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Überlegenheit

Wem geben Sie recht im Israel-Palästina-Konflikt? Dem Staat Israel, nachdem dieser 1948, nach dem Holocaust, als anerkannte Heimstätte für Jüdinnen und Juden aus aller Welt gegründet wurde? Den Palästinenserinnen und Palästinensern, die damals, und schon lange vor der Staatsgründung, zu Hunderttausenden aus ihren Dörfern vertrieben wurden, damit Israel gegründet werden konnte? Es lassen sich in guten Treuen Argumente für beide Seiten finden – solange ein zentraler Aspekt der heutigen Situation ausgeklammert wird: die Machtverhältnisse.

Niemand bestreitet ernsthaft, welche Seite seit Langem massiv überlegen ist – militärisch, wirtschaftlich, politisch: Israel ist hochgerüstet, erhält jährlich etwa vier Milliarden Dollar unentgeltliche Militärhilfe von den USA, wird aber auch von Ländern wie Deutschland mit Waffen beliefert. Israel verfügt über eine hoch entwickelte Wirtschaft und ist, im Gegensatz zu «Palästina», ein durchorganisiertes Staatsgebilde. Entsprechend präsentiert sich das Kriegsgeschehen: hier Hunderte von Kampfjets, die jederzeit im Gazastreifen, im Libanon (auch im Iran oder in Syrien) «feindliche» Siedlungen bombardieren können, dort Hamas- oder Hizbollah-Kämpfer, die unzählige ungesteuerte Raketen Richtung Israel abschiessen, die aber zu fast 100 Prozent abgefangen werden. Hier eine vergleichsweise wohlhabende Bevölkerung, die notfalls in feste Unterstände fliehen kann, dort Menschen in bescheidenen Häusern oder Zelten, in Trümmerlandschaften, die Luftangriffen schutzlos ausgeliefert sind. Hier mit Lebensmitteln und medizinischen Leistungen gut versorgte, dort marginal ernährte, gesundheitlich oft angeschlagene, medizinisch kaum betreute Menschen, deren Spitäler grossteils durch Israel zerstört wurden. Sie sind den Angriffen einer modernen Armee fast wehrlos ausgesetzt.

Die Zahl der Toten und Verletzten als nebensächlich abzutun, ist zynisch: Israel verzeichnet gemäss glaubhaften Quellen seit dem 7. Oktober 2023, dem grauenhaften Anschlag der Hamas (hier mitgezählt), etwa 2100 zivile
und militärische Todesopfer und 25 000 Verletzte. Im Gazastreifen alleine sind es jedoch wesentlich mehr: etwa 73 000 Todesopfer und 173 000 Verletzte, darunter bekanntlich unzählige Frauen und Kinder. 

Was dies damit zu tun hat, wer im Recht ist? Nicht viel, aber: Die Über-legenheit Israels, das mit einer rechtsextremen Regierung und einer radikalen Siedlerbewegung ausser Rand und Band zurückschlägt, ist so erdrückend, dass sich daraus eine klare Forderung ableiten lässt: dass der Stärkere endlich seine viel grössere Gestaltungsmacht nutzt, um neue Wege als reine Gewalt zu suchen. Nicht die Palästinenser können die Situation prägen, denn ihr Kampf ist weitgehend zum
reinen Überlebenskampf geworden.

Israel und die USA hätten es in der Hand, in kleinen Schritten Deeskalation und Frieden anzustreben – nicht naiv, nicht ohne Schutzmassnahmen, aber geduldig und entschlossen. Diese Forderung ist legitim – auch wenn die Regierungen Israels und der USA aktuell wenig Grund zur Hoffnung geben. 

Jürg Alder, pensionierter freier Journalist, versucht stets, scheinbar offensichtliche Erklärungen zu hinterfragen – und notfalls auch zu bestätigen.