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Vermeintliche Spitex-Pflegekräfte rauben Seniorin aus

Betrug • Zwei Frauen, die sich als Spitex-Mitarbeitende ausgeben, verschaffen sich Zutritt zur Wohnung einer Seniorin aus der Region und verschwinden mit Schmuck und Bankkarten. Ein Einzelfall?

| Dorothée Nagel | Gesellschaft
Bei unerwarteten Besuchen von unbekannten Personen ist an der Haustür Wachsamkeit geboten. (Bild: Pixabay)

Mehrmals pro Woche erwartet Hedi Ammann (Name von der Redaktion geändert) Mitarbeitende einer Spitex-Organisation, die nach ihr sehen. Nach ihrer schweren Erkrankung im Februar lebt die 95-Jährige alleine in ihrer Wohnung in Bremgarten und versorgt sich mit Unterstützung ihrer drei Kinder noch weitgehend selbst, doch die regelmässigen Besuche der Spitex sollten eigentlich der Beruhigung dienen, dass bei ihr alles in Ordnung ist. Zu Beginn bekam sie einen Stapel Fotos von der Spitex ausgehändigt, darauf abgebildet Personen, die möglicherweise zu ihr kommen könnten. «Das sind über 30 Gesichter, und jedes Mal kommt jemand anderes. Dabei den Überblick zu behalten, ist spontan nicht so einfach, wenn es klingelt», erzählt Ammanns Tochter. So sei es zunächst nicht besonders verdächtig erschienen, als ihre Mutter Anfang August berichtet habe, ein Mitarbeiter sei mit einer Praktikantin vorbeigekommen. Seltsam sei ihr vorgekommen, dass diese sich in der Wohnung umsah und Ammann hörte, dass Schubladen geöffnet wurden. Da im Nachgang jedoch nichts fehlte, liess die Familie den Vorfall auf sich beruhen.

Betrügerinnen waren gut vorbereitet

Zwei Wochen darauf, am 17. August, ereignete sich zunächst eine Begebenheit in ihrem Wohnhaus, die Hedi Ammann irritierte: Als sie aus der Waschküche kam, bemerkte sie, dass die Tür der Nachbarwohnung offen stand und sich Personen im Eingangsbereich aufhielten, die behaupteten, die Heizung abzulesen; die Nachbarn waren jedoch nicht zu sehen. Im Zuge dieser unübersichtlichen Situation verschaffte sich eine Frau auch Zutritt zu Ammanns eigener Wohnung, diese konnte sie jedoch aus eigener Kraft wieder hinausbefördern – die Personen schienen ihr nicht glaubwürdig und die Gesamtsituation merkwürdig. Als es zwei Stunden später wieder an der Tür klingelte und zwei Frauen davorstanden, die sich als Spitex-Mitarbeiterinnen auswiesen, schien Ammann das unverdächtig und liess sie eintreten. 

«Eine davon lenkte direkt meine Mutter ab, die andere ging zielstrebig Richtung Schlafzimmer. Als meine Mutter das Quietschen einer Schranktür hörte, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte», berichtet die Tochter. Eigentlich habe sie geistesgegenwärtig reagiert und versucht, die mit ihr sprechende Frau aus der Wohnung zu stossen, doch ihre eingeschränkten Kräfte hätten nicht ausgereicht. Wie sich die beiden vermeintlichen Spitex-Mitarbeiterinnen wieder entfernt hätten, könne sie nicht mehr genau rekonstruieren. «Ich stand unter Schock», bestätigt Ammann. Sie wusste jedoch direkt, wo sich die Betrügerin zu schaffen gemacht hatte, und ihr Verdacht bestätigte sich umgehend – Bankkarte, Unterlagen und Schmuck waren verschwunden.

Sofort informierte sie eine ihrer Töchter, die die Polizei rief. Diese sei umgehend vor Ort gewesen und habe die Anzeige aufgenommen. Auf der Bank wurde direkt der Zugriff auf das Konto gesperrt und neue Karten beantragt, doch dieser Punkt schockiert die Familie besonders: «Die neuen Unterlagen sind nie angekommen», so die Tochter. «Offenbar kommt es sogar vor, dass Kriminelle nicht nur mit der Beute verschwinden, sondern auch nachträglich Wege finden, die Betroffenen weiter zu schädigen.» Ganz wichtig ist ihnen daher, potenzielle Opfer zu warnen: «Man ist auch nach dem Raub nicht sicher. Wachsamkeit ist auch dann noch enorm wichtig, um sich vor weiteren Verlusten zu schützen.» Ausserdem solle man jede ungewöhnliche Situation ernst nehmen. So seien sie inzwischen sicher, dass schon die angebliche Praktikantin zwei Wochen vor dem eigentlichen Raub die Wohnung sondiert und diesen dadurch erst möglich gemacht habe. 

