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Normalität

«Das ist doch nicht mehr normal.» Wie oft entschlüpft uns dieser Ausspruch im Alltag. Normal wird zur Bezeichnung für vieles, Begriffe wie das «neue Normal» oder «abnormal» fallen häufig nebenbei in jedwedem Kontext. Der Begriff «Normalität» ist ein häufiger Forschungs-gegenstand, zahllose Definitionen und Studien zu Gebrauch und Verwendung gibt es mittlerweile. In der Soziologie definiert man Normalität als «das Selbstverständliche in einer Gesellschaft, das nicht mehr erklärt und über das nicht mehr entschieden werden muss». Wie die ZHAW herausfand, hatten die Begriffe «Normalität» und «normal» in den vergangenen 50 Jahren nie mehr Konjunktur als heute. Gerade in unübersichtlichen Zeiten wird der Wunsch danach lauter. Oft ist es wohl eine Sehnsucht nach Vergangenem, die Menschen dazu bringt, das Alte als das Gute zu sehen und zu einer Normalität zu erheben, die wir uns zurückwünschen. Rückblickend erscheint es angenehmer, man konnte sich zurechtfinden und vieles schien besser ins eigene Bild zu passen. Doch was ist schon normal und wer gibt es letztlich vor? Was passiert, wenn jede und jeder in seiner eigenen Vorstellung der Normalität lebt, sehen wir tagtäglich. Vieles wird abgestempelt, statt genauer hinzusehen. Der Schrei nach Massnahmen, die das eigene Wohlbefinden stützen sollen, wird laut; auf wessen Kosten sie umgesetzt werden, spielt keine Rolle. Doch finden wir es mittlerweile tatsächlich normal, wie viele Menschen in Kriegs- und Krisengebieten leben? Dass wir noch immer weit entfernt von Gleichberechtigung sind und mehr als jede dritte Frau in ihrem Leben Gewalt erlebt? Die Liste liesse sich fortsetzen. Vielleicht können wir zumindest hin und wieder hinterfragen, was unser Verständnis von Normalität ist, und genauer hinschauen, ob dieses gerecht ist. Und vielleicht kann es uns auch immer einmal gelingen, den Blick für das «Unnormale» zu öffnen. Wer weiss, vielleicht steckt eine gute Geschichte
dahinter, ein interessanter Mensch oder sogar eine Chance?