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«Ort europäischen Ranges»

Neuerscheinung • Im Buch «Schloss Schadau – die Geschichte» trägt die Autorin Claudia Stich historische Fakten und Dokumente zusammen, welche die Geschichte des Schlosses, seiner Besitzer und seiner Umgebung aufrollen. 

| Adrian Hauser | Gesellschaft
Undatierte Aufnahme von Bediensteten der Familie de Rougemont. (Bild: Weber Verlag AG/zvg)

«Kaum ein Ort in Thun vereint Geschichte, Landschaft und kulturelles Erbe so eindrucksvoll wie Schadau», schreibt Gemeinderätin Katharina Ali-Oesch in ihrem Vorwort zum Buch von Claudia Stich. Mit ihrem Buch lade die Autorin dazu ein, Schadau über das Sichtbare hinaus zu entdecken. Dies mit sorgfältiger Recherche und einem feinen Gespür für die Menschen hinter der Geschichte, so Katharina Ali-Oesch weiter.

Doch die Geschichte von Schloss Schadau ist auch mit der -Geschichte Thuns verbunden und umgekehrt. So geht die Autorin in den ersten Kapiteln auf die Geschichte von Thun – «der Stadt der Gärten und Kongresse» – ein. Und dies beginnend bei den ersten menschlichen Spuren. So hätten die sanft ansteigenden Hügel des heutigen Thunerbeckens bereits früh Menschen angezogen. Bereits in der Jungsteinzeit wurde das Gebiet besiedelt. Die Lage war ideal, da geschützt und doch offen. Im Hochmittelalter hat Thun mit einem Stadtkern um das heutige Schloss Gestalt angenommen. Die Grafen von Kyburg prägten die frühe Stadtkultur, gerieten dann aber in finanzielle Schwierigkeiten und verkauften Thun 1384 an die Stadt Bern. Thun wurde rasch zu einem Knotenpunkt für Waren und Menschen. Dies wegen der günstigen Lage am See und an der Aare. Die Böden waren fruchtbar, wodurch sich hier leben liess. Claudia Stich nähert sich ihrem thematischen Schwerpunkt also mit einer Einbettung in den geschichtlichen Kontext. Sie geht ebenso auf die Rolle Thuns in der Schweiz und der Berner Herrschaft ein wie auf die Machtverhältnisse in Thun selber. Sie vergisst dabei aber auch das Gesellschaftliche nicht oder die Rolle des Militärs, um dann rasch zum Adel und der Bedeutung seiner Landsitze zu -kommen.

Adelige und Tourismus

Denn im 18. und 19. Jahrhundert wurde Thun zunehmend zu einem bevorzugten Wohn- und Rückzugsort. Hochrangige Politiker, einflussreiche Adelige und wohlhabende Kunstliebhaber entdeckten den idyllischen Ort für sich. In ihren grosszügigen Landsitzen rund um die Stadt empfingen sie Gäste aus dem In- und Ausland. Einer dieser prächtigen Landsitze war das Schloss Schadau. Es diente gemäss den Recherchen von Claudia Stich seit jeher als Sitz mächtiger Patrizierfamilien. Mitte des 19. Jahrhunderts ging es in den Besitz der wohlhabenden Bankiersfamilie de Rougemont aus Neuenburg über. Diese liessen den barocken Vorgängerbau abreissen und errichteten ein «romantisch-verspieltes» Schloss. Schadau sei in der Folge zu einem Ort europäischen Ranges avanciert und wurde auch zu einer «Bühne gesellschaftlicher Geltung». Wer etwas auf sich hielt, kam in diese Region. Und so entwickelte sich auch bald der Tourismus, welcher die -Region bis heute prägt. 

Das Buch «Schloss Schadau – die Geschichte» bietet einen umfassenden Einblick in die historische Bedeutung des Schlosses und seiner Umgebung. Die Autorin hat dazu historische Fakten, Dokumente, aber auch Abbildungen und Fotos zusammengetragen. Besonders die Fotos erlauben einen Blick in eine fast vergessene Welt. Das Buch geht auf Adelslinien ein, bedeutende Einzelpersonen aus der -Region sowie die Ortschaften Scherzligen, Strättligen und deren Adelshäuser. Ein besonderes Augenmerk gilt der Familie de Rougemont, die neben dem Schloss Schadau auch das Landgut Hofstetten besass. So führte die Autorin ein Interview mit Michel de Rougemont, einem der Nachkommen der früheren Besitzer, Präsident der «Caisse de Famille Rougemont». Sie befragte ihn zur Familiengeschichte, deren Werten und seinem persönlichen Bezug zu Schloss Schadau. Dabei gibt dieser zu Protokoll, er habe schon früh gewusst, dass Schloss Schadau zu den «verlorenen Projekten» der Familie gehöre.

Letzte Erben

Denn das Gebäude geriet 1917 endgültig aus dem Familienbesitz. Dies unter tragischen Umständen. Alfred Denis Louis de Rougemont war der letzte Erbe von Schloss Schadau. Im jungen Alter von 23 Jahren beging dieser allerdings Selbstmord. Man munkelte, Liebeskummer könnte die Ursache sein, doch das waren nur Spekulationen. Jedenfalls vermachte er das Schloss seinem vierjährigen und damit unmündigen Neffen. Daher entschied dessen Vater über die weitere Geschichte von Schloss Schadau. 1917 hat er dieses an ein Baukonsortium verkauft. Die «Berner Woche» berichtete damals: «Schloss Schadau ist heute zum Verkauf ausgeschrieben. Letzten Winter wurden die Möbel ausgeräumt, lieblos versteigert, und diesen Frühling wurde die Gärtnerei ausgehoben.» Berichten zufolge verwahrlosten das Schloss und seine einst prächtigen Gärten, das Baukonsortium wollte das Gelände parzellieren, was später auch geschah. Erst als eine Diskussion um den Abbruch des Gebäudes aufkam, wurden Stimmen in der Thuner Bevölkerung laut. 1925 entschied das Stimmvolk, das Gebäude und die seither durchgehend geöffnete Parkanlage zu erwerben.

Der Nachkomme der einstigen Besitzer, Michel de Rougemont, stammt aus einem anderen Zweig der Familie und wäre daher in keiner möglichen Erbfolge als neuer Besitzer infrage gekommen. «Schadau ist für mich daher weniger ein familiäres Erbe als vielmehr ein architektonisch bemerkenswertes Stück Geschichte – und damit auch ein Kulturgut», bringt er es im Interview mit der Autorin auf den Punkt.

«Schloss Schadau – Die Geschichte», Claudia Stich, Weber Verlag, Hardcover, 268 Seiten, 271 Abbildungen, ISBN 978-3-03818-868-1, August 2026


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