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Nachruf

Ein Experiment und das Ende einer Kulturdisziplin: Folgenden Spass habe ich mir erlaubt. Ich gab bei zwei KI-Maschinen den Auftrag, über mich einen kritischen Nachruf zu erstellen. Der eine fiel etwas langweilig aus, der andere war so beeindruckend, dass ich diesen speicherte; man weiss ja nie. Diese Übung mit KI und die laufende Diskussion über KI-geschriebene Bücher erfordert einen neuen Nachruf, den für die Literatur.

Sach- und Fachbücher werden gelesen und geschrieben für Bildung und Wissensgewinn. Der Inhalt, die Recherchen, Thesen und Lehrstoff bekommen mehr Gewicht als die Stilistik. Literatur, also Belletristik, die Poesie, die Lyrik sind Texte, die als «Kunst am Text» bezeichnet werden können. Immer mehr Autorinnen und Autoren geben zu, ihre Romane mit Hilfe von KI zu schreiben. Damit ist sicher nicht nur die Recherche gemeint, sondern auch die Unterstützung für den Plot und die Formulierung. Für Menschen, die mit Literatur arbeiten, ob in der Vermittlung, im Verkauf oder in der Kritik, könnte dies einen so massiven Einschnitt in ihre Arbeit bedeuten, der vielen nicht bewusst ist. 

Erste Radiosender spielen inzwischen mehr KI-generierte Musik als von Menschen gemachte, was günstiger ist. Ein Freund, Musiker und Komponist, schickt regelmässig von KI gemachte Musik-stücke, die auf seinen Noten basieren, von Flamenco bis zu grossen Orchestern – und fast nicht mehr von echten Musizierenden zu unterscheiden sind. Kurz, menschgemachte Musik kann nur noch bei Live-Konzerten genossen werden. Ein Fussballer, eine Akrobatin, ein Eiskunstläufer faszinieren das Publikum; alles echt Mensch mit Hingabe, Leidenschaft und Können.

Doch Literatur? Sie wird im Stillen geschaffen, dann wird sie an Festivals und auf Bühnen vorgelesen und in Literatursendungen und Lesekreisen besprochen, gelobt und kritisiert. Entstanden ist die Literatur bis vor wenigen Jahren in Kopf und Herzen am Blatt oder an der Tastatur.

Die Wirkungskraft der künstlichen Intelligenz läutet eine neue Literaturepoche ein. «Sturm und Drang», «Romantik», «Biedermeier» und «Realismus» sind nur einige der Epochenbezeichnungen in der Geschichte des schönen und guten Erzählens. Jetzt sind wir im Zeitalter der KI-Literatur angekommen mit Büchern diffuser Machart. Wir haben es jetzt mit einer Kunstdisziplin zu tun, die nicht mehr bewertbar ist.

Wie weiter? Nur noch Musil, Bachmann und Goethe zu Gemüte führen? Was tun Sie? Ich freue mich auf das nächste Konzert der Kammerphilharmonie … live.

Zwei Bücher, die dabei helfen, die Literaturkritik brotlos zu machen: «Die träumende KI – Kreativer schreiben mit ChatGPT» von Lukas Fassnacht.

«Roman schreiben mit KI – Kreative Unterstützung und Strategien mit -ChatGPT» von Martin Nyenstad.

Urs Heinz Aerni lebt und arbeitet als Journalist, Literaturagent und Literaturvermittler in Zürich, wobei die beiden zuletzt genannten Tätigkeiten demnächst der Vergangenheit angehören werden.