Gedankenspiel
Machen wir ein kleines Gedankenspiel. Stellen Sie sich vor, Sie machen Rast bei einer Wanderung, Aussicht und Wetter sind erstklassig. Sie nehmen Ihr Handy heraus, doch stellen fest, die Speicherkarte ist voll, mehr als zwei oder drei Fotos werden nicht möglich sein, ohne sich die Mühe zu machen, andere zu löschen. Andere Szene: Vom Fenster aus sehen Sie einen Sonnenuntergang, einmalig schön. Sie greifen zum Handy, doch es «spinnt», hängt sich auf, sobald Sie die Kamera aufrufen wollen. Was empfinden Sie? Verärgerung? Enttäuschung? Ein wenig Wut auf die Technik, die im unwillkommenen Moment versagt?
Beim Aufräumen fielen mir kürzlich die früher so vertrauten Umschläge in die Hände, in denen man entwickelte Fotos entgegennahm, deren Filmrolle man viele Tage zuvor abgegeben hatte. Enthalten im entsprechenden Kuvert nicht nur die Abzüge, sondern auch ein ganzer Stapel Negative, mit denen man zumeist gar nichts anzufangen wusste, aus-ser als Kinder über die Verzerrung der Farben darin zu staunen. Das Empfangen dieser festgehaltenen Erinnerungen war stets ein besonderer Moment, das Öffnen eine Wundertüte. Vielleicht hatte man zu Beginn der Ferien schon geahnt,
diese würden aussergewöhnlich, und sich daher den 36er-Film gegönnt. Ich schaue mein Fundstück durch und muss schmunzeln. Die beiden obligaten Fotos mit dem Daumen in der Ecke sind dabei. Natürlich ein weiteres im Gegenlicht, nicht zu gebrauchen. Eines verwackelt und noch ein undefinierbares, vielleicht versehentlich abgedrückt. Nach dem Urlaub kommen noch ein paar Exemplare, die eine Geburtstagsfeier zeigen. Das war’s. Vielleicht gab es aus demselben Jahr noch einen Film, der mit weiteren Geburtstagsfeiern und ziemlich sicher Weihnachten gefüllt war.
Ich schaue auf mein Handy. Hunderte Bilder aus den vergangenen Monaten. Klar, ich arbeite damit, vieles davon ist beruflich bedingt, doch dazwischen,
nun ja. Oftmals mehrere Aufnahmen derselben Banalität, es kostet ja nichts. Wie oft werde ich mir diese leicht verschwommene Schwanenfamilie in fünffacher Ausführung noch anschauen? Vom letzten Jahr habe ich ziemlich sicher ähnliche Aufnahmen, die ich seither eher nicht mehr angesehen habe. Rund fünf Milliarden Fotos werden weltweit schätzungsweise aufgenommen, fast 95 Prozent davon mit dem Smartphone – pro Tag. Um 1990 herum waren es 57 Milliarden Fotos – pro Jahr. Natürlich war es traurig, wenn das Abbild eines wichtigen Moments nicht geglückt ist. Oder unpraktisch, wenn die Kamera zu Hause vergessen wurde. Vielleicht sind auch Abzüge verloren gegangen, die nicht mehr zu beschaffen sind. Ob man dadurch tatsächlich weniger «festgehalten» hat, ist fraglich; die Einschätzung des einzelnen Moments war womöglich eine andere ohne den Impuls, direkt den Auslöser zu betätigen. Oft war es sicher schön, einfach nur da zu sein, sich umzuschauen, zu beobachten, ohne direkt eine Art Beweis der Situation zu sichern. Ich glaube, die nächsten Spaziergänge mache ich einmal wieder ohne Handy und nehme nur meine Gedanken mit nach Hause. Und vielleicht eine Kastanie.