Der wahre Horror
Horror boomt! Ein Blick in die aktuellen Kinocharts enthüllt gleich zwei phänomenale Er-folge dieses von vielen immer noch kritisch beäugten Genres: «Obsession» und «Backrooms». Beide Filme kommentieren gesellschaftliche Entwicklungen und Ängste. In «Obsession» ist es die frauenverachtende Manosphere; «Backrooms» erforscht eine aus endlosen gelb-beigen Gängen bestehende Parallelwelt, ein bizarres Zerrbild unserer Realität, ähnlich dem online zu findenden Labyrinth aus Verschwörungstheorien und alternativen Realitäten.
Der immense Erfolg dieser Filme an den internationalen Kinokassen stellt das Hollywood-Credo des «more is more» massiv infrage: Mit vergleichs-weise minimalen Budgets – einmal 10 Millionen, einmal gar nur 750 000 US-Dollar – spielten die Filme Stand Anfang Juli jeweils weit über 300 Millionen Dollar ein; das ist mehr als der letzte Ableger von «Star Wars». Dazu kommt, dass keine erfahrenen Regisseure für den Erfolg verantwortlich sind, sondern mit Curry Barker und Kane Parsons zwei Youtuber in ihren Zwanzigern. Kein Wunder also, dass von einem Erdbeben für die amerikanische Filmlandschaft der Zukunft gesprochen wird. «Obsession» und «Backrooms» sind jedoch lediglich die jüngsten Beispiele für eine seit einigen Jahren anhaltende Erfolgswelle des Horrorkinos, dem nebst einem immer ausgeprägteren kommerziellen Erfolg auch vermehrt Anerkennung von Seiten der Filmkritik zuteilwird. Bereits der 2017 erschienene «Get Out» erhielt mehrere Oscarnominierungen sowie die Trophäe für das beste Originaldrehbuch. Überboten wurde dieser Erfolg 2026 durch das Vampirepos «Sinners», das mit insgesamt 16 Nominierungen gar einen neuen Rekord aufgestellt hat.
Doch weshalb ist Horror momentan derart gefragt? Ein Blick in die Filmgeschichte zeigt, dass das Genre immer in Zeiten, die von grösseren gesellschaftlichen Umbrüchen oder Krisen geprägt waren, aufblühte. Beispiele hierfür sind die durch radioaktive Strahlung ent-standenen Monster à la «Tarantula» und «Godzilla» in den Fünfzigern oder die Abgesänge auf den American Way of Life wie «Night of the Living Dead» oder «The Texas Chain Saw Massacre» in der Zeit der Bürgerrechtsbewegung respektive des Vietnamkriegs. Seit einigen Jahren leben wir wiederum in einer krisenbehafteten Zeit: Frieden ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. Hitzewellen und Unwetter in ungekanntem Ausmass und Häufigkeit zeigen, dass die Klimakrise nicht durch Ignorieren und politischen Opportunismus verschwindet. Pandemien entstehen. Und weltweit greifen rechtsextreme politische Kräfte nach der Macht, die sich, legitimiert durch einen vermeintlichen Volkswillen, daran machen, den liberalen Rechtsstaat sowie mühsam erkämpfte Individualrechte abzutragen. Das Horrorkino greift die hieraus entstehende Verunsicherung innerhalb der Gesellschaft auf und hält ihr den Spiegel vor. Angesichts der bedrückenden Weltlage ist von einem Abebben der Horrorwelle so bald nicht auszugehen. Gute Nachrichten für die Filmschaffenden, weniger gute für den Zustand der Welt.
Peter Batzig ist studierter Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte.