Was kann diese Welt heilen?
Ich mache mir oft Gedanken darüber, was diese Welt heilen könnte. Ich dachte dabei erst im grossen und unrealistischen Rahmen. Aber mittlerweile glaube ich, dass es gerade die kleinen Dinge sind, die Grosses bewirken. Deshalb habe ich aufgehört, mir Frieden für diese Welt zu wünschen, denn dieser wäre bloss temporär. Irgendwann will wieder jemand mehr Macht, gönnt jemandem etwas nicht – und alles beginnt von vorne. Ein ewiger Kreislauf. Nein, ich wünsche mir keinen Frieden mehr für diese Welt. Ich wünsche mir vor allem mehr Empathie für jeden einzelnen Menschen.
Denn hier liegt meiner Meinung nach eine der grössten Baustellen: Uns fehlt oft das Verständnis füreinander. Wir sehen nur unsere Probleme und Bedürfnisse. Beispielsweise sind wir zu spät dran und gestresst. Ausgerechnet jetzt fährt vor uns ein Auto zu langsam. Natürlich nervt uns das. Aber was, wenn der Fahrer gerade erst die Autoprüfung bestanden hat und deswegen noch unsicher fährt? So weit denken wir meist gar nicht. Denn wir sind zu spät – und das ist in diesem Moment unser Fokus.
Wir sehen die Welt zu oft nur aus unserer eigenen Perspektive. Konflikte entstehen selten allein wegen einer Meinungsverschiedenheit. Sie entstehen, weil wir die Sichtweise des anderen nicht berücksichtigen, weil sie sich unserer Wahrnehmung entzieht. Dabei erlebt jeder Mensch dieselbe Situation anders. Wir alle haben unterschiedliche Filter durch Erfahrungen, Überzeugungen und Emotionen. Und wir verteidigen lieber unsere eigene Position, als die des anderen ebenfalls zu beachten, obwohl beide Ansichten meist ein Stück weit richtig sind. Wir wollen recht haben, statt gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, als wäre es ein Wettbewerb. Und dies scheint mir eines der grössten Probleme dieser Welt zu sein – im Kleinen wie im Grossen.
Wenn wir innehalten und versuchen zu verstehen, wie die andere Person eine Situation wahrgenommen hat, geschieht etwas Wichtiges: Empathie wächst, und die Abwehrhaltung nimmt ab. Es geht nicht darum zu gewinnen. Es geht darum, einander zu verstehen. Das gilt für Nachbarn, Freunde, Familien – und vielleicht ganz besonders für die Menschen, die uns am nächsten stehen. Denn auch der Mensch, den wir lieben, erlebt die Welt nicht so wie wir. Wir können uns missverstehen, obwohl wir einander sehr nahe sind. Vielleicht ist Liebe deshalb mehr als ein schönes Gefühl. Vielleicht ist sie auch die tägliche Entscheidung, die Perspektive eines anderen Menschen ernst zu nehmen. Zuhören, auch wenn man anderer Meinung ist. Verzeihen. Bleiben. Es noch einmal versuchen.
In einer Welt, in der so vieles auseinanderbricht, finde ich den Gedanken schön, dass zwei Menschen sich immer wieder füreinander entscheiden. Etwas vom Schönsten ist es, jemanden zu haben, zu dem man sagen kann: «Ich weiss nicht, was kommt. Aber ich möchte, dass du dabei bist.» Vielleicht beginnt genau dort die Veränderung, die ich mir für diese Welt wünsche.