Vor vier Jahren überfiel uns Corona
Vor vier Jahren überfiel uns Corona: Ich erinnere mich an ein Essen in einem Schloss, in dem niemand war, ausser unserer Gruppe, politisch galt die besondere Lage. Während des Essens am Tisch bestand keine Maskenpflicht (wohlverstanden war man sich nirgends sonst so nah), wollte jemand auf die Toilette, aber schon. So zogen die Bekannten, sobald sie aufstanden, die Maske an, durchquerten den menschleeren Saal, um sich nach dem Besuch des Klos am schmalen Tisch weiter gegenseitig anzuhauchen. Dieser Akt war dermassen absurd, dass ich mich wunderte, warum ihn niemand hinterfragte. «Es gibt kein Recht auf Gehorsam», sagte die Publizistin Hannah Arendt. Fragen Sie sich nicht auch, wie es möglich ist, dass Menschen selbst dann gehorchen, wenn dies offensichtlich keinen Sinn ergibt? Dies nicht erst seit Kurzem, sondern durch die gesamte Weltgeschichte hindurch. In den Geschichtsbüchern steht dann nicht, wie es wirklich war, sondern, wie die Dinge von jenen, welche die Deutungshoheit hatten, dargestellt wurden. Bis heute wurde die Coronazeit nicht aufgearbeitet. Weder politisch noch medial. Das «Framing» geht weiter. Differenzierte Meinungen – sich sowohl die eine als auch die andere Seite anzuhören und darüber nachzudenken; sich in andere Denkweisen hineinzuversetzen – gibt es kaum noch. Manche Journalisten und Politikerinnen polemisieren weiter. Obwohl die Welt zu kompliziert ist, als dass es für schwierige Probleme stets einfache Lösungen gäbe. So wird die Gesellschaft gespalten. Ein Diskursabbruch führt zu unbefriedigenden politischen Entscheidungen, weil im Vorfeld das Feuer der Kritik gemieden und die Gelegenheit der Reifung verpasst wurde. Deshalb plädiere ich für Aufarbeitung, das Zugeben von Fehlern; für mehr Bewusstsein und weniger Polarisierung. Auf beiden Seiten. Verbindend, nicht trennend. Am Rückgrat eines Landes klettern die zarten Pflanzen der Vernunft.
Waschen wir weiterhin unsere Hände. Wenn auch nicht in Unschuld, so doch mit Wasser und Seife.