Vitamin-G-Effekt
Meine Tante bewohnte mit ihrer Familie ein kleines Einfamilienhaus mit grossem Gemüse- und Obstgarten. Daneben bepflanzte ihr Vater zwei weitere Schrebergärten mit Gemüse und Beeren. In der Regel wurden auch Kaninchen gehalten, damit der Tisch etwas reicher gedeckt werden konnte. Es ist erst wenige Jahrzehnte her, dass diese Gärten für zahlreiche Familien lebensnotwendig waren.
«Der Garten ist der letzte Luxus unserer Tage, denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.» (Dieter Kienast, Schweizer Landschaftsarchitekt)
Heute ist der Garten tatsächlich zum Luxus geworden, sind wir doch nicht mehr von dessen Erträgen abhängig. Demgegenüber ist wissenschaftlich belegt, dass Gartenarbeit unseren Körper und unsere Seele positiv beeinflusst. Stresshormone wie Cortisol werden gesenkt und Depressionen können gelindert werden. Gartenarbeit ist ein entspannendes mentales Training und somit Balsam für die Seele. Mittlerweile wird deshalb vom Vitamin-G-Effekt gesprochen. Wenn wir uns in der glücklichen Lage befinden, einen Garten oder ein paar Beete beackern zu dürfen, sollten wir stets reflektieren, ob wir das auch im Sinn der Natur tun. Naturnahe Ansätze fokussieren sich auf Kreisläufe, heimische Pflanzen und die Verbindung zur belebten Natur. Vitamin-G-Effekt, ausformuliert, würde demnach bedeuten, dass wir im Garten, im Balkonkistchen oder und vor allem auch in Wohnsiedlungen beachten, dass wir der Natur Raum geben. Und das heisst prioritär: Nahrung schaffen für Insekten, was wiederum heisst, dass wir uns an einheimischen Wildstauden und -sträuchern erfreuen können. Die Liste einheimischer Wildpflanzen ist schier endlos. Bei richtiger Pflanzenwahl wächst bald ein wahres Paradies. Angenehmer Nebeneffekt: Diese Gärten sind wenig anspruchsvoll in der Pflege und benötigen kein Gies-sen. Erst nachdem sich blühende einheimische Pflanzen etabliert haben und somit natürliche Insektenwohnungen und -nahrung in Hülle und Fülle vorhanden sind, kann als nächster Schritt die Förderung von Plätzen für Vögel, Igel, Eidechsen und andere Kleintiere beginnen. Ihnen allen gemein ist, dass sie Insekten fressen. Eine Meise verfüttert während der 2- bis 3-wöchigen Brutzeit ihren Nestlingen bis zu 10 000 Raupen, Larven, Spinnen, Blattläuse und anderes mehr. Ein Marienkäfer frisst täglich bis zu 150 Blattläuse. Es ist der Blickwinkel, den wir einnehmen sollten: Marienkäfer gelten als Glücksboten und stehen nicht nur für gute Gesundheit und die Erfüllung von Wünschen, sondern für eine gute Ernte! Wo also endet der Schädling, wo beginnt der Nützling? Oder sollte die Frage lauten: Gibt es den Schädling überhaupt? Letztlich sind wir alle Natur, weshalb wir uns darin quicklebendig fühlen.
Informationen zur Gartengestaltung mit einheimischen Pflanzen:
www.bafu.admin.ch/de/der-klima-garten / Buch: Praxishandbuch Stadtnatur, Sabine Tschäppeler, Andrea Haslinger
Ruth Sutter bezeichnet sich selbst als Naturkind; sie wünscht sich die bunten Wildblumenwiesen ihrer Kindheit zurück.