Skip to main content

-

Ich weiss es nicht

Noch bevor der Tag richtig begonnen hat, wartet sie schon: die Welt.

Nach dem Aufstehen ist es nur eine Frage der Zeit, bis man zum Smartphone greift. Ein kurzer Blick, ein entsperrter Bildschirm – und schon öffnet sich die Schleuse. Nachrichten, Bilder, Meinungen, Kommentare, Werbung, Warnungen, Versprechen. Alles ist sofort da. Alles gleichzeitig. Alles dringlich. Von da an hört es kaum mehr auf. Die Informationen begleiten uns durch den Tag wie das Wetter. Aber im Gegensatz zum Wetter, das einfach stattfindet, wollen viele etwas von uns: unsere Aufmerksamkeit, unsere Zustimmung, unser Geld, unsere Empörung, unsere Angst, unsere Stimme, unser
Vertrauen.

Und irgendwo dazwischen steht man selbst und merkt: Ich habe absolut keinen Plan, was ich noch glauben soll. Nicht, weil einem alles egal wäre. Sondern weil alle paar Minuten etwas Neues auf uns zukommt. Es ist unterdessen schwierig geworden, Aufrichtigkeit und Selbstdarstellung auseinanderzuhalten. Weil selbst Werte vermarktet werden und Haltung oft nur noch Inszenierung ist, während Zweifel bereits als Schwäche gelten.

Orientierungslosigkeit beginnt nicht dort, wo wir nichts wissen, sondern dort, wo wir zu viel hören und zu wenig spüren. Früher schien vieles klarer. Jedenfalls kam es mir so vor. Man wusste, wofür man stand, wem man vertraute, wo man hingehörte. Heute bin ich vorsichtiger geworden. Nicht aus Gleichgültigkeit. Sondern weil ich deutlicher sehe, wie überall um uns gebuhlt wird. In allen Lebensbereichen will uns jemand irgendwo hinein-holen: in ein Boot, ein Lager, eine Haltung,
eine Kaufentscheidung, eine Erzählung, eine Loyalität.

Natürlich geschieht das oft aus Überzeugung. Aber Überzeugung allein macht eine Sache noch nicht ehrlich. Auch wer an etwas glaubt, kann Fakten weglassen, zuspitzen, manipulieren, emotionalisieren und nur die halbe Wirklichkeit zeigen.

Das macht müde. Nicht nur die Informationsflut. Sondern der dauernde Verdacht und das sich schleichend ent-wickelnde Misstrauen, dass hinter fast jeder Botschaft eine Absicht steht. Vielleicht braucht es deshalb wieder mehr Mut zu einem einfachen Satz: Ich weiss es nicht.Nicht als Ausrede. Sondern als Ausdruck von Charakterstärke. Denn wie oft haben sich Gewissheiten nachträglich verschoben? Weil Archive geöffnet wurden. Weil Forschung neue Erkenntnisse brachte. Weil das Leben die eigene Sicht verändert hat.

Orientierung ist nicht immer die Fähigkeit, sofort Stellung zu beziehen. Manchmal ist sie die Fähigkeit, mit einem Urteil zu warten. Unsere Orientierungslosigkeit ist nicht in erster Linie eine Krise der Information, sondern der Wirklichkeit.

Wir wissen nicht nur immer weniger, wem wir glauben sollen. Wir sind auch immer seltener ganz dort, wo wir gerade sind. Ganze Konzerte werden gefilmt. Sonnenuntergänge tausendfach fotografiert. Essen werden gepostet, Reisen minutiös dokumentiert. Jeder Moment wird geteilt, bevor er überhaupt erlebt wurde. 

Das einzelne Foto ist dabei nicht das Problem. Das Problem ist der Reflex dahinter. Ein Erlebnis scheint erst dann zu zählen, wenn es sichtbar, teilbar, bewertbar geworden ist. Die Gegenwart genügt offenbar nicht mehr.

Statt Freundschaften pflegen wir Follower-Zahlen. Statt Gespräche zu führen, hinterlassen wir Kommentare. Statt Erfahrungen zu sammeln, produzieren wir Content. Dabei verlieren wir nicht nur Aufmerksamkeit. Wir verlieren Präsenz. Und damit einen Teil von uns selbst. Genau das, was wir bräuchten, um uns in dieser lauten Welt orientieren zu können.

Die Gegenbewegung ist nicht leicht, aber überraschend einfach: nicht Weltflucht. Nicht noch mehr Konsum. Nicht Selbstoptimierung. Sondern zurück ins Wirkliche: zu Gemeinschaft, Gegenwart, echtem Gespräch, Stille, unmittelbarem Erleben, emotionalem Teilen und echtem Eintauchen. Zurück in ein kleines Umfeld, in dem nicht alles dargestellt, bewertet und verwertet werden muss.

Das Gute daran: Diese Dinge brauchen kaum Infrastruktur. Sie verbrauchen wenig Energie. Sie kosten wenig. Sie sind gesund. Und sie sind sofort möglich.

Man muss dafür kein neues Gerät kaufen, kein Abo lösen, keine Reise buchen, keine Reichweite aufbauen. Man muss nur wieder anwesend sein. Zuhören. Wahrnehmen. Teilen. Helfen. Weniger wollen.

In einer Welt des Immer-mehr ist das fast radikal: nicht noch mehr zu suchen, sondern bei dem anzukommen, was längst da ist.

Und vielleicht ist dort der Satz «Ich weiss es nicht» kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Anfang. Ein Anfang von Bescheidenheit. Von Präsenz. Von Klarheit und Orientierung. Sandro Häsler

Sandro Häsler ist Musiker und Schulleiter der Musikschule Oberland Ost. Zudem ist er
Dozent an der Hochschule der Künste Bern.