Warum wir Vorbilder brauchen
«Die Politik muss in Bildung investieren», «Bildung ist für die Wirtschaft das Wichtigste» oder auch «Bildung ist viel zu teuer»: Sätze wie diese sind weitläufig -bekannt. Ganz zu schweigen von Erziehungsberechtigten, die ihrem Nachwuchs nahelegen, möglichst aufmerksam in der Schule zu sein, sich zu bilden, um ja gute Voraussetzungen für vermeintlichen späteren Erfolg zu haben. Ähnlich wie der Begriff des Wohlstands scheint der Begriff der Bildung ein Schlagwort zu sein, das in Diskussionen immer seinen Platz findet. Das Problem solch komplexer Begriffe besteht jedoch darin, dass sie sich eben nicht einfach definieren lassen.
Einen Versuch, Bildung zu definieren, machte der wohl bekannteste Philosoph des Abendlands vor rund zweieinhalbtausend Jahren, Platon (ca. 428 v. Chr. bis 348 v. Chr.).
Das Höhlengleichnis
Um sich einer Begriffsdefinition zu nähern, führt Platon ein Gedankenexperiment durch. Das bedeutet, er stellt sich ein fiktives Szenario vor, das ihm dabei helfen soll, herauszufinden, was der Unterschied zwischen Bildung und Unbildung ist.
Dieser Unterschied lässt sich seiner Ansicht nach nur durch Erleben erkennen. Deshalb kommen im Gedankenexperiment Menschen vor. Diese befinden sich tief unten in einer unterirdischen Höhle. Als ob das nicht schon genug beklemmte, liegen diese Menschen seit ihrer Kindheit an Schenkeln und Nacken angekettet im hintersten Teil der Höhle. Aufgrund der Fesseln können sie nur geradeaus schauen. Verschiedene Schatten, die vor ihnen an der Wand vorbeiziehen, sind das Einzige, was sie sehen können. Hinter ihnen befindet sich nämlich ein Feuer. Vor diesem tragen frei herumlaufende Menschen künstlich hergestellte Objekte wie Vasen von einer Seite auf die andere. Einige dieser Träger sprechen miteinander, andere nicht. Da die Gefesselten nur die Schatten der Vasen und der anderen Gegenstände an den Wänden sehen und auch nur das Echo der Stimmen an den Wänden vernehmen, glauben sie, die Schatten der Vasen als die wahren Dinge zu erkennen. Dabei sind es nur die Schatten und nur das Echo.
Der Aufstieg
In einem nächsten, wörtlichen Schritt wird eine der gefesselten Personen von ihren Ketten befreit und gezwungen, durch die Höhle nach oben ans Tageslicht zu schreiten. Zunächst, so Platon, traut der Entfesselte seinen Augen und Ohren nicht, als er die realen vasentragenden Menschen und das Feuer sieht. Das Licht blendet und schmerzt ihn zu sehr. Die Person hält deshalb die Schatten weiterhin für die wahren Gegenstände. Also selbst dann noch, wenn sie das Sonnenlicht erblickt. Dessen Helligkeit schmerzt sie. Zudem verspürt sie einen gewissen Unwillen: Schliesslich wurde sie verschleppt oder, positiv formuliert, mit einer gewissen Vehemenz inspiriert.
Aber, so Platon, nach einer gewissen Gewöhnung nimmt die erleuchtete Person Schatten in der Umgebung, dann Spiegelbilder im Wasser und ganz am Schluss die Sonne wahr. Sie erkennt, dass die Sonne die Urheberin für alles ist, namentlich die Jahreszeiten, das Wetter oder auch das Wachstum der Pflanzen. Anders gesagt, die Sonne steht in diesem Gedankenexperiment für die Verwalterin von allem Sichtbaren in der Welt.
Nach der Gewöhnung an das Tageslicht und vor allem nach der Erkenntnis der wirklichen Welt schätzt sich die Person glücklich darüber, an die Oberfläche gezwungen worden zu sein. Sie bedauert sogar die anderen, die weiterhin in der Höhle gefesselt sind und glauben, die Schatten an der Wand seien das Wahre. Vor allem, wenn sie darüber nachdenkt, wie einige der Gefesselten einen Wettstreit daraus machen, wer die Schatten am genausten erkennt. Unter keinen Umständen will die Person, die die Freiheit erlangte, wieder gefesselt am Ende der Höhle ihr Leben verbringen.
Der Abstieg
Im Sinn einer klassischen Tragödie wäre dieser Moment der Höhepunkt der Geschichte. Der Rest liefe auf eine Katastrophe am Schluss hinaus. Auch diese denkt Platon mit. Wenn sich die Person wieder bei den anderen Gefesselten befände, sich ihre Augen wieder an die Dunkelheit gewöhnten und sie von der realen Welt erzählte, lachten die anderen sie aus und würfen ihr vor, einen getrübten Blick auf die Wahrheit zu haben.
Befreite die Person die anderen Gefesselten, würden diese den Befreier umbringen, ist Platon überzeugt.
