Nichts als die Erinnerung
Ich habe mich, als ich dabei war, mein Leben anhand von alten Fotos zu sortieren, erinnert, dass mein erstgeborener Sohn als Baby ab und an in einem alten, mit Schaffell ausgelegten Koffer schlief, der kaum grösser war als er selbst und neben meinem Bett lag.
Als während dieser warmen Gedanken an damals die Nacht in sich zusammenbrach, spiegelten mir die letzten Sterne, dass mir hiervon nichts bliebe als die Erinnerung. Dass nicht einmal sie sicher ist. Ich fragte mich, ob die kollektive Erinnerung von grösserem Wert ist als die einzelne und ein Beweis dafür, ob etwas stattgefunden hat, jemand gelebt hat? Und selbst wenn dem so ist, so findet die Gegenwart nur im Augenblick statt. Ist also gerade vorbei oder noch nicht da – und wir reden von Immer und Nie.
Der Koffer war Symbol für mein immenses, ziehendes, forderndes, oft gar körperlich schmerzhaftes Fernweh, das damals, als ich eine knapp 22 Jahre junge Mutter war, noch so in mein Fleisch stach, dass ich oft fürchtete, daran zu verbluten. Manchmal schien es mir, als sei mein Herz vor Melancholie wundgerissen, als müsste es der Zeit entgegenschlagen, um zu überleben, so, wie man sich schwimmend durch viel zu hohe Wellen schlägt. Und über allem klang das Lachen der Himmel und der Erde.
Es mag kitschig klingen, doch diese Gefühle des unverbrauchten Jungseins waren elementar. Die alten Fotos zeigten mir, wie lau sie heute geworden sind. Wie lautlos sich der Pragmatismus in den Galopp des Lebens eingefügt hat, ohne wirklich reiten zu können.
Leben ist Reiten ohne Sattel. Manchmal auf Pferden, die vom Kampfe müde sind. Unsere Augen, aus Nebel und Verlust, blicken lieber in die Vergangenheit, weil wir nicht wissen, ob wir der Zukunft trauen wollen, wenn uns die Schallwellen irgendeines nahen Krieges erfassen. So bleiben uns, statt der Reisen in ferne Länder, abgetragen wie alte Jeans, jene in andere Zeiten, in Erinnerung und Fantasie, und im besten Falle in die Freude des spielenden Windes.