Wie viel Verantwortung ist genug, Migros?
Diesen Frühling hat die Migros angekündigt, ihre Optigal-Linie künftig auf eine lang-samer wachsende Hühnerrasse umzustellen. Dies ist ein wichtiges Zeichen und ein Schritt in die richtige Richtung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Von einem echten Wandel kann noch keine Rede sein. Jedes Jahr werden in der Schweiz über 83 Millionen Hühner für den Konsum geschlachtet. Diese Tiere stammen aus Zuchtlinien, die gezielt darauf ausgelegt wurden, in kürzester Zeit mit möglichst geringem Ressourceneinsatz viel Fleisch anzusetzen. Die Folgen tragen jedoch die Tiere selbst: Schnell wachsende Masthühner leben nur rund 30 Tage und erreichen in dieser Zeit ein Gewicht, das sie oft kaum noch tragen können. Viele leiden gegen Ende ihres kurzen Lebens unter Bewegungsproblemen und entwickeln Herz-Kreislauf-Erkrankungen, da ihr Organismus mit dem rasanten Wachstum nicht Schritt halten kann.
Die Umstellung auf eine sogenannte semi-extensive Rasse ist grundsätzlich ein positiver Schritt. Gemäss einem Bericht des Konsumentenschutzes von 2018 betrifft sie rund 95 Prozent des Migros-Hühnerfleischsortiments. Mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent kommt der Migros zudem eine besondere Verantwortung zu. Die Umstellung zeigt, dass die Migros die Problematik schnell wachsender Hybridrassen anerkennt und zumindest teilweise Verantwortung übernimmt. Dennoch handelt es sich um einen Teilschritt. Das Problem wird damit zwar adressiert, die zugrunde liegende Ursache jedoch nicht konsequent behoben.Die Migros begründet den Verzicht auf einen vollständigen Ausstieg damit, dass sie die Versorgung und Nachfrage sicherstellen sowie ihrer Kundschaft die gesamte Sortimentsbreite ermöglichen wolle. Damit wird die Verantwortung letztlich weiterhin stark auf die Konsumentinnen und Konsumenten verlagert. Verantwortung zu übernehmen, würde jedoch bedeuten, nicht primär zu fragen, wie der steigende Konsum von Hühnerfleisch gedeckt werden kann, sondern wie er reduziert werden kann.
Ein freier Konsumentscheid ist nur bedingt realistisch, da Präferenzen und Konsumverhalten wesentlich durch strukturelle Faktoren geprägt werden. Grossverteiler steuern diese Nachfrage aktiv über Sortiment, Platzierung, Preise und Promotionen mit. Dadurch wird der Konsum von Hühnerfleisch nicht nur gefördert, sondern auch gesellschaftlich normalisiert. Umgekehrt verfügen sie jedoch auch über ent-sprechende Hebel, etwa durch eine angepasste Preisgestaltung, weniger Fleischaktionen und eine stärkere Förderung pflanzlicher Proteine. Ein wesentlicher Hebel zur Senkung des Fleischkonsums liegt somit in den strukturellen Entscheidungen der Grossverteiler. Es ist an der Zeit, dass die Migros konsequent Verantwortung übernimmt, indem sie auf extensive Hühnerrassen umstellt und den Fleischkonsum aktiv reduziert, statt ihn lediglich zu ver-walten. Denn sie hat die Macht, den Wandel voranzutreiben.
Bettina Huber und Naomi Rey setzen sich im Namen des Vereins Sentience für die Interessen nicht-menschlicher Tiere und eine tierleidfreie Zukunft ein (sentience.ch).