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Die Allgemeinbildung scheint zu erodieren

Neulich in Kufstein, Tirol. An einem Kulturfestival unterhalte ich mich mit zwei jungen Menschen, so Mitte der 20er und beide im Bildungs- und Erwerbsleben. Dann kommen wir auf den Jäger, der in Graubünden aus Versehen ein Pferd erschoss. Die beiden schauten mich an: «Graubünden?»

Ich: «Ja, der flächenmässig grösste Kanton der Schweiz, der ja auch an Tirol und Südtirol grenzt.» Die beiden kennen den Namen Graubünden nicht. Ich erwähne St. Moritz und Davos. Jetzt nicken die beiden.

Wie kommt es, dass die beiden sehr sympathischen, aktiven und fröhlichen Menschen in Tirol den Nachbarkanton nicht kannten?

Laut dem «Brockhaus» ist «Allgemeinbildung derjenige Teil der Bildung, der allen Menschen zukommt oder zukommen sollte.» Oder laut «Wikipedia» ist es ein Begriff, «mit dem die entscheidenden Kenntnisse und Befähigungen bezeichnet werden, die notwendig sind, um aktiv und kritisch an der Gestaltung möglichst aller Bereiche der modernen Gesellschaft teilnehmen zu können.» Schön gesagt. 

Es scheint, dass die Allgemeinbildung aus unterschiedlichen Gründen erodiert und schrumpft. Einer davon sei, laut einer Expertin gegenüber Radio SRF nach der schlecht ausgefallenen PISA-Studie über schulische Leistungen, dass der immer grösser werdende Aufwand für die Sensibilisierung für Umgangsformen, Rücksichtnahme auf Schwächere und Mobbing-Prävention die für andere Fächer reservierte Zeit frisst. So schwindet die Schulzeit für Geschichte, Deutsch, Rechnen etc.

Ein anderer Grund für ein allgemeines Nichtwissen in Bezug auf Welt und Gesellschaft sei das Konsumieren mit Tunnelblick. Die Zeiten des Blätterns in der Zeitung durch die Ressorts «Inland», «Ausland», «Region», «Wissenschaft», «Sport» und «Kultur» sind vorbei. So auch bald das Zappen im linearen Fernsehen von einer Talksendung über eine Reportage bis zu einem Spielfilm; denn jener Teil der Menschheit, der dies tut, weilt nicht mehr allzu lange unter uns. 

Heute konsumiert man die Infos und News aus einer für sich zurechtgezimmerten Weltanschauung. Eine Meinungsbildung, die aus vielen Blickwinkeln entsteht, ist durch das Scrollen in Special-Interest-Kanälen unmöglich.

Der passende Buchtipp: «Das große Buch der Allgemeinbildung. Grundwissen von A bis Z.» ISBN 978-3-411-05620-0, Duden-Cornelsen-Verlag.

Urs Heinz Aerni lebt und arbeitet als Journalist, Literaturagent und Literaturvermittler in Zürich, wobei die beiden zuletzt genannten Tätigkeiten demnächst der Vergangenheit angehören werden.