Mögliche Deutung
Die Erdoberfläche und vor allem die Sonne stehen in diesem Gedankenexperiment für die Idee des Guten, Wahren und vor allem Schönen. Näherten sich Menschen im echten Leben, wie die Person im Höhlengleichnis, dieser Idee oder Erkenntnis an, dann wollten sie sich nicht mehr um menschliche Angelegenheiten kümmern, so Platon, da die Seele nach oben dränge, zur Wahrheit. Er bezeichnet das Leben
der Gefesselten als Jammerwelt der -Menschen.
Die Fesseln stehen im Höhlengleichnis für die eingeschränkte Sinneswahrnehmung der Menschen. Menschen können in ihrer Existenz als Menschen die endgültige Schönheit nicht erkennen. Aber sie können sich dieser nähern, beispielsweise durch Kunst. Diese findet sich im Gleichnis in den sprechenden Menschen, den Vasen und dem Feuer, das alles beleuchtet; -passenderweise auf der nächsthöheren Ebene. Das Ziel der menschlichen Existenz besteht für Platon darin, den Weg aus der Höhle zu suchen, sich also dem Wahren zu nähern.
Das ist Bildung
Zusammengefasst zeigt Platons Höhlengleichnis, wie eingeschränkt und limitiert die menschliche Wahrnehmung und Erkenntnisfähigkeit sind. Und die wetteifernden Gefangenen stehen stellvertretend für die vermeintliche Überzeugung, Dinge wirklich erkannt zu haben. So betrachtet, warnt das Höhlengleichnis davor, mit Vorurteilen und vorschnellen Urteilen durch das Leben zu gehen.
Gleichzeitig vermittelt das Gleichnis den Eindruck von Menschen, die sich kaum für andere interessieren. Ansonsten lässt sich nicht erklären, warum die Kulturgegenstände herumtragenden Menschen die Gefesselten nicht befreien. Vielleicht schwingt hier eine gewisse Verachtung Platons gegenüber Kunstschaffenden mit, die er andernorts explizit macht.
Erziehung
Doch der wohl spannendste Aspekt der Allegorie Platons ist der Akt des Befreiens der einen gefesselten Person. Hier kommt eine erzieherische Komponente hinzu, denn der Gefesselte löst sich nicht selbst von den Fesseln, sondern er wird befreit und gezwungen, die Höhle zu verlassen.
Zu Beginn möchte die befreite Person die Höhle zwar lieber nicht verlassen, sie möchte in ihrer Komfortzone bleiben. Erst durch den Zwang erhält sie die Möglichkeit, der wahren Erkenntnis näherzukommen. Das Höhlengleichnis bietet an dieser Stelle die Möglichkeit, den Wert von Eltern, Lehrpersonen und anderen Menschen mit Vorbildfunktion zu betonen. Zur Kernaufgabe guter Erziehungsberechtigter und Lehrpersonen gehört schliesslich, nicht nur auf die vermeintlichen Bedürfnisse von Kindern einzugehen, sondern diesen die Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten, über sich hinauszuwachsen, den Schritt ins Ungewisse zu wagen. Sowohl Eltern wie auch Lehrer kennen die Momente zur Genüge, in denen Kinder lauthals ihren Unmut gegenüber einer Tätigkeit oder Aufgabe kundtun. Keine fünf Minuten später, nachdem sie sich dazu aufraffen konnten, empfinden sie Stolz, Freude oder Erleichterung. Und in jedem Fall sind sie um eine Erfahrung reicher. Ohne eine anleitende, teilweise gar zwingende Instanz fehlt vielen Menschen möglicherweise der Antrieb, die eigene Bequemlichkeit zu überwinden. Deshalb scheinen Vorbilder wie Eltern, Lehrpersonen oder auch Medienschaffende für die Weisheit einer Person gemäss Platon unabdingbar zu sein.
Vorbilder und Wahrnehmung
Der Begriff des «Vorbilds» passt im Rahmen des Höhlengleichnisses auf doppelte Weise. Erstens bedürfen die gefesselten Personen eines Vorbilds, das sie nach draussen an die Oberfläche zerrt oder zwingt. Zweitens sehen die gefesselten Personen in der hintersten Ecke der Höhle ebenfalls Bilder in Form von Schatten vor sich. Die sprachgeschichtliche Herkunft des Begriffs «Bild» verdeutlicht diesen Aspekt. Ein «Bild» kann in seiner ursprünglichen Bedeutung eine Gestalt, ein Wesen oder auch ein Zeichen sein. Dementsprechend haben Menschen immer Vorbilder in der einen oder anderen Form, um die Welt wahrzunehmen oder zumindest Dinge mit ihren Sinnen zu erfassen. In dieser Formulierung zeigt sich zudem, dass auch der Begriff der Wahrnehmung, «Wahr-nehmung», dank des Höhlengleichnisses bezeichnend ist. Dasselbe gilt im Übrigen für die Fähigkeit von Menschen, Dinge zu erkennen, «er-kennen». Beide Verben bezeichnen eine aktive Tätigkeit, der Mensch kann nicht untätig wahrnehmen oder erkennen. Bildung gelingt nur durch Überwindung, Anstrengung und Perspektivenwechsel.
Thomas Abplanalp verliert gern Zeit in zeitlosen Gedanken …