«Ein alternatives Wirtschaftssystem»
Verd • Die Universität St. Gallen attestiert «Verd» das Potenzial, nachhaltig die Welt zu verändern, indem es ein neues Wirtschaftssystem vorschlägt. Dieses soll den Leuten auf demokratischer Basis ein Instrument für mehr Selbstbestimmung geben.
Die Universität St. Gallen hat sich mit «Verd» beschäftigt. Können Sie mir erzählen, wie genau?
Die Universität St. Gallen hat eine Partnerschaft mit «The Global Society for Good Leadership», mit der die Universität innovative Geschäfts- und Führungsmodelle untersucht. Weltweit wurden 150 Firmen ausgewählt, um deren Geschäftsmodelle hinsichtlich Innovationskraft, Potenzial und möglicher Auswirkungen auf die Gesellschaft zu analysieren. Wir wurden angefragt, ob wir Teil dieses Forschungsprojektes sein wollen. In der Schweiz wurden lediglich zwei oder drei Unternehmen miteinbezogen und wir haben natürlich gerne mitgemacht. Wir mussten viele Unterlagen einschicken, die alle durchleuchtet wurden. Am Schluss fand zusätzlich eine Befragung statt, um einzelne Punkte zu verifizieren und zu klären. Die 150 Unternehmen wurden auf diese Weise ausgewertet und das Fazit war, dass «Verd» das einzige unter den 150 Geschäftsmodellen ist, welches das Potenzial hat, nachhaltig die Welt zu verändern. Die Begründung war sehr einfach und einleuchtend. Man war der Ansicht, dass alle anderen 149 Geschäftsmodelle auf dem bestehenden System basieren und dabei durchaus wertvolle Weiterentwicklungen oder Verbesserungen vorschlagen. Doch «Verd» ist gemäss dieser Analyse das einzige Projekt, das ein alternatives Wirtschaftssystem vorschlägt. Das Geniale wurde darin geortet, dass «Verd» an sich politisch neutral ist und nicht selbst eine Richtung vorgibt, sondern Rahmenbedingungen für einen gesellschaftlichen und demokratischen Handlungsspielraum schafft.
«Die Welt verändern» ist eine grosse Ansage. Dazu müsste «Verd» international flächendeckende Präsenz erreichen.
Ich korrigiere solche Aussagen immer. Denn das Ziel von «Verd» ist nicht, selbst die Welt zu verändern, sondern das Ziel ist es, den Leuten ein Hilfsmittel in die Hände zu geben, um die Welt verändern zu können, wenn sie es denn wollen.
Sie wollen ein Instrument zu Verfügung stellen.
Genau. Um wirklich die Welt zu verändern, bräuchte es quasi einen Flächenbrand und «Verd» müsste breit in die Welt hinaus. Interessant ist, dass wir in letzter Zeit tatsächlich Anfragen von Holland, Deutschland, Österreich und Polen erhalten haben, ob man «Verd» in den jeweiligen Ländern einführen könne.
Welche Stellen aus diesen Ländern haben bei Ihnen angefragt?
Das waren eine städtische Regierungsstelle, eine Universität, eine Bank und Privatpersonen aus dem wissenschaftlichen Umfeld. Gerade im wissenschaftlichen Umfeld wurde «Verd» verschiedentlich diskutiert. Es gab auch eine Forschungsarbeit zur Frage, ob es weltweit ein ähnliches Modell wie «Verd» bereits gibt. Doch man hat keines gefunden, das mit «Verd» absolut deckungsgleich ist. Modelle mit ähnlichen Ansätzen hat man jedoch in Neuseeland und Holland entdeckt. Was «Verd» jedoch ausmacht, ist der Ansatz, dass jede Person die Möglichkeit erhält, Geld zu lenken. Jede Person kann für ihre Gemeinde selbst Geld erwirtschaften und kann selbst entscheiden, was mit diesem Geld gemacht werden soll.
Wie sind Sie auf die Idee von «Verd» gekommen?
Ich habe irgendwann einmal festgestellt, dass in der Schweiz genug Geld vorhanden wäre, damit niemand durch die Maschen des sozialstaatlichen Netzes fällt. Und trotzdem kommt es immer wieder vor. Deshalb fand ich, dass man etwas dagegen tun muss. Die Frage war allerdings wie. Leuten Geld wegzunehmen, kommt nie gut, denn jene, die es haben, geben es nicht her. Spenden sammeln war mir zu kurzfristig und einmalig. Plötzlich wurde mir bewusst, wie viel Geld durch Finanztransaktionen wegfliesst. So kam ich auf die Idee, dieses Geld einfach umzulenken. Das war der Anfang und es gab viele Leute, die danach mitgeholfen haben: Hochschulen, Firmen und Personen aus der Politik von links bis rechts. Als Prämisse habe ich von vornherein festgelegt, dass alles umgelenkte Geld der Schweizer Bevölkerung gehören soll und sich niemand ein grösseres Stück von diesem Kuchen abschneiden kann. «Verd» ist eine Genossenschaft, die Mitarbeitenden haben eine Lohndeckelung und keine Boni. So soll möglichst viel Geld in die Gemeinden zurückfliessen.
Hinzu kommt, dass das Gewerbe tiefere Gebühren bei «Verd» hat als bei anderen Anbietern für Geldtransfers. Das heisst, die herkömmlichen Anbieter verdienen sich eine goldene Nase damit.
Das kann man durchaus so sagen.
Warum braucht es «Verd» überhaupt? Ist unser Sozialsystem zu löchrig?
Der Ursprung war nicht der Gedanke an das soziale System, sondern an die Menschenrechte. Eins der Menschenrechte, zu denen sich auch die Schweiz bekennt, wäre, dass jede Person im Rahmen ihrer Ressourcen ihr Leben selbstbestimmt gestalten kann. Selbstbestimmung ist also ein Menschenrecht. Auch wenn wir das Gefühl haben, dass es uns gut geht und wir unsere Meinung sagen können, ist die Selbstbestimmung in der Schweiz nicht überall gegeben. Der Grad der Selbstbestimmung korreliert stark mit der finanziellen Potenz. Wie selbstbestimmt ich leben kann, hängt davon ab, wie arm oder reich ich bin. Das entspricht nicht einem Menschenrecht und ist der Schweiz unwürdig.
Was ändert «Verd» in Bezug auf die Selbstbestimmung?
Wir geben den Leuten die Möglichkeit, das Geld dorthin zu lenken, wo Selbstbestimmung noch möglich ist und gelebt wird. Das sind kleine Gemeinschaften wie Vereine oder Dörfer, die durch «Verd» gestärkt werden. Wir haben grundsätzlich ein gutes Sozialsystem und wir wollen dies auch nicht kippen. Wir wollen aber jenen Leuten eine Handlungsmöglichkeit geben, die der Ansicht sind, dass nicht alles in Ordnung ist.




