritt-Anleitungen.




