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Der Regenmacher

Klima • Mit einer mobilen Sprühanlage soll trockene Luft befeuchtet und die Entstehung von Niederschlag begünstigt werden. Die Idee entstand bereits vor einigen Jahren, der Unternehmer Jonathan Hertig aus Gerzensee hat sie wieder aufgegriffen.

| Adrian Hauser | Gesellschaft
Das Patent für die Anlage wurde 1992 erteilt, konnte sich bisher jedoch nicht durchsetzen. (Bild: zvg)

«Aufgrund des Klimawandels bekommen wir zunehmend auch in Zentraleuropa und der Schweiz ein südländisches Klima», sagt der Unternehmer Jonathan Hertig aus Gerzensee, der in der Entwicklung alternativer Stromerzeugung tätig ist. «Während sich in den südländischen Ländern zunehmend ein Wüstenklima einstellt – nicht von heute auf morgen, aber stetig.» Aus Sorge um das Klima erinnerte er sich an eine Sendung, die er vor einigen Jahren im Fernsehen gesehen hatte. In dieser Sendung wurde ein Forscherteam gezeigt, das in einer Wüstenregion mehrere etwa sechs bis neun Meter hohe Metallrohre aufgestellt hatte. Am oberen Ende dieser Rohre befanden sich sehr feine Sprühdüsen. Wasser wurde durch die Rohre nach oben gepumpt und dort fein zerstäubt. Ein grosser Teil des Wassers verdunstete dabei bereits in der Luft. Nachdem dieses Verfahren über eine gewisse Zeit eingesetzt worden war, konnte man sehen, dass in der betreffenden Region Regen einsetzte. Er begann, im Internet nach vergleichbaren Verfahren zu suchen und stiess dabei auf den Schweizer Tüftler Hans Hangartner.

Science-Fiction?

Dessen Geschichte tönt zunächst wie eine Mischung aus Erfindergeist und Science-Fiction mit einem fast unglaublichen Versprechen: Mit Wasser, Pumpen und feinen Sprühdüsen wollte der Schweizer Regen auslösen. Hans Hangartner wurde 1921 geboren und arbeitete in der Maschinenbaubranche. Er war ein autodidaktischer Tüftler mit grossem Interesse für Naturphänomene. Am 1. Juni 1989 meldete er beim Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum ein Patent mit dem Titel «Verfahren und Vorrichtung zum Bewirken von Regen» an. Das Patent wurde am 31. Januar 1992 erteilt. Es beschreibt sowohl das Verfahren, nämlich das Verdunsten von in warme, trockene Luft versprühtem Meerwasser zur Anregung von Niederschlag, wie auch eine dazugehörige, leicht transportierbare Vorrichtung. 

Die Idee ist also nicht neu. Heute gewinnt sie gemäss Jonathan Hertig angesichts zunehmender Trocken- und Hitzeperioden jedoch eine neue Aktualität. In seiner Dokumentation «Der Regen-Macher» trägt er die Geschichte des Verfahrens, historische Berichte, Niederschlagsdaten und technische Überlegungen zusammen. Seine Hoffnung: Statt die Idee von vornherein als unmöglich abzutun, sollte sie unter kontrollierten Bedingungen wissenschaftlich getestet werden. Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verbände sollen ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt ermöglichen.

Regen in Indien

Die Grundidee von Hangartner war relativ einfach: Wasser sollte in warmer, trockener Luft fein zerstäubt werden. Durch die grosse Oberfläche der winzigen Tröpfchen kann Wasser rasch verdunsten. Dabei wird die Umgebungsluft mit Feuchtigkeit angereichert und gleichzeitig abgekühlt. Nach Hangartners Vorstellung können dadurch Luftbewegungen entstehen, die den Austausch zwischen feuchter Luft über einer Wasserfläche und trockener, warmer Luft über dem Land verstärken. 

