Die Epigenetik ist der Dirigent
Christian Morgenstern sagte: «Hundert Mal sah ich eine Wiese und plötzlich sah ich sie.» Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Sie etwas geistesabwesend betrachten und es plötzlich bewusst wahrnehmen? Dass da eine Ebene in
Ihnen ist, die «mitläuft», wie der Hund an der Leine neben dem Menschen, der ihn führt. Beide nehmen wahr. Doch der Hund (das Unterbewusstsein) viel instinktiver und schneller als Sie.
Haben Sie sich auch schon ertappt, wie Sie abends müde ins Auto steigen und irgendwann bemerken, dass Sie zu-hause sind, ohne genau zu wissen, «wer» da eigentlich gefahren ist?
Das Unterbewusstsein speichert alle Lebenserfahrungen, Emotionen, Glaubenssätze. Es steuert 95 Prozent der täglichen Handlungen sowie unzählige Körperfunktionen und verarbeitet Millionen Sinneseindrücke pro Sekunde im Hintergrund, ohne dass wir es aktiv merken. Wir automatisieren es durch das Erlernen komplexer Abläufe wie Schreiben oder Autofahren. Es speichert diese als Routinen ab, damit unser Bewusstsein entlastet wird. Die Hirn-forschung zeigt, dass das Unterbewusstsein Entscheidungen oft schon Sekunden vor unserer bewussten Wahrnehmung vorbereitet. Der Verstand rationalisiert diese Entscheidungen im Nachhinein. Wenn wir also auf unsere Intuition hören, ist es die Stimme der gespeicherten Erfahrung. Und: Es verknüpft aktuelle Situationen mit ver-gangenen Erfahrungen. Löst also ein Erlebnis (Gefahr) starke Emotionen aus, speichert das Unterbewusstsein dies ab, um uns in Zukunft automatisch zu warnen (Flucht-/Kampfreaktionen). Das halten wir für «Instinkt». Diese Automatismen funktionieren schon bei kleinen Kindern.
So lässt sich nicht nur Freude, sondern auch Schmerz konditionieren. Das Unterbewusstsein zu dekonditionieren, ist weit schwieriger. Die gute Nachricht: Im Gegensatz zu unserer unveränderlichen DNA-Sequenz ist das Epigenom durch äussere Einflüsse veränderbar. Vereinfacht: Die DNA ist das Notenblatt eines Musikstücks. Dieses (die Genetik) ist bei jedem Menschen fast identisch. Die Epigenetik ist der Dirigent, der bestimmt, welche Instrumente wann und wie laut spielen. Die Epigenetik erklärt, warum sich eineiige Zwillinge, die exakt dieselbe DNA haben, im Laufe des Lebens in Charakter, Gesundheit, körperlichen Merkmalen unterscheiden können. Epigenetische Markierungen, die durch tiefgreifende Erfahrungen oder Lebensweisen geprägt wurden, können unter bestimmten Umständen sogar an nachfolgende Generationen weitergegeben werden, was erklären könnte, weshalb wir (unterbewusst) an Dingen leiden, die uns niemals selbst widerfuhren… Vielleicht wird gar der Charakter im Laufe der Jahrtausende so geprägt?
Kürzlich schaute ich jemandem geistesabwesend zu. Sah, wie er auf der anderen Strassenseite in die Unterführung hineinging – und vergass ihn. Viel später fiel er mir wieder ein. Ich frage mich noch heute, ob er überhaupt jemals
herausgekommen ist.