Wachsamkeit ist immer geboten

Nach bisherigen Erkenntnissen der Kantonspolizei Bern handelt es sich bei diesem Ereignis in einer solchen Dimension zurzeit um einen Einzelfall, zumindest sind gemäss Medienstelle zum Zeitpunkt der Auskunft keine weiteren Fälle in der Region Bremgarten bekannt, bei denen genau dasselbe passiert ist. Fälle, bei denen verschiedene Vorwände gefunden würden, um sich Zutritt zu fremden Wohnungen oder Häusern zu verschaffen, würden allerdings immer wieder gemeldet. «Sofern die Straftaten angezeigt werden, werden entsprechende Ermittlungen aufgenommen. Diese können je nach Sachverhalt zur Identifikation der Täterschaft führen und damit gegebenenfalls auch zum Auffinden allfälliger entwendeter Gegenstände», teilt die Kantonspolizei auf Anfrage mit. Grundsätzlich rät die Polizei zu grosser Vorsicht (siehe Infobox), was auch Marc Klopfenstein, Geschäftsführer der Spitex Region Bern Nord, bestätigt: «Vergangenes Jahr haben wir all unsere Kundinnen und Kunden angeschrieben, um sie erneut zu sensibilisieren. Dass Betrugsversuche per Telefon stattfinden, ist seit längerer Zeit bekannt, direkt an der Haustür zu erscheinen, ist hingegen noch ein neueres Phänomen.» 

Gerade in den zurückliegenden Monaten habe sich die Lage offenbar zugespitzt, auch überregional gebe es zunehmende Auffälligkeiten, führt Klopfenstein weiter aus. «Die Betrügenden werden immer kreativer und missbrauchen natürlich bekannte Namen wie den der Spitex. Auch von unserer Seite müssen wir uns immer wieder anpassen, um Sicherheit für die Kundinnen und Kunden zu schaffen.» Dazu gehöre, dass man bei Unsicherheiten jederzeit die offizielle Spitex-Nummer anrufen könne, «denn dort können wir immer direkt nachvollziehen, wo sich ein Mitarbeitender im Dienst befindet. So kann man direkt überprüfen, ob ein von uns geplanter Einsatz an der genannten Adresse stattfindet.» Auch auf Dienstkleidung und Namensschild zu achten, könne ein Hinweis sein, sowie Einsicht auf das Tablet zu verlangen, das tatsächliche Angestellte bei sich tragen müssen, um den konkreten Auftrag vorzuzeigen. 

Grundsätzlich hält Klopfenstein fest: «Unsere Mitarbeitenden fordern für keine Dienstleistung Bargeld, Karten oder Zugangsdaten.» Werde diese verlangt, sei äusserste Wachsamkeit geboten, wie auch bei telefonischen Anfragen. Sollten auf diesem Weg Leistungen angeboten werden, könne auch dies über die offizielle Spitex-Nummer abgeklärt werden, vom Anruf auf anderweitig genannte Rückrufnummern sei dringend abzuraten. Auch Roger Guggisberg, Geschäftsleiter des Spitex-Verbands Kanton Bern, bekräftigt: «Die Organisationen, die bei uns Mitglied sind, kontaktieren die Bevölkerung nicht einfach so, um Dienstleistungen anzubieten oder Termine zu vereinbaren. Hat man gar keinen Berührungspunkt mit einem Anbieter und erwartet daher gar keinen Anruf, ist das ein Grund, skeptisch zu sein und sich nicht auf weitere Gespräche einzulassen.»

Mittlerweile konnten für Hedi Ammann zumindest die Bankgeschäfte wieder geregelt werden, die Familie rechnet ansonsten nicht damit, etwas von den gestohlenen Gegenständen irgendwann zurückzubekommen. Die zuständige Spitex-Organisation sei natürlich auch informiert und ein Signal vereinbart worden, das die Mitarbeitenden unaufgefordert abgeben, bevor Ammann ihnen die Tür öffnet. Der Schrecken sitze jedoch weiter tief und habe insgesamt eine grosse Verunsicherung hinterlassen.


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