Hans Hangartner beliess es jedoch nicht bei solch theoretischen Überlegungen. Er reiste unter anderem nach Marokko, Mauretanien, Israel, Tunesien, Togo, Namibia, in die Sahelzone und nach Indien. Immer wieder berichtete er von Regen nach seinen Einsätzen. Doch genau hier liegt das wissenschaftliche Problem: Dass es nach einem Versuch regnete, lässt sich beobachten. Dass aber der Regen aufgrund des Versuchs verursacht wurde, lässt sich damit noch nicht beweisen.

Besonders spektakulär war gemäss der Dokumentation von Jonathan Hertig ein Einsatz im indischen Bundesstaat Gujarat im Jahr 1988. Die Region Saurashtra litt damals unter einer mehrjährigen Dürre. Hans Hangartner wurde von einem Unternehmen nach Jamnagar eingeladen. Er arbeitete mit einer mobilen Anlage, die rund 150 bis 180 Kilogramm wog. Sie bestand unter anderem aus Kompressor, Hochdruckrohren und Schläuchen. Damit sollte über mehrere Tage eine grossräumige atmosphärische Wirkung angestos-sen werden. Rund zwei Wochen nach Hans Hangartners Ankunft setzte dann tatsächlich Regen ein. Es war der erste richtige Regen seit vier Jahren. Und: Die Niederschläge hielten an. Für den Betrieb der Anlage wurden während 14 Tagen lediglich rund 42 Kubikmeter Wasser eingesetzt, es fielen im Gebiet Saurashtra und Kutch im zweiten Halbjahr 1988 insgesamt jedoch 773,2 Millimeter Niederschlag. Zieht man davon den durchschnittlichen Jahresniederschlag der vorangegangenen 3,5 Jahre von 202,5 Millimetern ab, verbleiben 570,7 Millimeter zusätzlicher Niederschlag. Auf einer Fläche von rund 109 000 Quadratkilometern entspricht dies einer Wassermenge von rund 62,2 Milliarden Kubikmetern.

Physikalische Erklärung

Doch wie funktioniert Hans Hangartners Theorie? Diese setzt bei der Verdunstung an. Wasser wird möglichst fein zerstäubt und in eine Höhe von etwa fünf bis neun Metern gebracht. Durch die vielen kleinen Tröpfchen vergrössert sich die Wasseroberfläche. Ein Teil des Wassers verdunstet, nimmt dabei Wärme auf und erhöht die Feuchtigkeit der bodennahen Luft. Die feuchtere und abgekühlte Luft soll gemeinsam mit der weiterhin starken Erwärmung des Bodens Aufwinde und eine lokale Zirkulation fördern. Feuchte Luft steigt auf, gelangt in kühlere Schichten und kann dort kondensieren. So können Wolken entstehen und unter günstigen Bedingungen Niederschlag. Eine zusätzliche Rolle könnten bei der Verwendung von Meer- oder Salzwasser winzige Salzpartikel spielen. Nach dem Verdunsten können mineralische Bestandteile zurückbleiben. Solche hygroskopischen Partikel können als Kondensationskeime für Wolkentröpfchen dienen. Die Dokumentation verweist in diesem Zusammenhang auf die physikalischen Grundlagen des Raoultschen Gesetzes und die Köhler-Theorie.

Diese physikalischen Vorgänge führen jedoch nicht zwingend dazu, dass eine solche Anlage tatsächlich Regen erzeugen kann. Dafür sind auch meteo-rologische Bedingungen ausschlaggebend wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sonneneinstrahlung, Wind, die Beschaffenheit der Atmosphäre, Geländeform und die Grösse einer angrenzenden Wasserfläche.

Kleine Ausgabe

Gemäss Jonathan Hertig hat sich das Verfahren bewährt. «Eine solche Anlage würde circa 180 000 bis 250 000 Franken kosten, und im Endausbau könnten allenfalls zwei bis drei Anlagen reichen, um in der Schweiz gezielt Regen auszulösen.» Mit diesem Verfahren könnte nicht nur die Regenarmut bekämpft, sondern auch die stetig steigenden lokalen Temperaturen gesenkt werden. «Wenn man bedenkt, dass die Schweiz pro Jahr drei Milliarden für Klimaschutz ausgibt, wäre eine solche Versuchsanlage eine geradezu verschwindend kleine Ausgabe.


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