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Wenn gesund leben stresst

Das Thema Gesundheit ist seit Längerem wieder im Trend. Überall wird optimiert, verbessert und empfohlen. Viele Menschen sind auf der Suche nach dem perfekten Leben – wobei dieses «perfekte Leben» für jeden anders aussieht. Nur eines scheint überall gleich zu sein – die Flut an Informationen und gut gemeinten Ratschlägen: Mach viel Sport – aber übertreib es nicht. Iss gesund. Beruhige dein Nervensystem. Mach Krafttraining. Atme bewusst. Schau weniger aufs Handy. Achte auf deine Körperhaltung. Meditiere. Schlaf genug. Trink genug. Sei entspannt. Geh an die frische Luft. Und ganz wichtig: bloss keinen Stress!

Was theoretisch nach einem gesunden Lebensstil klingt, fühlt sich in der Praxis manchmal eher nach einem zusätzlichen Job an und tut genau das, was es nicht sollte: Es produziert Stress. Wer gesund leben möchte, braucht inzwischen fast einen Projektleiter, drei Apps und x To-do-Listen mit Anleitungen.

Besonders spannend wird es dort, wo die Expertisen beginnen. Allein für eine Übung im Fitnesscenter gibt es gefühlt 700 Anleitungen. Knie nach vorne. Knie nicht nach vorne. Langsam trainieren. Explosiv trainieren. Tief gehen. Nicht
zu tief gehen. Rücken gerade. Rücken natürlich. Nach zehn Videos weiss ich dann vor allem eines: Offenbar habe ich bisher sogar die Einkaufstasche falsch vom Boden aufgehoben.

Die meisten dieser Tipps sind nicht falsch oder widersprüchlich, sie haben einfach verschiedene Ansätze und Ziele und passen zu unterschiedlichen Menschen. Doch ausgerechnet die Vielfalt an Möglichkeiten sorgt schnell für Überforderung. Wer soll da noch den Überblick behalten?

Und die Optimierung hört ja nicht beim Training auf. Es gibt inzwischen Anleitungen für die Reinigung. Fürs Atmen. Fürs Sitzen. Fürs Gehen. Vermutlich gibt es auch irgendwo bereits ein Lern-video über die drei grössten Fehler beim Wäscheaufhängen.

Gesundheit ist wichtig, keine Frage. Aber manchmal entsteht der Eindruck, als müsse das Leben zuerst perfekt organisiert werden, bevor man überhaupt gesund sein darf. Dabei wird gerne vergessen, dass Menschen keine Einheitsmaschinen sind. Nicht jeder braucht dieselbe Ernährung, dieselbe Morgenroutine oder dieselbe Form der Entspannung.

Vielleicht müsste alles wieder etwas einfacher werden. Frisch, saisonal und regional kochen. Sich regelmässig bewegen. An die frische Luft gehen. Genug schlafen. Menschen treffen, die einem guttun. Lachen. Sich freuen. Und, ganz wichtig: auch einmal etwas einfach sein lassen!

Denn vielleicht liegt der Schlüssel zu einem gesunden Leben gar nicht darin, jeden einzelnen Gesundheitstrend zu verfolgen. Wahrscheinlich liegt er eher darin, sich im eigenen Leben (wieder) wohlzufühlen.

Wenn gesund leben mehr stresst als die Steuererklärung, läuft ziemlich sicher irgendwo etwas schief.